Grüne Investitionen, faire Verteilung. Vorschläge für eine Post-Corona-Wirtschaft

Um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise abzufedern und die notwendigen Maßnahmen zugleich ökologisch zu gestalten, ist eine ganzheitliche Herangehensweise erforderlich. Ein Rückkehr zur alten Normalität ist abzulehnen, einfach die Reset-Taste zu drücken wäre unverantwortlich. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Appellen, Aufrufen und Manifesten für eine Wirtschaft nach Corona. Im Folgenden der Versuch einer Übersicht.

Ökologische Konjunkturprogramme sollen zweierlei erreichen: die Wirtschaft im Gefolge der Corona-Krise wieder ankurbeln und zugleich den ökologischen Strukturwandel vorantreiben. Der von Van der Leyen verkündete European Green Deal [1] wurde vor Ausbruch der Pandemie erstellt. Er zielt auf eine ökologische Umgestaltung der Europäischen Wirtschaft. In der Präambel heißt es demnach: „Klimawandel und Umweltzerstörung sind existenzielle Bedrohungen für Europa und die Welt. Deshalb braucht Europa eine neue Wachstumsstrategie, wenn der Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft gelingen soll.“

Als Ziele werden die Klimaneutralität bis 2050, die Entkopplung des Wirtschaftswachstums von der Ressourcennutzung sowie der soziale Zusammenhalt formuliert: „Niemand, weder Mensch noch Region, [soll] im Stich gelassen“ werden. Erreicht werden soll dies durch Investitionen in neue, umweltfreundliche Technologien, die Unterstützung der Industrie bei Innovationen, die Einführung umweltfreundlicherer, kostengünstigerer und gesünderer Formen des privaten und öffentlichen Verkehrs, die Dekarbonisierung des Energiesektors, die Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden sowie die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern zur Verbesserung weltweiter Umweltnormen.

Nun soll dieses „grüne Investitionsprogramm“ zugleich aus der Rezession helfen. Mit Konjunkturbelebungsmaßnahmen würden neue Arbeitsplätze geschaffen, so die Argumentation. Der Ökonom Stephan Schulmeister [2] schlägt hierfür einen Europäischen Transformationsfonds vor, finanziert über die Europäische Zentralbank. Umfangreiche Investitionen in die thermische Sanierung von Gebäuden oder den Ausbau des Öffentlichen Verkehrs sollen daraus finanziert werden.

All das wird wichtig sein und dennoch nicht reichen. Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch ist bislang nicht gelungen, so Ergebnisse der Nachhaltigkeitsforschung [3]. Und es geht nicht nur um neue Mittel, sondern auch um ein Überdenken der Ziele. Wollen wir nach dem Herunterfahren der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens zurück in die alte Turbogesellschaft oder suchen wir nach anderen Leitbildern für Wohlstand und Lebensqualität?

Die Chance für eine Post-Corona-Wirtschaft liegt in einem größeren Strukturwandel, der zugleich ein Paradigmenwechsel wäre – weg vom simplen BIP-Wachstum hin zum Wachstum dessen, was der Lebensqualität dient. Das Erste: Unterstützungsmaßnahmen müssen sozial und ökologisch verträglich erfolgen – man könnte auch sagen, gemeinwohlorientiert.

Aufzugreifen wären aber auch Vorschläge aus der mittlerweile breiten Literatur zu Postwachstum [4]: etwa Arbeit und Einkommen besser zu verteilen, öffentliche Angebote der Daseinsvorsorge auszubauen und zugleich den privaten Konsum zurückzufahren (was ein ökologisches Muss darstellt, wenn wir die Fakten zu unserem ökologischen Fußabdruck ernst nehmen).  Also: Exzellente Schulen und Universitäten, leistbarer Wohnraum für alle, grüne, lebenswerte Städte, Arbeitszeitmodelle, die Beruf und Privates gut vereinbaren lassen, dafür weniger von dem, was wir ohnedies kaum verwenden oder nutzen. Notwendig wird auch sein, die öffentlichen Haushalte auf neue Beine zu stellen, um all das finanzieren und zugleich die Schulden zurückfahren zu können. Wer mehr besitzt, soll auch mehr zur öffentlichen Finanzierung beitragen.

Eine im Austrian Corona Panel Project [5] erfolgte Untersuchung über die psychologischen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen zeigte, dass Kurzarbeit und Homeoffice gut angenommen werden. Dies könnte als Fingerzeig gesehen werden, dass neue Arbeitszeitmodelle in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden – und auch sollen.

Wiederaufbau-Plan für Mensch und Umwelt

Mittlerweile existiert eine Vielzahl an Aufrufen und Appellen für die Umgestaltung der Wirtschaft nach der Corona-Krise. Gewarnt wird vor einem einfachen wieder Hoch-Fahren des Systems sowie der Rückkehr zur alten Normalität. Vielmehr müsse die Krise als Chance für den sozialökologischen Strukturwandel genutzt werden.

Ein an die Europäische Kommission, den Rat und das Parlament sowie an nationale Führungskräfte gerichteter „Wiederaufbau-Plan für Mensch und Umwelt“ [6] fordert einen echten Green New Deal. Dieser müsse die Unterstützung von Unternehmen in CO2-intensiven und anderen potenziell umweltverschmutzenden Sektoren wie der intensiven Landwirtschaft von ihrer Ausrichtung auf Umwelt- und Klimaziele abhängig machen, das Wohlergehen der Menschen in den Mittelpunkt stellen, notwendige Sozialleistungen erbringen und die Arbeitnehmerrechte durch einen „gerechten Übergang für alle“ schützen.

Öffentliche und private Investitionen seien an nachhaltigen Kriterien auszurichten, um den Übergang zu einer umwelt- und klimafreundlichen Wirtschaft zu beschleunigen; in ähnlicher Weise sollte die Europäische Investitionsbank ihre Kreditvergabepolitik bis Ende 2020 mit den Zielen des Europäischen Grünen Deals in Einklang bringen. Die Finanzierung wäre durch einen „grünen und fairen Aufbaufonds“ sicherzustellen, der durch alle verfügbaren EU-Finanzinstrumente unterstützt wird, einschließlich einer Erweiterung des EU-Haushalts und seiner Ausgabenprogramme.  Mindestens 50 Prozent der Mittel sollten für Klima- und Biodiversitätsziele, neue Fonds, die Nutzung des Europäischen Stabilitätsmechanismus und sogenannte „Eurobonds“ aufgewendet wird.

Post-Corona-Manifest aus den Niederlanden

In den Niederlanden haben sich nun 174 Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengetan und ein „Post-Corona-Manifest für eine nachhaltigere Welt“ verfasst [7]. Dieses umfasst fünf Forderungen:

1) Abkehr vom Wachstumszwang: Unser Wirtschaftssystem basiere auf Warenkreisläufen, die nicht nachhaltig seien. Diese würden massiv gefördert, um das Bruttoinlandsprodukt nach oben zu treiben. Das soll nach Ansicht der Wissenschaftler*innen enden. Investitionen ergeben aus ihrer Sicht nur noch in systemrelevanten Bereichen wie dem öffentlichen Sektor, (erneuerbarer) Energie oder Bildungs- und Gesundheitswesen Sinn. In anderen Sektoren hingegen, dürfe Wachstum nicht weiter gefördert werden. Dazu werden in dem Papier besonders fossile Energieträger, Bergbau und Werbung hervorgehoben.

2) Umverteilung des Vermögens: Auf der Empfehlungsliste der 174 Experten stehen auch ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine hohe Besteuerung von Einkommen und Vermögen, Job-Sharing und grundsätzlich reduzierte Arbeitszeitmodelle. Zudem sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Anerkennung von Pflege, Gesundheitsberufen und Bildungsarbeit zu steigern. Berufe, deren Wert in der Coronavirus-Krise besonders deutlich zu Tage getreten ist.

3) Nachhaltige Landwirtschaft: Die Landwirtschaft müsse so umgebaut werden, dass Artenvielfalt wieder gefördert wird. Dabei zählen für die Wissenschaftler*innen nachhaltig produzierte und regional konsumierte Lebensmittel, die hauptsächlich pflanzlich sein sollen. Zudem sollen die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft verbessert werden.

4) Weniger Konsum und Mobilität: Luxus und „wasteful consumption“ verurteilen die Forscher. Stattdessen möge man sich auf notwendige, nachhaltige und vor allem wenige Güter konzentrieren und damit zu „satisfying consumption and travel“ finden.

5) Schuldenerlass für Arbeiter und kleinere Unternehmen sei es nun wichtig, Schulden zu erlassen, damit sie einen Weg aus der Wirtschaftskrise finden können.

Lebensmanifest aus Österreich

Anlässlich des Earth Day 2020 wurde ein von Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft verfasstes „Lebensmanifest[8] an die österreichische Politik gerichtet, um die Chancen wahr zu nehmen, die sich aus dem „Neustart“ nach der aktuellen Krise ergeben.

Angesichts der Corona-Krise werde deutlich, so heißt es in dem Text, dass ein Zurück zum Zustand vor der Krise weder möglich noch erstrebenswert ist. Das gelte für uns persönlich, aber auch für Gruppen, Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes. Gefordert werden ökologische Fairness als faire Teilhabe an Ressourcen und Senken, soziale Fairness als faires Teilen von sinnvoller und notwendiger Arbeit, wirtschaftliche Fairness als faire Teilhabe an Besitz und Vermögen sowie politische Fairness als faire Teilhabe an Entscheidungen. Insbesondere wir das Festhalten am Ziel der Klimaneutralität bis 2040 verlangt.

Möglich sei dies durch eine soziale Ökologisierung des Geld- & Steuersystems inklusive CO2-Zertifikate (Mindestpreis 300 € pro Tonne), unbürokratische, nicht-rückzahlbare Unterstützung für ein bedingungsloses Auskommen aller von Armut Betroffenen sowie eine Ko-Finanzierung der Maßnahmen durch Wohlhabende, Finanzsektor und internationale Konzerne.

Gefordert werden weiters eine kohlenstoffarme Kreislaufwirtschaft inklusive Abbau klimaschädlicher Subventionen (mit Verweis auf das Klimavolksbegehren), die Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen zur Verringerung von Importabhängigkeiten und Erhöhung der Widerstandskraft, eine nachhaltige Lebensmittelproduktion und Ernährung  sowie die Förderung von Biodiversität und Wiederaufforstung mit klimafitten, naturnahen Wäldern. Notwendig seien eine Ökologisierung des Wohnbaus (insbesondere Gebäudesanierung) und eine Ökologisierung der Mobilität (inklusive Verkehrsinfrastruktur Bahn, Bus, Rad, fußfreundliche Wegenetze). Gefordert wird schließlich eine flächendeckende transformative Bildung als Grundlage für einen gesunden, ressourcenleichten Lebensstil, individuell und institutionell.

Petition für ein europäisches Notfall-Einkommen

Aufwind erhalten die Befürworter*innen eines bedingungslosen Grundeinkommens, also eine Art Kriseneinkommen. Prominentester Unterstützer der Idee ist wohl der US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller, wie ein Beitrag der deutschen Wirtschaftswoche informiert [9]. Eine Petition an die Europäische Union fordert ein Notfall-Grundeinkommen [10] und ein EU-geführtes Finanzinstrument, „das es allen Mitgliedstaaten der EU ermöglicht, schnell ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen.“ Diese Notfall-Maßnahme müsse all denjenigen unverzüglich und unbürokratisch helfen, die von der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht sind.

Vorformen eines Grundeinkommens wurden im Zuge der Krise in mehreren Ländern vorgeschlagen bzw. auch umsetzt. In Baden-Württemberg [11] zahlt das Land seinen freien Kulturschaffenden von denen viele durch die perspektivisch andauernde Absage von Publikumsveranstaltungen besonders lange ohne Einnahmen bleiben, jetzt aus Landesmitteln ein monatliches Grundeinkommen von 1180 Euro – und natürlich auch den anderen freien Berufen, denen gerade alle Honorare weggebrochen sind. Ein gemeinsamer Vorschlag der deutschen Länder sieht vor, so ein Bericht in der Süddeutschen Zeitung,  dass alle Berufe, die „ihre Dienstleistung außer Haus und beim Kunden erbringen“ und nicht angestellt sind, einen monatlichen Pauschalbetrag von 1000 Euro erhalten, wofür sie lediglich nachweisen müssen, dass sie „coronabedingt substantielle Umsatzeinbrüche“ von mindestens 50 Prozent haben. Betriebskosten sollen zusätzlich bezuschusst werden. In Spanien [12] ist ein bedingungsloses Grundeinkommen für Mittellose geplant: es soll 450 Euro für Alleinstehende und 950 für Familien geben. Letzteres entspricht dem Mindestlohn in Spanien.

Silke Both kritisiert auf dem Blog „Arbeit & Wirtschaft“ [13] ein bedingungsloses Grundeinkommen als weder funktional noch gerecht“. Die vermeintliche Gleichbehandlung durch ein BGE erweise sich als ungerecht, weil Lebenschancen und Bedarfe der Menschen sehr unterschiedlich sind – und sehr weitgehend vorgeprägt sind durch den sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses. Zwar sei die materielle Absicherung ein zentraler Kern sozialer Sicherheit, doch bedürften die sehr unterschiedlichen sozialpolitischen Bedarfslagen – wie etwa (Langzeit-)Arbeitslosigkeit, Elternschaft, Weiterbildungsphasen, Niedriglohnbeschäftigung – auch sehr verschiedener Unterstützungsleistungen. Und: Volle gesellschaftliche Teilhabe sei nur durch eine Kombination sehr unterschiedlicher ausdifferenzierter kollektiver und individueller sozialer Rechte zu realisieren. Die Debatte über das BGE wird wohl weitergehen, auch wenn im Gefolge der Corona-Krise andere Themen wie die Finanzierung der öffentlichen Schulden, das Abfangen von Unternehmenskonkursen sowie die Eindämmung der Arbeitslosigkeit in den Vordergrund treten werden.

Forderung nach Erhöhung der Vermögenssteuern

Vertreter*innen eines Öko-Keneysianismus gehen davon aus, dass Investitionen zur Ankurbelung der Konjunktur sich selbst amortisieren. Wenn die Wirtschaft wieder wächst, so die Annahme, bringe das mehr Steuereinnahmen, aus denen die aufgenommenen Schulden refinanziert werden können. Zudem böte die aktuelle Niedrigzinsphase gute Chancen, die Schulden wieder abzahlen zu können, wie etwa der Chefökonom der Arbeiterkammer Markus Marterbauer argumentiert.[14] Auf Europäischer Ebene schlägt er – wie andere auch – die flexible Handhabung des Europäischen Stabilitätsmechanismus, den Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB sowie Corona-Bonds vor. Der Ökonom plädiert aber auch für eine höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Dem laut aut Wifo 2020 auf 21,5 Milliarden Euro (5,5 Prozent des BIP) steigenden Budgetdefizit Österreichs stellt er die Nettovermögen von mehr als 500 Milliarden Euro der reichsten 39.000 Haushalte (Top 1 Prozent) gegenüber  [15].

Einen diesbezügliche Vorschlag hat attac Österreich mit dem Corona-Lastenausgleichb[16] eingebracht: Vermögen ab 5 Millionen Euro soll mit 10 Prozent, Vermögen ab 100 Millionen Euro mit 30 Prozent und Vermögen ab einer Milliarde Euro je einmalig mit 60 Prozent einen Beitrag leisten. Das ergebe Einnahmen von 70 bis 80 Milliarden Euro, um die Corona-Krise solidarisch zu bewältigen. Auch in anderen Ländern wird der Ruf nach höheren Beiträgen der Vermögenden zur Finanzierung der öffentlichen Haushalte wieder lauter. Dabei kommt auch die Unterbindung von Steuerflucht und das Austrocknen der Steueroasen wieder aufs Tapet. Wie das gehen könnte, zeigen die Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman in ihrem Buch „Der Triumpf der Ungerechtigkeit“ [17].

Petition für Wachstumsunabhängigkeit der Europäischen Wirtschaft

Eine bereits vor der Corona-Krise verfasste Petition des Europäischen Umweltbüros [18] an die Institutionen der Europäischen Union fordert dazu auf, die europäische Wirtschaft unabhängig von Wachstum zu machen. Der Petitionstext umfasst folgende Forderungen:

  1. Einrichtung einer Sonderkommission im EU-Parlament, die sich mit den Zukunftsperspektiven für eine Zeit nach dem Wachstum (Post-Growth-Futures) befasst. Diese Kommission sollte aktiv über die Zukunft des Wachstums diskutieren, politische Alternativen für Zukunftsperspektiven nach dem Wachstum entwickeln und das Streben nach Wachstum als übergeordnetes politisches Ziel überdenken.
  2. Einbeziehung alternativer Indikatoren in den makroökonomischen Rahmen der EU und ihrer Mitgliedstaaten einzubeziehen. Die Wirtschaftspolitik sollte hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das menschliche Wohlergehen, den Ressourcenverbrauch, gesellschaftliche Ungleichheit und die Bereitstellung menschenwürdiger Arbeit bewertet werden. Diese Indikatoren sollten bei Entscheidungsfindungen eine höhere Priorität als das BIP erhalten.
  3. Umwandlung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes in einen Stabilitäts- und Wohlstandspakt. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt ist ein Regelwerk zur Begrenzung von Staatsdefiziten und Staatsschulden. Er sollte überarbeitet werden, um sicherzustellen, dass die Mitgliedstaaten die Grundbedürfnisse ihrer Bürger*innen erfüllen und gleichzeitig den Ressourcenverbrauch und die Abfallemissionen auf ein nachhaltiges Niveau reduzieren.
  4. Schaffung eines Ministeriums für wirtschaftliche Transformation in jedem Mitgliedstaat. Eine neue Wirtschaft, die sich direkt auf das menschliche und ökologische Wohlergehen konzentriert, könnte eine viel bessere Zukunft bieten als eine, die strukturell vom Wirtschaftswachstum abhängt.

Der Vorschlag für diese Petition ist im Rahmen der 2018 in Wien abgehaltenen Konferenz „Growth in Transition[19] entstanden. Inspiriert ist er etwa vom Konzept der Donut-Ökonomie von Kate Raworth oder dem Ansatz „Wohlstand ohne Wachstum“ von Tim Jackson, die beide für die Einbindung von ökologischen und sozialen Indikatoren in die Wohlstandsmessung plädieren.

Resümee: Grüne Konjunkturprogramme sind wichtig, aber nicht alles

Grüne Konjunkturprogramme sind sinnvoll und nötig. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung [20] zu den Förderprogrammen im Kontext der Finanzkrise 2008 zeigt, dass Klimaschutzmaßnahmen durchaus kompatibel sein können mit Wachstumsimpulsen. Dennoch sind auch die Grenzen dieser Programme zu bedenken, wie etwa ein Band der Politischen Ökologie „Green New Deal. Fassadenbegrünung oder neuer Gesellschaftsvertrag?“ [21] deutlich macht. Der Nachhaltigkeitsforscher Hans Joachim Spangenberg verweist darin etwa darauf, dass der ökologische Strukturwandel kein Spaziergang sei und auch nicht konfliktfrei über die Bühne gehen werde [22].

Die NGO attac kritisiert den European Green New Deal als „European Greenwashing New Deal“ [24]. Die Ziele seinen ambitioniert, doch die Maßnahmen würden über weite Strecken nur dem Markt vertrauen und Konzerne nicht wirklich begrenzen. Dies zeige etwa das Vertrauen in den Emissionshandel sowie das weitere Setzen auf unbegrenzten Welthandel.

Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass drastische Maßnahmen durchaus möglich sind und auch akzeptiert werden, wenn der politische Wille dazu da ist. Wir machten zudem die Erfahrung einer Entschleunigung des Alltags, wir sahen, wie die Mobilität verringert werden kann – Stichwort „Online-Konferenzen“, „Reisebeschränkungen“ – und wir erkannten, was die wirklich systemerhaltenden Tätigkeiten“ sind. Die Konsequenz, mit der der Pandemie (in den meisten Ländern) begegnet wurde, ist auch für die Bekämpfung anderer Krisen, der Hunger- oder Klimakrise, zu wünschen.

Maja Göpel fordert in „Unsere Welt neu denken“ [24] ein ernsthaftes Umsteuern, dass sich den Umweltkrisen stellt und das von der Verzichtsdebatte wegkommt. Wir könnten nicht auf etwas verzichten, das uns ja gar nicht zusteht. Niko Paech insistiert in diesem Sinne in „All you need is less“ [25] darauf, dass suffiziente Lebensweisen unabdingbar und auch sozial eingefordert werden müssen, wenn wir globale Umweltgerechtigkeit schaffen wollen. Es ist zu hoffen, dass die Krise auch zu einem Umdenken dahingehend führt, worauf es wirklich ankommt im Leben. Ich persönlich würde liebend gerne auf das Wieder-Hoch-Fahren von Formel -1-Rennen und so manches andere verzichten.

 

Anmerkungen

[1) https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de

[2] https://jungk-bibliothek.org/2020/04/12/und-was-kommt-danach-5-neue-prosperitaet/

[3] https://www.grueneliga.de/index.php/de/29-aktuell/pressemitteilung/855-green-growth-als-mythos-entlarvt-die-entkopplung-des-ressourcenverbrauchs-vom-wirtschaftswachstum-funktioniert-nicht

[4] https://wachstumimwandel.at/wachstumsgrenzen-die-post-wachstumsdebatte-in-der-aktuellen-fachliteratur/

[5] https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog08/

[6] https://act.wemove.eu/campaigns/wiederaufbau

[7]  https://www.techandnature.com/post-corona-manifest/

[8] http://www.clubofrome.at/lebensmanifest/

[9] https://www.wiwo.de/politik/konjunktur/nobelpreistraeger-robert-shiller-covid-19-wird-nicht-so-verheerend-wie-die-weltwirtschaftskrise/25695994.html

[10] https://you.wemove.eu/campaigns/notfall-grundeinkommen

[11] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-hilfe-staat-corona-1.4877577?fbclid=IwAR1lF9yQLAljK_T6-5rb3P-c2vx3CbBTkE-_2VMkRuNsp2rOgTfx9Ct74yc)

[12] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/corona-krise-spanien-1.4877262

[13] https://awblog.at/bedingungsloses-grundeinkommen-weder-funktional-noch-gerecht/

[14] https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200320_OTS0096/ak-chefoekonom-marterbauer-hohes-budgetdefizit-ist-oekonomisch-notwendig-und-sozial-sinnvoll;

[15] https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200326_OTS0116/ak-marterbauer-kurzarbeit-mildert-auswirkungen-der-krise

[16] https://www.attac.at/kampagnen/die-corona-krise-solidarisch-bewaeltigen/corona-krise-jetzt-beitrag-der-reichsten-fordern

[17] https://jungk-bibliothek.org/2020/04/09/buchtipp-zur-cronakrise-emmanuel-saez-gabriel-zucman-der-triumph-der-ungerechtigkeit/

[18] https://you.wemove.eu/campaigns/europa-es-ist-zeit-die-abh-ngigkeit-vom-wirtschaftswachstum-zu-beenden

[19] https://www.growthintransition.eu/

[20] https://www.diw.de/de/diw_01.c.786330.de/publikationen/diw_aktuell/2020_0039/green_new_deal_nach_corona__was_wir_aus_der_finanzkrise_lernen_koennen.html

[21] https://www.oekom.de/ausgabe/green-new-deal-80723?p=1

[22] https://www.oekom.de/_files_media/zeitschriften/artikel/POE_2019_04_88.pdf

[23] https://www.attac.at/news/details/european-green-washing-deal

[24] https://jungk-bibliothek.org/2020/04/09/corona-buchtipp-maja-goepel-unsere-welt-neu-denken/

[25]https://jungk-bibliothek.org/2020/04/20/corona-buchtipp-manfred-folkers-niko-paech-all-y ou-need-is-less/

 

Von beengten Wohnverhältnissen bis hin zu psychischen Krisen. Die sozialen Folgen der Corona-Krise

Sozial Schwächere trifft die Corona-Krise am stärksten. Das hat mehrere Gründe. Haushalte mit niedrigem Einkommen verfügen über keine Rücklagen. Sie verfügen über geringeren Wohnraum, keinen Garten und häufig auch keinen Balkon. Von den aktuellen Krisen-Unterstützungsmaßnahmen sind sie oft ausgeschlossen.

Die Coronavirus-Krise hat die Ungleichheit in Österreichs Gesellschaft erstaunlich schnell wachsen lassen. Das zeigen Daten des Austrian Corona Panel Project, einer in regelmäßigen Abständen durchgeführten OnlineBefragung. Vor allem Arbeitslose und Mindestsicherung Beziehende berichten in der Studie von einer Zunahme existenzieller Ängste. Menschen, die sich als stark einsam beschreiben, greifen in der Krise besonders häufig zu Alkohol. Die Coronavirus-Krise „macht die Menschen ungleicher, aber die Ausstattung war schon davor ungleich“, so die Politologin Barbara Prainsack. Diese strukturellen Probleme anzugehen ist für sie nicht nur eine Chance, sondern eine Pflicht.

Eine weitere Erhebung im Rahmen des Projekts über die Wahrnehmung von Corona in Österreich und die Auswirkungen auf die Gesellschaft zeigt, wie unterschiedlich Menschen die Krise belastet. Von Kurzarbeit und Kündigungen sind sozial schwächere Personen am meisten betroffen, so ein Umfrageergebnis. Nur rund ein Viertel der befragten unselbstständig Beschäftigten, die im Februar noch eine Arbeit hatten, gab an, dass sich die Arbeitssituation seit Beginn der Krise für sie nicht verändert hat.

Einen wichtigen Stellenwert nimmt die Ausbildung ein. Während mehr als die Hälfte aller Beschäftigten mit Matura oder Universitätsabschluss im Home-Office arbeiten, ist das nicht einmal für ein*e von sieben Arbeitnehmer*innen mit Pflichtschulabschluss der Fall, so ein weiteres Ergebnis. Zugleich war jede*r siebente Arbeitnehmer*in im letzten Monat von einer Kündigung betroffen, während Arbeitnehmer*innen mit höherer Ausbildung davon bisher meist verschont blieben. Auch wurden Arbeitnehmer*innen in der niedrigsten Ausbildungsstufe (Pflichtschule) mehr als doppelt so oft in Kurzarbeit geschickt als Arbeitnehmer*innen der höchsten Ausbildungsstufe (Universität).

Eine im Austrian Corona Panel Project Ende März erfolgte Untersuchung über die psychologischen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen zeigte, dass Kurzarbeit und Homeoffice gut angenommen werden. Negative Gefühle zeigten vor allem Arbeitslose, SchülerInnen und Studierende, sowie haushaltsführende und arbeitsunfähige Menschen. Ein Indiz dafür, dass weniger Arbeiten auch durchaus als befriedigend wahrgenommen werden kann, sofern ein planbares Einkommen verfügbar ist.

Problem beengter Wohnverhältnisse und hoher Mieten

Die Krise trifft Kinder aus Familien, die Sozialhilfe oder Mindestsicherung beziehen, besonders hart: Mehr als ein Viertel dieser Kinder leidet unter Feuchtigkeit in der Wohnung, ein Fünftel hat nur dunkle Räume, fast zwei Drittel dieser Wohnungen sind überbelegt: Das bedeutet schon in normalen Zeiten besondere Enge –  mangels Kindergarten, Schule und Bewegungsfreiheit auf Spielplätzen nun in Corona-Zeiten aber besonders. Dazu kommen Zusatzkosten für Homeschooling.

Durch die Schließung der Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen fällt die Versorgung der Kinder in diesen Einrichtungen weg – bei normalem Haushaltseinkommen kein Problem, bei niedrigen schon. Armutsforscher Christoph Butterwegge fordert daher für Deutschland einen Ernährungszuschlag von 100 Euro monatlich für Hartz IV-Bezieher*innen. Martin Schenk, Sprecher der Österreichischen Armutskonferenz, kritisiert, dass der Familienhärteausgleichsfonds auf Mittelschichtfamilien zugeschnitten sei, Familien mit Kindern, die Sozialhilfe oder Mindestsicherung beziehen, gäbe es das nicht. Dazu kommen eben schlechtere Wohnbedingungen von Menschen mit geringem Haushaltseinkommen sowie das Problem der Mietkosten.

Etwa die Hälfte der Österreicher*innen wohnt in Eigentum, die andere Hälfte zahlt Miete. Dabei gibt es ein starkes Stadt-Land-Gefälle: in Wien wohnen nur rund 20 Prozent in einer eigenen Immobilie. Bewohner*innen am Land stehen auch meist insgesamt mehr Wohnfläche und vor allem auch private Grünflächen wie Gärten zur Verfügung. In Wien besitzt nur etwa die Hälfte der Wohnungen einen Balkon. Der Anteil des Haushaltseinkommens, der für Miete aufgebracht werden muss, steigt bei jenen, die über ein geringes Einkommen verfügen. Bei immerhin jeder 14. in Österreich lebenden Person beträgt er 40 Prozent des Haushaltseinkommens.

Ein neues vom Österreichischen Parlament beschlossenes Gesetz soll Menschen vor Kündigungen bewahren: Wenn man die Mieten im April, Mai und Juni für seine Wohnung nicht oder nicht vollständig zahlen kann, weil man in seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit infolge der COVID-19-Pandemie erheblich beeinträchtigt ist, sind Vermieter*innen zur Kündigung oder Räumungsklage nicht berechtigt. Die ausständigen Mietzahlungen dürfen Vermieter*innen erst ab dem 1.1.2021 einklagen. Die Proteste des Eigentümer- und Vermieterverbandes sind wohl unberechtigt: eine Auswertung der Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung nach Einkommensgruppen zeigt, dass nur 5,2 Prozent der Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung an das untere Einkommensdrittel gehen, während das oberste Drittel 82,5 Prozent lukriert. Es trifft hier keine Armen.

Der Sozialgeograph Andreas Koch hält die Überbrückungshilfen sowie die geforderten Mietsenkungen für den gemeinnützigen Sektor nicht ausreichend: „Denn so sehr sie kurzfristig helfen, unmittelbare Not abzuwenden, verschleiern sie die tiefer liegenden sozialen Probleme und verschieben Lösungen auf eine ferne Zukunft.“ (SN 27.4.2020)

Psychische Auswirkungen der Corona-Krise

Neben materiellen Einschränkungen und diese teilweise verschärfend sind die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise zu bedenken. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen bietet Informationsblätter dazu, wie Betroffene Isolation und Quarantäne gut überstehen können. Empfohlen werden sechs Dinge: Halten Sie eine Tagesstruktur ein! Planen Sie Ihren Tag möglichst genau! Konsumieren Sie Medien bewusst und gezielt! Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken! Bewegen Sie sich! Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte über Videotelefonie!

Laut eines aktuellen Berichts des Internationalen Roten Kreuzes müssen folgende Reaktionen während einer Pandemie als nahezu normalpsychologisch angesehen werden: Ängste, krank zu werden und zu versterben; Ängste auch vor Symptomen und Erkrankungen, die relativ einfach behandelt werden können; Angst, durch das Aufsuchen von Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge erkranken und versterben zu können; Sorgen, nicht mehr in der Lage zu sein, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, während einer Isolation nicht arbeiten zu können oder gekündigt zu werden, weil der Arbeitgeber beispielsweise Angst vor Kontamination hat; Gefühle von Hilflosigkeit und Depression infolge von Isolation; Misstrauen und Ärger gegenüber allen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden; Stigmatisierung und Angst vor Patientinnen und Patienten, Gesundheitsfachkräften und Menschen, die Erkrankte pflegen; das Ablehnen von Ansprache durch Gesundheitsfachkräfte oder Freiwillige bis hin zu verbaler oder körperlicher Bedrohung von Helferinnen und Helfern.

Insbesondere bei älteren Menschen in Seniorenunterkünften, Schwerkranken oder Palliativpatienten in Krankenhäusern kann die Isolation durch Besuchsverbote zu starken Belastungen für die Betroffenen wie die Angehörigen führen, so der Psychologe Cornel Binder-Krieglstein.

Zudem gibt es weitere Folgen der ergriffenen Maßnahmen. So gab es im Gesundheitswesen massive Verschiebungen aufgrund des Freihaltens von Krankenhauskapazitäten für Covid-19-Erkrankte, kritisiert etwa der Risikoethiker Julian Nida-Rümelin. Unbehandelte Herzinfarkte oder Schlaganfälle könnten die Todeszahlen erhöhen. Menschen würden jetzt nicht in die Kliniken gehen, weil sie Angst haben, sich anzustecken. Der Experte kritisiert –  wie etwa auch der Philosoph Richard Burger (SN, 21.4.2010) – dass bei den Todeszahlen nicht zwischen jenen, die an und jenen die mit einer Coronavirus-Infektion gestorben seien, unterschieden wird: „Eine wissenschaftliche Studie besagt, dass in Italien über 80 Prozent der Covid-19-Toten nicht an, sondern mit Covid.19 gestorben sind.

Martin Sprenger, Public-Health-Experte und ehemaliges Mitglied des Expertenbeirats im Gesundheitsministerium, formuliert es drastisch auf Addendum: „In den kommenden Monaten muss Österreich ein Risikomanagement gelingen, das den gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schaden durch die SARS-CoV-2-Pandemie, insbesondere in vulnerablen Gruppen, so gut wie möglich minimiert.“

Akzeptanz von Maßnahmen

Nicht zuletzt wird die Akzeptanz von Maßnahmen durch die Bevölkerung untersucht. War die Zustimmung in den ersten Wochen der Pandemie sehr groß, kann diese mit Fortdauer der Beschränkungen abnehmen. Die Psychoanalytikerin Eva Fronius-Breidenbach spricht von vier Phasen: der Verleugnung, die in unterschiedlichen Ländern stark ausgeprägt war (ist), folge Hilflosigkeit mit der Gefahr der Regression etwa durch das Suchen von Schuldigen oder der Entwicklung einer grandiosen Trotzhaltung; Beispiele sind uns zuhauf bekannt). Im Sich-Stellen der Angst würden in der nächsten Phase einschränkende Maßnahme sowie das Zusammenhalten hohe Zustimmung erfahren – und auch politische Führer*innen, die diese veranlassen. Nach dem Aushalten der Beschränkungen käme aber der Wunsch nach Belohnung für den Verzicht, der durchaus krisenhaft werden könne: „Wenn sich schon während oder nach der Feier zeigt, dass es Krisengewinner, Bevorzugung, Förderungsbetrug oder gar Korruption gibt, stürzt das immer labile Gemeinschaftliche ins Gegenteil ab.“ (SN, 25.4.2020).

Die Konflikte in einer Gesellschaft werden durch Krisen nur vorübergehend übertüncht; sie brechen nach deren Abflauen erneut zu Tage. Es besteht die Gefahr des Aufrichtens neuer Feindbilder, die – wie wir sehen – bis hin zu geopolitischen Spannungen führen können (Wer trägt die Schuld an der Ausbreitung des Virus?) Es besteht aber auch die Chance, aus der gemeinsamen Erfahrung der Bedrohung und des zivilgesellschaftlichen Zusammenhaltens neue Wege zu bestreiten und – sozusagen – den Rückenwind aus dem gemeinsamen Durchstehen der Krise zu nützen – etwa für die Neuausrichtung des Wirtschaftens an sozialen und ökologischen Kriterien im Sinne einer Gemeinwohlökonmie.

Resümee: Die Befunde zeigen, dass die sozialen Auswirkungen durch den Lockdown im Zuge der Pandemie durchaus dramatisch sind, auch wenn Österreich ein vergleichsweise gut ausgebildetes Sozialsystem aufweist. Am härtesten trifft die Pandemie die Länder in den ärmeren Weltregionen, die über eine geringe wirtschaftliche Potenz, niedrige bzw. fehlende Sozialleistungen – ein afrikanischer Tagelöhner kann nirgends um Kurzarbeit ansuchen – und über schlecht ausgestattete Gesundheitssysteme verfügen. Dennoch wird es wichtig sein, die durch die Pandemie geschwächte Wirtschaft auch in den reichen Staaten zu unterstützen. Wie dies ökologisch und soziale verträglich geschehen kann und welche Vorschläge es dafür gibt, ist einem weiteren Bericht vorbehalten [1].

Hier vorerst nur mal die Frage, ob der Vorschlag aus der Postwachstumsökonomie, die öffentlichen Angebote der Daseinsvorsorge auszubauen und zugleich den privaten Konsum zurückzufahren, nicht ein attraktives Modell für eine Post-Corona-Wirtschaft wäre. Exzellente Schulen und Universitäten, leistbarer Wohnraum für alle, grüne, lebenswerte Städte, Arbeitszeitmodelle, die Beruf und Privates gut vereinbaren lassen [2, 3], dafür weniger von dem, was wir ohnedies kaum verwenden oder nutzen.

Fest steht: Um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise abzufedern und die notwendigen Maßnahmen zugleich ökologisch zu gestalten, ist eine ganzheitliche Herangehensweise erforderlich. Vorschläge dazu gibt es bereits. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

[1] Vorschläge dazu u. a. bietet die Gesprächsreihe der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen „Was kommt nach der Krise?“ auf JBZ TV.

[2] Vgl. Hans Holzinger: Wachstumsgrenzen. Die (Post-)Wachstumsdebatte in der aktuellen Fachliteratur. Verfasser:Salzburg/Wien 2016. Download 

[3] Zahrndt, Angelika: Die Postwachstumsgesellschaft.

Rückmeldungen und zweckdienliche Hinweise auf Projekte und Links gerne an: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org 

Wachstumseinbrüche und steigende Arbeitslosigkeit. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona.

Weltweit sind bereits mehr als 200.000 Menschen infolge einer Covid 19-Infektion gestorben, knapp 60 Prozent davon in Europa, 25 Prozent in den USA. China verzeichnet laut offiziellen Angaben nur knapp drei Prozent der Todesfälle. Während in den Ländern des Südens die Ausbreitung der Pandemie erst bevorsteht, ist in den Ländern des Nordens der Höhepunkt offensichtlich überschritten. Mit dem Herunterfahren großer Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wurde – wie es scheint – auch die Ausbreitung des Virus unterbunden. Allmählich wird der Shutdown wieder gelockert. Die wirtschaftlichen und damit auch die sozialen Folgen sind jedoch noch keineswegs zur Gänze auszumachen. Auch wird vor einer zweiten Welle im Zuge der Lockerungen gewarnt. Nach einem ersten Überblick über die Befunde und Prognosen zur Pandemie versuche ich eine erste Sortierung der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und schließe die Frage an, ob ein Post-Corona-Wirtschaften mit weniger privatem Konsum, dafür aber exzellenten öffentlichen Angeboten der Daseinsvorsorge möglich wäre.

Die Coronavirus-Pandemie sorgt nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) für den größten wirtschaftlichen Niedergang seit 100 Jahren. Das globale Wachstum werde 2020 nicht – wie noch im Jänner prognostiziert – um 3,3 Prozent zulegen, sondern um drei Prozent einbrechen. Internationale Warenlieferungen werden um mehr als elf Prozent schrumpfen, insbesondere weil – anders als in der Finanzkrise 2008 – diesmal auch Chinas Wirtschaft stark getroffen wurde. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten sogar ein Schrumpfen der Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,2 Prozent.

In den USA wurden binnen eines Monats durch die Corona-Krise mehr Jobs vernichtet, als in den elf Jahren seit der Finanzkrise neu entstanden waren. 26 Millionen Menschen sind jetzt ohne Arbeit – viele verlieren mit dem Job auch den Schutz einer Krankenversicherung. In Europa könnte sich laut McKinsey die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten fast verdoppeln. Nach Schätzungen des Beratungsunternehmen liefen 59 Millionen Arbeitsplätze Gefahr, durch dauerhafte Einbußen wie Lohn- und Arbeitsstundenkürzungen infolge der Coronavirus-Pandemie wegzufallen. Die Hälfte aller gefährdeten Arbeitsplätze seien im Kundenservice und Vertrieb, Gastronomie und im Baugewerbe. In Europas Großhandels- und Einzelhandelssektor könnten 14,6 Millionen Arbeitsplätze bedroht sein, 8,4 Millionen Arbeitsplätze im Hotelgewerbe und in der Gastronomie sowie 1,7 Millionen in der Kunst- und Unterhaltungsbranche.

Die aktuelle Situation in Österreich

Das WIFO erwartet für 2020 in Österreich (Prognose 23.4.2020) einen Rückgang der Wirtschaftsleistung und der Beschäftigung um über 5 Prozent bzw. 1,7 Prozent und einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 8,7 Prozent. Für 2021 wird mit einem verhaltenen Rebound gerechnet und ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent erwartet. Das Niveau des realen BIP vor der Krise werde erst Ende 2021 bzw. Anfang 2022 erreicht werden. Interessant dabei, dass am 23.3.2020 noch eine deutlich weniger pessimistische Prognose gegeben worden war: „Wenn die Maßnahmen bis Ende April in Kraft bleiben, im Mai allmählich wieder aufgehoben werden und sich die Lage im Sommer normalisiert, wird die österreichische Wirtschaft 2020 um 2,5 Prozent schrumpfen.“

Ökonom*innen der Wirtschaftsuniversität Wien, des Instituts für höhere Studien (IHS), des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) und des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) zeichnen in einer gemeinsamen Studie ein trübes Bild. Sie gehen von einem möglichen Minus von 6 Prozent des BIP aus. Dieses Minus ergebe sich unter der Annahme, dass die Reduktion der wirtschaftlichen Tätigkeiten bis Mitte Juni anhält. Sollte sie nur bis Mitte Mai dauern, ist mit einem BIP-Rückgang von 4,0 Prozent zu rechnen. Die Zahlen könnten aber noch weiter nach unten gehen, beispielsweise wenn der Tourismus im Sommer sehr viel restriktiver geregelt wird als angenommen.

Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen in Österreich auf einen historischen Höchststand seit 1946 nach oben schnellen lassen. Ende März gab es im Vergleich zum Vorjahresmonat 52,5 Prozent mehr Personen ohne Arbeitsplatz. Über eine halbe Million Menschen waren Ende März 2020 arbeitslos gemeldet. Besonders drastisch war der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Salzburg (+112,3% Prozent) und Tirol (+174,2 Prozent). Hier machte sich das vorzeitige Saisonende und die große Bedeutung des Tourismus für den Arbeitsmarkt deutlich bemerkbar. Während im produzierenden Gewerbe, aber auch in der Kultur- und Unterhaltungsbranche die Kurzarbeit stark zugenommen hat, stieg im Tourismus zudem die Arbeitslosigkeit rasant an. Ende März war in diesem Bereich nur mehr jede/r Dritte regulär beschäftigt, rechnet Agenda-Austria vor. Kaum Einbußen gab es nahe liegender Weise in der öffentlichen Verwaltung sowie im Gesundheitswesen.

Dass Österreich mit mehr als einer halben Million verhältnismäßig mehr Arbeitslose hat als Deutschland, wird mit dem hohen Anteil des Tourismus erklärt. Getroffen habe Österreich aber auch die Entwicklung am Bau: Viele Baustellen standen im März still. Am Bau hat sich die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt, 28.000 Menschen verloren ihren Job. In Deutschland dagegen lief der Bau durch, hier stieg sogar die Nachfrage nach Arbeitskräften.

Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit

AK Chefökonom Markus Marterbauer fordert, die Arbeitslosenquote von aktuell 8,7 Prozent innerhalb eines Jahres wieder auf das Niveau von 2019 in Höhe von 7,4 Prozent zu drücken. Folgende Maßnahmen seien dafür notwendig: Aufstockung des AMS-Personals um 500 MitarbeiterInnen – um die Vermittlungstätigkeit in gute Jobs verbessern zu können; Qualifikationsmaßnahmen – um Arbeitslose etwa aus dem Bereich Tourismus in systemrelevante Branche wie Gesundheit und Pflege weiterqualifizieren zu können; Programme für junge Menschen – um eine verlorene Generation zu vermeiden, müssen spezielle Ausbildungsprogramme für jugendliche Arbeitslose entwickelt und die Schul- und Studienplätze aufgestockt werden; Unterstützungen für ältere Arbeitslose – für Menschen im Alter über 45 Jahren, die länger als zwei Jahre arbeitslos waren, sollen langfristig gemeinnützige und kommunale 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Zudem brauche es Investitionen in zukunfts- und systemrelevante Wirtschaftsbereiche wie Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Schulen, Umwelt und Klima etc. Das schafft krisensichere Arbeitsplätze sowie die Einführung einer Vermögensabgabe zur Finanzierung des Lastenausgleichs in der Corona-Krise.

Krisenstrategie Kurzarbeit

In der Finanzkrise 2008 hat sich die Strategie, durch Unterstützungen für Kurzarbeitsregelungen die Arbeitslosigkeit nicht zu stark ansteigen zu lassen, bewährt. Sie wird auch jetzt in vielen Ländern angewandt. Bereits am 15.3.2020 wurde in Österreich ein von den Sozialpartnern ausverhandeltes Kurzarbeit-Modell für alle Branchen und Betriebe entwickelt. Damit bekommen betroffene Arbeitnehmer*innen in der Kurzarbeit entweder 80, 85 oder 90 Prozent (gestaffelt nach Einkommenshöhen) ihres bisherigen Nettoeinkommens.

In einem weiteren Gesetzespaket, vom Nationalrat beschlossen am 20.3.2020, wurde festgelegt, dass durch die Kurzarbeitsbeihilfe die Dienstgeber*innen-Mehrkosten für die Beiträge zur Sozialversicherung ab dem ersten Tag abgegolten werden. Das Modell findet hohen Anklang: Allein zwischen 24. März und 7. April wurden für ca. 692.000 betroffene Arbeitnehmer*innen Anträge beim AMS eingereicht. Zwei Wochen später waren bereits knapp 900.000 Personen in Kurzarbeit gemeldet. Ende April lag die Zahl bei 1,1 Million. Die veranschlagten Kosten für Kurzarbeit beliefen sich zu Beginn auf rund 5,3 Mrd. Euro, ein Betrag der wohl nicht reichen wird. Ende April wurden die Mittel von fünf auf sieben Mrd. € aufgestockt.[1]

Die Vorteile für Betriebe und ArbeitnehmerInnen liegen auf der Hand: Betriebe erhalten erfahrene MitarbeiterInnen und Know-how, sparen sich zukünftige Personalsuchkosten und vermeiden einen Imageverlust durch radikalen Job-Abbau. Für Betriebe ist das Kurzarbeitsmodell mittlerweile betriebswirtschaftlich günstiger als eine reguläre Kündigung unter Einhaltung der Kündigungsfristen, so die Autoren des Blogs Arbeit & Wirtschaft.  Die Arbeitnehmer*innen profitieren durch ein aufrechtes Dienstverhältnis und ein stabiles Mindesteinkommen, das annähernd in der Höhe des vorherigen Lohns bzw. Gehalts liegt. Denn die Kurzarbeitsbeihilfe ist wesentlich höher als ein alternatives Arbeitslosengeld, das in der Regel lediglich 55 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens beträgt. Kurzarbeit trägt somit auch wesentlich zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Nachfrage bei.

Auch für den Staat überwiegen die Vorteile bei Kurzarbeit, so die Autoren. Die Aufwendungen für die Kurzarbeitsbeilhilfe an die Betriebe sind zwar erheblich, aber die Kosten der Arbeitslosigkeit sind nicht zu unterschätzen. Und: Kurzarbeit kostet in Österreich nur 100 Euro mehr als Arbeitslosigkeit.

Einkommensverluste – junge Menschen am stärksten betroffen

Die Coronakrise führt in ganz Österreich zu Einkommensverlusten. Besonders hart betroffen sind die Tourismus-Bundesländer Tirol und Salzburg, zeigt eine Umfrage im Auftrag von Durchblicker.at von Ende April. Demnach haben österreichweit 43 Prozent der Haushalte weniger Einkommen, in den beiden Bundesländern trifft es etwa die Hälfte, in Wien nur etwas mehr als ein Drittel.

Am Arbeitsmarkt trifft es junge Neueinsteiger*innen in besonderer Weise. Es wird mittlerweile bereits von einer „verlorenen Generation“ gesprochen. Betriebe stellen bei Wirtschaftseinbrüchen weniger neue Arbeitskräfte ein, wodurch sich die Jobchancen für neue Schulabsolvent*innen reduzieren. Ebenso verknappt sich das Angebot an offenen Lehrstellen. Junge Menschen sind aber auch häufiger von Kündigungen betroffen. Für Betriebe scheinen die Kosten geringer zu sein, wenn sie jüngere Mitarbeiter*innen kündigen, da sie weniger in deren Weiterbildung investiert haben als bei älteren. Außerdem verfügen jüngere Beschäftigte in der Regel über einen schwächeren Kündigungsschutz als ältere Arbeitnehmer*innen (last in, first out), beispielsweise durch kürzere Kündigungsfristen bei kürzerer Betriebszugehörigkeit.

Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer, fordert verschiedene Maßnahmen, um die Arbeitslosigkeit wieder zurückzudrängen, eine davon betrifft  junge Menschen, einen andere ältere Arbeitnehmer*innen . Notwendig sei die Aufstockung des AMS-Personals um 500 MitarbeiterInnen, um die Vermittlungstätigkeit in gute Jobs verbessern zu können. Qualifikationsmaßnahmen sollen Arbeitslose etwa aus dem Bereich Tourismus in systemrelevante Branche wie Gesundheit und Pflege weiterqualifizieren. Mit speziellen Ausbildungsprogrammen für junge Menschen müsse verhindert werden, dass hier eine neue „verlorene Generation“ entstehe. Schließlich brauche es Unterstützungen für ältere Arbeitslose – für Menschen im Alter über 45 Jahren, die länger als zwei Jahre arbeitslos waren, sollen langfristig gemeinnützige und kommunale 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Zudem brauche es Investitionen in zukunfts- und systemrelevante Wirtschaftsbereiche wie Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Schulen, Umwelt und Klima etc. Das schaffe krisensichere Arbeitsplätze sowie die Einführung einer Vermögensabgabe zur Finanzierung des Lastenausgleichs in der Corona-Krise.

Resümee: In Krisenzeiten zeigt sich die Bedeutung des Sozialstaats in besonderer Weise, wie Markus Materbauer in einem Falter-Beitrag erläutert. Nur er ist in der Lage, soziale Probleme und materielle Einbußen der Bürger*innen abzufedern und Betreuungs- und Gesundheitsangebote zur Verfügung zustellen [2]. Vordergründig sehen dies nun auch die Vertreter*innen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik ein. Neben den wirtschaftlichen Einbrüchen gibt es aber auch die sozialen und psychischen Probleme, die in der Corona-Krise deutlich werden, etwa durch beengte Wohnverhältnisse bei wirtschaftlich benachteiligten Personengruppen. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

 [1] Details zu den Kriterien siehe https://www.ams.at/unternehmen/personalsicherung-und-fruehwarnsystem/kurzarbeit

[2] Markus Marterbauer: „Die Vorteile des Sozialstaates sind zu offensichtlich: Er ist effizient, weil er erstens genau jene unterstützt, die Hilfe brauchen, die Kranken, Arbeitslosen, Kinder, Alten und Pflegebedürftigen, zweitens von jenen finanziert wird, die gerade gesund und erwerbstätig sind, und so drittens allen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens zugutekommt.“ (Falter 17/20, 22.04.2020)

 

Corona-Krise: Befunde und Prognosen | Versuch einer Zusammenschau

Wie es aussieht, wird uns das Corona-Virus noch länger zusetzen. An wirksamen Medikamenten wird fieberhaft geforscht, ebenso an einem Impfstoff. Wann es soweit sein wird, ist allerdings noch offen. Eine gute Nachricht: Die Lock down-Maßnahmen wirken. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus konnte in den meisten Ländern eingebremst werden. Gewarnt wird vor einer zweiten Welle nach dem Zurückfahren der Beschränkungen. Offen ist auch, wie sich die Pandemie in den Ländern des Südens ausbreiten wird. Im Folgenden der Versuch einer Sortierung einiger aktueller Befunde und Prognosen.

Aktuelle Daten zur weltweiten Entwicklung der Coronavirus-Pandemie zeigt die Realtime-Karte der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore/Maryland. Demnach waren am 13. April bereits 185 Staaten betroffen, es gab 1,85 Millionen Infizierte und knapp 115.00 Tote. Liveticker wie jene von Süddeutsche Zeitung,  Zeit-Online, Die Welt, Handelsblattes, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau,  Westdeutscher Rundfunks oder Bayrischer Rundfunk berichten laufend über aktuelle Nachrichten weltweit und für Deutschland. In Österreich gibt es etwa Corona-Schwerpunkte von ORF, Wiener Zeitung, Die Presse, Profil, Falter-Zeitung, Falter-TV oder Furche. Aus der Schweiz und weltweit berichtet u. a. die Neue Züricher Zeitung in einem Liveticker. Wir sind bestens informiert über die jeweils aktuellen Zahlen und Maßnahmen der Regierungen.

Aktuelle Lage verweist auf geringfügige Entspannung in Europa

Die Zahl der Corona-Toten in Europa ist am 12. April, dem Ostersonntag, auf über 75.000 gestiegen: 80 Prozent aller Todesfälle in Europa fielen auf die Länder Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien. Europa ist der Kontinent mit den meisten Infektions- und Todesfällen, berichtet die Frankfurter Rundschau. Die Länderstatistik führt mittlerweile die USA an, die jedoch bevölkerungsmäßig etwa den EU-Staaten entspricht.

China und Südkorea vermelden seit einiger Zeit, dass die Ausbreitung des Virus weitgehend gestoppt worden sei, Neuinfizierte vor allem durch Rückkehrer aus dem Ausland erfolge. Der Zenit der Ausbreitung scheint auch in den europäischen Hotspots Italien, Spanien, Belgien und Frankreich überschritten zu sein, auch wenn die Zahl der Toten weiter hoch ist. In Deutschland stieg die Zahl der Todesfälle am Ostermontag auf insgesamt über 3.000 – aber es gibt mittlerweile mehr Genesene als aktuell noch Infizierte. In Österreich wurden bei 14.000 positiv Getesteten 368 Todesfälle vermerkt – bei einem deutlichen Rückgang der Neuinfizierten. Auch hier übersteigen seit 13. April die Genesenen die Erkrankten.  Die Schweiz verzeichnete am Ostermontag knapp 25.600 Infizierte und 885 Corona-Tote, also mehr als doppelt so viele wie Österreich. Die Zahl der Neuinfizierungen ist in den letzten Tagen jedoch ebenfalls stark zurückgegangen. In den USA stieg die Zahl der Todesfälle auf über 22.000, die Hälfte davon beziehen sich auf New York, wo die Lage noch immer dramatisch ist. Die Zahl der Todesfälle ist am 14. April auf über 2.200 gestiegen.

Weniger erfährt man aus Ländern des Südens

Die laufend aktualisierte Landkarte der John Hopkins University zeigt, dass die Hotspots der Pandemie sich zunächst von China nach Europa und den USA verlagert haben, die Ausbreitung im Nahen Osten stark zunimmt, etwa in der Türkei und im Iran. In Russland ist das Virus im Anrollen, in Lateinamerika ist Brasilien am stärksten betroffen, andere Länder wie Ecuador, Peru oder Chile ziehen nach. Ein Beispiel: Die Millionenmetropole Guayaquil in Ecuador ist in Lateinamerika eine der Städte, die am schlimmsten vom Coronavirus betroffen sind. Laut NZZ habe am Ostermontag eine Sondereinheit der Polizei mehr als 1.400 Leichen aus Wohnungen und Spitälern der Hafenstadt abgeholt. Wegen der völligen Überlastung von Gesundheitssystem und Beerdigungsinstituten waren Tote zuletzt tagelang in Wohnungen liegengeblieben.

In Afrika ist laut verfügbaren Daten der John Hopkins University die Ausbreitung noch gering, Spitzenreiter Südafrika meldet gut 2.000 Infizierte und 25 Tote (Stand 13. April), laut einem ARD-Tagesschaubericht vom 12.4. wird jedoch eine rasche Ausbreitung befürchtet. Ein Ö1-Abendjournalbericht macht deutlich, dass Corona die Verletzlichkeit afrikanischer Staaten weitererhöhen werde. Experten halten Nordkorea in der Coronavirus-Pandemie für besonders gefährdet. Das mit zahlreichen Sanktionen belegte Land ist international nahezu vollständig isoliert, das Gesundheitssystem ist schwach. Bei all diesen Daten ist zu berücksichtigen, dass sie die Dunkelziffer nicht enthalten – Schätzungen gehen vom Drei- bis Vierfachen der als infiziert Registrierten aus, dass unterschiedlich intensiv getestet und wohl auch gemeldet wird.

Entwicklung der Infizierten und Todesraten

Grafiken der Neuen Zürcher Zeitung auf Basis der John Hopkins University zeigen, dass in Europa Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien die meisten Todesfälle zu verzeichnen sind, insgesamt die USA aber mittlerweile die Todesliste anführen. Bei der Anzahl der Infizierten pro 100.000 EinwohnerInnen liegt Spanien mit 350 Fällen vor Belgien und Italien mit ca. 260 Fällen, Frankreich mit ca. 200 Fällen dennoch vor den USA mit ca. 180 Fällen. Eine interaktive Grafik zeigt die Ausbreitungsgeschwindigkeit in den USA nach Bundesstaaten – dramatisch ist der Anstieg im Hotspot New York. Eine weitere interaktive Grafik illustriert die Entwicklung weltweit nach Staaten. Die erfreuliche Nachricht: In den  Staaten, in denen einschränkende Maßnahmen ergriffen wurden, beginnen diese zu wirken: die Ansteckungsraten sinken. Hat vor einigen Wochen eine Person noch an die drei weitere Personen angesteckt, so sank diese Rate in vielen Ländern, auch in Österreich, mittlerweile unter eine Person pro Infiziertem. Und die Zahl der Genesenen nimmt in vielen Ländern mittlerweile stark zu, in Österreich seit Anfang April. Mittlerweile sind in Österreich über die Hälfte der 14.000 Infizierten wieder genesen.

Aufschlussreich sind Statistiken über das Verhältnis von Todesfällen zu EinwohnerInnen bzw. zu positiv Getesteten: Dabei kommt in Europa Spanien auf 33 Tote pro 100.000 Einwohner, Italien auf 30 und Belgien auf 22. Deutschland verzeichnet demnach nur etwas mehr als drei Corona-Tote je 100.000 Einwohner. Blickt man auf die Todeszahl pro 100 bestätigter Fälle liegt Italien mit 12,7 % an der Spitze, gefolgt vom Vereinigten Königreich (12,1%) und den Niederlanden (11 %). Deutschland kommt dabei auf einen Wert von 2,2 % (Stand 10.4, Deutschlandfunk). Auch hier spielt die Zahl der Getesteten eine Rolle: So weist Schweden mit über 900 Corona-Toten bei knapp 11.000 positiv Getesteten eine hohe Todesrate auf, die Dunkelziffer ist jedoch hoch, da verhältnismäßig wenig getestet wird (Stand 14.4., swp.de).

Im Vergleich mit anderen Ländern weist auch Österreich eine extrem niedrige Zahl an Todesfällen auf. Verantwortlich dafür dürften das niedrige Durchschnittsalter der infizierten Personen und spezifische Infektionsketten sein. In Österreich hätten sich sehr viele beim Schifahren angsteckt und das seien eher Jüngere, so die Wiener Zeitung. Die Skifahrer-These scheine nicht nur für Österreich einige Zusammenhänge zu erklären, sondern auch für andere Länder. So weisen etwa Deutschland und Norwegen eine ähnlich niedrige Todesrate wie Österreich auf. In beiden Ländern führen zahlreiche Hauptinfektionsketten in die Tiroler Wintersportorte, so der Beitrag. Ein gutes Gesundheitssystem mag im Vergleich mit ärmeren Staaten hier eine Rolle spielen, als Erklärung allein taugt dieses jedoch nicht, wie etwa die bedeutend höheren Todesraten in Belgien und der Schweiz zeigen.

Wichtig für die Gesundheitspolitik ist die Zahl der Schwererkrankten sowie die verfügbaren Intensivbetten. Während Italien, Spanien oder Frankreich hier Probleme hatten, ist die Situation in Deutschland und Österreich diesbezüglich entspannt.

Sonderweg im Umgang mit der Pandemie

Einige europäische Staaten versuchten anfangs einen Sonderweg. Niederlande und Großbritannien sind nach der Zunahme der Infizierten und Toten davon abgegangen. In den Niederlanden wurden bis Ostermontag 26.500 Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Über 2800 Personen sind bisher in den Niederlanden an der Lungenkrankheit COVID-19 gestorben. Großbritannien dürfte in Europa das am stärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land werden. Regierungschef Boris Johnson, der selbst infiziert wurde und aufgrund anhaltender Symptome auf der Intensivstation lag, hat für die nächsten drei Wochen starke Maßnahmen angekündigt.

Nur Schweden ist bei einem Sonderweg geblieben: Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse sind anders als Gymnasien und Unis weiter offen. Das Gleiche gilt für Restaurants, Kneipen und Cafés, die ihre Gäste seit kurzem aber nur noch am Tisch bedienen dürfen. Die Skigebiete sind ebenfalls weiter geöffnet, die Staatsgrenzen für Nicht-Europäer dicht, nicht aber für BürgerInnen der EU und der Europäischen Freihandelszone. Und durch Stockholm fahren weiter mit Pendlern ge- oder überfüllte Busse. Erst am Freitag vor Ostern wurde verlautbart, dass Versammlungen auf maximal 50 Teilnehmer begrenzt werden, davor waren es 500. Verfolgt werden zwei Hauptmaßnahmen: Wer sich krank fühlt, bleibt sofort zu Hause. Und wer älter als 70 Jahre ist oder eine Vorerkrankung hat, isoliert sich selbst. Außerdem fordert die Behörde alle BürgerInnen auf, Abstand zu halten. Schweden setzt eher auf Freiwilligkeit und die Einsicht der BürgerInnen und weniger auf Verbote – das mag der liberalen Gesinnung und einer starken zivilgesellschaftlichen Verantwortung geschuldet sein. Die Zukunft wird zeigen, ob der eingeschlagene Weg richtig war. Auch in Schweden gehen die Infektionen zurück. Allerdings sind dort 1.000 Menschen verstorben, also mehr als doppelt so viele wie in Österreich bei einer nur geringfügig höheren EinwohnerInnenzahl (10 Millionen). In Belgien wiederum (elf Millionen Einwohner, strenger Lockdown) zählen die Behörden 4.000 Tote, zehnmal so viel wie in Österreich.

Griechenland ist mit 2.100 Infizierten und knapp 100 Toten bislang wenig betroffen. Dies kann sich jedoch noch ändern. Problematisch ist der dramatische Einbruch des Tourismus. Zwei Drittel der Hotels könnten Pleite gehen, wird befürchtet. Prekär könnte die Lage in den Flüchtlingslagern werden: Menschenrechtsgruppen befürchten wegen der Corona-Pandemie vor allem im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos eine Katastrophe. Inzwischen leben rund 20.000 Menschen in dem Lager, das eigentlich für weniger als 3.000 ausgelegt ist. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR fordert angesichts dessen, möglichst viele Menschen aufs Festland zu holen.

Mehr Stimmen aus der Wirtschaft für Lockerung der Maßnahmen

In Europa scheint der Zenit der Pandemie überschritten zu sein. Die dramatischen Bilder von Behandlungsengpässen in norditalienischen Spitälern oder im französischen Elsass sind voraussichtlich Geschichte. Es mehren sich daher die Stimmen jener, die eine stärkere Lockerung der Maßnahmen fordern: In Deutschland etwa der Ökonom Thomas Fuest, das ifo-Institut oder der Virologe Hendrik Streeck, der die strengen Maßnahmen insgesamt kritisiert. Nach China und neben Tschechien ist Österreich eines jener Länder, das als erstes die Einschränkungen zurücknehmen möchte, was auch international rezipiert wird, wie ein Bericht der deutschen Tagesschau zeigt. Ab 14. April sollen wieder alle Geschäfte offenhalten dürfen. In Spanien wurden die Corona-Maßnahmen bereits einen Tag früher, den 13. April, gelockert, die meisten Spanier und Spanierinnen können wieder arbeiten gehen.

Ein ORF-Bericht meldet Lockerungen der Beschränkungen in sechs EU-Staaten ab Osterdienstag:  Neben Österreich und Spanien auch Italien, Dänemark, Litauen und Tschechien. In Deutschland empfahl ein von der Nationalakademie Leopoldina organisierter Verbund von 26 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Regierung, in der Viruskrise einen Fahrplan „zur allmählichen Rückkehr in die Normalität“ zu entwickeln. Doch Virologen und Virologinnen warnen: Es bestehe das Risiko, dass die Infiziertenzahlen wieder hochschnellen. Keine Lockerungen gibt es in Großbritannien und Frankreich.

In mehreren Ländern wie in Deutschland wird neben der Öffnung der Geschäfte auch über die Wiedereröffnung der Schulen diskutiert. In der Bevölkerung ist die Zustimmung zu den Covid-Maßnahmen jedoch weiterhin hoch: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen eine Lockerung des Kontaktverbots zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie, berichtet der Tagesspiegel. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa plädierten 44 Prozent für eine Verlängerung der Maßnahmen über den 19. April hinaus, 12 Prozent sind sogar für eine Verschärfung. Nur 32 Prozent sind für eine Lockerung und 8 Prozent für eine Abschaffung der von Bund und Ländern beschlossenen Einschränkungen.

Ein Corona-Blog der Universität Wien informiert über Erhebungen über die Wahrnehmung von Corona in Österreich und die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Eine Studie über die psychologischen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen zeigt, dass Kurzarbeit und Homeoffice gut angenommen werden. Negative Gefühle zeigen vor allem Arbeitslose, SchülerInnen und Studierende, sowie haushaltsführende und arbeitsunfähige Menschen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor einer zweiten Welle, sollten die Lockerungen zu schnell erfolgen. Auch die Hoffnungen auf eine Herdenimmunität sind zerstoben. Es ist unmöglich, jene Zahl der Immunisierten zu reichen, die nötig wäre, und eine wirksame Immunisierung in der Bevölkerung zu erreichen: die Schätzungen reichen von 50 – 70 Prozent. Ein in Österreich durchgeführter „Dunkelziffertest“ unter 2.000 Personen hat ergeben, dass lediglich 1 Prozent der Bevölkerung infiziert ist. Abhilfe würde hier lediglich ein wirksamer Impfstoff schaffen. Und zur Behandlung der Schwererkrankten brauchen wir wirksame Medikamente.

Fieberhafte Erforschung wirksamer Medikamente

Weltweit werden derzeit in verschiedenen Studien mehrere Medikamente darauf untersucht, ob sie unter Umständen gegen SARS-CoV-2 helfen. Die größten sind die von der Weltgesundheitsorganisation WHO initiierte Solidarity-Studie sowie die von der französischen Forschungsorganisation INSERM koordinierte Discovery-Studie in Europa, an der sich unter anderem Deutschland, Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, Spanien, Schweden und Großbritannien beteiligen, wie ein guter Beitrag auf Deutschlandfunk informiert.

Als antivirale Medikamente werden vornehmlich Wirkstoffe untersucht, die ursprünglich zur Behandlung anderer Viruserkrankungen entwickelt wurden, etwa Ebola, HIV, Hepatitis C, Grippe, oder der Coronaviren SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) oder MERS (Middle East Respiratory Syndrome). Beim Einsatz gegen SARS CoV-2 erhofft man sich, dass diese Medikamente die Vermehrung des Virus blockieren oder verhindern, dass es in Lungenzellen eindringt. Daraufhin wird auch ein seit Jahrzehnten etabliertes Malaria-Medikament geprüft, das auch gegen verschieden Virenarten wirkt.

Institute melden zwar seit Wochen mögliche Erfolge bei Medikamenten – hier geht es sicher auch um die Erzeugung von Aufmerksamkeit. Genaue Prognosen werden aber selten genannt: Der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Karl Broich, hat die Einschätzung von Experten bestätigt, dass es noch in diesem Jahr eine Zulassung für Covid-19-Medikamente geben könnte, so ein Bericht auf T-online.

Es wird daher davon ausgegangen, dass die Pandemie länger anhalten wird und das Ziel sein müsse, diese kontrolliert ablaufen zu lassen und insbesondere Hochrisikogruppen zu schützen. Über Containment soll wieder erreicht werden, Kontakte von Infizierten mit anderen Personen zu rekonstruieren und die Ansteckung neuer Personen zu unterbinden. Das Robert-Koch-Institut hat hierfür Stellen für Containment-Scouts ausgeschrieben, die in der Erfassung der Daten helfen sollen.

Kontrovers diskutiert wird die Einführung von sogenannten Corona-Apps, über die Infizierte erfasst und andere Personen vor diesen gewarnt werden können. Als Kernstück dient ein Kontakt-Tagebuch, indem persönliche Begegnungen mittels „digitalem Handshake“ anonymisiert gespeichert werden. Treten bei einer Person dann Symptome einer Corona-Erkrankung auf, wird man als Kontakt automatisch benachrichtigt und gebeten, sich selbst zu isolieren. In Österreich wird vom Roten Kreuz eine App angeboten, die aber – anders als von der Regierung anfangs angedacht – nur auf freiwilliger Basis zur Anwendung kommt. Die Europäische Kommission hat am 8. April Empfehlungen für die Verwendung von Apps und mobilen Daten zur Eindämmung der Corona-Pandemie vorgelegt. Digitale Lösungen können eine wichtige Rolle bei der schrittweisen Aufhebung der Notfallmaßnahmen spielen, wenn sie gut koordiniert sind und im Einklang mit den EU-Regeln stehen, so der Kommissär für den Binnenmarkt Thierry Breton. Die Empfehlungen betreffen einerseits den Einsatz von Applikationen, die es Bürgerinnen und Bürgern erlauben, ihre Kontakte nachzuverfolgen. Andererseits beziehen sie sich auf die Verwendung aggregierter, anonymisierter Daten, mit deren Hilfe die weitere Entwicklung der Pandemie projiziert werden soll.

Szenarien für den weiteren Verlauf der Pandemie

Wie die Pandemie weiter verläuft, hängt nicht nur davon ab, wie sich Menschen verhalten. Auch Parameter wie das Wetter könnten eine Rolle spielen, wie ein Beitrag  in Der Zeit berichtet. Viele hatten gehofft, dass sdie höhere Luftfeuchtigkeit und mehr UV-Strahlung in den kommenden Monaten den Ausbruch verlangsamen könnten. Diese Hoffnung aber könnte sich zerschlagen. Der Virologe Christian Drosten, Chefberater der deutschen Bundesregierung,  geht im Gegenteil sogar davon aus, dass der Ausbruch erst in den Sommermonaten seinen Höhepunkt erreichen könnte. Bei seiner Aussage bezieht sich der Virologe auf aktuelle Forschungsergebnisse einer Gruppe um den Harvard-Wissenschaftler Marc Lipsitch.

Die Forscher haben mit einem mathematischen Modell simuliert, wie der Coronavirus-Ausbruch weitergehen könnte – und zwar bis 2025. In ihrer noch nicht von Experten begutachteten Studie gehen sie davon aus, dass es in gemäßigten Klimazonen nach einer ersten Pandemiewelle zu wiederholten Ausbrüchen von Sars-CoV-2 in den Wintermonaten kommen könnte. Zu diesem Ergebnis kam auch eine andere Forschungsgruppe, die bei ihren Berechnungen auf Daten aus Schweden zurückgriff.

Dieses Szenario könnte eintreten. Vielleicht kommt es aber auch anders und das Virus verschwindet nach einem heftigen Ausbruch für eine Weile und taucht erst nach Jahren wieder auf. Um besser einschätzen zu können, wie sich die Situation langfristig entwickeln wird, fehlen immer noch Informationen darüber, wie lange Menschen nach einer Infektion mit dem neuen Coronavirus immun sind. Helfen könnte ein Impfstoff, mit dem Forscher etwa in einem Jahr rechnen, schreibt Die Zeit.

US-Forscher der University of Washington wagten eine Prognose zur Pandemie bis August 2020. Demnach hat Deutschland die größte Welle nach Ostern schon hinter sich. Bis August rechnen die Forscher jedoch mit rund 7.000 Todesfällen in Deutschland. Für Großbritannien werden die erwarteten Todeszahlen bis August mit etwa 37.000 angegeben. Für die USA rechnen die Forscher mit rund 60.000 Toten bis zum Sommer.

Neben den sich mehrenden Stimmen für eine Lockerung des Shutdown gibt es auch kritische Stimmen, die den Staaten zu langes zuwarten und ein anfangs zu geringes Ernstnehmen der Pandemie vorwerfen. Einer ist der Schweizer Mediziner Paul Robert Vogt, Leiter der Stiftung „EurAsia Heart“, der u. a. kritisiert, dass viel zu wenige Test durchgeführt wurden, um valide Daten für Ausbreitungsprognosen zu erhalten. Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den pro Kopf am meisten Infizierten und höchsten Todesraten. In Der Standard wurden die Versäumnisse  der Politik nachgezeichnet, nachdem die WHO Covid19 am 30.Jänner 2020 den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hatte. Mehr Tests fordert in Österreich auch die Tropenmedizinerin und Vorsitzende der SPÖ in Österreich Pamela Rendi-Wagner. Der Epidemieexperte Markus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen bringt seine Erfahrungen mit Epidemien in den Ländern des Südens ein. Sein Fazit: Leben rettet man in den Krankenhäusern, Epidemien besiegt man außerhalb. Die reichen Länder, unerfahren im Umgang mit Epidemien, hätten zu spät reagiert und sich zu stark auf die Behandlungen im Krankenhaus konzentriert.

Für Unruhe sorgen neue Berichte über angebliche Neuifizierungen von bereits Genesenen in Südkorea. Die WHO untersucht dort Fälle, bei denen es zu einer neuerlichen Infektion gekommen sein könnte. Die möglichen Erklärungen für das Phänomen reichen von problematischen Tests bis zur Mutation des Virus‘, so ein Bericht in den Salzburger Nachrichten.

Über den Zeitpunkt, zudem eine vollwertige Impfung gegen Covid-19 bereit gestellt werden kann, gibt es widersprüchliche Aussagen: Für Verwirrung sorgt die Aussage von Dietmar Hopp, dem Mehrheitseigentümer des Tübinger Pharmaunternehmens CureVac, dass bereits im Herbst 2020 ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus zur Verfügung stehen könnte. CureVac will im Frühsommer mit klinischen Tests beginnen. Demgegenüber setzt das Paul-Ehrlich-Institut darauf, dass selbst bei höchster Geschwindigkeit und positiven Ergebnissen in der Forschung frühestens im Frühjahr 2021 ein Impfstoff gegen Covid-19 bereitsteht.  Immerhin muss ein Impfstoff auf seine Sicherheit und Wirksamkeit hin ausgetestet werden, bevor er an alle Menschen verteilt wird, berichtet der SWR auf seiner Wissenschaftsseite.

Der Autor und Begründer der Gemeinwohlakademie Christian Felber spricht ein Tabu an, wenn er die ergriffenen Maßnahmen mit den Folgen dieser Maßnahmen abwiegt: Bewegungsarmut, Vereinsamung, innerhäusliche Konflikte und die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown. Er relativiert auch die Todeszahlen, da nicht klar sei, welche Personen durch und welche mit Corona gestorben seien.

Anders sieht dies Herwig Kollaritsch, Tropenmediziner und ein wichtiger Berater der österreichischen Corona-Taskforce, im Wiener Falter.  Mehr Covid-19-Kranke würden unweigerlich mehr ­Intensivpatienten bedeuten. Deshalb müssen alle Maßnahmen auf eine stabile Gesamtzahl von Infizierten ab. Sie stagniert, wenn jeder Erkrankte höchstens einen anderen ansteckt, was in Österreich erreicht worden sei. Nun müsse der Staat Wege finden, die Ansteckungsrate trotz Geschäfts- und Freizeitlebens kleinzuhalten. Kranke stecken dann niemanden an, wenn sie und ihre Kontakte schnell identifiziert werden. Notwendig sei daher, viele Menschen zu testen und Infizierte zu überwachen, etwa mit einer App. Und wenn die Zahl schnell steige, wieder Ausgangsbeschränkungen hochziehen.„Vergessen Sie die Durchseuchung“, sagt Kollaritsch: „wenn wir die Krankenzahl halten, haben sich bis zur Impfung keine zehn Prozent der Österreicher angesteckt.“ Es beginne ein Jahr der Entbehrungen.

Fazit: Es gibt noch sehr viele Unbekannte. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Pandemie uns länger begleiten wird. Gut verständlich erklärt dies die junge Chemikerin Thi Nguyen-Kim auf maiLab, eine Wissenschafts-Coproduktion von ARD und ZDF für junge Leute, wenn sie meint, dass Corona gerade erst richtig losgeht.

Die sozioökonomischen und demokratiepolitischen Folgen der Pandemie bleiben weiteren Sortierungen vorbehalten.

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“. Rückmeldungen: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org

 

 

Nach der Krise: Andere Wirtschaft, bessere Welt?

Das Coronavirus verändert die Welt. Es macht uns die Fragilität menschlichen Lebens sowie die Verwundbarkeit unserer Zivilisationen bewusst. Der medizinische Fortschritt hat uns in der Gewissheit gewogen, dass Krankheiten besiegt werden können. Nicht alle, aber immer mehr. Selbst bei Krebs sind die Heilungschancen stark gestiegen. Nun sind wir mit einem Virus, winzig klein und nicht sichtbar, konfrontiert, gegen das noch kein Gegenmittel gefunden ist. Und das Besondere an Viren ist, dass sie vor Gesunden nicht Halt machen. Wir kennen Epidemien zwar aus der Geschichte bzw. aus fernen Ländern, Ebola in Afrika oder SARS in Asien. Nun hat es auch uns in den Wohlstands- und Hochkonsumländern erwischt.

Wir erleben eine doppelte Abhängigkeit: zum einen von medizinischen Labors, die hoffentlich bald wirksame Medikamente finden; zum anderen sind wir voneinander abhängig in dem Sinne, dass sich alle an die vorgeschriebenen Maßnahmen halten, um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Dazu kommt eine dritte Abhängigkeit, nämlich dass unsere Versorgungssysteme weiterhin funktionieren und die hochgradig arbeitsteilige Wirtschaft nicht zusammenbricht. Die Philosophin Marianne Gronemeyer spricht von „bedürftigen Mängelwesen“, zu denen wir durch unsere Fremdversorgungssysteme geworden sind.

Noch funktionieren die Versorgungswege. Wir haben genügend Lebensmittel, Wasser und Strom werden pünktlich geliefert, auch die Tageszeitungen. Und die Kommunikation und Information über virtuelle Kanäle erlebt geradezu einen Boom. Zu erwarten ist, da sind sich alle Wirtschaftsforschungsinstitute einig, dass der Gesundheitskrise eine Wirtschaftskrise folgen wird. Wenn ganze Wirtschaftszweige wegbrechen, wie etwa der Tourismus und die Gastronomie, dann trifft dies den Nerv gerade von Ländern wie Österreich, die stark davon abhängig sind, dass andere uns besuchen und hier ihr Geld ausgeben.

Die Regierungen haben rasch reagiert. Nicht nur mit Ausgangsbeschränkungen, der Schließung von Schulen und Universitäten, dem Zurückfahren des öffentlichen Lebens auf ein Minimum, sondern auch mit Stützungsmaßnahmen für Unternehmen und von der Krise wirtschaftlich stark betroffenen Bürgern und Bürgerinnen. Die Unterstützungsmaßnahmen sind notwendig. Wichtig ist aber auch, dass wir nicht einfach dorthin zurückkehren, wo wir vor der Krise war.

Die Krise ist eine Chance, Dinge zu hinterfragen

Die Krise ist eine Chance, Dinge zu hinterfragen, die auch ohne Viruspandemie fraglich waren. Warum gibt es in unserer wohlhabenden Gesellschaft Menschen, die die bis zur Hälfte ihres Einkommens dafür ausgeben müssen, um ihre Miete bezahlen zu können, während andere mit Immobilien Millionen einnehmen? Warum verdienen Manager – und auch manche Managerin – das x-hundertfache jener, denen derzeit als sogenannte Systemerhalter applaudiert wird? Warum werden trotz einschlägiger Befunde und Warnungen der Klima- und Ökosystemforschung nicht jene durchaus bekannten Maßnahmen getroffen, die der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen Einhalt gebieten

Warum sind wir derart abhängig von permanentem Wachstum unserer Wirtschaften und dem Ansteigen der öffentlichen Schulden? Der Soziologe Ralph Dahrendorf sprach früh von einem „Pumpkapitalismus“. Und noch größer gedacht: Warum verhungern täglich zigtausende Menschen, obwohl es genügend Nahrung auf der Welt gibt? Ein Bruchteil der Weltmilitärausgaben würde reichen, um den Hunger in der Welt auszurotten.

Durch das Coronavirus machen wir eine Ohnmachtserfahrung, die für viele Menschen in armen Weltregionen seit jeher Alltag ist. Kinder, die an im Grunde heilbaren Krankheiten sterben, weil Medikamente fehlen. Menschen, die verhungern, weil ihnen das Minimum an der täglichen Kalorienzufuhr verwehrt ist. Menschen, die Krieg, Terror und Vertreibung ausgesetzt sind, und international viel zu wenig Hilfe erhalten. Dazu kommt, dass auch das Coronavirus – wie andere Viren davor – die ärmeren, also verletzlichsten Länder am Heftigsten treffen wird. Dies steht erst bevor.

Kein Rückkehr zum Business as Usual

Wir können nach der Krise zurückkehren zum Business as Usual. Wir können die Krise aber auch nutzen für einen Werte-, Paradigmen- und Strukturwandel. Vorschläge dazu gibt es zuhauf. Um die Klimawende zu stemmen und zugleich die Konjunktur zu beleben, wird ein Europäischer Transformationsfond vorgeschlagen (Stephan Schulmeister) , finanziert über die Europäische Zentralbank. Wenn der Flugverkehr sowie der motorisierte Individualverkehr aus ökologischen Gründen zurückgefahren werden müssen, wäre es kontraproduktiv, die Flug- und Autobranche zur Gänze zu „retten“. Sinnvoller sind der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel sowie der in der aktuellen Krise stark ausgeweiteten virtuellen Kommunikationswege.

Die Debatte darüber, ob börsennotierte Unternehmen, die nun staatliche Hilfsmaßnahmen erhalten, Dividenden ausschütten dürfen sollen oder nicht, führt zur Frage, warum Kapitalerträge generell derart hoch sein müssen. Etwas weniger wäre auch ausreichend. Fragen nach Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit, also, welche Einkommens- und Vermögensunterschiede ethisch und demokratiepolitisch vertretbar sind, werden im Gefolge der Wirtschaftskrise dringender denn je. Ebenso Fragen nach der Qualität und Sicherstellung öffentlicher Leistungen wie dem Gesundheitssystem, das sich in der Krise in Österreich bisher gut bewährt hat, oder der Betreuung älterer Menschen, bei der Engpässe sichtbar wurden.

Selbst die Forderung nach einem Grundeinkommen erhält angesichts der Krise neuen Zuspruch. Einer der prominentesten Vertreter ist der US-Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller. Drei Viertel der Deutschen sprechen sich für ein befristetes Kriseneinkommen für alle aus, so eine aktuelle Umfrage von „Die Zeit“. Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft wird neu justiert werden. Hohe Staatsquoten sind nicht per se schlecht, wie erfolgreiche skandinavische Länder zeigen. Es hängt davon ab, wofür der Staat das Geld ausgibt und auch von wo er es einnimmt.

Vielleicht sollten wir noch größer denken?

Vielleicht sollten wir noch größer denken? Viele Menschen fragen sich jetzt, was wirklich wichtig ist im Leben. Wie würde eine Wirtschaft aussehen, die sich wieder stärker auf die Grundbedürfnisse konzentriert? Lebensmittel hoher Qualität, leistbares Wohnen für alle, gute Schulen und Universitäten, attraktive Städte mit mehr Grün, bedeutend weniger Autos und damit auch besserer Luft, Arbeitszeiten, die gut mit Familie und Sozialleben vereinbar sind. „Die Welt neu denken“, fordert die Umweltökonomin Maja Göpel angesichts der ökologischen Krisen, die nur mit neuen Bildern vom guten Leben für alle erreicht werden können. Das heißt auch, „Wohlstand neu denken“ und diesen auch neu messen, wie alternative Indikatorensysteme für Lebensqualität nahelegen. Etwa der „Better Life Index“ der OECD, die „Donut-Ökonomie“ der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth, die Maßzahlen für Lebensqualität kombiniert mit den „Planetary Boundaries“ oder die Matrix der Gemeinwohlökonomie.

Vielleicht sollten wir eine Wirtschaft denken, in der Wissen und Knowhow global geteilt werden, die Produktion aber wieder stärker regional verortet ist – unter Nutzung von High Tech, langlebigen Gütern und dem Halten der Rohstoffe im Wirtschaftskreislauf. Das würde der Marktwirtschaft mit vielen bunten Unternehmen Auftrieb und wieder die „Marktplätze“ zurückgeben. Der Kapitalismus würde nicht mehr gebraucht oder sein Gesicht stark verändern.

Der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek meint, dass wir eine „Ökonomie für die Satten“ betreiben, jedoch eine „Ökonomie für die Hungernden“ bräuchten. Produziert wird für jene, die über genügend Kaufkraft verfügen, nicht für jene, die Bedarf haben. Wie eine solche Wirtschaft der Basisbedürfnisse umgesetzt werden könnte, wäre eine lohnende Aufgabe für die Wirtschaftswissenschaften und durchaus einen Nobelpreis wert.

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“.

Was kommt nach der Krise? Zur Aktualität von Niko Paechs Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“

Die Robert-Jungk-Bibliothek hat eine Gesprächsreihe über Bücher gestartet, die nach der Krise von Bedeutung sein könnten. Stefan Wally sprach mit mir über Niko Paechs Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“.  Eine ausführliche Besprechung des Buches findet ihr auf der Bücherdatenbank „proZukunft“. Und untenstehend ein paar Überlegungen zum Buch aus aktuellem Anlass.

paech cover

Wenn wir nun zuhause sitzen, nur die nötigsten Erledigungen machen, in einer Art „Auszeit“ leben, rattert wohl bei jeder/m eine Liste im Kopf ab, was wirklich wichtig ist: Gesundheit, Familie, Freunde, eine gesicherte Existenz, ein planbares Einkommen. Wir sind jenen dankbar, die sich um unsere Grundbedürfnisse kümmern: Versorgung mit Lebensmitteln, funktionierende Infrastrukturen, Zugang zu Strom, Wasser, Internet! Und vieles wird unwichtig.

Niko Paech schreibt in seiner 2012 erschienenen Streitschrift „Frei ist nicht wer viel hat, sondern möglichst wenig braucht. Er bringt damit die Essenz des Minimalismus bzw. der Suffizienzbewegung auf den Punkt.

Ein gutes Jahrhundert vor ihm hat dies der kanadische Philosoph Henry David Thoreau so formuliert: „Der Mensch ist reich in Proportion zu den Dingen, die sein zu lassen er sich leisten kann.“ Ein Mantra wider unsere Multioptions- und Multitaskinggesellschaft.

Niko Paech argumentiert nun nicht moralisch, sondern zeitökonomisch. Wir hätten gar nicht mehr die Zeit, all die Dinge, die wir uns anschaffen, zu nutzen, all die Angebote wahrzunehmen, die auf uns einströmen. Darin liegt, so Paech, unser Verlust an Lebensqualität. Marianne Gronemeyer spricht in diesem Zusammenhang von der „Kunst des Unterlassens“.

Man darf das keinesfalls romantisieren. Nicht alle leben in jenem Überfluss, von dem Paech spricht und von dem sie sich befreien müssten. Aber es sind mehr, als gemeinhin angenommen wird. Es geht dabei nicht nur um die Superreichen und deren Luxus, sondern um den Ballast, den viele von uns in unseren Wohnungen und Terminkalendern angehäuft haben. Die Auszeit durch die aktuelle Krise kann uns bewusst machen, was uns wirklich abgeht und worauf wir durchaus und leicht verzichten könnten.

Der Hintergrund der Argumentation von Paech ist natürlich die ökologische Frage. Wir leben ökologisch weit über unsere Verhältnisse, unser Ökofußabdruck ist viel zu groß, so seine Argumentation.

Das führt zum zweiten Themenstrang des Buches, der für uns aktuell wichtig sein könnte. Niko Paech spricht von einem Fremdversorgungssyndrom. Wir rühmen uns zwar unserer hohen Produktivität, unserer Effizienz, übersehen dabei aber, dass diese auf fremden Rohstoffen und fremder Energie basiert. Auf uns gestellt, würden wir in vielen Bereichen scheitern, so die Argumentation.

Die Coronakrise ruft uns die Fragilität der globalen Güterketten ins Bewusstsein. Plötzlich merken wir, dass wir bei Medikamenten, Schutzausrichtungen usw. voll von China oder Indien abhängig sind. Und die Preise für Gesundheitsgüter am Weltmarkt schnellen in die Höhe. Die Aussetzung der Produktion von Zulieferteilen in einem Land führt zum Stilstand auch im Betrieb in jenem Land, in den die Teile geliefert werden sollen. Wir sind alle ziemlich voneinander abhängig geworden.

Paech erwähnt noch eine andere Abhängigkeit: die vom Geld, insbesondere vom Schuldgeld. Ein immer größerer Teil unseres Wohlstandes basiere auf Schulden – dies sei der Grund dafür, warum ein Ausstieg aus der Wachstumsspirale so schwerfalle. Ein Umstand, der durch die Coronakrise rasant an Brisanz gewonnen hat.

Wie möchte Niko Paech nun dieses Fremdversorgungssystem überwinden. Die Antworten sind bekannt: Umstieg auf regionale, erneuerbare Energieträger und Umstieg auf eine Art Kreislaufwirtschaft, in der Dinge lange genutzt und auch wieder repariert werden, um Rohstoffe im Kreislauf zu halten. Sowie generell Zurückdrängung unserer Geldabhängigkeit.

Daher plädiert Paech auch für die Rückkehr zu urbaner Subsistenz. Ihm schwebt eine 20.20.Gesellschaft vor. 20 Stunden Erwerbsarbeit für alle und 20 Stunden Eigenarbeit für alle. Das kann Selberkochen sein, was wir gerade ja alle tun, oder das Bebauen eines Gemüsegartens, das kann aber auch Nachbarschaftshilfe sein, oder die Mitarbeit in einem Repaircafe, in dem PCs oder andere Elektrogeräte repariert werden.

Das Ganze liefe dann auf eine Postwachstumsökonomie mit stärkerer regionaler Orientierung hinaus – Paech setzt z. B. da auch auf Regionalwährungen.

Der Soziologe und Ökologe Wolfgangs Sachs vom Wuppertal Institut hat diese Perspektive bereits in den 1990er-Jahren mit 4 „E“ umschrieben: 1) Einfachheit als Luxus des Weniger 2) Entkommerzialisierung als Rückkehr zum teilweise Selbermachen 3) Entschleunigung als Prinzip des Herunterfahrens von Aktivitäten und 4) Entflechtung als Rückbau globalisierter Versorgungsketten.

Manche meinen, nach Corona werde nichts mehr sein wie vorher. Das klingt dramatisch. Ich denke vieles wird so sein wie früher, vieles wird auch anders sein. Um die drohende Wirtschaftskrise, die zugleich eine Sozialkrise sein wird, abzuwenden, wird es Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen brauchen. So wird z. B. ein Europäischer Transformationsfond vorgeschlagen, der den wegen der Klimakrise nötigen wirtschaftlichen Strukturwandel anstößt und zugleich der Rezession entgegenwirkt. Der Vorschlag stammt vom Ökonomen Stephan Schulmeister.

Eine Veränderung könnte in der Tat in der wieder stärker regional orientierten Ausrichtung des Wirtschaftens liegen. Das mag alles utopisch klingen. Aber Utopien bedeuten nicht: „So wird es sein“, sondern: „So könnte es werden“. Warum sich nicht eine Welt vorstellen, in der Wissen und Knowhow global geteilt werden, die Produktion aber wieder dezentralisiert abläuft – unter zu Hilfenahme von Hightech und einer Rohstoffkaskade.

Das würde nicht das Ende der Marktwirtschaft bedeuten, wir hätten dann wohl wieder mehr Marktwirtschaft, aber möglicherweise das Ende des Kapitalismus. Finanztrader müssten sich dann eben neue Jobs suchen – Altenpfleger beispielsweise werden gesucht!

 

Krisenzeiten sind Umbruchszeiten – Lernen aus der Krise

Was wird nach Corona anders sein? Diese Frage wird nun mehrfach gestellt. Krisenzeiten sind immer Umbruchszeiten und damit lehrreich. Sie können zu Lernzeiten werden, wenn Gesellschaften offen bleiben für Veränderung. Zu wünschen ist selbstverständlich als erstes, dass bald wirksame Medikamente für die schwer Erkrankten gefunden werden und in der Folge auch Impfstoffe, auch wenn sich Viren jedes Jahr verändern und ähnliche Krisen für die Zukunft nicht ausgeschlossen sind. Möglich ist nur, gut vorbereitet zu sein. Derzeit geht es darum, Hochrisikogruppen zu schützen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Etwa dass die Zahl der Neuinfizierten unter jene der wieder Genesenen sinkt. Letztere sind dann ja immun.

Wie es nach Überstehen der Pandemie aussehen wird, lässt sich schwer sagen. Die verordneten Maßnahmen zeigen, dass wir, wenn es nötig ist, durchaus zu Einschränkungen in der Lage sind. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hält sich daran. Und es gibt viele Beispiele des gelebten Zusammenhalts: Jüngere kaufen für ältere Menschen ein, es bilden sich Nachbarschaftsnetzwerke, Hilfsorganisationen kümmern sich um jene, die keine Angehörigen haben. Doch man darf bei all dieser Hilfsbereitschaft nicht übersehen: Die einschränkenden Maßnahmen treffen sozial Schwächere sicher stärker und Homeoffice ist nicht für alle möglich.

Unterstützungsmaßnahmen für ökologischen Strukturwandel nutzen

Das andere sind die noch nicht zur Gänze abschätzbaren wirtschaftlichen Folgen. In unseren Dienstleistungsgesellschaften lebt mittlerweile ein großer Teil von Unternehmen von Face to Face-Tätigkeiten, von Beratungsleistungen, Services, Kultur-, Bildungs- und Freizeitangeboten. Gerade in Österreich spielt der Tourismus eine wesentliche Rolle: dieser ist zu hundert Prozent eingebrochen.

Für die Abwendung einer länger anhaltenden Rezession gibt es verschiedene Vorschläge, neben den bisher beschlossenen Stützungspaketen etwa einen Europäischen Transformationsfond. Dieser soll die Umsetzung der nicht weniger dringend gewordenen Klimaschutzmaßnahmen garantieren und damit zugleich Investitionsanreize setzen. Um die öffentliche Verschuldung nicht ins Unermessliche zu treiben, müssen die Vermögenden wohl stärker zur Finanzierung herangezogen werden – sowie für alle leistbare Mieten auch nach der Corona-Krise wichtig sein werden.

Fatal wäre, wenn die Krise nicht zu einem wirtschaftlichen Umdenken führen würde: Es müssen keine Millionen an Dividenden für Aktionäre ausgeschüttet werden. Es geht auch bescheidener. Nicht sinnvoll wäre, Branchen, die aufgrund des Klimawandels ohnedies schrumpfen müssen wie der Flugverkehr oder der Automobilitätssektor, zur Gänze zu „retten“. Die Stützungsmaßnahmen müssen für den Strukturwandel genutzt werden. Was Mobilität anbelangt, machen wir derzeit neue Lernerfahrungen mit digitaler Kommunikation, die viele physische Wege ersetzen kann.

Den sogenannten systemerhaltenden Tätigkeiten im Gesundheitsbereich, in der Lebensmittelversorgung, der Betreuung anderer Menschen wird derzeit zu Recht applaudiert. Es ist zu hoffen, dass diese noch immer mehrheitlich von Frauen ausgeführten Leistungen auch nach Überwindung der Krise mehr Anerkennung erhalten, durch bessere Bezahlung, denn vom Applaus lässt sich die Miete nicht berappen.

Neue Prioritäten setzen – krisenfeste Gesellschaften

In einer solchen Krise rattert wohl bei jedem im Kopf eine Liste ab, was wirklich wichtig im Leben ist: Gesundheit, Familie, Freunde, eine gesicherte Existenz. Mir kamen Nachrichten wie „Formel 1-Saison muss verschoben werden“ oder „Deutsche Bundesliga ausgesetzt“ auf einmal völlig absurd vor. Manche sagen, das Innehalten, die Auszeit, die Entschleunigung, das Überdenken unserer Prioritäten tue uns gut. Das hat freilich etwas Zynisches, wenn es um die Eindämmung einer Pandemie, letztlich auch um die Rettung von Menschenleben geht. Und die Auszeit darf man nicht romantisieren, Homeoffice mit Kindern am Schoss ist sicher nicht gemütlich. Arbeitslos zu werden auch nicht. Das Überdenken unserer Prioritäten tut angesichts unserer Stressgesellschaft mit ihrer Innen- und Umweltzerstörung auch ohne Coronavirus not.

Eine positive Erfahrung der Krise könnte sein, dass wir durchaus mit weniger Erwerbsarbeit das Auslangen finden könnten, eine faire Verteilung des Erwirtschafteten vorausgesetzt – und dass eine Art Grundeinkommen – als „Kriseneinkommen“ – einmal durchaus Sinn machen könnte. Aufrufe gerade jetzt bei lokalen Produzenten und Händlern zu kaufen und kreative Liederservices könnten einer neuen „Ökonomie der Verbundenheit“ Auftrieb geben, die Wiederaufwertung des Nahfelds, der Familie, der Nachbarschaften im Wohnbereich, im Stadtteil eine bleibende Erfahrung sein. Der Trend zum Selbermachen – vom Kochen über das Garteln, das ja nach der Krise durchaus gemeinschaftlich geht, bis hin zum Reparieren alter Dinge könnten sich weiter verstärken.

Am Nachhaltigsten wird wohl aber im Bewusstsein bleiben, was krisenfeste Gesellschaften ausmacht – das reicht von intakten Sozialnetzen über funktionierende Versorgungsinfrastrukturen bis hin zu einem qualitativ und quantitativ gut ausgebauten öffentlichen Gesundheitssystem. Mehr Resilienz wird in einer Welt der globalen Güterketten generell wichtiger, sie zählt aber besonders im Bereich Medikamente, Schutzausrichtungen u. ä., wie wir jetzt sehen.

Was lernen wir aus der Coronavirus-Krise?

Wir lernen, dass es Bedrohungen gibt, für die wir aktuell noch kein Gegenmittel haben, das ist eine neue Ohnmachtserfahrung, eine Erfahrung jedoch, die viele Menschen in benachteiligten Weltregionen seit vielen Jahren Tag für Tag machen. Wir lernen, dass durchaus gemeinschaftliche und gesellschaftliche Ressourcen mobilisiert werden können, wenn Bedrohungen im Raum stehen. Eine Erfahrung, die wir etwa auf die drohende Klimakrise, deren Peak noch lange nicht überschritten ist, übertragen sollen. Wir lernen, das Shoppen nicht das Wichtigste ist und dass soziale Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich wichtige Säulen funktionierender demokratischer Gesellschaften sind.

Hinsichtlich eines bewussten Lebensstils mit gesunder Ernährung, ausreichend Bewegung und sozialen Kontakten hat sich in den letzten Jahren viel getan, auch wenn es Luft nach oben gibt. Die Coronavirus-Krise macht uns bewusst, wie wichtig und wertvoll ein funktionierendes und für alle zugängliches Gesundheitssystem ist. Abzuwehren ist jede Art von Zwei-Klassen-Medizin bzw. die Privatisierung von Gesundheitsdienstleistungen.

Immer öfter hört man die Aussage „Nichts mehr wird danach noch so sein wie früher“. Das klingt dramatisch. Vieles wird so sein wie früher, vieles wird anders sein. Die Schärfung des Bewusstseins dafür, was wirklich zählt im Leben, wird – so ist zu hoffen – durchaus länger anhalten. Und was die wirtschaftliche und damit auch die soziale Krise betrifft, hängt vieles davon ab, wie lange die Notmaßnahmen aufrecht sein werden – ein, zwei, drei Monate oder noch länger. Je länger, umso stärker natürlich die Einbrüche. In jedem Fall müssen – ich betone es noch nachmals – die Unterstützungsmaßnahmen sozial und ökologisch treffsicher sein. Denn die Klimakrise bleibt uns erhalten und schlägt irgendwann auch stärker zu, wenn alles wieder so wird, wie es vorher war. Und wir müssen uns auch wieder anderer Krisen wie jener der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen erinnern. Krisen bergen immer auch die Gefahr der Regression von Gesellschaften und des Anwachsens autoritärer Tendenzen. Auch davor müssen wir auf der Hut sein.

Die mittelalterliche Pestseuche hat den Glauben an den gütigen Gott erschüttert – und damit ein ganzes Herrschaftssystem. Die Aufklärung bahnte sich ihren Weg. Wir hoffen zu Recht auf neue Medikamente, um dem Coronavirus Herr zu werden. Aber vielleicht erschüttert die Pandemie etwas unseren blinden Glauben an Fortschritt und Machbarkeit. In Zukunftswerkstätten entwerfen wir neue „Zukünfte“ eines anderen Wirtschaftens und Lebens. Utopien bedeuten nicht „So wird es sein“, sondern „So könnte es werden?“. Vielleicht wird einmal eine Welt vorstellbar, in der zwar Wissen und Knowhow global geteilt, aber wieder viel stärker vor Ort produziert wird – unter zu Hilfenahme von High Tech und der Rückführung von Rohstoffen in Wirtschaftskreisläufe. Das wäre nicht die Abschaffung von Marktwirtschaften, im Gegenteil, wir hätten wieder mehr davon, aber wohl der Abschied vom Kapitalismus. Finanztrader müssten sich um neue Jobs umsehen.

Hans Holzinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsragen in Salzburg. Zuletzt erschienen sind seine Bücher „Von nichts zu viel, für alle genug“ und „Wie wirtschaften?“. Kontakt: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org

 

 

Konsumgesellschaft im Krisenmodus

Fluglinien werden gestrichen, Restaurants und Bars geschlossen, der Tourismus sackt ein, die Börsenkurse purzeln, das öffentliche Leben wird auf das Nötigste eingeschränkt. Das Corona-Virus führt uns vor Augen, was es bedeutet, wenn die Konsumgesellschaft in den Krisenmodus fällt. Plötzlich geht es darum, die Grundbedürfnisse sicher zu stellen, genügend Lebensmittelvorrat zu Hause zu haben, die Behandlung der Erkrankten zu gewährleisten, öffentliche Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen aufrechtzuerhalten. Weiterhin geöffnete Lebensmittelmärkte, ausreichende und gut arbeitende Gesundheitsdienste, intakte Betreuungseinrichtungen sowie Mobilitätsangebote, funktionierende Medien und entscheidungsfähige politische Strukturen treten in den Mittelpunkt.  Schlagzeilen wie „Formel-1-Saisonauftakt derzeit völlig ungewiss“ oder „Abpfiff auch für die deutsche Bundesliga“ erscheinen plötzlich absurd. Sie halten uns den Spiegel vor, in dem sie uns zeigen, was uns alles wichtig war (ist) in der erlebnishungrigen Multioptionsgesellschaft. Wir fragen uns, welche Tätigkeiten und Berufe nun wirklich wichtig sind. Wer braucht noch Werbegrafiker oder Yogalehrerinnen, wenn es darum geht wieder die Grundbedürfnisse zu organisieren und zu befriedigen. Oder Popstars, Modezaren und andere Entertainer?  Shopping-Center und Kreuzfahrtschiffe? Eine wohltuende Katharsis, eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, könnte man denken.

Diese Argumentation wäre freilich zynisch: immerhin geht es um Menschenleben. Doch sie ist auch zu einfach. Wenn Schulen und Kindergärten schließen, fragen sich Eltern, insbesondere Alleinerziehende, wie sie die Betreuung ihrer Kleinen hinkriegen sollen. Wenn Unternehmen von einem Tag auf den anderen mit dem Einbruch ihrer Umsätze konfrontiert werden, müssen sie bangen, wie sie ihre Ausgaben finanzieren können. Und die Belegschaften, ob sie ihre Löhne weiter erhalten. Der Krisenmodus greift vom Virus, der sich gegen uns Menschen richtet, auf das komplexe Wirtschaftssystem über. Im Unterschied zur einfachen Versorgungswirtschaft, die auf Grundbedürfnisse abstellt, werden in der heutigen Konsumgesellschaft zu einem großen Teil Bedürfnisse befriedigt, die über den Grundbedarf hinausgehen. Und ein großer Teil der Erwerbstätigen lebt von der Befriedigung eben dieser Bedürfnisse – Shoppen, Essen gehen, Reisen, sich unterhalten, sich fortbilden, sich beraten lassen. Die Grundversorgung mit Wasser, Strom und Energie nehmen wir ohnedies als selbstverständlich an. Auch die Gütermärkte funktionieren längst nicht mehr nach dem Prinzip des Bedarfs, sondern nach jenem der Bedürfnisgenerierung – nach neuen Klamotten, weil die alten aus der Mode sind, neuen Handys oder Tablets, weil diese noch mehr können, einem neuen Auto, weil es gerade auf den Markt gekommen ist. Wenn das alles auf einmal nicht mehr zählt, weil die Menschen andere Sorgen haben?

Wird eine Gesellschaft auf ihre Grundbedürfnisse zurückgeworfen und ist sie gefordert, öffentliche Räume so weit wie möglich zu meiden, gerät die Wirtschaft in die Krise. Der Tourismus, der weltweit mittlerweile gut zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, bricht ein, mit ihm die Flugbranche, die Einreiseverbote ebenso spürt wie die Hotellerie, Restaurants und Gasthäuser. Theater, Kinos und Sportveranstalter rutschen rasch ins Minus, während Apotheken die Nachfrage nach Schutzutensilien nicht mehr befriedigen können. Aber auch die Produktion von Gütern stockt, wenn Menschen nicht mehr an ihre Arbeitsplätze können oder aus Vorsicht nicht mehr wollen – wie etwa die Arbeiter*innen von Fiat in Norditalien, die ein „Viruseinkommen“ fordern. Sehr verständlich in dieser ernsten Lage. Eine neue Version des Grundeinkommens – ein Kriseneinkommen! Doch für alle wird dies nicht möglich sein. Und jene, die zur Aufrechterhaltung der Grundversorgung nötig sind – ihnen gilt in der aktuellen Lage großer Dank, dürfen gar nicht der Arbeit fernbleiben.

Die Krise erfasst die ganze Wirtschaft

Der Staat muss nicht nur die Versorgung der Kranken und die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens gewährleisten, sondern auch die Krisenbranchen stützen. Fluggesellschaften waren die ersten, die um Unterstützung wegen Kurzarbeit ihrer Belegschaften angefragt haben. Tourismus, Gastronomie und Kulturbetriebe werden folgen. Wenn die Nachfrage einbricht oder Belegschaften nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können – die Potenziale für Home-Office sind begrenzt – dann folgen viele weitere Branchen. Die ersten Kündigungen sind bereits ausgesprochen, die Arbeitslosenzahlen werden steigen. Das Purzeln der Börsenkurse trifft zunächst einmal die Aktionäre, also in der Regel die Vermögenderen, aber auch Pensions- und Versicherungsfonds sind betroffen. Und die Krise von Konzernen schlägt auf die Wirtschaft insgesamt zurück. Das weitere Drehen an der Staatsschuldenschraube ist vorprogrammiert. Neben der Abhängigkeit von einander in hochgradig arbeitsteiligen Wirtschaften – der Ökonom Niko Paech spricht vom „Fremdversorgungssyndrom“ – geht es um die aus Wirtschaftskrisen bekannte Abwärtsspirale: sinkende Einkommen führen zu sinkender Kaufkraft, diese zu weniger Konsum, was zur Drosselung der Produktion und zum Sinken weiterer Einkommen führt. Der Koch und die Kellnerin, die ihre Arbeit verlieren, kaufen weniger, ebenso der Musiker, der keine Auftritte hat, oder die Yogalehrerin, deren Kunden fern bleiben. Und selbstredend lässt eine derartige Krise soziale Ungleichheiten noch stärker hervortreten: wer Rücklagen hat tut sich leichter, und wer ein Landhaus hat, zieht sich auf dieses zurück.

Fragilität unserer global vernetzten Welt

Epidemien wie das Corona-Virus machen uns die Fragilität unserer global vernetzten Welt bewusst. Und auch, dass wir alle voneinander abhängig sind. Aufgrund der aufgespreizten Versorgungsketten, aber auch, weil wir nun darauf angewiesen sind, dass sich alle an die Vorbeugemaßnahmen halten, die nötig sind, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Und plötzlich wird uns bewusst, dass der Großteil unserer Medikamente mittlerweile aus China und Indien stammt.

Nach der Bankenkrise kursierte der Spruch „Wäre der Planet eine Bank, dann würde er schon gerettet worden sein“. Auch nun werden wieder Parallelen zur Klima- und Ökologiekrise gezogen. Ist das zu weit hergeholt oder hinkt der Vergleich? Ich denke, es gibt Unterschiede und Parallelen zugleich. Bei Corona sind wir mit einem Virus konfrontiert, das sich – derzeit noch – mit exponentieller Geschwindigkeit ausbreitet, gegen das es aber noch kein wirksames Medikament gibt. Das heißt die Bedrohung nimmt rasch zu und kann insbesondere für Risikogruppen, ältere Menschen, Personen mit geschwächtem Immunsystem sehr schnell tödlich sein. Die steigenden Todeszahlen bestätigen es.

Klimawandel als schleichende Krise, die sich schnell zuspitzen kann

Die Zerstörung der Ökosysteme gilt als schleichende Krise, auch wenn sie in vielen Regionen bereits akute Realität ist: Dürre, Wasserarmut, degradierte Böden, unfruchtbare Landschaften. Und auch unsere Bauern und Forstwirte spüren die sich häufenden Ernteausfälle bereits handfest. Mögliche Kipppunkte wie das beschleunigte Schmelzen von Polareis, das Auftauen der Permafrostböden oder die Störung von Meeresströmungen sind Teil der Szenarien der Klimaforschung und würden die Aufheizung des Planeten rasch beschleunigen. Und die Zeit ist in der Tat knapp: Um die 1,5-Grad-Grenze nicht zu überschreiten, dürfen wir noch ungefähr 420 Gigatonnen Kohlendioxid ausstoßen. Dieses Kontingent ist in acht Jahren ausgeschöpft, wenn wir nicht rasch umsteuern. Das heißt, die Zeit drängt auch hier. Eine Abkehr vom Gewohnten, ja in Vielem auch eine Auszeit oder ein Unterlassen – mit staatlichen Ge- und Verboten wie im Falle der Corona-Epidemie wäre durchaus gefordert. Und auch ein gemeinsames Problem- und Verantwortungsbewusstsein.

Es ist zu wünschen, dass durch koordinierte Maßnahmen und gemeinsame Verantwortung die Ausbreitung des Corona-Virus wirksam gebremst und bald ein Impfstoff dagegen gefunden wird. Zu wünschen ist aber auch, dass diese gemeinsame Verantwortung auch gegenüber anderen Krisen wahrgenommen und ein „Impfstoff“ gefunden wird, der einen Ausstieg aus den wachstumsfixierten umweltzerstörerischen und zudem andere Menschen ausbeutenden Konsumwirtschaften heutiger Ausprägung bewirkt. Die Corona-Krise kann uns lehren, dass „immer billiger, immer mehr und immer schneller“ in die Irre führt, der Wachstumsimperativ gefährlich werden kann, vordergründige Effizienz durch Resilienz und Vielfalt zu ersetzen ist. Nutzen wir die verordnete Auszeit und das Herunterfahren all unserer Aktivitäten zum Innehalten und zum Fragen, was wirklich zählt im Leben und wie es möglich wäre, eine Wirtschaft zu gestalten, die sich vom Wachstumszwang befreit und in der Tat wieder mehr den Grundbedürfnissen zuwendet. Denn sonst bleiben alle Beteuerungen für Nachhaltigkeit Makulatur. Eines zeigt die Corona-Virus-Krise: die öffentliche Hand kann durchaus Ressourcen mobilisieren, mit Maßnahmen, die rasch greifen. Diese sind auch für die Umweltkrisen zu wünschen.

Hans Holzinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Zuletzt erschienen sind seine Bücher „Von nichts zu viel, für alle genug“ und „Wie wirtschaften?“. Kontakt: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org

Klima schützen – aber wie?

Impuls von Mag. Hans Holzinger bei der Präsentation des Klimakoffers der Öffentlichen Bibliotheken Salzburgs in Radstadt am 2. März 2020 gemeinsam mit Anika Dafert von Fridays for Future (links im Foto) und Landesrätin Andrea Klambauer (Fotomitte). [Überarbeiteter Text]

Danke für Einladung. Der mir gestellten Frage, was jede und jeder Einzelne zum Klimaschutz beitragen kann, möchte ich mich auf einem Umweg nähern. Denn die Herausforderung ist komplex und die Dinge liegen nicht so einfach, wie wir uns das oft gerne wünschen.

Wir leben in einem historisch einmaligen Wohlstand. Wir können uns vieles leisten, sind mobil und viel unterwegs. Zu den Errungenschaften dieses „Wirtschaftswunders“ zählen auch Demokratie, ausgeweitete Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitseinrichtungen, kulturelle Angebote u.a.m. Das Lebensalter hat sich innerhalb eines Jahrhunderts verdoppelt. Und der Trend nimmt weiter zu. Wir leben länger und wir konsumieren länger. Sie können einwenden, dass diese Errungenschaften nicht für alle gleich gelten. Das stimmt, der Fahrstuhl fährt für manche nicht mehr weiter nach oben und für manche wird er sogar zur Strickleiter. Aber in globaler wie historischer Perspektive geht es uns sehr gut.

Zugleich beschleicht uns ein ambivalentes Gefühl: Wir ahnen, so kann es nicht weitergehen. Wir wissen, dass dieser Wohlstand noch das Privileg einer Minderheit der Weltbevölkerung ist. Viele Menschen hungern oder erfrieren – wie aktuell in den Flüchtlingslagern in Nordsyrien, der Türkei oder Griechenland, darunter viele Kinder. Dies trotz des gigantischen Reichtums in der Welt.

Wir wissen auch um den Raubbau an der Natur, die Zerstörung unserer Umwelt, den Verlust von fruchtbaren Böden, der Wasserknappheit in vielen Regionen, den rapiden Artenschwund und den Eingriff ins Klimageschehen. Seit vielen Jahren warnt die Klimaforschung vor der Erwärmung des Planeten und den Folgen.

Dieses Wissen um die Widersprüche und Ambivalenzen unseres Wohlstandes erzeugt ein ungutes Gefühl und verlangt alltäglich eine große Verdrängungsleistung.

Die Sensibleren, die nicht zur Gänze verdrängen und sich mit Entertainment ablenken, setzen kleine Schritte, etwa durch Spenden an Hilfsorganisationen, um nicht ganz hilflos zu sein, denn das Drücken des Wutbutton auf Facebook bei all den Grauensmeldungen allein entlastet nicht.

Auch im Umwelt- und Klimaschutz gibt es vorbildhafte Schritte.  Manche fahren weniger mit dem Auto, steigen um auf den Öffentlichen Verkehr, andere montieren Solarzellen aufs Dach, wieder andere ernähren sich vegetarisch oder zumindest mit weniger und besserem Fleisch. Wieder andere steigen in kein Flugzeug mehr.

All das ist sinnvoll und nachvollziehbar. Aber reicht es?

Einer meiner Arbeitsschwerpunkte ist Transformationsforschung. Wir fragen danach, wann und unter welchen Bedingungen sich Gesellschaften verändern – also kollektives Lernen stattfindet – und welche Barrieren es gibt. Denn: Um zu tatsächlich nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweisen zu gelangen, reicht es nicht, wenn sich einige nachhaltiger verhalten. Alle müssen mittun! Alle Bürger und Bürgerinnen, alle Unternehmen und die Politik

Was sind Barrieren für einen tatsächlich wirksamen Wandel?

  1. Systemischer Wachstumszwang und Hyperproduktivität

Die Menschen waren früher nicht umweltbewusster, aber in der Bauern- und Handwerkergesellschaft konnte man die Natur gar nicht zerstören, weil es nicht die technologischen Möglichkeiten dazu gab. Erst die industrielle Produktionsweise ermöglicht die enormen Eingriffe in die Ökosysteme. Wir produzieren immer mehr in immer kürzerer Zeit mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft. Weltweit verlassen pro Sekunde 7 neue PCs und 2-3 neue Autos die Fließbänder – mit einem entsprechenden ökologischen Rucksack! Der weltweite Fleischkonsum hat sich in 50 Jahren vervierfacht mit der Folge, dass immer größere Ackerflächen für die Futtermittelproduktion benötigt werden. 85 Prozent des produzierten Soja und 50 Prozent des Getreides weltweit werden an Tiere verfüttert, so der „Weltagrarbericht“. Und die Weltwohlstandsbürger sind mobil. 3,7 Milliarden Flugpassagiere weltweit gab es laut Weltbank bereits im Jahr 2016, der Trend weist weiter nach oben. Das International Transport Forum rechnet mit einer Steigerung des weltweiten Passagierverkehrs bis 2050 um weitere 135 Prozent. Das Frachttransportvolumen soll gar um 230 Prozent steigen.

Wir sind hypermobil, hyperproduktiv und hyperaktiv. Letzteres führt übrigens zu immer mehr psychischen Beschwerden – Burnout und Depressionen als Kehrseite dieser Hyperaktivität sind stark im Steigen begriffen. Ich fasse zusammen: Die Weltwirtschaft ist eine gigantische Megamaschine mit fossilen Energien als zentralem Antrieb. Ein Riesentanker, der sich nicht so leicht wenden lässt.

Was wären Auswege? Zentral erscheint mir die Abkehr vom Wirtschaftswachstum in den bereits materiell wohlhabenden Ländern. Dazu gehört eine Neujustierung der Wohlfahrtsstaaten mit anderen Einnahmequellen, etwa durch die Besteuerung von Umweltverbrauch und einer übermäßigen Anhäufung von Reichtum sowie durch Unterbindung von Steuerflucht für Konzerne und Vermögende.  Wir brauchen eine Energie- und Mobilitätswende, eine Konsum-, Verteilungs- und Steuerwende, eine Stadtwende, eine Agrarwende. Die Konzepte liegen in den Schubladen und in Nischen werden sie ja bereits umgesetzt.

  1. Gefangenendilemma und gegenseitige Abhängigkeit

Unsere Gewässer konnten wir durch Umweltschutzmaßnahmen allein wieder sauber kriegen, zum Teil auch unsere Böden und Wälder regenerieren. Beim Klima müssen alle Staaten mittun, jene die dem Klima am meisten zusetzen mehr als jene, die weniger Treibhausgase verursachen. D. h. wir brauchen ein weltweit koordiniertes Vorgehen. Wir in den bereits reichen Ländern sind darauf angewiesen, dass die Länder mit „nachholender Entwicklung“ gemeinsam mit uns nach zukunftsverträglichen Wirtschafts- und Konsumweisen suchen.

Das Argument, dass wir allein nichts ausrichten können, ist dennoch gefährlich. Denn wenn sich das alle denken, kommt es zu einer fatalen Abwärtsspirale. Es braucht Vorreiter(Staaten), die zeigen, dass Alternativen machbar sind. Aber es braucht dann auch global verbindliche Vereinbarungen, woran wir bisher weitgehend scheitern. Salzburg hat im Bereich Raumwärme und Energiebereitstellung einiges erreicht. Die hier eingesparten Treibhausgase wurden jedoch durch den Verkehr überkompensiert. Das selbst gesteckte Ziel, von 2005 bis 2020 den Treibhausgas-Ausstoß um 30 Prozent zu reduzieren, wird leider weit verfehlt.

  1. Verunsicherung durch Fake News und Klimairrtümer

Die Fossilindustrie kann kein Interesse an Klimaschutz haben, denn sie ist in der Tat der Verlierer der Klimawende und hat nachgewiesener Maßen über viele Jahre die sogenannten „Klimaskeptiker“ finanziert. Aber Strukturwandel hat es in der Wirtschaft immer gegeben – und Klimaschutz hat auch Gewinnerbranchen, etwa durch die Energie- und Agrarwende.

Es gibt auch in der Bevölkerung Widerstände gegen die Klimawende. Häufig wird Klima und Wetter verwechselt – das eine zeigt die langfristigen Trends an (die sind eindeutig), das andere hängt von vielen, auch regionalspezifischen Faktoren ab. Dass wir im letzten Winter viel Schnee hatten, verleitete viele zur Meinung, dass es so schlimm nicht sein könne mit dem Klimawandel. Doch Wetteranomalien sind etwas anderes als langfristige Klimatrends. Die Erwärmung der globalen Mitteltemperatur um 1,5 Grad seit Beginn der industriellen Revolution ist ebenso eindeutig wie der Zusammenhang mit dem Ausstoß an Treibhausgasen. Weitere Irrtümer beziehen sich etwa auf die Meinung, dass sich die Klimaforschung nicht einig sei, oder dass es in der Geschichte immer Klimaveränderungen gegeben hat, was stimmt, aber immer dramatisch war. (Eine Broschüre des Österreichischen Umweltbundesamtes gibt übrigens eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Klimairrtümer).

  1. Fehlwahrnehmungen und Selbstberuhigung

Was die wirksamsten Klimamaßnahmen sind, wird häufig falsch eingeschätzt. Laut einer Umfrage der Deutschen Umweltagentur gaben die meisten, nämlich 22 Prozent, an, dass der Verzicht auf Plastiksackerl die wirksamste Klimamaßnahme sei. Diese Maßnahme kann in Bezug auf das Müllproblem sinnvoll sein, für den Klimaschutz bringt sie aber fast nichts. Die wirksamsten Maßnahmen betreffen energieeffiziente Gebäude, die Reduktion des fossil getriebenen Auto- und Flugverkehrs sowie eine fleischärmere bzw. vegetarische oder vegane Ernährung. Dabei besteht die Gefahr, dass man jene Maßnahme aussucht, die einem am leichtesten fällt und mit der man sich dann selbst beruhigt und ein gutes Gewissen verschafft. Doch wir brauchen eine Änderung in allen Bereichen: Energie, Mobilität, Ernährung, Konsum. Hilfreich sind Tools wie der Öko-Fußabdruckrechner der Plattform Footprint oder der LifeStyleCheck des Joanneum Research, die einem die Bilanz über die Summe aller Umweltspuren vermitteln, die wir mit unserem Lebensstil hinterlassen.

In der Umweltpsychologie werden zwei weitere Barrieren für Verhaltensänderungen genannt: kognitive Dissonanzen sowie psychologische Reaktanz. Zu kognitiven Dissonanzen kommt es, wenn einander widerstreitende Wahrnehmungen oder Gefühle vorliegen, die in Konflikt geraten. Raucher verbinden mit dem Rauchen i.d.R. positive Erlebnisse, zugleich wissen sie, dass Rauchen der Gesundheit schadet und das Krebsrisiko erhöht. Um diesem inneren Konflikt zu entkommen, gibt es drei Reaktionsweisen: selektive Informationsaufnahme, etwa Ausblendung von einschlägigen Gesundheitsstudien, zweitens, was mit ersterem zusammenhängt, Meidung von Personen und Situationen, die einen auf die Schädlichkeit des Rauchens hinweisen, z. B. der Hausarzt oder ein Freund; die dritte Möglichkeit wäre, in der Tat mit dem Rauchen aufzuhören.

Als psychologische Reaktanz wird die Abwehr von Forderungen verstanden, wenn man sich durch diese in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt gefühlt, etwa sein eigenes Auto zu benutzen. Eine Spielart davon ist die Abwehrreaktion aufgrund der Überflutung mit Katastrophenmeldungen. Mit dem YOLO-Prinzip („You only live once“) wird eine Haltung beschrieben, die sich in den Sarkasmus flüchtet: Wenn ohnedies alles den Bach runter geht, dann jetzt noch schnell gut leben! Entlastung schafft hier in der Tat eine mutige Politik, die konkrete Maßnahmen ergreift. Dies führt zum Nächsten.

  1. Appelle an freiwillige Verhaltensänderung

Kein Zusammenleben geht ohne Regeln. Dies ist uns etwa im Straßenverkehr oder im Sozial- und Justizbereich selbstverständlich. Im Umweltbereich soll, so die vorherrschende Meinung, alles freiwillig, durch Appelle und Bewusstseinsbildung, gehen. Bei Umweltproblemen unterliegen wir einem falschen Freiheitsbegriff: die eigene Freiheit findet nämlich dort ihre Grenzen, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Dies sind in Bezug auf Ökosysteme wie das Klima folgende Generationen oder Menschen weit weg von uns, die jedoch die Auswirkungen unseres klimaschädlichen Verhaltens zu spüren bekommen. Die Länder des Südens sind am stärksten vom Klimawandel betroffen, etwa in den bereits jetzt sehr trockenen und heißen Gebieten, oder in Regionen, die durch die Wasserzufuhr über große Gletscher wie im Himalaya oder den Anden angewiesen sind. Ärmere Länder können sich auch weniger Klimaanpassungsmaßnahmen leisten, etwa wenn der Meeresspiegel ansteigt. Es liegt also eine doppelte Ungerechtigkeit vor: jene, die den Klimawandel am wenigsten verursachen, spüren die Folgen am stärksten.

Aufgabe der Politik ist es also, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass das erwünschte Verhalten für alle erleichtert, das unerwünschte erschwert oder auch verboten wird. Die Instrumente sind bekannt: C02-Steuern, keine Subventionen für fossile Energien, kluge Raumordnung, andere Agrarförderung, grüne Städte.

Die Stärke von Fridays for Future ist, dass sie dies begriffen hat und sich nicht abspeisen lässt mit moralischen Appellen, selbst ökologischer zu leben. Die teils sehr heftigen und aggressiven Reaktionen gegen die Bewegung der jungen Menschen ist zum einen auf die oben beschriebene Reaktanz zurückzuführen, zum anderen wohl auch auf einen Generationenkonflikt. Nach dem Motto: Die junge Generation zeigt sich nicht mehr dankbar dafür, was wir für sie geschaffen haben an Wohlstand, an Annehmlichkeiten, sondern kritisiert uns dafür.

Ich gehe von fünf Stufen für Veränderung von Verhalten aus: 1) Es braucht Wissen über die Folgen des eigenen Verhaltens und über Alternativen; 2) das ökologisch erwünschte Verhalten muss in der Gesellschaft hoch angesehen, das unerwünschte Verhalten kritisiert werden, es geht hier um das Sollen, um das, was in einer Gesellschaft anerkannt wird. Daraus folgt schließlich das Wollen, also die intrinsische Motivation (Ich tue etwas, weil es mir persönlich wichtig ist). Um breitenwirksames Umlernen zu ermöglichen, braucht es aber auch entsprechende Infra­strukturen, also Alternativangebote wie einen attraktiven Öffentlichen Verkehr sowie die Aneignung von Kompetenzen, um sich in diesem zu Recht zu finden. Es geht hier um das Können. Schlussendlich brauchen wir jedoch neue Regeln für alle, also das Müssen. Am Beispiel Verkehr: Wenn Parkflächen reduziert und begrenzt werden, müssen Alternativen  zum Auto gesucht werden.

  1. Weg von der Verzichtsdebatte hin zu neuen Wohlstandserzählungen

In meinem Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“ plädiere ich für einen erweiterten Wohlstandsbegriff in acht Dimensionen. Es geht um eine neue Beziehung zu den Dingen, die Abkehr von der Wegwerfmentalität hin zur Instandhaltung (Güterwohlstand), um Lebensmittel hoher Qualität für alle (Ernährungswohlstand), um ein erfüllendes Arbeitsleben sowie eine faire Aufteilung auch der Sorgearbeiten (Tätigkeitswohlstand), – damit zusammenhängend – um genügend Zeit für alle wichtigen Lebensbereiche (Zeitwohlstand), daraus resultierend die Aufwertung, Pflege und Förderung menschlicher Beziehungen (Beziehungswohlstand), das Recht auf schönes und leistbares Wohnen für alle in „grünen“ Städten (Ortswohlstand) sowie schließlich um gute Bildung und Qualitätsmedien (Wissenswohlstand) und eine lebendige Demokratie (Demokratiewohlstand). Nicht mehr zu fragen, worauf wir verzichten müssen, sondern was wir mit den Zukunftswenden gewinnen können, erhöht deren Akzeptanz wesentlich.

  1. Selbst Vorbild sein, aber auch sich politisch einmischen

Mit einem verantwortungsvollen Lebensstil können wir zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist und so zur Nachahmung anregen. Zugleich brauchen wir aber auch viele engagierte Menschen in zivilgesellschaftlichen Gruppen wie Fridays for Future oder in Parteien, die Ökologie und Menschenrechte vertreten. Menschen, die ihre Stimme erheben, in Leserbriefe, bei Veranstaltungen, in Diskussionen am Stammtisch, am Arbeitsplatz usw. Auch die finanzielle Unterstützung von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen stärkt das anwaltschaftliche Engagement von zivilgesellschaftlichen Initiativen. Wie das geht, zeigt anschaulich die Broschüre „Was unsere Demokratie jetzt braucht“ eines NGO-Bündnisses „demokratielebt“

Zum Schluss möchte ich Ihnen die Geschichte vom „Seesterne retten“ erzählen und neu interpretieren. Um deutlich zu machen, dass jeder und jede zu den im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gebotenen Veränderungen beitragen kann und dass jede Handlung in die richtige Richtung, so klein sie sein möge, wichtig ist, wird gerne diese Geschichte vom „Seesterne retten“ erzählt. Ein Kind wirft Seesterne, die ein Sturm an den Strand gespült hat, wieder zurück ins Meer. Ein vorbeikommender Erwachsener sagt zum Kind: „Was du da machst, ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voll von Seesternen ist. Was du da tust ändert nicht das Geringste.“ Das Kind schaut den Erwachsenen einen Moment lang an, dann hebt es den nächsten Seestern auf und sagt zum Mann „Für ihn wird es etwas ändern!“.

Die Geschichte wirkt beeindruckend und macht Mut. Es hat einen Sinn, selbst anzupacken, auch wenn die Aufgabe aufgrund ihrer Größe kaum bewältigbar und die Wirkung der eigenen Handlung beinahe aussichtslos erscheint. So die vermittelte Botschaft. Auf den zweiten Blick ist jedoch zu fragen, ob die Sache wirklich so eindeutig ist. Ob an dem Argument des Erwachsenen nicht doch etwas dran ist. Ich würde sogar noch weitergehen und fragen, ob es überhaupt Aufgabe des Kindes ist, die Seesterne zu retten. Keine Frage: Die Antwort des Erwachsenen ist pädagogisch gesehen völlig falsch, da abwertend und demotivierend. Vielmehr hätte der Erwachsene weiterführende Fragen stellen müssen. Etwa: Wie könnte es uns gelingen, mehr Menschen zu gewinnen, um die Aufgabe zu lösen? Oder: Gibt es technische Hilfsmittel, um die Seesterne wieder ins Meer zurück zu befördern? Und in die Zukunft fragen: Wie können wir die Katastrophe beim nächsten Mal verhindern – etwa durch einen Damm? Und auf die möglichen Ursachen des Unwetters bezugnehmend: Könnte es sein, dass der Sturm, wenn er kein Einzelereignis ist, sondern immer häufiger aufkommt, mit dem vom Menschen gemachten Klimawandel zusammenhängt? Und was wäre dann zu tun, um diesen Klimawandel einzudämmen?

Bildung heißt wesentlich, Fragen zu stellen. Und dieses „Fragen stellen“ muss sich auf die Ursachen von Problemen und Herausforderungen ebenso beziehen wie auf das Finden der adäquaten Lösungen und wer hier für was zu verantworten und damit auch beizutragen hat.

„Die Angst, der Zorn und die Hoffnung der Bedrohten schaffen unaufhörlich Unruhe. Das ist ein andauerndes und weit umfassenderes Phänomen als die bisherigen Revolutionen. Ich nenne es Menschenbeben.“ So Robert Jungk 1983 in seinem gleichnamigen Buch „Menschenbeben. Der Aufstand gegen das Unerträgliche“ über die Friedens- und Protestbewegung gegen das atomare Wettrüsten in den 1980er-Jahren. Auch heute gibt es viele Dinge in der Welt, die nicht im Lot sind und solche Menschenbeben brauchen. In diesem Sinne gratuliere ich den jungen Menschen von Fridays for Future, weil sie sich nicht in ihr Schicksal fügen, sondern die Verantwortung von Politik, Wirtschaft und uns allen als Bürger und Bürgerinnen einfordern.

Mehr zum Thema und weiterführende Quellen:

Holzinger, Hans (2018): Klimapolitik am Prüfstand. Das Pariser Klimaschutzabkommen, Handlungsfelder der Klimapolitik und die Bedingungen gesellschaftlicher Transformation. Wien/Salzburg. Download

Holzinger, Hans (2020): Vom Umweltwissen zum Umwelthandeln. Gelingensfaktoren und Barrieren für gesellschaftlichen Wandel im Kontext von
Bildung für nachhaltige Entwicklung. Im Erscheinen.

Mag. Hans Holzinger ist als Wirtschafts- und Sozialgeograph seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter und pädagogischer Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Nachhaltiges Wirtschaften, Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, neue Wohlstandsmodelle, Transformationsprozesse. Er ist Moderator von Zukunftswerkstätten, Mitherausgeber des Magazins „ProZukunft“ und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen: „Wie wirtschaften? Ein kritisches Glossar“ (2018), „Von nichts zu viel – für alle genug“ (2016).

Foto: Christina Repolust

Kontakt: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org 

 

 

 

 

Stirbt die Menschlichkeit?

Demokratie bedeutet das Zulassen unterschiedlicher Meinungen. Doch wenn die Grenzen des Anstandes und der Menschlichkeit überschritten werden, braucht es das Aufstehen der Anständigen. Ich schäme mich für den österreichischen Bundeskanzler, dem zur neuen Tragödie syrischer Flüchtlinge nichts anderes einfällt, als dass die EU die Außengrenzen vor hilflosen Kindern, Frauen und Männern schützen müsse. Anstatt die EU aufzurufen nicht länger zuzusehen und selbst dazu beizutragen, dass geholfen wird. Billiger Stimmenfang, weil jemand glaubt die Menschen denken und wollen das so. Doch diese m. E. zynische menschenverachtende Haltung erzeugt erst jene Stimmung aus Angst und Aggression gegen Flüchtlinge. Sachliche Lösungen nicht auf dem Rücken der Notleidenden sehen anders aus. So hoffe ich auf zahlreiche Stimmen der Menschlichkeit auch aus der ÖVP mit ihrem christlichen Hintergrund.“ (Hans Holzinger, 6.3.2020)