Der Erhard-Eppler-Kreis ist ein Zusammenschluss von SPD-Mitgliedern, die die gegenwärtige Aufrüstungspolitik in Deutschland sowie in der EU kritisch sehen. Die Gruppe fordert zugleich, direkte Gespräche mit Russland aufzunehmen. In dem Manifest „Friedenssicherung in Europa durch Verteidigungsfähigkeit, Rüstungskontrolle und Verständigung“ wurden diese Anliegen öffentlich gemacht und als Petition an den SPD-Bundesparteitag eingereicht. Der deutsche Verteidigungsminister Pistorius bezeichnete die Aufruf-Unterstützenden als „Realitätsverweigerer“. Diese untermauern ihre Argumente nun mit einem Buch, das im Herbst 2026 im Westend-Verlag erscheint. Hier eine Zusammenfassung des Buchs durch den Erhard-Eppler-Kreis.

Die Autoren zeichnen die Erosion der europäischen Sicherheitsarchitektur nach – von der Aufkündigung zentraler Rüstungskontrollverträge bis zum Bedeutungsverlust multilateraler Foren. Diese Entwicklung wird nicht als lineare Folge aktueller Konflikte beschrieben, sondern als langfristiger Prozess politischer Entscheidungen, der den Boden für die gegenwärtige Eskalationsdynamik bereitet hat. Dass dabei auch die westliche Mitverantwortung benannt wird – der NATO-Angriff auf Serbien 1999, der Irakkrieg 2003, die unzureichende Umsetzung der Minsker Abkommen –, ist keine Relativierung russischer Aggression, sondern Voraussetzung jeder ernsthaften Ursachenanalyse.

Zugleich wird der Ukraine-Krieg in einen größeren geopolitischen Zusammenhang gestellt. Er erscheint hier weniger als singuläres Ereignis denn als Symptom einer umfassenden Verschiebung der Weltordnung hin zu einer multipolaren Struktur. Der Aufstieg Chinas, die strategische Neuorientierung der USA unter Trump und die Rückkehr Russlands als machtpolitischer Akteur bilden den Hintergrund, vor dem europäische Sicherheitspolitik neu gedacht werden muss. Das Buch macht dabei ein Argument stark, das in der öffentlichen Debatte notorisch unterbelichtet bleibt: Die massive Ausweitung militärischer Ausgaben ist kein isoliertes Haushaltsproblem, sondern ein Faktor, der soziale, ökologische und infrastrukturelle Handlungsspielräume systematisch einengt. Sicherheit erscheint damit nicht nur als militärische, sondern als gesellschaftliche Kategorie.

Eine klare Leitidee trägt durch das gesamte Buch. Es ist der konsequente Versuch, dem dominierenden sicherheitspolitischen Narrativ eine alternative Rationalität entgegenzusetzen – nicht aus Naivität, sondern aus der Überzeugung, dass eine Politik, die Diplomatie und Rüstungskontrolle als Schwäche begreift, selbst das größere Sicherheitsrisiko darstellt.

„Gemeinsame Sicherheit heute!“ ist kein Buch für den schnellen Konsens. Es fordert Widerspruch heraus, bisweilen auch Kopfschütteln. Gerade darin liegt sein Wert. In einer Zeit, in der der Krieg im Iran zeigt, wohin militärische Eskalationslogik führen kann, und in der über Ramstein deutsche Mitverantwortung auf dem Spiel steht, erinnert dieser Band an eine einfache, aber unbequeme Einsicht: Sicherheit entsteht nicht nur durch Stärke, sondern auch durch Verständigung. Die Vernachlässigung dieser Dimension ist selbst zum Risiko geworden. Erhard Eppler nannte das einmal die „Herzensangelegenheit des Verstands“. Dieses Buch führt den Gedanken weiter – und es tut gut daran. Die traurige Renaissance der Kriege wird die SPD-Friedenskreise zwingen, noch entschiedener in die Öffentlichkeit zu treten – mit diesem Buch, aber auch darüber hinaus.

Gernot Erler / Ralf Stegner (Hg.): Gemeinsame Sicherheit heute! – Nein zu Krieg! Unser Manifest für den Frieden. Westend Verlag. Erscheint am 28.9.2026