Plädoyer für eine Tätigkeitsgesellschaft

Der Mensch ist ein tätiges Wesen, das sich durch Arbeit die Welt aneignet. Seit seinem Eintritt in die Evolutionsgeschichte sichert sich der Mensch durch Arbeit seinen Lebensunterhalt. Vom Tier unterscheidet ihn freilich, dass er hierfür immer feinere Werkzeuge als Hilfsmittel erfindet. Während die Menschen in den Jäger- und Sammlergesellschaften – ähnlich den Tieren – umherzogen auf der Suche nach Nahrung, ermöglichten Erfindungen wie der Pflug, die Domestizierung von wilden Tieren sowie die Züchtung von Saatgut das Sesshaft-Werden in den ersten Ackerbaugesellschaften. Über Jahrhunderte sind Wirtschaften freilich kaum gewachsen. Erzeugt wurde das zum Überleben Notwendige. Dies gelang mehr oder weniger gut oder auch nicht. Hungersnöte waren auch bei uns keine Seltenheit. Der Quantensprung gelang mit dem Übergang von den Agrar- und Handwerkergesellschaften des Mittelalters zu den modernen Industriegesellschaften seit dem 18. Jahrhundert. Der Einsatz von großen Maschinen und straff organisierter menschlicher Arbeitskraft in den neuen Fabriken ermöglichte den Ausstoß von immer mehr Waren, die die heutigen Massenkonsumgesellschaften ermöglichten. Voraussetzung war eine neue Energiebasis. Den Wasser- und Windmühlen folgten Kohlegruben und etwas später auch riesige Erdölfelder, die noch immer ausgebeutet werden, den Fuhrwerken motorgetriebene Fahrzeuge, den Handwerkerbetrieben maschinengetriebene Fabrikshallen. Die ökologischen Folgen der Verbrennung der fossilen Rohstoffe spüren wir heute im menschengemachten Klimawandel.

Veränderung des Charakters von Arbeit

Arbeit veränderte mit den sich ändernden Produktionsbedingungen immer wieder ihren Charakter und sie war beileibe nicht immer hoch angesehen. Noch in der Antike war körperliche Arbeit verpönt, die freilich von Sklaven verrichtet werden musste. Erst mit dem sich ausbreitenden Christentum kam es zur Aufwertung von körperlicher Arbeit – Josef, der Vater von Jesus war ein Handwerker.

In der katholischen Kirche wurde Arbeit neben das Gebet gestellt – ›Ora et labora‹ lautete etwa das Gebot der Benediktinermönche, die sich im Mittelalter um die Kultivierung von Land Verdienste erworben haben. Mit dem protestantischen Arbeitsethos wurde Arbeit endgültig zum für alle erstrebenswerten Ziel. In Absetzung von der untätigen, von Abgaben der Bauern lebenden Adelsschicht der Feudalgesellschaft emanzipierte sich das Bürgertum durch eigene Arbeit und gewann erstmals auch politische Macht. Soziale Bewegungen und Gewerkschaften erkämpften in der Folge den Arbeitern und Arbeiterinnen mehr Rechte – vom Verbot der Kinderarbeit über den Zehn-Stundentag bis hin zu Kranken- und Arbeitslosenversicherungen. Nicht zu vergessen: das Versammlungs- und Streikrecht. Errungenschaften, die in den Ländern nachholender Industrialisierung heute Stück für Stück erst erkämpft werden müssen und wohl auch bei uns immer wieder gefährdet sind.

Wie hat nun die Entwicklung hin zum Maschinenzeitalter die menschliche Arbeit verändert? Das Entscheidende lag wohl in der Verdrängung von manueller Produktion, die hohe Kunstfertigkeit verlangte – wir sprechen ja bewusst von „Handwerkskunst“ – durch maschinelle Produktion. Damit einherging der Verlust des Herstellens von Dingen als persönliche Leistung. Die Entfremdung von den Produktionsvorgängen führte zugleich zur Entfremdung von den produzierten Gütern. Die Massenproduktion hat erst den Massenkonsum mit seinem enormen Ressourcenverbrauch und der Wegwerfmentalität ermöglicht. Dinge, zu denen wir eine persönliche Beziehung haben, sind selten geworden. Sie werden weggeworfen, ehe wir uns mit ihnen befreunden konnten, wie der Soziologe Hartmut Rosa meint. Der Prozess der ungebremsten „Kolonialisierung der Natur“ (Marina Fischer-Kowalski) durch Massenproduktion und Massenkonsum ist nicht zu Ende, auch wenn mit dem Auftauchen der „Grenzen des Wachstums“ sowie des Leitbildes der „Nachhaltigkeit“ zumindest mental ein Paradigmenwechsel begonnen hat.

Die weitere Automatisierung durch Roboter und Mikroelektronik führt zu menschenleeren Fabrikhallen, der klassische Fabrikarbeiter wird ersetzt durch den Ingenieur, der Computer bedient bzw. überwacht. Während die Ausweitung des Dienstleistungssektors durch die maschinelle Fertigung den Übergang von Fabrikarbeitern in den Dienstleistungsbereich ermöglichte (dies umschrieb der Begriff „Dienstleistungsgesellschaft“), so erfasst die gegenwärtige Rationalisierungswelle auch viele Branchen des tertiären Sektors. Die Rationalisierungspotenziale sind hier noch lange nicht ausgeschöpft. Vollbeschäftigung im alten Gewand der 40-Stundenvollzeitbeschäftigung wird es daher mit Sicherheit in Zukunft nicht mehr geben. Der Arbeitsmarkt verengt sich immer mehr auf Tätigkeiten, die hohe Qualifikationen erfordern. Die Spaltung der Gesellschaft in jene, die vom Arbeitsmarkt nachgefragt werden, und jene, die nicht mehr gebraucht werden, ist vorprogrammiert. Selbstverständlich wird es „Zukunftsbranchen“ geben: Neben Informatiker/innen zählt Pflegepersonal bereits heute zu den „Mangelberufen“. 260.000 Menschen sind derzeit in Österreich im Gesundheits- und Sozialsektor beschäftigt. Ihre Anzahl wird sicher weiter steigen: Aufgrund der demografischen Verschiebungen rechnet man mit einer Verdoppelung der pflegebedürftigen Menschen bis 2050. Und dennoch ist davon auszugehen, dass das Erwerbsarbeitsvolumen (Nettoarbeitsplatzzunahme) nicht mehr steigt.

Zukunftsnotwendigkeit Arbeitszeitverkürzung

Wo könnten Auswege liegen? Oder anders formuliert: Lassen sich die Krisen zu Chancen wenden? Der Ansatz liegt meines Erachtens in einem erweiterten Arbeitsbegriff, der alle menschlichen Tätigkeiten umfasst, nicht nur die Lohnarbeit, sowie in einer neuen Arbeitszeitpolitik, die gewährleistet, dass die verbleibende Erwerbsarbeit auf alle Erwerbsfähigen aufgeteilt wird. Dies erfordert zum einen Arbeitszeitverkürzungen, zum anderen nicht nur den neuen Erfordernissen angepasste, sondern auch breiter gestreute Qualifikationen, um die Arbeit eben auf mehr Schultern verteilen zu können.

Die Chancen auf diese Transformation stehen so schlecht nicht. Es mehren sich die Studien und damit auch die kritischen Stimmen, die der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu, der Stress unter den Belegschaften steigt. Krankenstände aufgrund psychischer Probleme haben mittlerweile jenen aufgrund körperlicher Beschwerden den Rang abgelaufen. Zudem wird für immer mehr Menschen Zeit zum eigentlichen knappen Gut. Dies gilt insbesondere für die sogenannte „rush hour“ des Lebens, also jener Phase, in der die Berufstätigkeit (nun) beider Elternteile mit der Familiengründung zusammenfällt. Abhilfe schaffen können nur großzügigere Karenzmodelle, die Beruf und Familie gut vereinen lassen: Etwa durch ein Splitting von Elternzeit und Berufstätigkeit – im Sinne von Teil(zeit)-Karenz, was etwa in Deutschland bereits möglich ist, sowie durch eine generelle Entzerrung der Arbeitszeiten – Voll-Arbeiten in der Phase vor der Familiengründung, Kürzer-Arbeiten während der Familienphase, bis die Kinder erwachsen sind, und dann durchaus Länger-Arbeiten in der Spätphase des Lebens. Ein höheres Pensionsantrittsalter sollte bei entsprechenden Rahmenbedingungen kein Tabu sein.

Was spricht noch für eine neue Sicht auf Arbeit? Neben den Sorgetätigkeiten kommt bei der alleinigen Fokussierung des Lebens auf die Erwerbsarbeit auch das ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagement unter die Räder – eben weil niemand mehr Zeit dafür hat. Das wird volkswirtschaftlich teuer und es verarmen die Gesellschaften sozial, wenn alle Tätigkeiten monetarisiert werden müssen.

Integrationsfaktor Erwerbsarbeit

Erwerbsarbeit bleibt in einer arbeitsteiligen Gesellschaft freilich die Eintrittskarte in die Gesellschaft. Dass alle Bürger und Bürgerinnen für sich und ihre Familien selber sorgen können und – durch Steuern – auch zum Gemeinwohl beitragen, macht durchaus Sinn und gehört zur Würde des Menschen. In einer Gesellschaft, in der vornehmlich Erwerbsarbeit die materielle Absicherung garantiert und auch die zentrale identitätsstiftende Institution darstellt, ist Arbeitslosigkeit daher nicht nur ein finanzielles Problem (verringertes Einkommen), sondern auch ein soziales (verringerte Anerkennung). Vollbeschäftigung soll demnach auch aus sozialhygienischen Gründen weiterhin als erstrebenswertes Ziel gelten, auch wenn die Vollbeschäftigung der Zukunft durchaus mit weniger Erwerbs­arbeit zusammengehen wird müssen. Und entscheidend ist die Qualität der Arbeit.

Als ›Gute Arbeit‹ wird jene Arbeit bezeichnet, von deren Einkommen man gut leben kann und deren Entlohnung als gerecht empfunden wird. Zu ›Guter Arbeit‹ gehört aber auch, dass diese abwechslungsreiche Tätigkeiten bietet, die weder unter- noch überfordern und deren Inhalte und Ergebnisse als sinnvoll erfahren werden. Es geht also zunächst um eine faire Einkommensverteilung. Wenn Spitzenmanager (einige davon werden auch Frauen sein) das 3-500-fache eines normalen Angestellten verdienen, dann kann dies weder leistungsgerecht noch fair sein. Laut Berechnungen müsste beispielsweise eine Krankenschwester mit einem durchschnittlichen Ge­halt über 400 Jahre arbeiten, um das Jahressalär eines Vorstands der Deutschen Bank zu verdienen. Das wirkt in der Tat demotivierend – für die Krankenschwester. Zudem muss Arbeit so ausgerichtet sein, dass jeder Mensch darin Sinn findet. Arbeit, die krank macht, sollen und können wir uns nicht leisten.

Zukunftsperspektive „Tätigkeitsgesellschaft“

Wie bereits gesagt wurde, ist der Mensch ein tätiges Wesen. Wahrscheinlich haben Adam und Eva das Paradies verlassen, weil ihnen das Nichtstun-Müssen langweilig wurde. Doch die heutge Vergötzung der Arbeit ist zu hinterfragen. Laut Studien zur ›Stone Age-Economy‹ verbrachten Menschen in der Steinzeit täglich etwa nur zwei Stunden mit Arbeit, den Rest des Tages konnten sie sich der Geselligkeit und dem Nichtstun hingeben. Rechnet man Erwerbs- und Sorgearbeit zusammen, kommen wir heute wohl gut auf einen 10-12-Stundentag.

Um nicht missverstanden zu werden: Erwerbsarbeit ist ein wichtiger Teil unseres Lebens und trägt wesentlich zur Sinnfindung und sozialen Integration bei. Der Begriff ›Work-Life-Balance‹ ist daher irreführend. Es geht nicht um Arbeit hier und Leben dort, sondern Arbeit ist ein Wesensbestandteil des Lebens. Wenn schon, dann müssten wir mit dem österreichischen Kabarettisten Bernhard Ludwig von ›Work-Love-Ba­lan­ce‹ sprechen, also einer Balance zwischen Tätig-Sein und Zeit für Liebe, für Beziehungen. Wir müssen jedoch noch einen Schritt weitergehen. Das Ziel liegt darin, dass wir uns als sinnvoll in unserem gesamten Tun erfahren können. Tätigkeitswohlstand bedeutet demnach zum einen eine an­sprechende und gut zu bewältigende Erwerbsarbeit, zum anderen aber auch die Zeit zu haben für die vielen weiteren, notwendigen und erfüllenden Tätigkeiten: Sorge um Kinder oder ältere Menschen, Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe, Engagement in einer sozialen oder politischen Initiative. Denkbar werden in einer breiter definierten Tätigkeitsgesellschaft neue Erfahrungen wie die Mitwirkung an einem Gemeinschaftsgarten in der Wohnsiedlung oder in Projekten freiwilligen Engagements.

Dabei sind solche ehrenamtlichen Tätigkeiten ja gar nicht neu; sie werden in der herrschenden Ökonomie nur nicht wahrgenommen. Diese geht von drei Wirtschaftssektoren aus – dem Primärsektor (Land- und Forstwirtschaft), dem Sekundärsektor (Industrie und produzierendes Gewerbe) und Tertiärsektor (Dienstleistungen) – und erfasst nur, was gegen Geld geleistet wird.

Ein alternatives, von der österreichischen Ökonomin Luise Gubitzer entwickeltes Sektorenmodell unterscheidet hingegen fünf Wirtschaftsbereiche: den Marktsektor, den Gemeinwohlsektor, den staatlichen Sektor sowie den Eigenwirtschaftssektor und –  nicht zuletzt –  den illegalen Wirtschaftssektor.

Während der illegale Wirtschaftssektor zurückzudrängen sei, müsse der Eigenwirtschaftssektors in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen einbezogen werden, fordert Gubitzer. So wird durch ehrenamtliches Engagement allein in Österreich Arbeit im Ausmaß von 400.000 Vollzeiterwerbstätigen verrichtet. Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens argumentieren nicht nur mit der Verknappung der Erwerbsarbeit, sondern eben auch damit, dass es genügend Arbeit jenseits der Erwerbsarbeit gibt.

Halbtags- oder Dreizeit-Gesellschaft

Ein ganzheitliches Verständnis von Arbeit sowie eine Neuverteilung der Erwerbsarbeit würden dem Argument für Wirtschaftswachstum, nämlich permanent Arbeitsplätze schaffen zu müssen, den Wind aus den Segeln nehmen. Die Arbeitszeitmodelle der Zukunft reichen von der 30-Stundenwoche als neue Durchschnittsnorm über eine ›Dreizeit-Gesellschaft‹, die in bewusster Absetzung von der Freizeitgesellschaft aus je einem Drittel Erwerbsarbeit, Eigenarbeit und Muße besteht, bis hin zu einer ›Halbtagsgesellschaft‹, in der zukünftig Erwerbsarbeit auf die Hälfte reduziert würde, dafür andere Tätigkeitsbereiche an Gewicht gewinnen – ein Modell, das von deutschen Statistikern um Carsten Stahmer durchgerechnet wurde. Die Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug spricht von der ›Vier-in-einem-Perspektive‹. Sie schlägt als Ziel für Männer und Frauen je ein Viertel Erwerbsarbeit, Eigen- bzw. Reproduktionsarbeit, Zeit für kulturelle Entwicklung (Bildung, Reisen) sowie politisches Engagement vor.

Der deutsche Postwachstumsökonom Niko Paech plädiert für ein 20:20- Zukunftsmodell. Zwanzig Wochenstunden Erwerbsarbeit würden ergänzt durch zwanzig Wochenstunden Eigenarbeit – Nachbarschaftshilfe, Reparieren, Arbeit in Tauschkreisen usw. Christine Ax und Fritz Hinterberger schlagen in ihrer Studie ›Wachstumswahn‹ ebenfalls die Orientierung auf eine 20-Stundenwoche für die Zukunft vor, flankiert von einer besseren Einkommensverteilung. Ökologische Erfordernisse würden sich mit neuen kulturellen Chancen treffen – der Verlust manueller Tätigkeiten in der Erwerbsarbeitswelt könnte durch Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe kompensiert werden. Der Freizeit-Trend zum „Selbermachen“ verweist auf die Sehnsucht nach haptischer Tätigkeit. In Einrichtungen wie dem Haus der Eigenarbeit in München oder der Offenen Kreativwerkstatt Salzburg können Menschen gemeinschaftlich Werkstätten nutzen. In Reparaturnetzwerken und Repair-Cafes werden schadhafte Geräte wieder flott gemacht.

Vielleicht denken Sie, dass solche Modelle einer Tätigkeitsgesellschaft zwar schön klingen, in der Realität aber schwer umsetzbar sind. Doch ohne Zukunftsbilder, die auch Visionäres enthalten, fehlt uns die Kraft, an der anderen Zukunft zu bauen. In den Worten von Frigga Haug: „Ohne Vorstellung, wie eine andere Gesellschaft sein könnte, lässt sich schwer Politik machen.“

Wir brauchen neue Bilder vom guten Leben

Angesichts von Terror und Krieg mag es irritierend wirken, über das gute Leben nachzudenken. Und doch gibt es Zusammenhänge. Der Aufbau sozialer Marktwirtschaften in Europa nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs hat nicht nur unseren materiellen Wohlstand erhöht, sondern auch zum Aufbau sozialer Sicherungssysteme und zur Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten geführt. All dies trug dazu bei, unsere Demokratien zu stabilisieren. Was als Wirtschaftswunder in die Lehrbücher eingegangen ist, kann durchaus als Zukunftsmodell auch für andere Regionen dienen, in denen heute Krieg und Gewalt herrschen. Leidvolle Erfahrungen, die Europa ja keineswegs fremd sind, blickt man die Jahrhunderte zurück.

Doch dieses Erfolgsmodell hat Schattenseiten und es zeigt Risse. Unser Konsumstil ist ökologisch desaströs und nicht nachhaltig. Trotz Effizienzversprechen der Green Economy weisen alle Ressourcen- und Emissionstrends weiter nach oben. Das Wirtschaftssystem wirkt ausschließend – zwei Drittel der Menschheit sind noch immer von den Segnungen unseres Wohlstands ausgeschlossen. Wir betreiben eine Ökonomie für die bereits Satten. Die Herausforderung besteht jedoch darin, eine Wirtschaft für die Hungernden, also jene die den größten Bedarf haben, nicht jene mit der größten Kaufkraft, zu etablieren. Drittens zeigt das Wohlstandsversprechen auch bei uns immer mehr Risse. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander. Immer mehr Menschen leiden unter Stress. Zeit und Aufmerksamkeit werden zum neuen knappen Gut. „Der Mensch ist die Krone der Erschöpfung“ – so ein sinniger Plakatspruch. Die einen leiden an Überarbeitung, die anderen daran, nicht mehr gebraucht zu werden.

Es mag paradox erscheinen: Doch Gutes hört auf gut zu sein, wenn man zu viel davon will und nie genug kriegen kann. Wirtschaftswachstum war in den Aufbaujahrzehnten sinnvoll. In gesättigten Ökonomien wird es kontraproduktiv bzw. braucht es eine andere Richtung. Die Ausweitung der Konsummöglichkeiten hat unser Leben bereichert, doch die moderne Warenwelt sowie die täglich auf uns einprasselnden Freizeitofferte verstopfen den Lebensalltag – sowie dies die Autos mit unseren Städten tun. Die Anhäufung von Geld bei den Reichen hat Suchtcharakter; längst geht es nicht mehr um die Ermöglichung eines guten Lebens. Zugleich verhungern Menschen. Es wird Menschen Gewalt angetan, ohne dass dabei Sprengköpfe gezündet werden. Das Hinnehmen des täglichen Sterbens aufgrund vorenthaltener Hilfe ist nicht weniger pervers als das abscheuliche Vorgehen der selbsternannten Gotteskrieger und Selbstmordattentäter.

Das gute Leben leidet aber auch in Wohlstandszonen selbst. Die Mittel für öffentliche Leistungen sind knapp, die öffentlichen Schulden nehmen rasant zu. Während die Yachten der einen immer länger und die Glastürme der internationalen Finanzzentren immer höher werden, fehlen unseren Schulen die Ressourcen, um guten Unterricht möglich zu machen, etwa in kleineren Klassen oder durch Team-Teaching. Und die Ressentiments nehmen zu, wie der sich ausbreitende Rechtspopulismus in ganz Europa zeigt. Kollektives Teilen fällt schwer angesichts der allgemeinen Krisenstimmung, in der Gelassenheit verdächtig wirkt und „Wir schaffen das“ als Drohung wahrgenommen wird. Wirtschaft muss wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

Innehalten und Aussteigen aus dem Hamsterrad ist angesagt – persönlich wie auf gesellschaftlich-politischer Ebene. Wir brauchen neue Bilder von einem guten Leben und einer Gesellschaft des Zusammenhalts. Lebensqualität und eine faire Verteilung des Erwirtschafteten stehen dabei im Mittelpunkt und nicht das Streben nach mehr Wachstum.

Dabei geht es um eine „Kultur der Inklusion“, eine „Kultur der Nähe“ sowie eine „Kultur des Genug“. Wir leben ökologisch über unsere Verhältnisse, sozial und kulturell aber weit unter unseren Möglichkeiten.