Von beengten Wohnverhältnissen bis hin zu psychischen Krisen. Die sozialen Folgen der Corona-Krise

Sozial Schwächere trifft die Corona-Krise am stärksten. Das hat mehrere Gründe. Haushalte mit niedrigem Einkommen verfügen über keine Rücklagen. Sie verfügen über geringeren Wohnraum, keinen Garten und häufig auch keinen Balkon. Von den aktuellen Krisen-Unterstützungsmaßnahmen sind sie oft ausgeschlossen.

Die Coronavirus-Krise hat die Ungleichheit in Österreichs Gesellschaft erstaunlich schnell wachsen lassen. Das zeigen Daten des Austrian Corona Panel Project, einer in regelmäßigen Abständen durchgeführten OnlineBefragung. Vor allem Arbeitslose und Mindestsicherung Beziehende berichten in der Studie von einer Zunahme existenzieller Ängste. Menschen, die sich als stark einsam beschreiben, greifen in der Krise besonders häufig zu Alkohol. Die Coronavirus-Krise „macht die Menschen ungleicher, aber die Ausstattung war schon davor ungleich“, so die Politologin Barbara Prainsack. Diese strukturellen Probleme anzugehen ist für sie nicht nur eine Chance, sondern eine Pflicht.

Eine weitere Erhebung im Rahmen des Projekts über die Wahrnehmung von Corona in Österreich und die Auswirkungen auf die Gesellschaft zeigt, wie unterschiedlich Menschen die Krise belastet. Von Kurzarbeit und Kündigungen sind sozial schwächere Personen am meisten betroffen, so ein Umfrageergebnis. Nur rund ein Viertel der befragten unselbstständig Beschäftigten, die im Februar noch eine Arbeit hatten, gab an, dass sich die Arbeitssituation seit Beginn der Krise für sie nicht verändert hat.

Einen wichtigen Stellenwert nimmt die Ausbildung ein. Während mehr als die Hälfte aller Beschäftigten mit Matura oder Universitätsabschluss im Home-Office arbeiten, ist das nicht einmal für ein*e von sieben Arbeitnehmer*innen mit Pflichtschulabschluss der Fall, so ein weiteres Ergebnis. Zugleich war jede*r siebente Arbeitnehmer*in im letzten Monat von einer Kündigung betroffen, während Arbeitnehmer*innen mit höherer Ausbildung davon bisher meist verschont blieben. Auch wurden Arbeitnehmer*innen in der niedrigsten Ausbildungsstufe (Pflichtschule) mehr als doppelt so oft in Kurzarbeit geschickt als Arbeitnehmer*innen der höchsten Ausbildungsstufe (Universität).

Eine im Austrian Corona Panel Project Ende März erfolgte Untersuchung über die psychologischen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen zeigte, dass Kurzarbeit und Homeoffice gut angenommen werden. Negative Gefühle zeigten vor allem Arbeitslose, SchülerInnen und Studierende, sowie haushaltsführende und arbeitsunfähige Menschen. Ein Indiz dafür, dass weniger Arbeiten auch durchaus als befriedigend wahrgenommen werden kann, sofern ein planbares Einkommen verfügbar ist.

Problem beengter Wohnverhältnisse und hoher Mieten

Die Krise trifft Kinder aus Familien, die Sozialhilfe oder Mindestsicherung beziehen, besonders hart: Mehr als ein Viertel dieser Kinder leidet unter Feuchtigkeit in der Wohnung, ein Fünftel hat nur dunkle Räume, fast zwei Drittel dieser Wohnungen sind überbelegt: Das bedeutet schon in normalen Zeiten besondere Enge –  mangels Kindergarten, Schule und Bewegungsfreiheit auf Spielplätzen nun in Corona-Zeiten aber besonders. Dazu kommen Zusatzkosten für Homeschooling.

Durch die Schließung der Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen fällt die Versorgung der Kinder in diesen Einrichtungen weg – bei normalem Haushaltseinkommen kein Problem, bei niedrigen schon. Armutsforscher Christoph Butterwegge fordert daher für Deutschland einen Ernährungszuschlag von 100 Euro monatlich für Hartz IV-Bezieher*innen. Martin Schenk, Sprecher der Österreichischen Armutskonferenz, kritisiert, dass der Familienhärteausgleichsfonds auf Mittelschichtfamilien zugeschnitten sei, Familien mit Kindern, die Sozialhilfe oder Mindestsicherung beziehen, gäbe es das nicht. Dazu kommen eben schlechtere Wohnbedingungen von Menschen mit geringem Haushaltseinkommen sowie das Problem der Mietkosten.

Etwa die Hälfte der Österreicher*innen wohnt in Eigentum, die andere Hälfte zahlt Miete. Dabei gibt es ein starkes Stadt-Land-Gefälle: in Wien wohnen nur rund 20 Prozent in einer eigenen Immobilie. Bewohner*innen am Land stehen auch meist insgesamt mehr Wohnfläche und vor allem auch private Grünflächen wie Gärten zur Verfügung. In Wien besitzt nur etwa die Hälfte der Wohnungen einen Balkon. Der Anteil des Haushaltseinkommens, der für Miete aufgebracht werden muss, steigt bei jenen, die über ein geringes Einkommen verfügen. Bei immerhin jeder 14. in Österreich lebenden Person beträgt er 40 Prozent des Haushaltseinkommens.

Ein neues vom Österreichischen Parlament beschlossenes Gesetz soll Menschen vor Kündigungen bewahren: Wenn man die Mieten im April, Mai und Juni für seine Wohnung nicht oder nicht vollständig zahlen kann, weil man in seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit infolge der COVID-19-Pandemie erheblich beeinträchtigt ist, sind Vermieter*innen zur Kündigung oder Räumungsklage nicht berechtigt. Die ausständigen Mietzahlungen dürfen Vermieter*innen erst ab dem 1.1.2021 einklagen. Die Proteste des Eigentümer- und Vermieterverbandes sind wohl unberechtigt: eine Auswertung der Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung nach Einkommensgruppen zeigt, dass nur 5,2 Prozent der Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung an das untere Einkommensdrittel gehen, während das oberste Drittel 82,5 Prozent lukriert. Es trifft hier keine Armen.

Der Sozialgeograph Andreas Koch hält die Überbrückungshilfen sowie die geforderten Mietsenkungen für den gemeinnützigen Sektor nicht ausreichend: „Denn so sehr sie kurzfristig helfen, unmittelbare Not abzuwenden, verschleiern sie die tiefer liegenden sozialen Probleme und verschieben Lösungen auf eine ferne Zukunft.“ (SN 27.4.2020)

Psychische Auswirkungen der Corona-Krise

Neben materiellen Einschränkungen und diese teilweise verschärfend sind die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise zu bedenken. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen bietet Informationsblätter dazu, wie Betroffene Isolation und Quarantäne gut überstehen können. Empfohlen werden sechs Dinge: Halten Sie eine Tagesstruktur ein! Planen Sie Ihren Tag möglichst genau! Konsumieren Sie Medien bewusst und gezielt! Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken! Bewegen Sie sich! Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte über Videotelefonie!

Laut eines aktuellen Berichts des Internationalen Roten Kreuzes müssen folgende Reaktionen während einer Pandemie als nahezu normalpsychologisch angesehen werden: Ängste, krank zu werden und zu versterben; Ängste auch vor Symptomen und Erkrankungen, die relativ einfach behandelt werden können; Angst, durch das Aufsuchen von Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge erkranken und versterben zu können; Sorgen, nicht mehr in der Lage zu sein, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, während einer Isolation nicht arbeiten zu können oder gekündigt zu werden, weil der Arbeitgeber beispielsweise Angst vor Kontamination hat; Gefühle von Hilflosigkeit und Depression infolge von Isolation; Misstrauen und Ärger gegenüber allen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden; Stigmatisierung und Angst vor Patientinnen und Patienten, Gesundheitsfachkräften und Menschen, die Erkrankte pflegen; das Ablehnen von Ansprache durch Gesundheitsfachkräfte oder Freiwillige bis hin zu verbaler oder körperlicher Bedrohung von Helferinnen und Helfern.

Insbesondere bei älteren Menschen in Seniorenunterkünften, Schwerkranken oder Palliativpatienten in Krankenhäusern kann die Isolation durch Besuchsverbote zu starken Belastungen für die Betroffenen wie die Angehörigen führen, so der Psychologe Cornel Binder-Krieglstein.

Zudem gibt es weitere Folgen der ergriffenen Maßnahmen. So gab es im Gesundheitswesen massive Verschiebungen aufgrund des Freihaltens von Krankenhauskapazitäten für Covid-19-Erkrankte, kritisiert etwa der Risikoethiker Julian Nida-Rümelin. Unbehandelte Herzinfarkte oder Schlaganfälle könnten die Todeszahlen erhöhen. Menschen würden jetzt nicht in die Kliniken gehen, weil sie Angst haben, sich anzustecken. Der Experte kritisiert –  wie etwa auch der Philosoph Richard Burger (SN, 21.4.2010) – dass bei den Todeszahlen nicht zwischen jenen, die an und jenen die mit einer Coronavirus-Infektion gestorben seien, unterschieden wird: „Eine wissenschaftliche Studie besagt, dass in Italien über 80 Prozent der Covid-19-Toten nicht an, sondern mit Covid.19 gestorben sind.

Martin Sprenger, Public-Health-Experte und ehemaliges Mitglied des Expertenbeirats im Gesundheitsministerium, formuliert es drastisch auf Addendum: „In den kommenden Monaten muss Österreich ein Risikomanagement gelingen, das den gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schaden durch die SARS-CoV-2-Pandemie, insbesondere in vulnerablen Gruppen, so gut wie möglich minimiert.“

Akzeptanz von Maßnahmen

Nicht zuletzt wird die Akzeptanz von Maßnahmen durch die Bevölkerung untersucht. War die Zustimmung in den ersten Wochen der Pandemie sehr groß, kann diese mit Fortdauer der Beschränkungen abnehmen. Die Psychoanalytikerin Eva Fronius-Breidenbach spricht von vier Phasen: der Verleugnung, die in unterschiedlichen Ländern stark ausgeprägt war (ist), folge Hilflosigkeit mit der Gefahr der Regression etwa durch das Suchen von Schuldigen oder der Entwicklung einer grandiosen Trotzhaltung; Beispiele sind uns zuhauf bekannt). Im Sich-Stellen der Angst würden in der nächsten Phase einschränkende Maßnahme sowie das Zusammenhalten hohe Zustimmung erfahren – und auch politische Führer*innen, die diese veranlassen. Nach dem Aushalten der Beschränkungen käme aber der Wunsch nach Belohnung für den Verzicht, der durchaus krisenhaft werden könne: „Wenn sich schon während oder nach der Feier zeigt, dass es Krisengewinner, Bevorzugung, Förderungsbetrug oder gar Korruption gibt, stürzt das immer labile Gemeinschaftliche ins Gegenteil ab.“ (SN, 25.4.2020).

Die Konflikte in einer Gesellschaft werden durch Krisen nur vorübergehend übertüncht; sie brechen nach deren Abflauen erneut zu Tage. Es besteht die Gefahr des Aufrichtens neuer Feindbilder, die – wie wir sehen – bis hin zu geopolitischen Spannungen führen können (Wer trägt die Schuld an der Ausbreitung des Virus?) Es besteht aber auch die Chance, aus der gemeinsamen Erfahrung der Bedrohung und des zivilgesellschaftlichen Zusammenhaltens neue Wege zu bestreiten und – sozusagen – den Rückenwind aus dem gemeinsamen Durchstehen der Krise zu nützen – etwa für die Neuausrichtung des Wirtschaftens an sozialen und ökologischen Kriterien im Sinne einer Gemeinwohlökonmie.

Resümee: Die Befunde zeigen, dass die sozialen Auswirkungen durch den Lockdown im Zuge der Pandemie durchaus dramatisch sind, auch wenn Österreich ein vergleichsweise gut ausgebildetes Sozialsystem aufweist. Am härtesten trifft die Pandemie die Länder in den ärmeren Weltregionen, die über eine geringe wirtschaftliche Potenz, niedrige bzw. fehlende Sozialleistungen – ein afrikanischer Tagelöhner kann nirgends um Kurzarbeit ansuchen – und über schlecht ausgestattete Gesundheitssysteme verfügen. Dennoch wird es wichtig sein, die durch die Pandemie geschwächte Wirtschaft auch in den reichen Staaten zu unterstützen. Wie dies ökologisch und soziale verträglich geschehen kann und welche Vorschläge es dafür gibt, ist einem weiteren Bericht vorbehalten [1].

Hier vorerst nur mal die Frage, ob der Vorschlag aus der Postwachstumsökonomie, die öffentlichen Angebote der Daseinsvorsorge auszubauen und zugleich den privaten Konsum zurückzufahren, nicht ein attraktives Modell für eine Post-Corona-Wirtschaft wäre. Exzellente Schulen und Universitäten, leistbarer Wohnraum für alle, grüne, lebenswerte Städte, Arbeitszeitmodelle, die Beruf und Privates gut vereinbaren lassen [2, 3], dafür weniger von dem, was wir ohnedies kaum verwenden oder nutzen.

Fest steht: Um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise abzufedern und die notwendigen Maßnahmen zugleich ökologisch zu gestalten, ist eine ganzheitliche Herangehensweise erforderlich. Vorschläge dazu gibt es bereits. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

[1] Vorschläge dazu u. a. bietet die Gesprächsreihe der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen „Was kommt nach der Krise?“ auf JBZ TV.

[2] Vgl. Hans Holzinger: Wachstumsgrenzen. Die (Post-)Wachstumsdebatte in der aktuellen Fachliteratur. Verfasser:Salzburg/Wien 2016. Download 

[3] Zahrndt, Angelika: Die Postwachstumsgesellschaft.

Rückmeldungen und zweckdienliche Hinweise auf Projekte und Links gerne an: hans.holzinger@jungk-bibliothek.org 

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