Wachstumseinbrüche und steigende Arbeitslosigkeit. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona.

Weltweit sind bereits mehr als 200.000 Menschen infolge einer Covid 19-Infektion gestorben, knapp 60 Prozent davon in Europa, 25 Prozent in den USA. China verzeichnet laut offiziellen Angaben nur knapp drei Prozent der Todesfälle. Während in den Ländern des Südens die Ausbreitung der Pandemie erst bevorsteht, ist in den Ländern des Nordens der Höhepunkt offensichtlich überschritten. Mit dem Herunterfahren großer Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wurde – wie es scheint – auch die Ausbreitung des Virus unterbunden. Allmählich wird der Shutdown wieder gelockert. Die wirtschaftlichen und damit auch die sozialen Folgen sind jedoch noch keineswegs zur Gänze auszumachen. Auch wird vor einer zweiten Welle im Zuge der Lockerungen gewarnt. Nach einem ersten Überblick über die Befunde und Prognosen zur Pandemie versuche ich eine erste Sortierung der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und schließe die Frage an, ob ein Post-Corona-Wirtschaften mit weniger privatem Konsum, dafür aber exzellenten öffentlichen Angeboten der Daseinsvorsorge möglich wäre.

Die Coronavirus-Pandemie sorgt nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) für den größten wirtschaftlichen Niedergang seit 100 Jahren. Das globale Wachstum werde 2020 nicht – wie noch im Jänner prognostiziert – um 3,3 Prozent zulegen, sondern um drei Prozent einbrechen. Internationale Warenlieferungen werden um mehr als elf Prozent schrumpfen, insbesondere weil – anders als in der Finanzkrise 2008 – diesmal auch Chinas Wirtschaft stark getroffen wurde. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten sogar ein Schrumpfen der Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,2 Prozent.

In den USA wurden binnen eines Monats durch die Corona-Krise mehr Jobs vernichtet, als in den elf Jahren seit der Finanzkrise neu entstanden waren. 26 Millionen Menschen sind jetzt ohne Arbeit – viele verlieren mit dem Job auch den Schutz einer Krankenversicherung. In Europa könnte sich laut McKinsey die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten fast verdoppeln. Nach Schätzungen des Beratungsunternehmen liefen 59 Millionen Arbeitsplätze Gefahr, durch dauerhafte Einbußen wie Lohn- und Arbeitsstundenkürzungen infolge der Coronavirus-Pandemie wegzufallen. Die Hälfte aller gefährdeten Arbeitsplätze seien im Kundenservice und Vertrieb, Gastronomie und im Baugewerbe. In Europas Großhandels- und Einzelhandelssektor könnten 14,6 Millionen Arbeitsplätze bedroht sein, 8,4 Millionen Arbeitsplätze im Hotelgewerbe und in der Gastronomie sowie 1,7 Millionen in der Kunst- und Unterhaltungsbranche.

Die aktuelle Situation in Österreich

Das WIFO erwartet für 2020 in Österreich (Prognose 23.4.2020) einen Rückgang der Wirtschaftsleistung und der Beschäftigung um über 5 Prozent bzw. 1,7 Prozent und einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 8,7 Prozent. Für 2021 wird mit einem verhaltenen Rebound gerechnet und ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent erwartet. Das Niveau des realen BIP vor der Krise werde erst Ende 2021 bzw. Anfang 2022 erreicht werden. Interessant dabei, dass am 23.3.2020 noch eine deutlich weniger pessimistische Prognose gegeben worden war: „Wenn die Maßnahmen bis Ende April in Kraft bleiben, im Mai allmählich wieder aufgehoben werden und sich die Lage im Sommer normalisiert, wird die österreichische Wirtschaft 2020 um 2,5 Prozent schrumpfen.“

Ökonom*innen der Wirtschaftsuniversität Wien, des Instituts für höhere Studien (IHS), des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) und des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) zeichnen in einer gemeinsamen Studie ein trübes Bild. Sie gehen von einem möglichen Minus von 6 Prozent des BIP aus. Dieses Minus ergebe sich unter der Annahme, dass die Reduktion der wirtschaftlichen Tätigkeiten bis Mitte Juni anhält. Sollte sie nur bis Mitte Mai dauern, ist mit einem BIP-Rückgang von 4,0 Prozent zu rechnen. Die Zahlen könnten aber noch weiter nach unten gehen, beispielsweise wenn der Tourismus im Sommer sehr viel restriktiver geregelt wird als angenommen.

Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen in Österreich auf einen historischen Höchststand seit 1946 nach oben schnellen lassen. Ende März gab es im Vergleich zum Vorjahresmonat 52,5 Prozent mehr Personen ohne Arbeitsplatz. Über eine halbe Million Menschen waren Ende März 2020 arbeitslos gemeldet. Besonders drastisch war der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Salzburg (+112,3% Prozent) und Tirol (+174,2 Prozent). Hier machte sich das vorzeitige Saisonende und die große Bedeutung des Tourismus für den Arbeitsmarkt deutlich bemerkbar. Während im produzierenden Gewerbe, aber auch in der Kultur- und Unterhaltungsbranche die Kurzarbeit stark zugenommen hat, stieg im Tourismus zudem die Arbeitslosigkeit rasant an. Ende März war in diesem Bereich nur mehr jede/r Dritte regulär beschäftigt, rechnet Agenda-Austria vor. Kaum Einbußen gab es nahe liegender Weise in der öffentlichen Verwaltung sowie im Gesundheitswesen.

Dass Österreich mit mehr als einer halben Million verhältnismäßig mehr Arbeitslose hat als Deutschland, wird mit dem hohen Anteil des Tourismus erklärt. Getroffen habe Österreich aber auch die Entwicklung am Bau: Viele Baustellen standen im März still. Am Bau hat sich die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt, 28.000 Menschen verloren ihren Job. In Deutschland dagegen lief der Bau durch, hier stieg sogar die Nachfrage nach Arbeitskräften.

Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit

AK Chefökonom Markus Marterbauer fordert, die Arbeitslosenquote von aktuell 8,7 Prozent innerhalb eines Jahres wieder auf das Niveau von 2019 in Höhe von 7,4 Prozent zu drücken. Folgende Maßnahmen seien dafür notwendig: Aufstockung des AMS-Personals um 500 MitarbeiterInnen – um die Vermittlungstätigkeit in gute Jobs verbessern zu können; Qualifikationsmaßnahmen – um Arbeitslose etwa aus dem Bereich Tourismus in systemrelevante Branche wie Gesundheit und Pflege weiterqualifizieren zu können; Programme für junge Menschen – um eine verlorene Generation zu vermeiden, müssen spezielle Ausbildungsprogramme für jugendliche Arbeitslose entwickelt und die Schul- und Studienplätze aufgestockt werden; Unterstützungen für ältere Arbeitslose – für Menschen im Alter über 45 Jahren, die länger als zwei Jahre arbeitslos waren, sollen langfristig gemeinnützige und kommunale 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Zudem brauche es Investitionen in zukunfts- und systemrelevante Wirtschaftsbereiche wie Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Schulen, Umwelt und Klima etc. Das schafft krisensichere Arbeitsplätze sowie die Einführung einer Vermögensabgabe zur Finanzierung des Lastenausgleichs in der Corona-Krise.

Krisenstrategie Kurzarbeit

In der Finanzkrise 2008 hat sich die Strategie, durch Unterstützungen für Kurzarbeitsregelungen die Arbeitslosigkeit nicht zu stark ansteigen zu lassen, bewährt. Sie wird auch jetzt in vielen Ländern angewandt. Bereits am 15.3.2020 wurde in Österreich ein von den Sozialpartnern ausverhandeltes Kurzarbeit-Modell für alle Branchen und Betriebe entwickelt. Damit bekommen betroffene Arbeitnehmer*innen in der Kurzarbeit entweder 80, 85 oder 90 Prozent (gestaffelt nach Einkommenshöhen) ihres bisherigen Nettoeinkommens.

In einem weiteren Gesetzespaket, vom Nationalrat beschlossen am 20.3.2020, wurde festgelegt, dass durch die Kurzarbeitsbeihilfe die Dienstgeber*innen-Mehrkosten für die Beiträge zur Sozialversicherung ab dem ersten Tag abgegolten werden. Das Modell findet hohen Anklang: Allein zwischen 24. März und 7. April wurden für ca. 692.000 betroffene Arbeitnehmer*innen Anträge beim AMS eingereicht. Zwei Wochen später waren bereits knapp 900.000 Personen in Kurzarbeit gemeldet. Ende April lag die Zahl bei 1,1 Million. Die veranschlagten Kosten für Kurzarbeit beliefen sich zu Beginn auf rund 5,3 Mrd. Euro, ein Betrag der wohl nicht reichen wird. Ende April wurden die Mittel von fünf auf sieben Mrd. € aufgestockt.[1]

Die Vorteile für Betriebe und ArbeitnehmerInnen liegen auf der Hand: Betriebe erhalten erfahrene MitarbeiterInnen und Know-how, sparen sich zukünftige Personalsuchkosten und vermeiden einen Imageverlust durch radikalen Job-Abbau. Für Betriebe ist das Kurzarbeitsmodell mittlerweile betriebswirtschaftlich günstiger als eine reguläre Kündigung unter Einhaltung der Kündigungsfristen, so die Autoren des Blogs Arbeit & Wirtschaft.  Die Arbeitnehmer*innen profitieren durch ein aufrechtes Dienstverhältnis und ein stabiles Mindesteinkommen, das annähernd in der Höhe des vorherigen Lohns bzw. Gehalts liegt. Denn die Kurzarbeitsbeihilfe ist wesentlich höher als ein alternatives Arbeitslosengeld, das in der Regel lediglich 55 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens beträgt. Kurzarbeit trägt somit auch wesentlich zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Nachfrage bei.

Auch für den Staat überwiegen die Vorteile bei Kurzarbeit, so die Autoren. Die Aufwendungen für die Kurzarbeitsbeilhilfe an die Betriebe sind zwar erheblich, aber die Kosten der Arbeitslosigkeit sind nicht zu unterschätzen. Und: Kurzarbeit kostet in Österreich nur 100 Euro mehr als Arbeitslosigkeit.

Einkommensverluste – junge Menschen am stärksten betroffen

Die Coronakrise führt in ganz Österreich zu Einkommensverlusten. Besonders hart betroffen sind die Tourismus-Bundesländer Tirol und Salzburg, zeigt eine Umfrage im Auftrag von Durchblicker.at von Ende April. Demnach haben österreichweit 43 Prozent der Haushalte weniger Einkommen, in den beiden Bundesländern trifft es etwa die Hälfte, in Wien nur etwas mehr als ein Drittel.

Am Arbeitsmarkt trifft es junge Neueinsteiger*innen in besonderer Weise. Es wird mittlerweile bereits von einer „verlorenen Generation“ gesprochen. Betriebe stellen bei Wirtschaftseinbrüchen weniger neue Arbeitskräfte ein, wodurch sich die Jobchancen für neue Schulabsolvent*innen reduzieren. Ebenso verknappt sich das Angebot an offenen Lehrstellen. Junge Menschen sind aber auch häufiger von Kündigungen betroffen. Für Betriebe scheinen die Kosten geringer zu sein, wenn sie jüngere Mitarbeiter*innen kündigen, da sie weniger in deren Weiterbildung investiert haben als bei älteren. Außerdem verfügen jüngere Beschäftigte in der Regel über einen schwächeren Kündigungsschutz als ältere Arbeitnehmer*innen (last in, first out), beispielsweise durch kürzere Kündigungsfristen bei kürzerer Betriebszugehörigkeit.

Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer, fordert verschiedene Maßnahmen, um die Arbeitslosigkeit wieder zurückzudrängen, eine davon betrifft  junge Menschen, einen andere ältere Arbeitnehmer*innen . Notwendig sei die Aufstockung des AMS-Personals um 500 MitarbeiterInnen, um die Vermittlungstätigkeit in gute Jobs verbessern zu können. Qualifikationsmaßnahmen sollen Arbeitslose etwa aus dem Bereich Tourismus in systemrelevante Branche wie Gesundheit und Pflege weiterqualifizieren. Mit speziellen Ausbildungsprogrammen für junge Menschen müsse verhindert werden, dass hier eine neue „verlorene Generation“ entstehe. Schließlich brauche es Unterstützungen für ältere Arbeitslose – für Menschen im Alter über 45 Jahren, die länger als zwei Jahre arbeitslos waren, sollen langfristig gemeinnützige und kommunale 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Zudem brauche es Investitionen in zukunfts- und systemrelevante Wirtschaftsbereiche wie Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Schulen, Umwelt und Klima etc. Das schaffe krisensichere Arbeitsplätze sowie die Einführung einer Vermögensabgabe zur Finanzierung des Lastenausgleichs in der Corona-Krise.

Resümee: In Krisenzeiten zeigt sich die Bedeutung des Sozialstaats in besonderer Weise, wie Markus Materbauer in einem Falter-Beitrag erläutert. Nur er ist in der Lage, soziale Probleme und materielle Einbußen der Bürger*innen abzufedern und Betreuungs- und Gesundheitsangebote zur Verfügung zustellen [2]. Vordergründig sehen dies nun auch die Vertreter*innen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik ein. Neben den wirtschaftlichen Einbrüchen gibt es aber auch die sozialen und psychischen Probleme, die in der Corona-Krise deutlich werden, etwa durch beengte Wohnverhältnisse bei wirtschaftlich benachteiligten Personengruppen. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

 [1] Details zu den Kriterien siehe https://www.ams.at/unternehmen/personalsicherung-und-fruehwarnsystem/kurzarbeit

[2] Markus Marterbauer: „Die Vorteile des Sozialstaates sind zu offensichtlich: Er ist effizient, weil er erstens genau jene unterstützt, die Hilfe brauchen, die Kranken, Arbeitslosen, Kinder, Alten und Pflegebedürftigen, zweitens von jenen finanziert wird, die gerade gesund und erwerbstätig sind, und so drittens allen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens zugutekommt.“ (Falter 17/20, 22.04.2020)

 

Corona-Krise: Befunde und Prognosen | Versuch einer Zusammenschau

Wie es aussieht, wird uns das Corona-Virus noch länger zusetzen. An wirksamen Medikamenten wird fieberhaft geforscht, ebenso an einem Impfstoff. Wann es soweit sein wird, ist allerdings noch offen. Eine gute Nachricht: Die Lock down-Maßnahmen wirken. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus konnte in den meisten Ländern eingebremst werden. Gewarnt wird vor einer zweiten Welle nach dem Zurückfahren der Beschränkungen. Offen ist auch, wie sich die Pandemie in den Ländern des Südens ausbreiten wird. Im Folgenden der Versuch einer Sortierung einiger aktueller Befunde und Prognosen.

Aktuelle Daten zur weltweiten Entwicklung der Coronavirus-Pandemie zeigt die Realtime-Karte der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore/Maryland. Demnach waren am 13. April bereits 185 Staaten betroffen, es gab 1,85 Millionen Infizierte und knapp 115.00 Tote. Liveticker wie jene von Süddeutsche Zeitung,  Zeit-Online, Die Welt, Handelsblattes, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau,  Westdeutscher Rundfunks oder Bayrischer Rundfunk berichten laufend über aktuelle Nachrichten weltweit und für Deutschland. In Österreich gibt es etwa Corona-Schwerpunkte von ORF, Wiener Zeitung, Die Presse, Profil, Falter-Zeitung, Falter-TV oder Furche. Aus der Schweiz und weltweit berichtet u. a. die Neue Züricher Zeitung in einem Liveticker. Wir sind bestens informiert über die jeweils aktuellen Zahlen und Maßnahmen der Regierungen.

Aktuelle Lage verweist auf geringfügige Entspannung in Europa

Die Zahl der Corona-Toten in Europa ist am 12. April, dem Ostersonntag, auf über 75.000 gestiegen: 80 Prozent aller Todesfälle in Europa fielen auf die Länder Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien. Europa ist der Kontinent mit den meisten Infektions- und Todesfällen, berichtet die Frankfurter Rundschau. Die Länderstatistik führt mittlerweile die USA an, die jedoch bevölkerungsmäßig etwa den EU-Staaten entspricht.

China und Südkorea vermelden seit einiger Zeit, dass die Ausbreitung des Virus weitgehend gestoppt worden sei, Neuinfizierte vor allem durch Rückkehrer aus dem Ausland erfolge. Der Zenit der Ausbreitung scheint auch in den europäischen Hotspots Italien, Spanien, Belgien und Frankreich überschritten zu sein, auch wenn die Zahl der Toten weiter hoch ist. In Deutschland stieg die Zahl der Todesfälle am Ostermontag auf insgesamt über 3.000 – aber es gibt mittlerweile mehr Genesene als aktuell noch Infizierte. In Österreich wurden bei 14.000 positiv Getesteten 368 Todesfälle vermerkt – bei einem deutlichen Rückgang der Neuinfizierten. Auch hier übersteigen seit 13. April die Genesenen die Erkrankten.  Die Schweiz verzeichnete am Ostermontag knapp 25.600 Infizierte und 885 Corona-Tote, also mehr als doppelt so viele wie Österreich. Die Zahl der Neuinfizierungen ist in den letzten Tagen jedoch ebenfalls stark zurückgegangen. In den USA stieg die Zahl der Todesfälle auf über 22.000, die Hälfte davon beziehen sich auf New York, wo die Lage noch immer dramatisch ist. Die Zahl der Todesfälle ist am 14. April auf über 2.200 gestiegen.

Weniger erfährt man aus Ländern des Südens

Die laufend aktualisierte Landkarte der John Hopkins University zeigt, dass die Hotspots der Pandemie sich zunächst von China nach Europa und den USA verlagert haben, die Ausbreitung im Nahen Osten stark zunimmt, etwa in der Türkei und im Iran. In Russland ist das Virus im Anrollen, in Lateinamerika ist Brasilien am stärksten betroffen, andere Länder wie Ecuador, Peru oder Chile ziehen nach. Ein Beispiel: Die Millionenmetropole Guayaquil in Ecuador ist in Lateinamerika eine der Städte, die am schlimmsten vom Coronavirus betroffen sind. Laut NZZ habe am Ostermontag eine Sondereinheit der Polizei mehr als 1.400 Leichen aus Wohnungen und Spitälern der Hafenstadt abgeholt. Wegen der völligen Überlastung von Gesundheitssystem und Beerdigungsinstituten waren Tote zuletzt tagelang in Wohnungen liegengeblieben.

In Afrika ist laut verfügbaren Daten der John Hopkins University die Ausbreitung noch gering, Spitzenreiter Südafrika meldet gut 2.000 Infizierte und 25 Tote (Stand 13. April), laut einem ARD-Tagesschaubericht vom 12.4. wird jedoch eine rasche Ausbreitung befürchtet. Ein Ö1-Abendjournalbericht macht deutlich, dass Corona die Verletzlichkeit afrikanischer Staaten weitererhöhen werde. Experten halten Nordkorea in der Coronavirus-Pandemie für besonders gefährdet. Das mit zahlreichen Sanktionen belegte Land ist international nahezu vollständig isoliert, das Gesundheitssystem ist schwach. Bei all diesen Daten ist zu berücksichtigen, dass sie die Dunkelziffer nicht enthalten – Schätzungen gehen vom Drei- bis Vierfachen der als infiziert Registrierten aus, dass unterschiedlich intensiv getestet und wohl auch gemeldet wird.

Entwicklung der Infizierten und Todesraten

Grafiken der Neuen Zürcher Zeitung auf Basis der John Hopkins University zeigen, dass in Europa Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien die meisten Todesfälle zu verzeichnen sind, insgesamt die USA aber mittlerweile die Todesliste anführen. Bei der Anzahl der Infizierten pro 100.000 EinwohnerInnen liegt Spanien mit 350 Fällen vor Belgien und Italien mit ca. 260 Fällen, Frankreich mit ca. 200 Fällen dennoch vor den USA mit ca. 180 Fällen. Eine interaktive Grafik zeigt die Ausbreitungsgeschwindigkeit in den USA nach Bundesstaaten – dramatisch ist der Anstieg im Hotspot New York. Eine weitere interaktive Grafik illustriert die Entwicklung weltweit nach Staaten. Die erfreuliche Nachricht: In den  Staaten, in denen einschränkende Maßnahmen ergriffen wurden, beginnen diese zu wirken: die Ansteckungsraten sinken. Hat vor einigen Wochen eine Person noch an die drei weitere Personen angesteckt, so sank diese Rate in vielen Ländern, auch in Österreich, mittlerweile unter eine Person pro Infiziertem. Und die Zahl der Genesenen nimmt in vielen Ländern mittlerweile stark zu, in Österreich seit Anfang April. Mittlerweile sind in Österreich über die Hälfte der 14.000 Infizierten wieder genesen.

Aufschlussreich sind Statistiken über das Verhältnis von Todesfällen zu EinwohnerInnen bzw. zu positiv Getesteten: Dabei kommt in Europa Spanien auf 33 Tote pro 100.000 Einwohner, Italien auf 30 und Belgien auf 22. Deutschland verzeichnet demnach nur etwas mehr als drei Corona-Tote je 100.000 Einwohner. Blickt man auf die Todeszahl pro 100 bestätigter Fälle liegt Italien mit 12,7 % an der Spitze, gefolgt vom Vereinigten Königreich (12,1%) und den Niederlanden (11 %). Deutschland kommt dabei auf einen Wert von 2,2 % (Stand 10.4, Deutschlandfunk). Auch hier spielt die Zahl der Getesteten eine Rolle: So weist Schweden mit über 900 Corona-Toten bei knapp 11.000 positiv Getesteten eine hohe Todesrate auf, die Dunkelziffer ist jedoch hoch, da verhältnismäßig wenig getestet wird (Stand 14.4., swp.de).

Im Vergleich mit anderen Ländern weist auch Österreich eine extrem niedrige Zahl an Todesfällen auf. Verantwortlich dafür dürften das niedrige Durchschnittsalter der infizierten Personen und spezifische Infektionsketten sein. In Österreich hätten sich sehr viele beim Schifahren angsteckt und das seien eher Jüngere, so die Wiener Zeitung. Die Skifahrer-These scheine nicht nur für Österreich einige Zusammenhänge zu erklären, sondern auch für andere Länder. So weisen etwa Deutschland und Norwegen eine ähnlich niedrige Todesrate wie Österreich auf. In beiden Ländern führen zahlreiche Hauptinfektionsketten in die Tiroler Wintersportorte, so der Beitrag. Ein gutes Gesundheitssystem mag im Vergleich mit ärmeren Staaten hier eine Rolle spielen, als Erklärung allein taugt dieses jedoch nicht, wie etwa die bedeutend höheren Todesraten in Belgien und der Schweiz zeigen.

Wichtig für die Gesundheitspolitik ist die Zahl der Schwererkrankten sowie die verfügbaren Intensivbetten. Während Italien, Spanien oder Frankreich hier Probleme hatten, ist die Situation in Deutschland und Österreich diesbezüglich entspannt.

Sonderweg im Umgang mit der Pandemie

Einige europäische Staaten versuchten anfangs einen Sonderweg. Niederlande und Großbritannien sind nach der Zunahme der Infizierten und Toten davon abgegangen. In den Niederlanden wurden bis Ostermontag 26.500 Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Über 2800 Personen sind bisher in den Niederlanden an der Lungenkrankheit COVID-19 gestorben. Großbritannien dürfte in Europa das am stärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land werden. Regierungschef Boris Johnson, der selbst infiziert wurde und aufgrund anhaltender Symptome auf der Intensivstation lag, hat für die nächsten drei Wochen starke Maßnahmen angekündigt.

Nur Schweden ist bei einem Sonderweg geblieben: Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse sind anders als Gymnasien und Unis weiter offen. Das Gleiche gilt für Restaurants, Kneipen und Cafés, die ihre Gäste seit kurzem aber nur noch am Tisch bedienen dürfen. Die Skigebiete sind ebenfalls weiter geöffnet, die Staatsgrenzen für Nicht-Europäer dicht, nicht aber für BürgerInnen der EU und der Europäischen Freihandelszone. Und durch Stockholm fahren weiter mit Pendlern ge- oder überfüllte Busse. Erst am Freitag vor Ostern wurde verlautbart, dass Versammlungen auf maximal 50 Teilnehmer begrenzt werden, davor waren es 500. Verfolgt werden zwei Hauptmaßnahmen: Wer sich krank fühlt, bleibt sofort zu Hause. Und wer älter als 70 Jahre ist oder eine Vorerkrankung hat, isoliert sich selbst. Außerdem fordert die Behörde alle BürgerInnen auf, Abstand zu halten. Schweden setzt eher auf Freiwilligkeit und die Einsicht der BürgerInnen und weniger auf Verbote – das mag der liberalen Gesinnung und einer starken zivilgesellschaftlichen Verantwortung geschuldet sein. Die Zukunft wird zeigen, ob der eingeschlagene Weg richtig war. Auch in Schweden gehen die Infektionen zurück. Allerdings sind dort 1.000 Menschen verstorben, also mehr als doppelt so viele wie in Österreich bei einer nur geringfügig höheren EinwohnerInnenzahl (10 Millionen). In Belgien wiederum (elf Millionen Einwohner, strenger Lockdown) zählen die Behörden 4.000 Tote, zehnmal so viel wie in Österreich.

Griechenland ist mit 2.100 Infizierten und knapp 100 Toten bislang wenig betroffen. Dies kann sich jedoch noch ändern. Problematisch ist der dramatische Einbruch des Tourismus. Zwei Drittel der Hotels könnten Pleite gehen, wird befürchtet. Prekär könnte die Lage in den Flüchtlingslagern werden: Menschenrechtsgruppen befürchten wegen der Corona-Pandemie vor allem im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos eine Katastrophe. Inzwischen leben rund 20.000 Menschen in dem Lager, das eigentlich für weniger als 3.000 ausgelegt ist. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR fordert angesichts dessen, möglichst viele Menschen aufs Festland zu holen.

Mehr Stimmen aus der Wirtschaft für Lockerung der Maßnahmen

In Europa scheint der Zenit der Pandemie überschritten zu sein. Die dramatischen Bilder von Behandlungsengpässen in norditalienischen Spitälern oder im französischen Elsass sind voraussichtlich Geschichte. Es mehren sich daher die Stimmen jener, die eine stärkere Lockerung der Maßnahmen fordern: In Deutschland etwa der Ökonom Thomas Fuest, das ifo-Institut oder der Virologe Hendrik Streeck, der die strengen Maßnahmen insgesamt kritisiert. Nach China und neben Tschechien ist Österreich eines jener Länder, das als erstes die Einschränkungen zurücknehmen möchte, was auch international rezipiert wird, wie ein Bericht der deutschen Tagesschau zeigt. Ab 14. April sollen wieder alle Geschäfte offenhalten dürfen. In Spanien wurden die Corona-Maßnahmen bereits einen Tag früher, den 13. April, gelockert, die meisten Spanier und Spanierinnen können wieder arbeiten gehen.

Ein ORF-Bericht meldet Lockerungen der Beschränkungen in sechs EU-Staaten ab Osterdienstag:  Neben Österreich und Spanien auch Italien, Dänemark, Litauen und Tschechien. In Deutschland empfahl ein von der Nationalakademie Leopoldina organisierter Verbund von 26 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Regierung, in der Viruskrise einen Fahrplan „zur allmählichen Rückkehr in die Normalität“ zu entwickeln. Doch Virologen und Virologinnen warnen: Es bestehe das Risiko, dass die Infiziertenzahlen wieder hochschnellen. Keine Lockerungen gibt es in Großbritannien und Frankreich.

In mehreren Ländern wie in Deutschland wird neben der Öffnung der Geschäfte auch über die Wiedereröffnung der Schulen diskutiert. In der Bevölkerung ist die Zustimmung zu den Covid-Maßnahmen jedoch weiterhin hoch: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen eine Lockerung des Kontaktverbots zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie, berichtet der Tagesspiegel. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa plädierten 44 Prozent für eine Verlängerung der Maßnahmen über den 19. April hinaus, 12 Prozent sind sogar für eine Verschärfung. Nur 32 Prozent sind für eine Lockerung und 8 Prozent für eine Abschaffung der von Bund und Ländern beschlossenen Einschränkungen.

Ein Corona-Blog der Universität Wien informiert über Erhebungen über die Wahrnehmung von Corona in Österreich und die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Eine Studie über die psychologischen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen zeigt, dass Kurzarbeit und Homeoffice gut angenommen werden. Negative Gefühle zeigen vor allem Arbeitslose, SchülerInnen und Studierende, sowie haushaltsführende und arbeitsunfähige Menschen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor einer zweiten Welle, sollten die Lockerungen zu schnell erfolgen. Auch die Hoffnungen auf eine Herdenimmunität sind zerstoben. Es ist unmöglich, jene Zahl der Immunisierten zu reichen, die nötig wäre, und eine wirksame Immunisierung in der Bevölkerung zu erreichen: die Schätzungen reichen von 50 – 70 Prozent. Ein in Österreich durchgeführter „Dunkelziffertest“ unter 2.000 Personen hat ergeben, dass lediglich 1 Prozent der Bevölkerung infiziert ist. Abhilfe würde hier lediglich ein wirksamer Impfstoff schaffen. Und zur Behandlung der Schwererkrankten brauchen wir wirksame Medikamente.

Fieberhafte Erforschung wirksamer Medikamente

Weltweit werden derzeit in verschiedenen Studien mehrere Medikamente darauf untersucht, ob sie unter Umständen gegen SARS-CoV-2 helfen. Die größten sind die von der Weltgesundheitsorganisation WHO initiierte Solidarity-Studie sowie die von der französischen Forschungsorganisation INSERM koordinierte Discovery-Studie in Europa, an der sich unter anderem Deutschland, Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, Spanien, Schweden und Großbritannien beteiligen, wie ein guter Beitrag auf Deutschlandfunk informiert.

Als antivirale Medikamente werden vornehmlich Wirkstoffe untersucht, die ursprünglich zur Behandlung anderer Viruserkrankungen entwickelt wurden, etwa Ebola, HIV, Hepatitis C, Grippe, oder der Coronaviren SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) oder MERS (Middle East Respiratory Syndrome). Beim Einsatz gegen SARS CoV-2 erhofft man sich, dass diese Medikamente die Vermehrung des Virus blockieren oder verhindern, dass es in Lungenzellen eindringt. Daraufhin wird auch ein seit Jahrzehnten etabliertes Malaria-Medikament geprüft, das auch gegen verschieden Virenarten wirkt.

Institute melden zwar seit Wochen mögliche Erfolge bei Medikamenten – hier geht es sicher auch um die Erzeugung von Aufmerksamkeit. Genaue Prognosen werden aber selten genannt: Der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Karl Broich, hat die Einschätzung von Experten bestätigt, dass es noch in diesem Jahr eine Zulassung für Covid-19-Medikamente geben könnte, so ein Bericht auf T-online.

Es wird daher davon ausgegangen, dass die Pandemie länger anhalten wird und das Ziel sein müsse, diese kontrolliert ablaufen zu lassen und insbesondere Hochrisikogruppen zu schützen. Über Containment soll wieder erreicht werden, Kontakte von Infizierten mit anderen Personen zu rekonstruieren und die Ansteckung neuer Personen zu unterbinden. Das Robert-Koch-Institut hat hierfür Stellen für Containment-Scouts ausgeschrieben, die in der Erfassung der Daten helfen sollen.

Kontrovers diskutiert wird die Einführung von sogenannten Corona-Apps, über die Infizierte erfasst und andere Personen vor diesen gewarnt werden können. Als Kernstück dient ein Kontakt-Tagebuch, indem persönliche Begegnungen mittels „digitalem Handshake“ anonymisiert gespeichert werden. Treten bei einer Person dann Symptome einer Corona-Erkrankung auf, wird man als Kontakt automatisch benachrichtigt und gebeten, sich selbst zu isolieren. In Österreich wird vom Roten Kreuz eine App angeboten, die aber – anders als von der Regierung anfangs angedacht – nur auf freiwilliger Basis zur Anwendung kommt. Die Europäische Kommission hat am 8. April Empfehlungen für die Verwendung von Apps und mobilen Daten zur Eindämmung der Corona-Pandemie vorgelegt. Digitale Lösungen können eine wichtige Rolle bei der schrittweisen Aufhebung der Notfallmaßnahmen spielen, wenn sie gut koordiniert sind und im Einklang mit den EU-Regeln stehen, so der Kommissär für den Binnenmarkt Thierry Breton. Die Empfehlungen betreffen einerseits den Einsatz von Applikationen, die es Bürgerinnen und Bürgern erlauben, ihre Kontakte nachzuverfolgen. Andererseits beziehen sie sich auf die Verwendung aggregierter, anonymisierter Daten, mit deren Hilfe die weitere Entwicklung der Pandemie projiziert werden soll.

Szenarien für den weiteren Verlauf der Pandemie

Wie die Pandemie weiter verläuft, hängt nicht nur davon ab, wie sich Menschen verhalten. Auch Parameter wie das Wetter könnten eine Rolle spielen, wie ein Beitrag  in Der Zeit berichtet. Viele hatten gehofft, dass sdie höhere Luftfeuchtigkeit und mehr UV-Strahlung in den kommenden Monaten den Ausbruch verlangsamen könnten. Diese Hoffnung aber könnte sich zerschlagen. Der Virologe Christian Drosten, Chefberater der deutschen Bundesregierung,  geht im Gegenteil sogar davon aus, dass der Ausbruch erst in den Sommermonaten seinen Höhepunkt erreichen könnte. Bei seiner Aussage bezieht sich der Virologe auf aktuelle Forschungsergebnisse einer Gruppe um den Harvard-Wissenschaftler Marc Lipsitch.

Die Forscher haben mit einem mathematischen Modell simuliert, wie der Coronavirus-Ausbruch weitergehen könnte – und zwar bis 2025. In ihrer noch nicht von Experten begutachteten Studie gehen sie davon aus, dass es in gemäßigten Klimazonen nach einer ersten Pandemiewelle zu wiederholten Ausbrüchen von Sars-CoV-2 in den Wintermonaten kommen könnte. Zu diesem Ergebnis kam auch eine andere Forschungsgruppe, die bei ihren Berechnungen auf Daten aus Schweden zurückgriff.

Dieses Szenario könnte eintreten. Vielleicht kommt es aber auch anders und das Virus verschwindet nach einem heftigen Ausbruch für eine Weile und taucht erst nach Jahren wieder auf. Um besser einschätzen zu können, wie sich die Situation langfristig entwickeln wird, fehlen immer noch Informationen darüber, wie lange Menschen nach einer Infektion mit dem neuen Coronavirus immun sind. Helfen könnte ein Impfstoff, mit dem Forscher etwa in einem Jahr rechnen, schreibt Die Zeit.

US-Forscher der University of Washington wagten eine Prognose zur Pandemie bis August 2020. Demnach hat Deutschland die größte Welle nach Ostern schon hinter sich. Bis August rechnen die Forscher jedoch mit rund 7.000 Todesfällen in Deutschland. Für Großbritannien werden die erwarteten Todeszahlen bis August mit etwa 37.000 angegeben. Für die USA rechnen die Forscher mit rund 60.000 Toten bis zum Sommer.

Neben den sich mehrenden Stimmen für eine Lockerung des Shutdown gibt es auch kritische Stimmen, die den Staaten zu langes zuwarten und ein anfangs zu geringes Ernstnehmen der Pandemie vorwerfen. Einer ist der Schweizer Mediziner Paul Robert Vogt, Leiter der Stiftung „EurAsia Heart“, der u. a. kritisiert, dass viel zu wenige Test durchgeführt wurden, um valide Daten für Ausbreitungsprognosen zu erhalten. Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den pro Kopf am meisten Infizierten und höchsten Todesraten. In Der Standard wurden die Versäumnisse  der Politik nachgezeichnet, nachdem die WHO Covid19 am 30.Jänner 2020 den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hatte. Mehr Tests fordert in Österreich auch die Tropenmedizinerin und Vorsitzende der SPÖ in Österreich Pamela Rendi-Wagner. Der Epidemieexperte Markus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen bringt seine Erfahrungen mit Epidemien in den Ländern des Südens ein. Sein Fazit: Leben rettet man in den Krankenhäusern, Epidemien besiegt man außerhalb. Die reichen Länder, unerfahren im Umgang mit Epidemien, hätten zu spät reagiert und sich zu stark auf die Behandlungen im Krankenhaus konzentriert.

Für Unruhe sorgen neue Berichte über angebliche Neuifizierungen von bereits Genesenen in Südkorea. Die WHO untersucht dort Fälle, bei denen es zu einer neuerlichen Infektion gekommen sein könnte. Die möglichen Erklärungen für das Phänomen reichen von problematischen Tests bis zur Mutation des Virus‘, so ein Bericht in den Salzburger Nachrichten.

Über den Zeitpunkt, zudem eine vollwertige Impfung gegen Covid-19 bereit gestellt werden kann, gibt es widersprüchliche Aussagen: Für Verwirrung sorgt die Aussage von Dietmar Hopp, dem Mehrheitseigentümer des Tübinger Pharmaunternehmens CureVac, dass bereits im Herbst 2020 ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus zur Verfügung stehen könnte. CureVac will im Frühsommer mit klinischen Tests beginnen. Demgegenüber setzt das Paul-Ehrlich-Institut darauf, dass selbst bei höchster Geschwindigkeit und positiven Ergebnissen in der Forschung frühestens im Frühjahr 2021 ein Impfstoff gegen Covid-19 bereitsteht.  Immerhin muss ein Impfstoff auf seine Sicherheit und Wirksamkeit hin ausgetestet werden, bevor er an alle Menschen verteilt wird, berichtet der SWR auf seiner Wissenschaftsseite.

Der Autor und Begründer der Gemeinwohlakademie Christian Felber spricht ein Tabu an, wenn er die ergriffenen Maßnahmen mit den Folgen dieser Maßnahmen abwiegt: Bewegungsarmut, Vereinsamung, innerhäusliche Konflikte und die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown. Er relativiert auch die Todeszahlen, da nicht klar sei, welche Personen durch und welche mit Corona gestorben seien.

Anders sieht dies Herwig Kollaritsch, Tropenmediziner und ein wichtiger Berater der österreichischen Corona-Taskforce, im Wiener Falter.  Mehr Covid-19-Kranke würden unweigerlich mehr ­Intensivpatienten bedeuten. Deshalb müssen alle Maßnahmen auf eine stabile Gesamtzahl von Infizierten ab. Sie stagniert, wenn jeder Erkrankte höchstens einen anderen ansteckt, was in Österreich erreicht worden sei. Nun müsse der Staat Wege finden, die Ansteckungsrate trotz Geschäfts- und Freizeitlebens kleinzuhalten. Kranke stecken dann niemanden an, wenn sie und ihre Kontakte schnell identifiziert werden. Notwendig sei daher, viele Menschen zu testen und Infizierte zu überwachen, etwa mit einer App. Und wenn die Zahl schnell steige, wieder Ausgangsbeschränkungen hochziehen.„Vergessen Sie die Durchseuchung“, sagt Kollaritsch: „wenn wir die Krankenzahl halten, haben sich bis zur Impfung keine zehn Prozent der Österreicher angesteckt.“ Es beginne ein Jahr der Entbehrungen.

Fazit: Es gibt noch sehr viele Unbekannte. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Pandemie uns länger begleiten wird. Gut verständlich erklärt dies die junge Chemikerin Thi Nguyen-Kim auf maiLab, eine Wissenschafts-Coproduktion von ARD und ZDF für junge Leute, wenn sie meint, dass Corona gerade erst richtig losgeht.

Die sozioökonomischen und demokratiepolitischen Folgen der Pandemie bleiben weiteren Sortierungen vorbehalten.

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“. Rückmeldungen: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org

 

 

Nach der Krise: Andere Wirtschaft, bessere Welt?

Das Coronavirus verändert die Welt. Es macht uns die Fragilität menschlichen Lebens sowie die Verwundbarkeit unserer Zivilisationen bewusst. Der medizinische Fortschritt hat uns in der Gewissheit gewogen, dass Krankheiten besiegt werden können. Nicht alle, aber immer mehr. Selbst bei Krebs sind die Heilungschancen stark gestiegen. Nun sind wir mit einem Virus, winzig klein und nicht sichtbar, konfrontiert, gegen das noch kein Gegenmittel gefunden ist. Und das Besondere an Viren ist, dass sie vor Gesunden nicht Halt machen. Wir kennen Epidemien zwar aus der Geschichte bzw. aus fernen Ländern, Ebola in Afrika oder SARS in Asien. Nun hat es auch uns in den Wohlstands- und Hochkonsumländern erwischt.

Wir erleben eine doppelte Abhängigkeit: zum einen von medizinischen Labors, die hoffentlich bald wirksame Medikamente finden; zum anderen sind wir voneinander abhängig in dem Sinne, dass sich alle an die vorgeschriebenen Maßnahmen halten, um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Dazu kommt eine dritte Abhängigkeit, nämlich dass unsere Versorgungssysteme weiterhin funktionieren und die hochgradig arbeitsteilige Wirtschaft nicht zusammenbricht. Die Philosophin Marianne Gronemeyer spricht von „bedürftigen Mängelwesen“, zu denen wir durch unsere Fremdversorgungssysteme geworden sind.

Noch funktionieren die Versorgungswege. Wir haben genügend Lebensmittel, Wasser und Strom werden pünktlich geliefert, auch die Tageszeitungen. Und die Kommunikation und Information über virtuelle Kanäle erlebt geradezu einen Boom. Zu erwarten ist, da sind sich alle Wirtschaftsforschungsinstitute einig, dass der Gesundheitskrise eine Wirtschaftskrise folgen wird. Wenn ganze Wirtschaftszweige wegbrechen, wie etwa der Tourismus und die Gastronomie, dann trifft dies den Nerv gerade von Ländern wie Österreich, die stark davon abhängig sind, dass andere uns besuchen und hier ihr Geld ausgeben.

Die Regierungen haben rasch reagiert. Nicht nur mit Ausgangsbeschränkungen, der Schließung von Schulen und Universitäten, dem Zurückfahren des öffentlichen Lebens auf ein Minimum, sondern auch mit Stützungsmaßnahmen für Unternehmen und von der Krise wirtschaftlich stark betroffenen Bürgern und Bürgerinnen. Die Unterstützungsmaßnahmen sind notwendig. Wichtig ist aber auch, dass wir nicht einfach dorthin zurückkehren, wo wir vor der Krise war.

Die Krise ist eine Chance, Dinge zu hinterfragen

Die Krise ist eine Chance, Dinge zu hinterfragen, die auch ohne Viruspandemie fraglich waren. Warum gibt es in unserer wohlhabenden Gesellschaft Menschen, die die bis zur Hälfte ihres Einkommens dafür ausgeben müssen, um ihre Miete bezahlen zu können, während andere mit Immobilien Millionen einnehmen? Warum verdienen Manager – und auch manche Managerin – das x-hundertfache jener, denen derzeit als sogenannte Systemerhalter applaudiert wird? Warum werden trotz einschlägiger Befunde und Warnungen der Klima- und Ökosystemforschung nicht jene durchaus bekannten Maßnahmen getroffen, die der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen Einhalt gebieten

Warum sind wir derart abhängig von permanentem Wachstum unserer Wirtschaften und dem Ansteigen der öffentlichen Schulden? Der Soziologe Ralph Dahrendorf sprach früh von einem „Pumpkapitalismus“. Und noch größer gedacht: Warum verhungern täglich zigtausende Menschen, obwohl es genügend Nahrung auf der Welt gibt? Ein Bruchteil der Weltmilitärausgaben würde reichen, um den Hunger in der Welt auszurotten.

Durch das Coronavirus machen wir eine Ohnmachtserfahrung, die für viele Menschen in armen Weltregionen seit jeher Alltag ist. Kinder, die an im Grunde heilbaren Krankheiten sterben, weil Medikamente fehlen. Menschen, die verhungern, weil ihnen das Minimum an der täglichen Kalorienzufuhr verwehrt ist. Menschen, die Krieg, Terror und Vertreibung ausgesetzt sind, und international viel zu wenig Hilfe erhalten. Dazu kommt, dass auch das Coronavirus – wie andere Viren davor – die ärmeren, also verletzlichsten Länder am Heftigsten treffen wird. Dies steht erst bevor.

Kein Rückkehr zum Business as Usual

Wir können nach der Krise zurückkehren zum Business as Usual. Wir können die Krise aber auch nutzen für einen Werte-, Paradigmen- und Strukturwandel. Vorschläge dazu gibt es zuhauf. Um die Klimawende zu stemmen und zugleich die Konjunktur zu beleben, wird ein Europäischer Transformationsfond vorgeschlagen (Stephan Schulmeister) , finanziert über die Europäische Zentralbank. Wenn der Flugverkehr sowie der motorisierte Individualverkehr aus ökologischen Gründen zurückgefahren werden müssen, wäre es kontraproduktiv, die Flug- und Autobranche zur Gänze zu „retten“. Sinnvoller sind der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel sowie der in der aktuellen Krise stark ausgeweiteten virtuellen Kommunikationswege.

Die Debatte darüber, ob börsennotierte Unternehmen, die nun staatliche Hilfsmaßnahmen erhalten, Dividenden ausschütten dürfen sollen oder nicht, führt zur Frage, warum Kapitalerträge generell derart hoch sein müssen. Etwas weniger wäre auch ausreichend. Fragen nach Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit, also, welche Einkommens- und Vermögensunterschiede ethisch und demokratiepolitisch vertretbar sind, werden im Gefolge der Wirtschaftskrise dringender denn je. Ebenso Fragen nach der Qualität und Sicherstellung öffentlicher Leistungen wie dem Gesundheitssystem, das sich in der Krise in Österreich bisher gut bewährt hat, oder der Betreuung älterer Menschen, bei der Engpässe sichtbar wurden.

Selbst die Forderung nach einem Grundeinkommen erhält angesichts der Krise neuen Zuspruch. Einer der prominentesten Vertreter ist der US-Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller. Drei Viertel der Deutschen sprechen sich für ein befristetes Kriseneinkommen für alle aus, so eine aktuelle Umfrage von „Die Zeit“. Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft wird neu justiert werden. Hohe Staatsquoten sind nicht per se schlecht, wie erfolgreiche skandinavische Länder zeigen. Es hängt davon ab, wofür der Staat das Geld ausgibt und auch von wo er es einnimmt.

Vielleicht sollten wir noch größer denken?

Vielleicht sollten wir noch größer denken? Viele Menschen fragen sich jetzt, was wirklich wichtig ist im Leben. Wie würde eine Wirtschaft aussehen, die sich wieder stärker auf die Grundbedürfnisse konzentriert? Lebensmittel hoher Qualität, leistbares Wohnen für alle, gute Schulen und Universitäten, attraktive Städte mit mehr Grün, bedeutend weniger Autos und damit auch besserer Luft, Arbeitszeiten, die gut mit Familie und Sozialleben vereinbar sind. „Die Welt neu denken“, fordert die Umweltökonomin Maja Göpel angesichts der ökologischen Krisen, die nur mit neuen Bildern vom guten Leben für alle erreicht werden können. Das heißt auch, „Wohlstand neu denken“ und diesen auch neu messen, wie alternative Indikatorensysteme für Lebensqualität nahelegen. Etwa der „Better Life Index“ der OECD, die „Donut-Ökonomie“ der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth, die Maßzahlen für Lebensqualität kombiniert mit den „Planetary Boundaries“ oder die Matrix der Gemeinwohlökonomie.

Vielleicht sollten wir eine Wirtschaft denken, in der Wissen und Knowhow global geteilt werden, die Produktion aber wieder stärker regional verortet ist – unter Nutzung von High Tech, langlebigen Gütern und dem Halten der Rohstoffe im Wirtschaftskreislauf. Das würde der Marktwirtschaft mit vielen bunten Unternehmen Auftrieb und wieder die „Marktplätze“ zurückgeben. Der Kapitalismus würde nicht mehr gebraucht oder sein Gesicht stark verändern.

Der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek meint, dass wir eine „Ökonomie für die Satten“ betreiben, jedoch eine „Ökonomie für die Hungernden“ bräuchten. Produziert wird für jene, die über genügend Kaufkraft verfügen, nicht für jene, die Bedarf haben. Wie eine solche Wirtschaft der Basisbedürfnisse umgesetzt werden könnte, wäre eine lohnende Aufgabe für die Wirtschaftswissenschaften und durchaus einen Nobelpreis wert.

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“.

Was kommt nach der Krise? Zur Aktualität von Niko Paechs Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“

Die Robert-Jungk-Bibliothek hat eine Gesprächsreihe über Bücher gestartet, die nach der Krise von Bedeutung sein könnten. Stefan Wally sprach mit mir über Niko Paechs Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“.  Eine ausführliche Besprechung des Buches findet ihr auf der Bücherdatenbank „proZukunft“. Und untenstehend ein paar Überlegungen zum Buch aus aktuellem Anlass.

paech cover

Wenn wir nun zuhause sitzen, nur die nötigsten Erledigungen machen, in einer Art „Auszeit“ leben, rattert wohl bei jeder/m eine Liste im Kopf ab, was wirklich wichtig ist: Gesundheit, Familie, Freunde, eine gesicherte Existenz, ein planbares Einkommen. Wir sind jenen dankbar, die sich um unsere Grundbedürfnisse kümmern: Versorgung mit Lebensmitteln, funktionierende Infrastrukturen, Zugang zu Strom, Wasser, Internet! Und vieles wird unwichtig.

Niko Paech schreibt in seiner 2012 erschienenen Streitschrift „Frei ist nicht wer viel hat, sondern möglichst wenig braucht. Er bringt damit die Essenz des Minimalismus bzw. der Suffizienzbewegung auf den Punkt.

Ein gutes Jahrhundert vor ihm hat dies der kanadische Philosoph Henry David Thoreau so formuliert: „Der Mensch ist reich in Proportion zu den Dingen, die sein zu lassen er sich leisten kann.“ Ein Mantra wider unsere Multioptions- und Multitaskinggesellschaft.

Niko Paech argumentiert nun nicht moralisch, sondern zeitökonomisch. Wir hätten gar nicht mehr die Zeit, all die Dinge, die wir uns anschaffen, zu nutzen, all die Angebote wahrzunehmen, die auf uns einströmen. Darin liegt, so Paech, unser Verlust an Lebensqualität. Marianne Gronemeyer spricht in diesem Zusammenhang von der „Kunst des Unterlassens“.

Man darf das keinesfalls romantisieren. Nicht alle leben in jenem Überfluss, von dem Paech spricht und von dem sie sich befreien müssten. Aber es sind mehr, als gemeinhin angenommen wird. Es geht dabei nicht nur um die Superreichen und deren Luxus, sondern um den Ballast, den viele von uns in unseren Wohnungen und Terminkalendern angehäuft haben. Die Auszeit durch die aktuelle Krise kann uns bewusst machen, was uns wirklich abgeht und worauf wir durchaus und leicht verzichten könnten.

Der Hintergrund der Argumentation von Paech ist natürlich die ökologische Frage. Wir leben ökologisch weit über unsere Verhältnisse, unser Ökofußabdruck ist viel zu groß, so seine Argumentation.

Das führt zum zweiten Themenstrang des Buches, der für uns aktuell wichtig sein könnte. Niko Paech spricht von einem Fremdversorgungssyndrom. Wir rühmen uns zwar unserer hohen Produktivität, unserer Effizienz, übersehen dabei aber, dass diese auf fremden Rohstoffen und fremder Energie basiert. Auf uns gestellt, würden wir in vielen Bereichen scheitern, so die Argumentation.

Die Coronakrise ruft uns die Fragilität der globalen Güterketten ins Bewusstsein. Plötzlich merken wir, dass wir bei Medikamenten, Schutzausrichtungen usw. voll von China oder Indien abhängig sind. Und die Preise für Gesundheitsgüter am Weltmarkt schnellen in die Höhe. Die Aussetzung der Produktion von Zulieferteilen in einem Land führt zum Stilstand auch im Betrieb in jenem Land, in den die Teile geliefert werden sollen. Wir sind alle ziemlich voneinander abhängig geworden.

Paech erwähnt noch eine andere Abhängigkeit: die vom Geld, insbesondere vom Schuldgeld. Ein immer größerer Teil unseres Wohlstandes basiere auf Schulden – dies sei der Grund dafür, warum ein Ausstieg aus der Wachstumsspirale so schwerfalle. Ein Umstand, der durch die Coronakrise rasant an Brisanz gewonnen hat.

Wie möchte Niko Paech nun dieses Fremdversorgungssystem überwinden. Die Antworten sind bekannt: Umstieg auf regionale, erneuerbare Energieträger und Umstieg auf eine Art Kreislaufwirtschaft, in der Dinge lange genutzt und auch wieder repariert werden, um Rohstoffe im Kreislauf zu halten. Sowie generell Zurückdrängung unserer Geldabhängigkeit.

Daher plädiert Paech auch für die Rückkehr zu urbaner Subsistenz. Ihm schwebt eine 20.20.Gesellschaft vor. 20 Stunden Erwerbsarbeit für alle und 20 Stunden Eigenarbeit für alle. Das kann Selberkochen sein, was wir gerade ja alle tun, oder das Bebauen eines Gemüsegartens, das kann aber auch Nachbarschaftshilfe sein, oder die Mitarbeit in einem Repaircafe, in dem PCs oder andere Elektrogeräte repariert werden.

Das Ganze liefe dann auf eine Postwachstumsökonomie mit stärkerer regionaler Orientierung hinaus – Paech setzt z. B. da auch auf Regionalwährungen.

Der Soziologe und Ökologe Wolfgangs Sachs vom Wuppertal Institut hat diese Perspektive bereits in den 1990er-Jahren mit 4 „E“ umschrieben: 1) Einfachheit als Luxus des Weniger 2) Entkommerzialisierung als Rückkehr zum teilweise Selbermachen 3) Entschleunigung als Prinzip des Herunterfahrens von Aktivitäten und 4) Entflechtung als Rückbau globalisierter Versorgungsketten.

Manche meinen, nach Corona werde nichts mehr sein wie vorher. Das klingt dramatisch. Ich denke vieles wird so sein wie früher, vieles wird auch anders sein. Um die drohende Wirtschaftskrise, die zugleich eine Sozialkrise sein wird, abzuwenden, wird es Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen brauchen. So wird z. B. ein Europäischer Transformationsfond vorgeschlagen, der den wegen der Klimakrise nötigen wirtschaftlichen Strukturwandel anstößt und zugleich der Rezession entgegenwirkt. Der Vorschlag stammt vom Ökonomen Stephan Schulmeister.

Eine Veränderung könnte in der Tat in der wieder stärker regional orientierten Ausrichtung des Wirtschaftens liegen. Das mag alles utopisch klingen. Aber Utopien bedeuten nicht: „So wird es sein“, sondern: „So könnte es werden“. Warum sich nicht eine Welt vorstellen, in der Wissen und Knowhow global geteilt werden, die Produktion aber wieder dezentralisiert abläuft – unter zu Hilfenahme von Hightech und einer Rohstoffkaskade.

Das würde nicht das Ende der Marktwirtschaft bedeuten, wir hätten dann wohl wieder mehr Marktwirtschaft, aber möglicherweise das Ende des Kapitalismus. Finanztrader müssten sich dann eben neue Jobs suchen – Altenpfleger beispielsweise werden gesucht!