Wachstumseinbrüche und steigende Arbeitslosigkeit. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona.

Weltweit sind bereits mehr als 200.000 Menschen infolge einer Covid 19-Infektion gestorben, knapp 60 Prozent davon in Europa, 25 Prozent in den USA. China verzeichnet laut offiziellen Angaben nur knapp drei Prozent der Todesfälle. Während in den Ländern des Südens die Ausbreitung der Pandemie erst bevorsteht, ist in den Ländern des Nordens der Höhepunkt offensichtlich überschritten. Mit dem Herunterfahren großer Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wurde – wie es scheint – auch die Ausbreitung des Virus unterbunden. Allmählich wird der Shutdown wieder gelockert. Die wirtschaftlichen und damit auch die sozialen Folgen sind jedoch noch keineswegs zur Gänze auszumachen. Auch wird vor einer zweiten Welle im Zuge der Lockerungen gewarnt. Nach einem ersten Überblick über die Befunde und Prognosen zur Pandemie versuche ich eine erste Sortierung der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und schließe die Frage an, ob ein Post-Corona-Wirtschaften mit weniger privatem Konsum, dafür aber exzellenten öffentlichen Angeboten der Daseinsvorsorge möglich wäre.

Die Coronavirus-Pandemie sorgt nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) für den größten wirtschaftlichen Niedergang seit 100 Jahren. Das globale Wachstum werde 2020 nicht – wie noch im Jänner prognostiziert – um 3,3 Prozent zulegen, sondern um drei Prozent einbrechen. Internationale Warenlieferungen werden um mehr als elf Prozent schrumpfen, insbesondere weil – anders als in der Finanzkrise 2008 – diesmal auch Chinas Wirtschaft stark getroffen wurde. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten sogar ein Schrumpfen der Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,2 Prozent.

In den USA wurden binnen eines Monats durch die Corona-Krise mehr Jobs vernichtet, als in den elf Jahren seit der Finanzkrise neu entstanden waren. 26 Millionen Menschen sind jetzt ohne Arbeit – viele verlieren mit dem Job auch den Schutz einer Krankenversicherung. In Europa könnte sich laut McKinsey die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten fast verdoppeln. Nach Schätzungen des Beratungsunternehmen liefen 59 Millionen Arbeitsplätze Gefahr, durch dauerhafte Einbußen wie Lohn- und Arbeitsstundenkürzungen infolge der Coronavirus-Pandemie wegzufallen. Die Hälfte aller gefährdeten Arbeitsplätze seien im Kundenservice und Vertrieb, Gastronomie und im Baugewerbe. In Europas Großhandels- und Einzelhandelssektor könnten 14,6 Millionen Arbeitsplätze bedroht sein, 8,4 Millionen Arbeitsplätze im Hotelgewerbe und in der Gastronomie sowie 1,7 Millionen in der Kunst- und Unterhaltungsbranche.

Die aktuelle Situation in Österreich

Das WIFO erwartet für 2020 in Österreich (Prognose 23.4.2020) einen Rückgang der Wirtschaftsleistung und der Beschäftigung um über 5 Prozent bzw. 1,7 Prozent und einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 8,7 Prozent. Für 2021 wird mit einem verhaltenen Rebound gerechnet und ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent erwartet. Das Niveau des realen BIP vor der Krise werde erst Ende 2021 bzw. Anfang 2022 erreicht werden. Interessant dabei, dass am 23.3.2020 noch eine deutlich weniger pessimistische Prognose gegeben worden war: „Wenn die Maßnahmen bis Ende April in Kraft bleiben, im Mai allmählich wieder aufgehoben werden und sich die Lage im Sommer normalisiert, wird die österreichische Wirtschaft 2020 um 2,5 Prozent schrumpfen.“

Ökonom*innen der Wirtschaftsuniversität Wien, des Instituts für höhere Studien (IHS), des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) und des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) zeichnen in einer gemeinsamen Studie ein trübes Bild. Sie gehen von einem möglichen Minus von 6 Prozent des BIP aus. Dieses Minus ergebe sich unter der Annahme, dass die Reduktion der wirtschaftlichen Tätigkeiten bis Mitte Juni anhält. Sollte sie nur bis Mitte Mai dauern, ist mit einem BIP-Rückgang von 4,0 Prozent zu rechnen. Die Zahlen könnten aber noch weiter nach unten gehen, beispielsweise wenn der Tourismus im Sommer sehr viel restriktiver geregelt wird als angenommen.

Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen in Österreich auf einen historischen Höchststand seit 1946 nach oben schnellen lassen. Ende März gab es im Vergleich zum Vorjahresmonat 52,5 Prozent mehr Personen ohne Arbeitsplatz. Über eine halbe Million Menschen waren Ende März 2020 arbeitslos gemeldet. Besonders drastisch war der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Salzburg (+112,3% Prozent) und Tirol (+174,2 Prozent). Hier machte sich das vorzeitige Saisonende und die große Bedeutung des Tourismus für den Arbeitsmarkt deutlich bemerkbar. Während im produzierenden Gewerbe, aber auch in der Kultur- und Unterhaltungsbranche die Kurzarbeit stark zugenommen hat, stieg im Tourismus zudem die Arbeitslosigkeit rasant an. Ende März war in diesem Bereich nur mehr jede/r Dritte regulär beschäftigt, rechnet Agenda-Austria vor. Kaum Einbußen gab es nahe liegender Weise in der öffentlichen Verwaltung sowie im Gesundheitswesen.

Dass Österreich mit mehr als einer halben Million verhältnismäßig mehr Arbeitslose hat als Deutschland, wird mit dem hohen Anteil des Tourismus erklärt. Getroffen habe Österreich aber auch die Entwicklung am Bau: Viele Baustellen standen im März still. Am Bau hat sich die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt, 28.000 Menschen verloren ihren Job. In Deutschland dagegen lief der Bau durch, hier stieg sogar die Nachfrage nach Arbeitskräften.

Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit

AK Chefökonom Markus Marterbauer fordert, die Arbeitslosenquote von aktuell 8,7 Prozent innerhalb eines Jahres wieder auf das Niveau von 2019 in Höhe von 7,4 Prozent zu drücken. Folgende Maßnahmen seien dafür notwendig: Aufstockung des AMS-Personals um 500 MitarbeiterInnen – um die Vermittlungstätigkeit in gute Jobs verbessern zu können; Qualifikationsmaßnahmen – um Arbeitslose etwa aus dem Bereich Tourismus in systemrelevante Branche wie Gesundheit und Pflege weiterqualifizieren zu können; Programme für junge Menschen – um eine verlorene Generation zu vermeiden, müssen spezielle Ausbildungsprogramme für jugendliche Arbeitslose entwickelt und die Schul- und Studienplätze aufgestockt werden; Unterstützungen für ältere Arbeitslose – für Menschen im Alter über 45 Jahren, die länger als zwei Jahre arbeitslos waren, sollen langfristig gemeinnützige und kommunale 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Zudem brauche es Investitionen in zukunfts- und systemrelevante Wirtschaftsbereiche wie Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Schulen, Umwelt und Klima etc. Das schafft krisensichere Arbeitsplätze sowie die Einführung einer Vermögensabgabe zur Finanzierung des Lastenausgleichs in der Corona-Krise.

Krisenstrategie Kurzarbeit

In der Finanzkrise 2008 hat sich die Strategie, durch Unterstützungen für Kurzarbeitsregelungen die Arbeitslosigkeit nicht zu stark ansteigen zu lassen, bewährt. Sie wird auch jetzt in vielen Ländern angewandt. Bereits am 15.3.2020 wurde in Österreich ein von den Sozialpartnern ausverhandeltes Kurzarbeit-Modell für alle Branchen und Betriebe entwickelt. Damit bekommen betroffene Arbeitnehmer*innen in der Kurzarbeit entweder 80, 85 oder 90 Prozent (gestaffelt nach Einkommenshöhen) ihres bisherigen Nettoeinkommens.

In einem weiteren Gesetzespaket, vom Nationalrat beschlossen am 20.3.2020, wurde festgelegt, dass durch die Kurzarbeitsbeihilfe die Dienstgeber*innen-Mehrkosten für die Beiträge zur Sozialversicherung ab dem ersten Tag abgegolten werden. Das Modell findet hohen Anklang: Allein zwischen 24. März und 7. April wurden für ca. 692.000 betroffene Arbeitnehmer*innen Anträge beim AMS eingereicht. Zwei Wochen später waren bereits knapp 900.000 Personen in Kurzarbeit gemeldet. Ende April lag die Zahl bei 1,1 Million. Die veranschlagten Kosten für Kurzarbeit beliefen sich zu Beginn auf rund 5,3 Mrd. Euro, ein Betrag der wohl nicht reichen wird. Ende April wurden die Mittel von fünf auf sieben Mrd. € aufgestockt.[1]

Die Vorteile für Betriebe und ArbeitnehmerInnen liegen auf der Hand: Betriebe erhalten erfahrene MitarbeiterInnen und Know-how, sparen sich zukünftige Personalsuchkosten und vermeiden einen Imageverlust durch radikalen Job-Abbau. Für Betriebe ist das Kurzarbeitsmodell mittlerweile betriebswirtschaftlich günstiger als eine reguläre Kündigung unter Einhaltung der Kündigungsfristen, so die Autoren des Blogs Arbeit & Wirtschaft.  Die Arbeitnehmer*innen profitieren durch ein aufrechtes Dienstverhältnis und ein stabiles Mindesteinkommen, das annähernd in der Höhe des vorherigen Lohns bzw. Gehalts liegt. Denn die Kurzarbeitsbeihilfe ist wesentlich höher als ein alternatives Arbeitslosengeld, das in der Regel lediglich 55 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens beträgt. Kurzarbeit trägt somit auch wesentlich zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Nachfrage bei.

Auch für den Staat überwiegen die Vorteile bei Kurzarbeit, so die Autoren. Die Aufwendungen für die Kurzarbeitsbeilhilfe an die Betriebe sind zwar erheblich, aber die Kosten der Arbeitslosigkeit sind nicht zu unterschätzen. Und: Kurzarbeit kostet in Österreich nur 100 Euro mehr als Arbeitslosigkeit.

Einkommensverluste – junge Menschen am stärksten betroffen

Die Coronakrise führt in ganz Österreich zu Einkommensverlusten. Besonders hart betroffen sind die Tourismus-Bundesländer Tirol und Salzburg, zeigt eine Umfrage im Auftrag von Durchblicker.at von Ende April. Demnach haben österreichweit 43 Prozent der Haushalte weniger Einkommen, in den beiden Bundesländern trifft es etwa die Hälfte, in Wien nur etwas mehr als ein Drittel.

Am Arbeitsmarkt trifft es junge Neueinsteiger*innen in besonderer Weise. Es wird mittlerweile bereits von einer „verlorenen Generation“ gesprochen. Betriebe stellen bei Wirtschaftseinbrüchen weniger neue Arbeitskräfte ein, wodurch sich die Jobchancen für neue Schulabsolvent*innen reduzieren. Ebenso verknappt sich das Angebot an offenen Lehrstellen. Junge Menschen sind aber auch häufiger von Kündigungen betroffen. Für Betriebe scheinen die Kosten geringer zu sein, wenn sie jüngere Mitarbeiter*innen kündigen, da sie weniger in deren Weiterbildung investiert haben als bei älteren. Außerdem verfügen jüngere Beschäftigte in der Regel über einen schwächeren Kündigungsschutz als ältere Arbeitnehmer*innen (last in, first out), beispielsweise durch kürzere Kündigungsfristen bei kürzerer Betriebszugehörigkeit.

Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer, fordert verschiedene Maßnahmen, um die Arbeitslosigkeit wieder zurückzudrängen, eine davon betrifft  junge Menschen, einen andere ältere Arbeitnehmer*innen . Notwendig sei die Aufstockung des AMS-Personals um 500 MitarbeiterInnen, um die Vermittlungstätigkeit in gute Jobs verbessern zu können. Qualifikationsmaßnahmen sollen Arbeitslose etwa aus dem Bereich Tourismus in systemrelevante Branche wie Gesundheit und Pflege weiterqualifizieren. Mit speziellen Ausbildungsprogrammen für junge Menschen müsse verhindert werden, dass hier eine neue „verlorene Generation“ entstehe. Schließlich brauche es Unterstützungen für ältere Arbeitslose – für Menschen im Alter über 45 Jahren, die länger als zwei Jahre arbeitslos waren, sollen langfristig gemeinnützige und kommunale 40.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Zudem brauche es Investitionen in zukunfts- und systemrelevante Wirtschaftsbereiche wie Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Schulen, Umwelt und Klima etc. Das schaffe krisensichere Arbeitsplätze sowie die Einführung einer Vermögensabgabe zur Finanzierung des Lastenausgleichs in der Corona-Krise.

Resümee: In Krisenzeiten zeigt sich die Bedeutung des Sozialstaats in besonderer Weise, wie Markus Materbauer in einem Falter-Beitrag erläutert. Nur er ist in der Lage, soziale Probleme und materielle Einbußen der Bürger*innen abzufedern und Betreuungs- und Gesundheitsangebote zur Verfügung zustellen [2]. Vordergründig sehen dies nun auch die Vertreter*innen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik ein. Neben den wirtschaftlichen Einbrüchen gibt es aber auch die sozialen und psychischen Probleme, die in der Corona-Krise deutlich werden, etwa durch beengte Wohnverhältnisse bei wirtschaftlich benachteiligten Personengruppen. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

 [1] Details zu den Kriterien siehe https://www.ams.at/unternehmen/personalsicherung-und-fruehwarnsystem/kurzarbeit

[2] Markus Marterbauer: „Die Vorteile des Sozialstaates sind zu offensichtlich: Er ist effizient, weil er erstens genau jene unterstützt, die Hilfe brauchen, die Kranken, Arbeitslosen, Kinder, Alten und Pflegebedürftigen, zweitens von jenen finanziert wird, die gerade gesund und erwerbstätig sind, und so drittens allen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens zugutekommt.“ (Falter 17/20, 22.04.2020)

 

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