Krisenzeiten sind Umbruchszeiten – Lernen aus der Krise

Was wird nach Corona anders sein? Diese Frage wird nun mehrfach gestellt. Krisenzeiten sind immer Umbruchszeiten und damit lehrreich. Sie können zu Lernzeiten werden, wenn Gesellschaften offen bleiben für Veränderung. Zu wünschen ist selbstverständlich als erstes, dass bald wirksame Medikamente für die schwer Erkrankten gefunden werden und in der Folge auch Impfstoffe, auch wenn sich Viren jedes Jahr verändern und ähnliche Krisen für die Zukunft nicht ausgeschlossen sind. Möglich ist nur, gut vorbereitet zu sein. Derzeit geht es darum, Hochrisikogruppen zu schützen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Etwa dass die Zahl der Neuinfizierten unter jene der wieder Genesenen sinkt. Letztere sind dann ja immun.

Wie es nach Überstehen der Pandemie aussehen wird, lässt sich schwer sagen. Die verordneten Maßnahmen zeigen, dass wir, wenn es nötig ist, durchaus zu Einschränkungen in der Lage sind. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hält sich daran. Und es gibt viele Beispiele des gelebten Zusammenhalts: Jüngere kaufen für ältere Menschen ein, es bilden sich Nachbarschaftsnetzwerke, Hilfsorganisationen kümmern sich um jene, die keine Angehörigen haben. Doch man darf bei all dieser Hilfsbereitschaft nicht übersehen: Die einschränkenden Maßnahmen treffen sozial Schwächere sicher stärker und Homeoffice ist nicht für alle möglich.

Unterstützungsmaßnahmen für ökologischen Strukturwandel nutzen

Das andere sind die noch nicht zur Gänze abschätzbaren wirtschaftlichen Folgen. In unseren Dienstleistungsgesellschaften lebt mittlerweile ein großer Teil von Unternehmen von Face to Face-Tätigkeiten, von Beratungsleistungen, Services, Kultur-, Bildungs- und Freizeitangeboten. Gerade in Österreich spielt der Tourismus eine wesentliche Rolle: dieser ist zu hundert Prozent eingebrochen.

Für die Abwendung einer länger anhaltenden Rezession gibt es verschiedene Vorschläge, neben den bisher beschlossenen Stützungspaketen etwa einen Europäischen Transformationsfond. Dieser soll die Umsetzung der nicht weniger dringend gewordenen Klimaschutzmaßnahmen garantieren und damit zugleich Investitionsanreize setzen. Um die öffentliche Verschuldung nicht ins Unermessliche zu treiben, müssen die Vermögenden wohl stärker zur Finanzierung herangezogen werden – sowie für alle leistbare Mieten auch nach der Corona-Krise wichtig sein werden.

Fatal wäre, wenn die Krise nicht zu einem wirtschaftlichen Umdenken führen würde: Es müssen keine Millionen an Dividenden für Aktionäre ausgeschüttet werden. Es geht auch bescheidener. Nicht sinnvoll wäre, Branchen, die aufgrund des Klimawandels ohnedies schrumpfen müssen wie der Flugverkehr oder der Automobilitätssektor, zur Gänze zu „retten“. Die Stützungsmaßnahmen müssen für den Strukturwandel genutzt werden. Was Mobilität anbelangt, machen wir derzeit neue Lernerfahrungen mit digitaler Kommunikation, die viele physische Wege ersetzen kann.

Den sogenannten systemerhaltenden Tätigkeiten im Gesundheitsbereich, in der Lebensmittelversorgung, der Betreuung anderer Menschen wird derzeit zu Recht applaudiert. Es ist zu hoffen, dass diese noch immer mehrheitlich von Frauen ausgeführten Leistungen auch nach Überwindung der Krise mehr Anerkennung erhalten, durch bessere Bezahlung, denn vom Applaus lässt sich die Miete nicht berappen.

Neue Prioritäten setzen – krisenfeste Gesellschaften

In einer solchen Krise rattert wohl bei jedem im Kopf eine Liste ab, was wirklich wichtig im Leben ist: Gesundheit, Familie, Freunde, eine gesicherte Existenz. Mir kamen Nachrichten wie „Formel 1-Saison muss verschoben werden“ oder „Deutsche Bundesliga ausgesetzt“ auf einmal völlig absurd vor. Manche sagen, das Innehalten, die Auszeit, die Entschleunigung, das Überdenken unserer Prioritäten tue uns gut. Das hat freilich etwas Zynisches, wenn es um die Eindämmung einer Pandemie, letztlich auch um die Rettung von Menschenleben geht. Und die Auszeit darf man nicht romantisieren, Homeoffice mit Kindern am Schoss ist sicher nicht gemütlich. Arbeitslos zu werden auch nicht. Das Überdenken unserer Prioritäten tut angesichts unserer Stressgesellschaft mit ihrer Innen- und Umweltzerstörung auch ohne Coronavirus not.

Eine positive Erfahrung der Krise könnte sein, dass wir durchaus mit weniger Erwerbsarbeit das Auslangen finden könnten, eine faire Verteilung des Erwirtschafteten vorausgesetzt – und dass eine Art Grundeinkommen – als „Kriseneinkommen“ – einmal durchaus Sinn machen könnte. Aufrufe gerade jetzt bei lokalen Produzenten und Händlern zu kaufen und kreative Liederservices könnten einer neuen „Ökonomie der Verbundenheit“ Auftrieb geben, die Wiederaufwertung des Nahfelds, der Familie, der Nachbarschaften im Wohnbereich, im Stadtteil eine bleibende Erfahrung sein. Der Trend zum Selbermachen – vom Kochen über das Garteln, das ja nach der Krise durchaus gemeinschaftlich geht, bis hin zum Reparieren alter Dinge könnten sich weiter verstärken.

Am Nachhaltigsten wird wohl aber im Bewusstsein bleiben, was krisenfeste Gesellschaften ausmacht – das reicht von intakten Sozialnetzen über funktionierende Versorgungsinfrastrukturen bis hin zu einem qualitativ und quantitativ gut ausgebauten öffentlichen Gesundheitssystem. Mehr Resilienz wird in einer Welt der globalen Güterketten generell wichtiger, sie zählt aber besonders im Bereich Medikamente, Schutzausrichtungen u. ä., wie wir jetzt sehen.

Was lernen wir aus der Coronavirus-Krise?

Wir lernen, dass es Bedrohungen gibt, für die wir aktuell noch kein Gegenmittel haben, das ist eine neue Ohnmachtserfahrung, eine Erfahrung jedoch, die viele Menschen in benachteiligten Weltregionen seit vielen Jahren Tag für Tag machen. Wir lernen, dass durchaus gemeinschaftliche und gesellschaftliche Ressourcen mobilisiert werden können, wenn Bedrohungen im Raum stehen. Eine Erfahrung, die wir etwa auf die drohende Klimakrise, deren Peak noch lange nicht überschritten ist, übertragen sollen. Wir lernen, das Shoppen nicht das Wichtigste ist und dass soziale Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich wichtige Säulen funktionierender demokratischer Gesellschaften sind.

Hinsichtlich eines bewussten Lebensstils mit gesunder Ernährung, ausreichend Bewegung und sozialen Kontakten hat sich in den letzten Jahren viel getan, auch wenn es Luft nach oben gibt. Die Coronavirus-Krise macht uns bewusst, wie wichtig und wertvoll ein funktionierendes und für alle zugängliches Gesundheitssystem ist. Abzuwehren ist jede Art von Zwei-Klassen-Medizin bzw. die Privatisierung von Gesundheitsdienstleistungen.

Immer öfter hört man die Aussage „Nichts mehr wird danach noch so sein wie früher“. Das klingt dramatisch. Vieles wird so sein wie früher, vieles wird anders sein. Die Schärfung des Bewusstseins dafür, was wirklich zählt im Leben, wird – so ist zu hoffen – durchaus länger anhalten. Und was die wirtschaftliche und damit auch die soziale Krise betrifft, hängt vieles davon ab, wie lange die Notmaßnahmen aufrecht sein werden – ein, zwei, drei Monate oder noch länger. Je länger, umso stärker natürlich die Einbrüche. In jedem Fall müssen – ich betone es noch nachmals – die Unterstützungsmaßnahmen sozial und ökologisch treffsicher sein. Denn die Klimakrise bleibt uns erhalten und schlägt irgendwann auch stärker zu, wenn alles wieder so wird, wie es vorher war. Und wir müssen uns auch wieder anderer Krisen wie jener der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen erinnern. Krisen bergen immer auch die Gefahr der Regression von Gesellschaften und des Anwachsens autoritärer Tendenzen. Auch davor müssen wir auf der Hut sein.

Die mittelalterliche Pestseuche hat den Glauben an den gütigen Gott erschüttert – und damit ein ganzes Herrschaftssystem. Die Aufklärung bahnte sich ihren Weg. Wir hoffen zu Recht auf neue Medikamente, um dem Coronavirus Herr zu werden. Aber vielleicht erschüttert die Pandemie etwas unseren blinden Glauben an Fortschritt und Machbarkeit. In Zukunftswerkstätten entwerfen wir neue „Zukünfte“ eines anderen Wirtschaftens und Lebens. Utopien bedeuten nicht „So wird es sein“, sondern „So könnte es werden?“. Vielleicht wird einmal eine Welt vorstellbar, in der zwar Wissen und Knowhow global geteilt, aber wieder viel stärker vor Ort produziert wird – unter zu Hilfenahme von High Tech und der Rückführung von Rohstoffen in Wirtschaftskreisläufe. Das wäre nicht die Abschaffung von Marktwirtschaften, im Gegenteil, wir hätten wieder mehr davon, aber wohl der Abschied vom Kapitalismus. Finanztrader müssten sich um neue Jobs umsehen.

Hans Holzinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsragen in Salzburg. Zuletzt erschienen sind seine Bücher „Von nichts zu viel, für alle genug“ und „Wie wirtschaften?“. Kontakt: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org

 

 

Konsumgesellschaft im Krisenmodus

Fluglinien werden gestrichen, Restaurants und Bars geschlossen, der Tourismus sackt ein, die Börsenkurse purzeln, das öffentliche Leben wird auf das Nötigste eingeschränkt. Das Corona-Virus führt uns vor Augen, was es bedeutet, wenn die Konsumgesellschaft in den Krisenmodus fällt. Plötzlich geht es darum, die Grundbedürfnisse sicher zu stellen, genügend Lebensmittelvorrat zu Hause zu haben, die Behandlung der Erkrankten zu gewährleisten, öffentliche Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen aufrechtzuerhalten. Weiterhin geöffnete Lebensmittelmärkte, ausreichende und gut arbeitende Gesundheitsdienste, intakte Betreuungseinrichtungen sowie Mobilitätsangebote, funktionierende Medien und entscheidungsfähige politische Strukturen treten in den Mittelpunkt.  Schlagzeilen wie „Formel-1-Saisonauftakt derzeit völlig ungewiss“ oder „Abpfiff auch für die deutsche Bundesliga“ erscheinen plötzlich absurd. Sie halten uns den Spiegel vor, in dem sie uns zeigen, was uns alles wichtig war (ist) in der erlebnishungrigen Multioptionsgesellschaft. Wir fragen uns, welche Tätigkeiten und Berufe nun wirklich wichtig sind. Wer braucht noch Werbegrafiker oder Yogalehrerinnen, wenn es darum geht wieder die Grundbedürfnisse zu organisieren und zu befriedigen. Oder Popstars, Modezaren und andere Entertainer?  Shopping-Center und Kreuzfahrtschiffe? Eine wohltuende Katharsis, eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, könnte man denken.

Diese Argumentation wäre freilich zynisch: immerhin geht es um Menschenleben. Doch sie ist auch zu einfach. Wenn Schulen und Kindergärten schließen, fragen sich Eltern, insbesondere Alleinerziehende, wie sie die Betreuung ihrer Kleinen hinkriegen sollen. Wenn Unternehmen von einem Tag auf den anderen mit dem Einbruch ihrer Umsätze konfrontiert werden, müssen sie bangen, wie sie ihre Ausgaben finanzieren können. Und die Belegschaften, ob sie ihre Löhne weiter erhalten. Der Krisenmodus greift vom Virus, der sich gegen uns Menschen richtet, auf das komplexe Wirtschaftssystem über. Im Unterschied zur einfachen Versorgungswirtschaft, die auf Grundbedürfnisse abstellt, werden in der heutigen Konsumgesellschaft zu einem großen Teil Bedürfnisse befriedigt, die über den Grundbedarf hinausgehen. Und ein großer Teil der Erwerbstätigen lebt von der Befriedigung eben dieser Bedürfnisse – Shoppen, Essen gehen, Reisen, sich unterhalten, sich fortbilden, sich beraten lassen. Die Grundversorgung mit Wasser, Strom und Energie nehmen wir ohnedies als selbstverständlich an. Auch die Gütermärkte funktionieren längst nicht mehr nach dem Prinzip des Bedarfs, sondern nach jenem der Bedürfnisgenerierung – nach neuen Klamotten, weil die alten aus der Mode sind, neuen Handys oder Tablets, weil diese noch mehr können, einem neuen Auto, weil es gerade auf den Markt gekommen ist. Wenn das alles auf einmal nicht mehr zählt, weil die Menschen andere Sorgen haben?

Wird eine Gesellschaft auf ihre Grundbedürfnisse zurückgeworfen und ist sie gefordert, öffentliche Räume so weit wie möglich zu meiden, gerät die Wirtschaft in die Krise. Der Tourismus, der weltweit mittlerweile gut zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, bricht ein, mit ihm die Flugbranche, die Einreiseverbote ebenso spürt wie die Hotellerie, Restaurants und Gasthäuser. Theater, Kinos und Sportveranstalter rutschen rasch ins Minus, während Apotheken die Nachfrage nach Schutzutensilien nicht mehr befriedigen können. Aber auch die Produktion von Gütern stockt, wenn Menschen nicht mehr an ihre Arbeitsplätze können oder aus Vorsicht nicht mehr wollen – wie etwa die Arbeiter*innen von Fiat in Norditalien, die ein „Viruseinkommen“ fordern. Sehr verständlich in dieser ernsten Lage. Eine neue Version des Grundeinkommens – ein Kriseneinkommen! Doch für alle wird dies nicht möglich sein. Und jene, die zur Aufrechterhaltung der Grundversorgung nötig sind – ihnen gilt in der aktuellen Lage großer Dank, dürfen gar nicht der Arbeit fernbleiben.

Die Krise erfasst die ganze Wirtschaft

Der Staat muss nicht nur die Versorgung der Kranken und die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens gewährleisten, sondern auch die Krisenbranchen stützen. Fluggesellschaften waren die ersten, die um Unterstützung wegen Kurzarbeit ihrer Belegschaften angefragt haben. Tourismus, Gastronomie und Kulturbetriebe werden folgen. Wenn die Nachfrage einbricht oder Belegschaften nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können – die Potenziale für Home-Office sind begrenzt – dann folgen viele weitere Branchen. Die ersten Kündigungen sind bereits ausgesprochen, die Arbeitslosenzahlen werden steigen. Das Purzeln der Börsenkurse trifft zunächst einmal die Aktionäre, also in der Regel die Vermögenderen, aber auch Pensions- und Versicherungsfonds sind betroffen. Und die Krise von Konzernen schlägt auf die Wirtschaft insgesamt zurück. Das weitere Drehen an der Staatsschuldenschraube ist vorprogrammiert. Neben der Abhängigkeit von einander in hochgradig arbeitsteiligen Wirtschaften – der Ökonom Niko Paech spricht vom „Fremdversorgungssyndrom“ – geht es um die aus Wirtschaftskrisen bekannte Abwärtsspirale: sinkende Einkommen führen zu sinkender Kaufkraft, diese zu weniger Konsum, was zur Drosselung der Produktion und zum Sinken weiterer Einkommen führt. Der Koch und die Kellnerin, die ihre Arbeit verlieren, kaufen weniger, ebenso der Musiker, der keine Auftritte hat, oder die Yogalehrerin, deren Kunden fern bleiben. Und selbstredend lässt eine derartige Krise soziale Ungleichheiten noch stärker hervortreten: wer Rücklagen hat tut sich leichter, und wer ein Landhaus hat, zieht sich auf dieses zurück.

Fragilität unserer global vernetzten Welt

Epidemien wie das Corona-Virus machen uns die Fragilität unserer global vernetzten Welt bewusst. Und auch, dass wir alle voneinander abhängig sind. Aufgrund der aufgespreizten Versorgungsketten, aber auch, weil wir nun darauf angewiesen sind, dass sich alle an die Vorbeugemaßnahmen halten, die nötig sind, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Und plötzlich wird uns bewusst, dass der Großteil unserer Medikamente mittlerweile aus China und Indien stammt.

Nach der Bankenkrise kursierte der Spruch „Wäre der Planet eine Bank, dann würde er schon gerettet worden sein“. Auch nun werden wieder Parallelen zur Klima- und Ökologiekrise gezogen. Ist das zu weit hergeholt oder hinkt der Vergleich? Ich denke, es gibt Unterschiede und Parallelen zugleich. Bei Corona sind wir mit einem Virus konfrontiert, das sich – derzeit noch – mit exponentieller Geschwindigkeit ausbreitet, gegen das es aber noch kein wirksames Medikament gibt. Das heißt die Bedrohung nimmt rasch zu und kann insbesondere für Risikogruppen, ältere Menschen, Personen mit geschwächtem Immunsystem sehr schnell tödlich sein. Die steigenden Todeszahlen bestätigen es.

Klimawandel als schleichende Krise, die sich schnell zuspitzen kann

Die Zerstörung der Ökosysteme gilt als schleichende Krise, auch wenn sie in vielen Regionen bereits akute Realität ist: Dürre, Wasserarmut, degradierte Böden, unfruchtbare Landschaften. Und auch unsere Bauern und Forstwirte spüren die sich häufenden Ernteausfälle bereits handfest. Mögliche Kipppunkte wie das beschleunigte Schmelzen von Polareis, das Auftauen der Permafrostböden oder die Störung von Meeresströmungen sind Teil der Szenarien der Klimaforschung und würden die Aufheizung des Planeten rasch beschleunigen. Und die Zeit ist in der Tat knapp: Um die 1,5-Grad-Grenze nicht zu überschreiten, dürfen wir noch ungefähr 420 Gigatonnen Kohlendioxid ausstoßen. Dieses Kontingent ist in acht Jahren ausgeschöpft, wenn wir nicht rasch umsteuern. Das heißt, die Zeit drängt auch hier. Eine Abkehr vom Gewohnten, ja in Vielem auch eine Auszeit oder ein Unterlassen – mit staatlichen Ge- und Verboten wie im Falle der Corona-Epidemie wäre durchaus gefordert. Und auch ein gemeinsames Problem- und Verantwortungsbewusstsein.

Es ist zu wünschen, dass durch koordinierte Maßnahmen und gemeinsame Verantwortung die Ausbreitung des Corona-Virus wirksam gebremst und bald ein Impfstoff dagegen gefunden wird. Zu wünschen ist aber auch, dass diese gemeinsame Verantwortung auch gegenüber anderen Krisen wahrgenommen und ein „Impfstoff“ gefunden wird, der einen Ausstieg aus den wachstumsfixierten umweltzerstörerischen und zudem andere Menschen ausbeutenden Konsumwirtschaften heutiger Ausprägung bewirkt. Die Corona-Krise kann uns lehren, dass „immer billiger, immer mehr und immer schneller“ in die Irre führt, der Wachstumsimperativ gefährlich werden kann, vordergründige Effizienz durch Resilienz und Vielfalt zu ersetzen ist. Nutzen wir die verordnete Auszeit und das Herunterfahren all unserer Aktivitäten zum Innehalten und zum Fragen, was wirklich zählt im Leben und wie es möglich wäre, eine Wirtschaft zu gestalten, die sich vom Wachstumszwang befreit und in der Tat wieder mehr den Grundbedürfnissen zuwendet. Denn sonst bleiben alle Beteuerungen für Nachhaltigkeit Makulatur. Eines zeigt die Corona-Virus-Krise: die öffentliche Hand kann durchaus Ressourcen mobilisieren, mit Maßnahmen, die rasch greifen. Diese sind auch für die Umweltkrisen zu wünschen.

Hans Holzinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Zuletzt erschienen sind seine Bücher „Von nichts zu viel, für alle genug“ und „Wie wirtschaften?“. Kontakt: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org

Klima schützen – aber wie?

Impuls von Mag. Hans Holzinger bei der Präsentation des Klimakoffers der Öffentlichen Bibliotheken Salzburgs in Radstadt am 2. März 2020 gemeinsam mit Anika Dafert von Fridays for Future (links im Foto) und Landesrätin Andrea Klambauer (Fotomitte). [Überarbeiteter Text]

Danke für Einladung. Der mir gestellten Frage, was jede und jeder Einzelne zum Klimaschutz beitragen kann, möchte ich mich auf einem Umweg nähern. Denn die Herausforderung ist komplex und die Dinge liegen nicht so einfach, wie wir uns das oft gerne wünschen.

Wir leben in einem historisch einmaligen Wohlstand. Wir können uns vieles leisten, sind mobil und viel unterwegs. Zu den Errungenschaften dieses „Wirtschaftswunders“ zählen auch Demokratie, ausgeweitete Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitseinrichtungen, kulturelle Angebote u.a.m. Das Lebensalter hat sich innerhalb eines Jahrhunderts verdoppelt. Und der Trend nimmt weiter zu. Wir leben länger und wir konsumieren länger. Sie können einwenden, dass diese Errungenschaften nicht für alle gleich gelten. Das stimmt, der Fahrstuhl fährt für manche nicht mehr weiter nach oben und für manche wird er sogar zur Strickleiter. Aber in globaler wie historischer Perspektive geht es uns sehr gut.

Zugleich beschleicht uns ein ambivalentes Gefühl: Wir ahnen, so kann es nicht weitergehen. Wir wissen, dass dieser Wohlstand noch das Privileg einer Minderheit der Weltbevölkerung ist. Viele Menschen hungern oder erfrieren – wie aktuell in den Flüchtlingslagern in Nordsyrien, der Türkei oder Griechenland, darunter viele Kinder. Dies trotz des gigantischen Reichtums in der Welt.

Wir wissen auch um den Raubbau an der Natur, die Zerstörung unserer Umwelt, den Verlust von fruchtbaren Böden, der Wasserknappheit in vielen Regionen, den rapiden Artenschwund und den Eingriff ins Klimageschehen. Seit vielen Jahren warnt die Klimaforschung vor der Erwärmung des Planeten und den Folgen.

Dieses Wissen um die Widersprüche und Ambivalenzen unseres Wohlstandes erzeugt ein ungutes Gefühl und verlangt alltäglich eine große Verdrängungsleistung.

Die Sensibleren, die nicht zur Gänze verdrängen und sich mit Entertainment ablenken, setzen kleine Schritte, etwa durch Spenden an Hilfsorganisationen, um nicht ganz hilflos zu sein, denn das Drücken des Wutbutton auf Facebook bei all den Grauensmeldungen allein entlastet nicht.

Auch im Umwelt- und Klimaschutz gibt es vorbildhafte Schritte.  Manche fahren weniger mit dem Auto, steigen um auf den Öffentlichen Verkehr, andere montieren Solarzellen aufs Dach, wieder andere ernähren sich vegetarisch oder zumindest mit weniger und besserem Fleisch. Wieder andere steigen in kein Flugzeug mehr.

All das ist sinnvoll und nachvollziehbar. Aber reicht es?

Einer meiner Arbeitsschwerpunkte ist Transformationsforschung. Wir fragen danach, wann und unter welchen Bedingungen sich Gesellschaften verändern – also kollektives Lernen stattfindet – und welche Barrieren es gibt. Denn: Um zu tatsächlich nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweisen zu gelangen, reicht es nicht, wenn sich einige nachhaltiger verhalten. Alle müssen mittun! Alle Bürger und Bürgerinnen, alle Unternehmen und die Politik

Was sind Barrieren für einen tatsächlich wirksamen Wandel?

  1. Systemischer Wachstumszwang und Hyperproduktivität

Die Menschen waren früher nicht umweltbewusster, aber in der Bauern- und Handwerkergesellschaft konnte man die Natur gar nicht zerstören, weil es nicht die technologischen Möglichkeiten dazu gab. Erst die industrielle Produktionsweise ermöglicht die enormen Eingriffe in die Ökosysteme. Wir produzieren immer mehr in immer kürzerer Zeit mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft. Weltweit verlassen pro Sekunde 7 neue PCs und 2-3 neue Autos die Fließbänder – mit einem entsprechenden ökologischen Rucksack! Der weltweite Fleischkonsum hat sich in 50 Jahren vervierfacht mit der Folge, dass immer größere Ackerflächen für die Futtermittelproduktion benötigt werden. 85 Prozent des produzierten Soja und 50 Prozent des Getreides weltweit werden an Tiere verfüttert, so der „Weltagrarbericht“. Und die Weltwohlstandsbürger sind mobil. 3,7 Milliarden Flugpassagiere weltweit gab es laut Weltbank bereits im Jahr 2016, der Trend weist weiter nach oben. Das International Transport Forum rechnet mit einer Steigerung des weltweiten Passagierverkehrs bis 2050 um weitere 135 Prozent. Das Frachttransportvolumen soll gar um 230 Prozent steigen.

Wir sind hypermobil, hyperproduktiv und hyperaktiv. Letzteres führt übrigens zu immer mehr psychischen Beschwerden – Burnout und Depressionen als Kehrseite dieser Hyperaktivität sind stark im Steigen begriffen. Ich fasse zusammen: Die Weltwirtschaft ist eine gigantische Megamaschine mit fossilen Energien als zentralem Antrieb. Ein Riesentanker, der sich nicht so leicht wenden lässt.

Was wären Auswege? Zentral erscheint mir die Abkehr vom Wirtschaftswachstum in den bereits materiell wohlhabenden Ländern. Dazu gehört eine Neujustierung der Wohlfahrtsstaaten mit anderen Einnahmequellen, etwa durch die Besteuerung von Umweltverbrauch und einer übermäßigen Anhäufung von Reichtum sowie durch Unterbindung von Steuerflucht für Konzerne und Vermögende.  Wir brauchen eine Energie- und Mobilitätswende, eine Konsum-, Verteilungs- und Steuerwende, eine Stadtwende, eine Agrarwende. Die Konzepte liegen in den Schubladen und in Nischen werden sie ja bereits umgesetzt.

  1. Gefangenendilemma und gegenseitige Abhängigkeit

Unsere Gewässer konnten wir durch Umweltschutzmaßnahmen allein wieder sauber kriegen, zum Teil auch unsere Böden und Wälder regenerieren. Beim Klima müssen alle Staaten mittun, jene die dem Klima am meisten zusetzen mehr als jene, die weniger Treibhausgase verursachen. D. h. wir brauchen ein weltweit koordiniertes Vorgehen. Wir in den bereits reichen Ländern sind darauf angewiesen, dass die Länder mit „nachholender Entwicklung“ gemeinsam mit uns nach zukunftsverträglichen Wirtschafts- und Konsumweisen suchen.

Das Argument, dass wir allein nichts ausrichten können, ist dennoch gefährlich. Denn wenn sich das alle denken, kommt es zu einer fatalen Abwärtsspirale. Es braucht Vorreiter(Staaten), die zeigen, dass Alternativen machbar sind. Aber es braucht dann auch global verbindliche Vereinbarungen, woran wir bisher weitgehend scheitern. Salzburg hat im Bereich Raumwärme und Energiebereitstellung einiges erreicht. Die hier eingesparten Treibhausgase wurden jedoch durch den Verkehr überkompensiert. Das selbst gesteckte Ziel, von 2005 bis 2020 den Treibhausgas-Ausstoß um 30 Prozent zu reduzieren, wird leider weit verfehlt.

  1. Verunsicherung durch Fake News und Klimairrtümer

Die Fossilindustrie kann kein Interesse an Klimaschutz haben, denn sie ist in der Tat der Verlierer der Klimawende und hat nachgewiesener Maßen über viele Jahre die sogenannten „Klimaskeptiker“ finanziert. Aber Strukturwandel hat es in der Wirtschaft immer gegeben – und Klimaschutz hat auch Gewinnerbranchen, etwa durch die Energie- und Agrarwende.

Es gibt auch in der Bevölkerung Widerstände gegen die Klimawende. Häufig wird Klima und Wetter verwechselt – das eine zeigt die langfristigen Trends an (die sind eindeutig), das andere hängt von vielen, auch regionalspezifischen Faktoren ab. Dass wir im letzten Winter viel Schnee hatten, verleitete viele zur Meinung, dass es so schlimm nicht sein könne mit dem Klimawandel. Doch Wetteranomalien sind etwas anderes als langfristige Klimatrends. Die Erwärmung der globalen Mitteltemperatur um 1,5 Grad seit Beginn der industriellen Revolution ist ebenso eindeutig wie der Zusammenhang mit dem Ausstoß an Treibhausgasen. Weitere Irrtümer beziehen sich etwa auf die Meinung, dass sich die Klimaforschung nicht einig sei, oder dass es in der Geschichte immer Klimaveränderungen gegeben hat, was stimmt, aber immer dramatisch war. (Eine Broschüre des Österreichischen Umweltbundesamtes gibt übrigens eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Klimairrtümer).

  1. Fehlwahrnehmungen und Selbstberuhigung

Was die wirksamsten Klimamaßnahmen sind, wird häufig falsch eingeschätzt. Laut einer Umfrage der Deutschen Umweltagentur gaben die meisten, nämlich 22 Prozent, an, dass der Verzicht auf Plastiksackerl die wirksamste Klimamaßnahme sei. Diese Maßnahme kann in Bezug auf das Müllproblem sinnvoll sein, für den Klimaschutz bringt sie aber fast nichts. Die wirksamsten Maßnahmen betreffen energieeffiziente Gebäude, die Reduktion des fossil getriebenen Auto- und Flugverkehrs sowie eine fleischärmere bzw. vegetarische oder vegane Ernährung. Dabei besteht die Gefahr, dass man jene Maßnahme aussucht, die einem am leichtesten fällt und mit der man sich dann selbst beruhigt und ein gutes Gewissen verschafft. Doch wir brauchen eine Änderung in allen Bereichen: Energie, Mobilität, Ernährung, Konsum. Hilfreich sind Tools wie der Öko-Fußabdruckrechner der Plattform Footprint oder der LifeStyleCheck des Joanneum Research, die einem die Bilanz über die Summe aller Umweltspuren vermitteln, die wir mit unserem Lebensstil hinterlassen.

In der Umweltpsychologie werden zwei weitere Barrieren für Verhaltensänderungen genannt: kognitive Dissonanzen sowie psychologische Reaktanz. Zu kognitiven Dissonanzen kommt es, wenn einander widerstreitende Wahrnehmungen oder Gefühle vorliegen, die in Konflikt geraten. Raucher verbinden mit dem Rauchen i.d.R. positive Erlebnisse, zugleich wissen sie, dass Rauchen der Gesundheit schadet und das Krebsrisiko erhöht. Um diesem inneren Konflikt zu entkommen, gibt es drei Reaktionsweisen: selektive Informationsaufnahme, etwa Ausblendung von einschlägigen Gesundheitsstudien, zweitens, was mit ersterem zusammenhängt, Meidung von Personen und Situationen, die einen auf die Schädlichkeit des Rauchens hinweisen, z. B. der Hausarzt oder ein Freund; die dritte Möglichkeit wäre, in der Tat mit dem Rauchen aufzuhören.

Als psychologische Reaktanz wird die Abwehr von Forderungen verstanden, wenn man sich durch diese in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt gefühlt, etwa sein eigenes Auto zu benutzen. Eine Spielart davon ist die Abwehrreaktion aufgrund der Überflutung mit Katastrophenmeldungen. Mit dem YOLO-Prinzip („You only live once“) wird eine Haltung beschrieben, die sich in den Sarkasmus flüchtet: Wenn ohnedies alles den Bach runter geht, dann jetzt noch schnell gut leben! Entlastung schafft hier in der Tat eine mutige Politik, die konkrete Maßnahmen ergreift. Dies führt zum Nächsten.

  1. Appelle an freiwillige Verhaltensänderung

Kein Zusammenleben geht ohne Regeln. Dies ist uns etwa im Straßenverkehr oder im Sozial- und Justizbereich selbstverständlich. Im Umweltbereich soll, so die vorherrschende Meinung, alles freiwillig, durch Appelle und Bewusstseinsbildung, gehen. Bei Umweltproblemen unterliegen wir einem falschen Freiheitsbegriff: die eigene Freiheit findet nämlich dort ihre Grenzen, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Dies sind in Bezug auf Ökosysteme wie das Klima folgende Generationen oder Menschen weit weg von uns, die jedoch die Auswirkungen unseres klimaschädlichen Verhaltens zu spüren bekommen. Die Länder des Südens sind am stärksten vom Klimawandel betroffen, etwa in den bereits jetzt sehr trockenen und heißen Gebieten, oder in Regionen, die durch die Wasserzufuhr über große Gletscher wie im Himalaya oder den Anden angewiesen sind. Ärmere Länder können sich auch weniger Klimaanpassungsmaßnahmen leisten, etwa wenn der Meeresspiegel ansteigt. Es liegt also eine doppelte Ungerechtigkeit vor: jene, die den Klimawandel am wenigsten verursachen, spüren die Folgen am stärksten.

Aufgabe der Politik ist es also, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass das erwünschte Verhalten für alle erleichtert, das unerwünschte erschwert oder auch verboten wird. Die Instrumente sind bekannt: C02-Steuern, keine Subventionen für fossile Energien, kluge Raumordnung, andere Agrarförderung, grüne Städte.

Die Stärke von Fridays for Future ist, dass sie dies begriffen hat und sich nicht abspeisen lässt mit moralischen Appellen, selbst ökologischer zu leben. Die teils sehr heftigen und aggressiven Reaktionen gegen die Bewegung der jungen Menschen ist zum einen auf die oben beschriebene Reaktanz zurückzuführen, zum anderen wohl auch auf einen Generationenkonflikt. Nach dem Motto: Die junge Generation zeigt sich nicht mehr dankbar dafür, was wir für sie geschaffen haben an Wohlstand, an Annehmlichkeiten, sondern kritisiert uns dafür.

Ich gehe von fünf Stufen für Veränderung von Verhalten aus: 1) Es braucht Wissen über die Folgen des eigenen Verhaltens und über Alternativen; 2) das ökologisch erwünschte Verhalten muss in der Gesellschaft hoch angesehen, das unerwünschte Verhalten kritisiert werden, es geht hier um das Sollen, um das, was in einer Gesellschaft anerkannt wird. Daraus folgt schließlich das Wollen, also die intrinsische Motivation (Ich tue etwas, weil es mir persönlich wichtig ist). Um breitenwirksames Umlernen zu ermöglichen, braucht es aber auch entsprechende Infra­strukturen, also Alternativangebote wie einen attraktiven Öffentlichen Verkehr sowie die Aneignung von Kompetenzen, um sich in diesem zu Recht zu finden. Es geht hier um das Können. Schlussendlich brauchen wir jedoch neue Regeln für alle, also das Müssen. Am Beispiel Verkehr: Wenn Parkflächen reduziert und begrenzt werden, müssen Alternativen  zum Auto gesucht werden.

  1. Weg von der Verzichtsdebatte hin zu neuen Wohlstandserzählungen

In meinem Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“ plädiere ich für einen erweiterten Wohlstandsbegriff in acht Dimensionen. Es geht um eine neue Beziehung zu den Dingen, die Abkehr von der Wegwerfmentalität hin zur Instandhaltung (Güterwohlstand), um Lebensmittel hoher Qualität für alle (Ernährungswohlstand), um ein erfüllendes Arbeitsleben sowie eine faire Aufteilung auch der Sorgearbeiten (Tätigkeitswohlstand), – damit zusammenhängend – um genügend Zeit für alle wichtigen Lebensbereiche (Zeitwohlstand), daraus resultierend die Aufwertung, Pflege und Förderung menschlicher Beziehungen (Beziehungswohlstand), das Recht auf schönes und leistbares Wohnen für alle in „grünen“ Städten (Ortswohlstand) sowie schließlich um gute Bildung und Qualitätsmedien (Wissenswohlstand) und eine lebendige Demokratie (Demokratiewohlstand). Nicht mehr zu fragen, worauf wir verzichten müssen, sondern was wir mit den Zukunftswenden gewinnen können, erhöht deren Akzeptanz wesentlich.

  1. Selbst Vorbild sein, aber auch sich politisch einmischen

Mit einem verantwortungsvollen Lebensstil können wir zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist und so zur Nachahmung anregen. Zugleich brauchen wir aber auch viele engagierte Menschen in zivilgesellschaftlichen Gruppen wie Fridays for Future oder in Parteien, die Ökologie und Menschenrechte vertreten. Menschen, die ihre Stimme erheben, in Leserbriefe, bei Veranstaltungen, in Diskussionen am Stammtisch, am Arbeitsplatz usw. Auch die finanzielle Unterstützung von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen stärkt das anwaltschaftliche Engagement von zivilgesellschaftlichen Initiativen. Wie das geht, zeigt anschaulich die Broschüre „Was unsere Demokratie jetzt braucht“ eines NGO-Bündnisses „demokratielebt“

Zum Schluss möchte ich Ihnen die Geschichte vom „Seesterne retten“ erzählen und neu interpretieren. Um deutlich zu machen, dass jeder und jede zu den im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gebotenen Veränderungen beitragen kann und dass jede Handlung in die richtige Richtung, so klein sie sein möge, wichtig ist, wird gerne diese Geschichte vom „Seesterne retten“ erzählt. Ein Kind wirft Seesterne, die ein Sturm an den Strand gespült hat, wieder zurück ins Meer. Ein vorbeikommender Erwachsener sagt zum Kind: „Was du da machst, ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voll von Seesternen ist. Was du da tust ändert nicht das Geringste.“ Das Kind schaut den Erwachsenen einen Moment lang an, dann hebt es den nächsten Seestern auf und sagt zum Mann „Für ihn wird es etwas ändern!“.

Die Geschichte wirkt beeindruckend und macht Mut. Es hat einen Sinn, selbst anzupacken, auch wenn die Aufgabe aufgrund ihrer Größe kaum bewältigbar und die Wirkung der eigenen Handlung beinahe aussichtslos erscheint. So die vermittelte Botschaft. Auf den zweiten Blick ist jedoch zu fragen, ob die Sache wirklich so eindeutig ist. Ob an dem Argument des Erwachsenen nicht doch etwas dran ist. Ich würde sogar noch weitergehen und fragen, ob es überhaupt Aufgabe des Kindes ist, die Seesterne zu retten. Keine Frage: Die Antwort des Erwachsenen ist pädagogisch gesehen völlig falsch, da abwertend und demotivierend. Vielmehr hätte der Erwachsene weiterführende Fragen stellen müssen. Etwa: Wie könnte es uns gelingen, mehr Menschen zu gewinnen, um die Aufgabe zu lösen? Oder: Gibt es technische Hilfsmittel, um die Seesterne wieder ins Meer zurück zu befördern? Und in die Zukunft fragen: Wie können wir die Katastrophe beim nächsten Mal verhindern – etwa durch einen Damm? Und auf die möglichen Ursachen des Unwetters bezugnehmend: Könnte es sein, dass der Sturm, wenn er kein Einzelereignis ist, sondern immer häufiger aufkommt, mit dem vom Menschen gemachten Klimawandel zusammenhängt? Und was wäre dann zu tun, um diesen Klimawandel einzudämmen?

Bildung heißt wesentlich, Fragen zu stellen. Und dieses „Fragen stellen“ muss sich auf die Ursachen von Problemen und Herausforderungen ebenso beziehen wie auf das Finden der adäquaten Lösungen und wer hier für was zu verantworten und damit auch beizutragen hat.

„Die Angst, der Zorn und die Hoffnung der Bedrohten schaffen unaufhörlich Unruhe. Das ist ein andauerndes und weit umfassenderes Phänomen als die bisherigen Revolutionen. Ich nenne es Menschenbeben.“ So Robert Jungk 1983 in seinem gleichnamigen Buch „Menschenbeben. Der Aufstand gegen das Unerträgliche“ über die Friedens- und Protestbewegung gegen das atomare Wettrüsten in den 1980er-Jahren. Auch heute gibt es viele Dinge in der Welt, die nicht im Lot sind und solche Menschenbeben brauchen. In diesem Sinne gratuliere ich den jungen Menschen von Fridays for Future, weil sie sich nicht in ihr Schicksal fügen, sondern die Verantwortung von Politik, Wirtschaft und uns allen als Bürger und Bürgerinnen einfordern.

Mehr zum Thema und weiterführende Quellen:

Holzinger, Hans (2018): Klimapolitik am Prüfstand. Das Pariser Klimaschutzabkommen, Handlungsfelder der Klimapolitik und die Bedingungen gesellschaftlicher Transformation. Wien/Salzburg. Download

Holzinger, Hans (2020): Vom Umweltwissen zum Umwelthandeln. Gelingensfaktoren und Barrieren für gesellschaftlichen Wandel im Kontext von
Bildung für nachhaltige Entwicklung. Im Erscheinen.

Mag. Hans Holzinger ist als Wirtschafts- und Sozialgeograph seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter und pädagogischer Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Nachhaltiges Wirtschaften, Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, neue Wohlstandsmodelle, Transformationsprozesse. Er ist Moderator von Zukunftswerkstätten, Mitherausgeber des Magazins „ProZukunft“ und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen: „Wie wirtschaften? Ein kritisches Glossar“ (2018), „Von nichts zu viel – für alle genug“ (2016).

Foto: Christina Repolust

Kontakt: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org 

 

 

 

 

Stirbt die Menschlichkeit?

Demokratie bedeutet das Zulassen unterschiedlicher Meinungen. Doch wenn die Grenzen des Anstandes und der Menschlichkeit überschritten werden, braucht es das Aufstehen der Anständigen. Ich schäme mich für den österreichischen Bundeskanzler, dem zur neuen Tragödie syrischer Flüchtlinge nichts anderes einfällt, als dass die EU die Außengrenzen vor hilflosen Kindern, Frauen und Männern schützen müsse. Anstatt die EU aufzurufen nicht länger zuzusehen und selbst dazu beizutragen, dass geholfen wird. Billiger Stimmenfang, weil jemand glaubt die Menschen denken und wollen das so. Doch diese m. E. zynische menschenverachtende Haltung erzeugt erst jene Stimmung aus Angst und Aggression gegen Flüchtlinge. Sachliche Lösungen nicht auf dem Rücken der Notleidenden sehen anders aus. So hoffe ich auf zahlreiche Stimmen der Menschlichkeit auch aus der ÖVP mit ihrem christlichen Hintergrund.“ (Hans Holzinger, 6.3.2020)