Gekürzt erschienen in den Salzburger Nachrichten
Der neue Österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel macht deutlich: Österreich hat sich bereits doppelt so stark erhitzt wie der globale Durchschnitt – um 3,1 Grad seit 1900. Die Folgen sind häufigere und heftigere Hitzeperioden und Extremwetterereignisse, bedrohte Gesundheit, beschädigte Infrastruktur, leidende Landwirtschaft und ein gefährdeter Wirtschaftsstandort. Zwei Milliarden Euro im Jahr kostet die Klimaerwärmung Österreich bereits jetzt – bis 2030 könnten es über 5 Milliarden jährlich sein, so die Prognose des Berichts. Warum bleibt die Klimapolitik dennoch so zögerlich und warum gibt es keinen Aufschrei der Bevölkerung? Die Transformationsforschung, in der die Hürden und Gelingensfaktoren für den notwendigen Wandel erforscht werden, gibt einige Antworten.
Da ist zunächst das Gefangenendilemma: Alle müssen mit tun, um die Klimaerhitzung noch abzubremsen – alle Staaten, alle Unternehmen, alle Bürger und Bürgerinnen. Die Gefahr ist groß, dass auf die anderen gezeigt wird, die nichts oder zu wenig tun. Das ist verständlich und rational auch nachzuvollziehen – die Abwendung der Klimakrise erfordert ein global koordiniertes und kollektives Handeln. Doch braucht es Pioniere und Pionierinnen, die zeigen, dass eine wirksame Klimastrategie möglich ist. Als zweites kommt die Verdrängung dazu – ein höchst menschliches Verhalten. Wir blenden die warnenden Befunde der Klimaforschung aus, die Klimabewegung halten wir für überzogen. Auch das ist problematisch, denn es führt zum Bystander-Effekt. Man schaut nach links und rechts – wenn meine Nachbarn auch nicht anders handeln, kann es nicht so schlimm sein. Eine Variante dieses Verhaltens liegt in der Hoffnung auf technische Lösungen, die uns erlauben würden, so weiterzuleben und weiter zu konsumieren wie bisher. Neue Technologien sind wichtig und sie stehen uns bereits zur Verfügung: Photovoltaik und Windkraft sind ausgereift und längst marktfähig, die Speichertechnologien werden immer besser. Doch Technik allein wird nicht reichen.
Klimaerhitzung als schleichendes Phänomen
Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Klimaerhitzung ein schleichendes Phänomen darstellt. Die Veränderungen geschehen langsam, die Extremwetterereignisse nehmen zwar zu, bleiben aber punktuell. Die erforschten in Zukunft drohenden Klimakipppunkte werden ausgeblendet. Der Meteorloge Sven Plöger spricht von einem Meteoriteneinschlag in Zeitlupe. Aus anthropologischer Sicht sind wird darauf programmiert, nur auf unmittelbare Bedrohungen zu reagieren – bei der Klimakrise kann es aber dann zu spät sein. Entschiedenes Handeln wird erschwert auch durch die öffentlichen Themenkulturen – zur Zeit der Hochblüte der Fridays for Future-Bewegung war Klima breites Thema, in vielen Ländern wurden grüne Parteien in Regierungen gewählt. Dann kam der Krieg gegen die Ukraine, die Verteuerung von Energie, die Inflation und das stockende Wirtschaftswachstum. Alle Aufmerksamkeit war nun auf diese Herausforderungen gerichtet.
Klima darf nicht als Ideologieprojekt der Grünen gesehen und behandelt werden – es ist ein Menschheitsprojekt. Die Politik reagiert auf Stimmungen in der Bevölkerung, sie erzeugt diese aber auch. Wenn vor überzogenen Maßnahmen gewarnt wird, die Klimabewegten als Übertreiber und Verzichtsapostel diffamiert werden, dann spielt das genau jenen in die Hände, die entschiedenes Handeln verhindert oder zumindest verzögern wollen. Dazu kommt ein verkürztes bzw. falsches Freiheitsverständnis: Bei Einschränkungen in unserem Konsum-, Mobilitäts- und Freizeitverhaltens hört sich der Spaß schnell auf. Wir leben sehr gegenwartsversessen und zukunftsvergessen. Begrenzung oder Schrumpfung sind angstbesetzt.
Strukturelle Hemmnisse erschweren den Wandel
Eine wesentliche Rolle spielen strukturelle Hemmnisse. Die Transformation erzeugt Gewinnerbranchen und führt auch zu grünen Jobs. Es gibt aber auch Verliererbranchen – der gesamte fossil-industrielle Komplex zählt dazu. Doch Strukturwandel hat es immer gegeben – entscheidend ist, welche Produkte, welche Energie, welche Dienstleistungen zukunftsverträglich sind und welche daher in Zukunft nachgefragt werden dürfen. Würde die Nachfrage nach Erdöl versiegen, müssten sich Ölkonzerne neue Geschäftsfelder suchen. Ein weiteres strukturelles Problem liegt in der Wachstumsabhängigkeit unserer Wirtschaft und in ihrem Gefolge auch der Wohlfahrtssysteme. Wir werden ermuntert, mehr zu konsumieren, um der Rezession zu entkommen – ob das nachhaltig ist, wird dabei nicht gefragt. Wachstumsneutrale Ökonomien und Staatsgefüge sind somit eine zentrale Aufgabe für zukunftsverträgliche Strategien innerhalb der planetaren Grenzen.
Die Klimawende ist wesentlich eine Wirtschaftswende.
Die Nachhaltigkeitsforschung zeigt uns: Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Weltverbrauch gelingt, wenn überhaupt, nur in einem geringen Maß, das nicht ausreichen wird. Wachstumsneutralität erfordert daher auch die Verringerung der Vermögens- und Einkommensspreizungen – um Verteilungsspielräume zu gewinnen. Zudem führen zu hohe Einkommen zu mehr Umweltzerstörung. Denn diese setzt sich zusammen aus der Größe der Kaufkraft multipliziert mit der Anzahl derer, die über sie verfügen. Die Transformation gelingt nur im Wechselspiel und Zusammenwirken von neuen Technologien, veränderten Wirtschaftsstrukturen, veränderungsbereiten Bürgern und Bürgerinnen sowie einer zukunftsverantwortlichen Politik. Eine wirksame Klimapolitik erfordert daher eine Verständigung über machbare materielle Niveaus, über neue Bilder von Wohlstand, über eine Fokussierung auf die Grundbedürfnisse im Sinne eines „guten Lebens innerhalb der planetaren Grenzen für alle“. Dazu braucht es entsprechende öffentliche Diskurse, ein entsprechendes Erwartungsmanagement, eine Politik, die uns Begrenzungen zumutet, zugleich aber glaubwürdige Versprechen für ein faires Miteinander vermittelt.
Mag. Hans Holzinger ist Mitglied von Scientists for Future und Sachbuchautor. Vor kurzem ist sein neues Buch „Wirtschaftswende“ bei, Münchner oekom-Verlag erschienen.