Im Krieg gegen den Iran hat US-Präsident Donald Trump zurückgerudert. Es wurde eine Art „Friedensabkommen“ unterzeichnet, das zwar noch vieles offen lässt, aber immerhin zum Schweigen der Waffen führt. Ob damit auch die Angriffe der israelischen Armee auf den Libanon aufhören, ist noch ungewiss. Die Angriffe treffen nicht nur Stellungen der Hisbollah, sondern auch die Zivilbevölkerung. Im Krieg gegen die Ukraine gibt es wieder Hoffnungen zumindest auf einen Waffenstillstand – die Gespräche sollen fortgeführt werden. Das militärische Wettrüsten ist aber wieder voll im Gange. Eine ökumenische Friedensschrift „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden„ in Kooperation mit dem deutschen Friedensnetzwerk geht auf die Unterschiede von Friedens- und Kriegslogik ein und plädiert für die Rückkehr zu Diplomatie und Gespräch. Als Podcast nachhören
In der Präambel heißt es: „Als Mitglieder unterschiedlicher Kirchen in Deutschland stehen wir in Solidarität und Liebe an der Seite der Opfer der Kriege und der Geflüchteten. Um der betroffenen Menschen willen fordern wir alle kriegsführenden Parteien auf, die Gewalt zu beenden. Wir verpflichten uns, den Opfern und Geflüchteten weiterhin nach unseren Möglichkeiten durch praktische Hilfe und unsere Fürbitte beizustehen. Wir sehen uns durch unsere privilegierte westeuropäische Situation verpflichtet, jede Kriegstreiberei zu entlarven und die politisch Verantwortlichen zu einer friedensförderlichen Diplomatie aufzufordern.“ (s. 7)
Bergpredigt für heute interpretiert
Danach werden Bezüge zur Bergpredigt hergestellt. Diese empfehle durchwegs friedensförderliches Handeln: „Dazu gehören Selbstkritik, intelligente Feindesliebe und die praktische Umsetzung der Goldenen Regel. Jesus rät, zuerst den Balken im eigenen Auge zu beachten, statt den Splitter im Auge des anderen. Das betont die Bedeutung von Selbstkritik für unser Wahrnehmen, Urteilen und Handeln.“ Das in der Friedensforschung entwickelte Konzept der Friedenslogik wird als bester Ansatz beschrieben,
um die biblischen Orientierungen in der Gegenwart in friedensförderliches Handeln umzusetzen.
Am Beispiel des Krieges Russlands gegen die Ukraine wird in dieser Schrift aufgezeigt, wie friedenslogische Praxis dazu dienen kann, Gewalt und Krieg einzudämmen. Einer Analyse der Eskalation seit dem Aufnahmebeschluss der NATO für die Ukraine im Jahr 2008 und den verpassten Deeskalationsschritten folgen mögliche Chancen zum Aufbau einer nachhaltigen friedlichen Sicherheitsordnung in Europa. Dazu heißt es:
„Im Blick auf den Ukrainekrieg halten wir fest, dass keine der hier formulierten Analysen und friedenslogischen Empfehlungen die durch Russland ausgeübte Gewalt rechtfertigt. Allerdings liegt der Akzent unserer Ausführungen, den Empfehlungen der Bergpredigt entsprechend, auf Selbstkritik.“ (S. 12)
Friedens- versus Kriegslogik
Im Kapitel „Friedenslogik, Politikwissenschaft und praktische Feindesliebe“ werden die Unterschiede zwischen militärisch-sicherheitslogischen und friedenslogischem Denken ausgeführt. Der von einem Forschungsteam um Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach im Rahmen der Plattform für Zivile Konfliktbearbeitung veröffentlichte sozialwissenschaftliche Ansatz der Friedenslogik (pzkb.de/friedenslogik) erklärt den Sinn der Feindesliebe in Abgrenzung zum militärisch-sicherheitslogischen Denken.
Militärische Logik: Im militärisch-sicherheitslogischen Denken wird Frieden ein nachgeordnetes Ziel. Denn angenommen wird, dass die Ursache von Unsicherheit von einer gegnerischen Seite ausgeht, deren bedrohliches Handeln notfalls mit Gewalt abgewehrt werden kann. Wenn auf beiden Seiten ähnlich militärisch-sicherheitslogisch gedacht und gehandelt wird, entsteht daraus eine eigendynamische Rüstungsspirale. Ressourcen fließen nicht mehr in den Aufbau und Erhalt von friedlichen Beziehungen, sondern in Abwehrmaßnahmen: Abgrenzung, Kommunikationsabbruch, Aufrüstung. Die Beziehungen verschlechtern sich und verstärken ungewollt die Risiken so, dass Konflikte bis hin zu einem Krieg eskalieren.
Gewaltprävention und -reduktion durch Friedenslogik: Eine friedenslogisch durchdachte Sicherheitspolitik will solche Entwicklungen verhindern und ihnen vorbeugen. Friedenslogische Sicherheitspolitik folgt daher einer anderen, konflikttheoretischen Grundannahme. Diese besagt, dass die Ursache von Unsicherheit nicht allein auf einer gegnerischen Seite liegt. Sie liegt vielmehr in den Beziehungen zwischen maßgeblichen Eliten beider Seiten. An diesen Beziehungen hat jede Seite einen eigenen Anteil, da die Drohung und Anwendung von Gewalt immer Folge komplexer Konflikte sind. Den eigenen Konfliktanteil kann ich selbst einseitig verändern und damit auch die Beziehungen beeinflussen. Die Verbindung von Frieden und Sicherheit kann daher aus friedenslogischer Sicht nicht durch Abgrenzung, Abbruch dialogischer Kommunikation oder Aufrüstung und Vorbereitung auf den Fall militärischer Konfrontation entstehen, sondern nur durch eine friedenstiftende Veränderung der Beziehungen zueinander. (Wiedergabe S. 42 ff, Grafik S. 43).

Als Antworten auf die multiplen Krisen wird dafür plädiert, aus der militärischen Sicherheitslogik auszusteigen. An einer Stelle heißt es: „Wer friedensfördernde Empfehlungen aussprechen will, muss sich in die Lage der etwaigen Gegner hineinversetzen und sich über den eigenen Standpunkt Rechenschaft ablegen.“ (S. 15) Bezug genommen wird auf die Bibelstelle des Propheten Micha, der für die damalige Zeit bereits die Konversion der Waffen in Zivilgüter fordert. Darin heißt es:
„Gott wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre
Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Und ein jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt ihn auf.“
(Micha 4, 3-4)
Perspektive des Gegners sehen und verstehen
Den drei Kriegsvoraussetzungen – Konflikte, Waffen und Soldaten – werden in der Vision des Propheten Micha im
Bild einer Wallfahrt nach Jerusalem die vier Friedensvoraussetzungen gegenübergestellt: Zivile Regelung von Konflikten durch eine übergeordnete Instanz; Umwandlung der Waffen in zivile Güter – heute nennen wir das Rüstungskonversion; dadurch Überwindung der Kriegsfähigkeit und Entfall der „hierarchischen Struktur von den befehlenden Mächtigen oben zu den ausführenden Soldaten unten. Dadurch werden Kapazitäten frei: Junge Menschen können professionelle Friedensfachkräfte werden, die lernen und lehren, Konflikte zivil zu regeln.“ (S. 21) Diese Neuorientierung führe auch zu einem solidarischen und nachhaltigen Lebensstil: „Alle leben von den Früchten ihrer Arbeit, von ihrem Weinstock und ihrem Feigenbaum.“ (S. 21)
Als wichtige Fähigkeit für die Abkehr von der Kriegslogik wird der Perspektivenwechsel benannt: „Folglich müssen Standpunktgebundenheit und Relativität des eigenen Standpunktes bewusst gemacht werden, um zum Perspektivenwechsel zu befähigen und die Kriterien, Motive und Sichtweisen Anderer kennenzulernen. So wird es möglich, deren Verständnis eines gemeinsamen Konflikts nachzuvollziehen und mit dem eigenen Verständnis zu vergleichen. Schließlich lernt man, sich selbst aus
der Perspektive des Gegners zu sehen und zu verstehen, warum man von diesem als Feind betrachtet wird.“ (S. 23)
In Politik, Medien und Kirche würde heute der eigene Standpunkt oft ganz naiv als einzig normal und richtig gelten. Perspektivenwechsel werde dagegen häufig als Verrat diffamiert („Putin-Versteher“) und Selbstkritik vermieden. „So wurde seit 2008 der NATO-Beitritt der Ukraine vorangetrieben – unter Missachtung europäischer Vereinbarungen, die eine Verletzung der Sicherheitsinteressen Russlands ausschließen (z. B.: Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990, Charta von Paris 1990, OSZE 1999)36. Der angestrebte (vertragswidrige) NATO-Beitritt der Ukraine diente Russland 2022 schließlich als wesentlicher Kriegsgrund für den völkerrechtswidrigen Angriff auf das Land.“ (S. 23)
Die eigenen Fehler reflektieren
Erfahrene europäische und US-amerikanische Außenpolitiker wie u. a. George Kennan und Henry Kissinger hätten schon seit
Langem vor einem möglichen Krieg in der Ukraine aufgrund von deren Aufnahmeperspektive in die NATO gewarnt. Man habe sie ignoriert. Ein bewusster Perspektivenwechsel gehe noch einen Schritt weiter: „Der Mensch betrachtet die eigene Praxis aus der Perspektive des Gegenübers, um dessen Gewalterfahrungen, Bedrohungswahrnehmungen und Sicherheitsinteressen kennenzulernen.“ (S. 24) Gefragt wird, was Menschen in Russland wahrnehmen, wenn die NATO-Staaten inklusive der
USA fast zehnmal so viel Geld für Aufrüstung ausgeben wie Russland (1,3 Bio. / 150 Mrd. USD)43 und wenn die USA ca. 800 Militärbasen weltweit unterhalten, Russland dagegen nur ca. 20 weitgehend im grenznahen Ausland. Dies gelte auch für die von den NATO-Staaten aufgekündigten Rüstungskontrollvereinbarungen.
„Der Westen hat gute Gründe, über eigene gemachte Fehler nachzudenken.“ Mit diesen Worten wird der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), Botschafter Wolfgang Ischinger, zitiert, der 2022 den Balken im Auge des Westens beim Aufnahmebeschluss der NATO für die Ukraine im Jahr 2008 betonte: „Warum [haben wir als Europäer] 2008 den Vorstoß der amerikanischen Regierung nicht noch viel vehementer zurückgewiesen: nämlich – aus russischer Sicht – das Überschreiten einer roten Linie.“ Noch grundsätzlicher habe der ehemalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland, Prof. Dr. Lothar Brock, es als „größten Fehler“ bezeichnet, „nach 1990 nicht viel nachdrücklicher auf den Aufbau eines gemeinsamen, Russland einschließenden Sicherheitssystems in Europa gedrungen (zu) haben.“ (zit. S. 25)
Aus friedenswissenschaftlicher Sicht sei dieses Verhalten konfliktfördernd, weil die Verantwortung für den Gewaltausbruch einzig
dem Gegner zugeschoben wird. Stattdessen sei eine klare und umfassende Konfliktanalyse erforderlich. Die Chance: „Ist der Konflikt als gemeinsamer Konflikt erkannt und akzeptiert, können Maßnahmen ergriffen werden, um die Lähmung der Politik zu heilen.“ (S. 25) Nur durch die Auseinandersetzung der Parteien mit eigenen Fehlern könnten Kompromisse oder gar neue Formen der Zusammenarbeit erzielt werden – ähnlich der „Depolarisierung“ des Dialogs im Kalten Krieg, die zur Auflösung des Ost-West-Konflikts und verschiedensten Angeboten russischer Kooperation führte.
Es wird nochmals Botschafter Ischinger (MSC) zitiert: „Aus meiner Erfahrung als Unterhändler weiß ich: wenn man eine Lage herbeiführen kann, wo eine Partei sagt, ‚Ich gebe zu, da haben wir einen Fehler gemacht‘ – das erhöht die Chance, dass die andere Seite sagt, ‚Wir haben auch einen Fehler gemacht.‘ Wenn Sie diese Lage herbeiführen können, das ist verhandlungstechnisch die halbe Miete.“ (S. 26) Zum Argument, dass jedes Land seine Bündnispolitik frei wählen können müsse, wird auf Einschränkungen in der Europäischen Sicherheitscharta der OSZE verwiesen, die davon ausgeht, dass Staaten „ihre Sicherheit nicht auf Kosten der Sicherheit anderer Staaten festigen.“ (S. 27)
Wiederaufnahme von Gesprächen mit Russland
Mit Blick auf den Standard „gemeinsamer Sicherheit“ empfehlen die Autor:innen des Textes, dass im Interesse des Friedens im gegenwärtigen Konflikt mit Russland seitens der Westeuropäer die direkte Kommunikation wieder aufgenommen werden sollte, etwa durch die Wiedereröffnung von diplomatischen Kommunikationskanälen: „Durch klassische Diplomatie mit dem Ziel der Konfliktbeilegung und künftiger Konfliktprävention sollten die gegenseitigen Bedrohungswahrnehmungen anerkannt und überwunden werden.“ (S. 27)
Zur „intelligenten Feindesliebe“ wird ausgeführt, dass diese einem ganz praktischen Nutzen folge, denn Hass und Feindbilder würden immer die Konflikteskalation vorantreiben. Doch es geschehe derzeit das Gegenteil: „Westliche Medien und Politik machen aus Staaten, die die westliche Dominanz ablehnen, oft grundsätzliche Gegner des Westens. Diese selbstgeschaffenen Feindbilder werden dann bei eigenen Völkerrechtsverletzungen als kommunikative Trumpfkarte eingesetzt, um eine kritische Diskussion des eigenen Handelns zu tabuisieren oder die Verstöße zu relativieren. Im Gegensatz dazu sollte vielmehr gefragt werden: Was, wenn Frieden und Völkerrecht auch von der eigenen Seite bedroht und gebrochen werden – wie bei den völkerrechtswidrigen Überfällen auf den Iran und Venezuela?“ (S. 28)
Prinzip der Nichteinmischung statt gegenseitige Aufrüstung
Als wichtigstes Prinzip der UN-Charta wird in der Folge auf die Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten Bezug genommen. Mit Wirtschaftssanktionen sowie direkter militärischer Gewalt werde dieses Prinzip immer wieder gebrochen. Wir dürften uns den Blick nicht verstellen lassen von einer sogenannten werteorientierten Außenpolitik, die mittlerweile mit dem Bellizismus vermählt sei.
Kritisiert wird die Eskalation durch „offensive Vorwärtsverteidigung“. Erstschlagfähigkeit, uneinholbare eigene Überlegenheit und Verunsicherung des Feindes seien aktuell die Angelpunkte westlicher Abschreckung und auch Hintergrund der NATO-Osterweiterung: „Russland und China und mit ihnen sämtliche BRICS-Staaten nehmen diese Logik der Dominanz deutlich wahr, sind aber nicht mehr bereit, sich dem Westen auch in Zukunft zu unterwerfen (was wie gesagt keinerlei eigene Gewaltanwendung durch diese Staaten rechtfertigt, jedoch einen Schlüssel zur generellen Reduzierung von Gewalt in unserer Welt darstellt.“ (S. 29)
Hier wird nochmals auf Fehler des Westens Bezug genommen: „Ab 2004 und insbesondere nach dem von den USA maßgeblich
unterstützten Machtwechsel in der Ukraine 2014 trug der Westen erheblich zur Eskalation der dortigen Spannungen bei. Er hat wiederholt russische Gesprächsinitiativen abgelehnt und die Ukraine nach 2014 militärisch aufgerüstet. Während dessen hat sich eine russlandfeindliche Sprache in Politik und Medien ausgebreitet. Der vertragswidrig vereinbarte NATO-Beitritt der Ukraine wurde zu einem Grund für den trotzdem nicht zu rechtfertigenden Angriff auf das Land.“ (S. 30)
Abbau von Feindbildern
Das Verharren in irrationalen Feindbildern behindere Auswege: So werde ohne Belege und gegen jede rationale Analyse beschworen, Russland werde die NATO angreifen; Russland werde „ewig unser Feind bleiben“ (Außenminister Wadephul) und sei
das „Reich des Bösen“ (NATO-Gen-Sec Rutte). Russische Verhandlungsinitiativen würden gekontert: „Mit Putin kann man nicht
reden!“ Hingegen würden völkerrechtswidrige Aggressionen des Westens (wie z. B. die Bombardierung Belgrads 1999, der Irakkrieg 2003, die Ermordung Gaddafis im Libyenkrieg 2011, die Angriffe auf den Iran 2025 und 2026, die Feindseligkeiten gegen Venezuela und Kuba 2026) verschwiegen.
Gewinner der Fortdauer von Kriegen seien Rüstungskonzerne. Dazu heißt es: „Die außerordentlich hohen Gewinne durch extrem steigende Aktienkurse sind keineswegs „unschuldige“ Wirtschaftszahlen. Sie beruhen auf der Logik, dass Frieden nicht gut fürs Geschäft ist, permanenter Krieg hingegen schon.“ (S. 31)
Friedenslogische Empfehlungen
Die Autor:innen des Textes geben, ausgehend von dieser Analyse, Empfehlungen für die Zukunft. Die diplomatische Kommunikation zwischen EU und Russland sollte wieder aufgenommen werden: „Ein erster Schritt wäre eine selbstkritische Eskalationsanalyse, um Handlungsmöglichkeiten, Themen und Kommunikationskanäle zu sondieren. Dann könnte
eine gezielte Annäherung erfolgen unter Verzicht auf ‚Kommunikationsmuster der Drohung und Beschuldigung“ und unter Anerkennung der Sicherheitsinteressen des Gegenübers. Innenpolitisch sollte die feindselige Sprache in Politik und Medien zurückgefahren werden.“ (S. 32) Gefordert seien hier auch die Kirchen, die Ideologie der Feindseligkeit kritisieren
und sich dem Aufbau von Feindbildern entschieden entgegenstellen sollen. Zudem müssten die Kirchen Investitionen in Rüstungsgütern öffentlich verurteilen: „Friedensförderlich wäre kurzfristig ein Ende der Börsennotierung von Rüstungsunternehmen sowie mittelfristig eine gegenseitig kontrollierte militärische Abrüstung. Kirchen sollten jede Geldanlage in Rüstung als unethisch markieren. Ein wichtiger Beitrag wäre auch, Whistleblower aus Politik und Rüstungsindustrie zu unterstützen und damit zur Transparenz demokratischer Verfahren beizutragen.“ (S. 33)
Für die Ukraine könnte realisiert werden, was US-amerikanische Außenpolitiker schon früher empfohlen hätten: Neutralität, Sicherheitsgarantien und Brückenfunktion zwischen Ost und West. Es wird nochmals klargestellt: „Der russische Angriff auf die Ukraine ist eine grob völkerrechtswidrige Einmischung“, aber ergänzt: „Vollständig völkerrechtskonform ist die westliche Reaktion darauf allerdings auch nicht: Laut UN-Charta (Art. 51) hat die Ukraine zwar das Recht auf bewaffneten Widerstand. Drittstaaten sind jedoch verpflichtet, Frieden schnell und gewaltlos wieder herzustellen (Kapitel VI, Art. 33, 36 und 37)“ (S. 34)
Rückkehr zu Rüstungskontrollvereinbarungen
In der Folge wird entschieden für die Rückkehr zu Rüstungskontrollvereinbarungen plädiert, auch um der Verbreitung von Atomwaffen entgegenzuwirken. Präventive Diplomatie soll der exklusiven Sicherheit gegenüber vorrangig sein. Die Agenda für den Frieden (1992) der UNO biete ein Rahmenkonzept dafür. Präventive Maßnahmen wie vertrauensbildende Schritte, zuverlässige Tatsachenermittlung, Frühwarnsysteme, gemeinsame internationale Polizeistrukturen und UN-Blauhelm-Truppen seien von aktueller Bedeutung. Auch Maßnahmen der Friedensschaffung und -sicherung bleiben relevant. „Sicherheit mit“ sei immer besser als „Sicherheit gegen“.
Im Zusammenhang mit der Ukraine wird der Vorschlag einer Gruppe von Militärs und Diplomaten vom 5.1.2026 zitiert. In diesem Vorschlag werden Territorialfragen, NATO-Mitgliedschaft und Sicherheitsgarantien für Friedensgespräche mit Russland präsentiert, wobei die Interessen beider Seiten maßgeblich sind. Für eine umfassendere Sicherheitsstrategie und die Rolle Deutschlands und Europas darin müsste der Westen aus seinem „Selbstgespräch“ herausfinden. Deutschland und die Europäischen Union zu ihren Grundprinzipien der nicht-gewaltbewehrten Friedensmacht zurückkehren. Vor allem müsste westliche Dominanz weltweit durch Kooperation ersetzt werden. In dieser Hinsicht erweise sich die UNO als von bleibendem Wert.
Es wird nochmals die Verantwortung der Kirchen eingemahnt: „Der Glaube an den Mythos der erlösenden Macht von Gewalt ist die am weitesten verbreitete Religion der Welt, die eigentliche Weltreligion. Der (meist männliche) bewaffnete Held, einer der
‚Guten‘, siegt über ‚die Bösen‘, indem er sie vernichtet. Dieser falsche Mythos durchzieht die Schriften von Religionen und wird
heute in vielen Filmen dargestellt und zelebriert. Weder das Christentum noch andere Religionen sind frei davon. Darum ist es eine
dauerhafte Aufgabe, diesen Mythos zu entlarven und die scheinbar ’selbstverständliche‘ Legitimation von Gewalt und Waffen zu hinterfragen.“ (S. 41)
Die ökumenische Friedenschrift schließt mit Vorschlägen, was Christinnen und Christen sowie die Kirchen tun können, um den vorgestellten Weg einer Friedenslogik zu unterstützen. Der Text ist eine wertvolle Argumentationshilfe – die vielen herangezogenen Quellen können in den Fußnoten im Anhang nachgesehen werden.