Leicht gekürzt erschienen in den Salzburger Nachrichten vom 9.8.2025

In den nationalen Berichten zu den Treibhausgasemissionen ist der Militärbereich aus Geheimhaltungsgründen ausgenommen. Daher sind nur Hochrechnungen von den bekannten Energieausgaben möglich. Gesprochen wird vom „Military Emissions Gap“. Das Transnational Institute legte im Oktober 2023 zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen die Studie „Climate Crossfire“ vor: „Laut dem Bericht hat allein das Militär des Nato-Verteidigungsbündnisses im Jahr 2021 fast 200 Millionen Tonnen CO2-Emissionen produziert. Bis Ende des Jahrzehnts könnten sie fast 300 Millionen Tonnen jährlich erreichen“, zitiert die Informationsstelle Militarisierung einen Spiegel online-Bericht. Die Prognose ging vom sogenannten 2 Prozent-Ziel aus, beim NATO-Gipfel 2025 wurden aber 5 Prozent des BIP für Militärausgaben beschlossen. Die Treibhausemissionen des Militärs werden als weit stärker ansteigen.

Laut der Studie „Estimating the Military’s Global Greenhouse Gas Emissions“ der Scientists for Global Responsibility verursacht das Militär – vorsichtig geschätzt – weltweit 5,5 Prozent aller CO2-Emissionen. Aktuelle Kriege und militärische Lieferketten sind da noch gar nicht eingerechnet. Darin heißt es: „If the world’s militaries were a country, this figure would mean they have the fourth largest national carbon footprint in the world – greater than that of Russia.“ Das Schweizer Portal infosperber rechnet vor: „Ein Kampfflugzeug kann je nach Modell sechs bis acht Tonnen Treibstoff laden. Verbraucht ist er innerhalb von fünf Minuten, wenn der Pilot den Nachbrenner einschaltet. Wie viel Treibstoff Militärflugzeuge genau verbrennen, ist top secret. Nur die Hersteller und diejenigen, die solche Flugzeuge fliegen, wissen darum.“ Pro Liter Treibstoff entstehen etwa 3,15 Kilo erderwärmend wirkendes CO. Dazu kommen unter anderem Stickoxide und Kondensstreifen, die ebenfalls mehrheitlich klimaerwärmend wirken. Die Website flyajetfighter.com liefert zumindest Anhaltspunkte. Für den Eurofighter, dessen Tank 6.125 Liter fasst, nennt sie einen Verbrauch von durchschnittlich 4500 Liter pro Stunde. Nach Berechnungen dem climate tech Unternehmen greenly könnte das 800 Milliarden Euro schwere EU-Paket zur Verteidigungssouveränität rund 150 Millionen Tonnen CO₂e erzeugen. Um das ins Verhältnis zu setzen: 150 Millionen Tonnen CO₂e entsprechen in etwa den gesamten jährlichen Emissionen der Niederlande und fast so viel wie den jährlichen Emissionen von Österreich, Irland und Finnland zusammen. Da nicht im Detail festgelegt ist, wofür die 800 Milliarden Euro ausgegeben werden, handelt es sich hier naturgemäß um eine Schätzung, hochgerechnet aus bekannten Emissionen bestehender Militärausgaben.

Militär verschlingt Ressourcen, die wir für die Klimawende brauchen

Martin Auer von den Scientists for Future Österreich betont, dass Militär und Rüstungsindustrie nicht nur im Krieg, sondern bereits im Frieden enorme Treibhausgasemissionen verursachen und einen wesentlichen Teil der globalen Wirtschaftsleistung verschlingen: „Das sind Emissionen, die die Menschheit ohne jeden Wohlstandsverlust einsparen könnte. Und das ist Geld, das für den Schutz des Klimas und der Biodiversität dringend benötigt würde. Das muss sich ändern, damit wir noch eine Chance haben, die planetare Krise in den Griff zu bekommen. Klimagerechtigkeit statt Rüstung, das muss unsere Parole sein.“ Eine Studie über die Klimaschäden durch das Pentagon von Neta Crawford u.a. rechnet vor: „Das US-Heer ist der größte institutionelle Einzelverbraucher fossiler Brennstoffe weltweit. Durchschnittlich werden von den Soldaten über 59 Millionen Tonnen CO₂ emittiert. Das ist so viel wie der Ausstoß von 13 Millionen Autos. Zum Vergleich: Das ist mehr als die Gesamtmenge der Fahrzeuge, die 2023 in der EU neu zugelassen wurden. Das US-Militär emittiert Schätzungen zufolge mehr CO2₂ als 148 der 195 Länder weltweit, darunter auch Portugal, Peru oder Ungarn.“ [1]

Ein Paper von Green Peace zeigt, dass die NATO auch ohne die USA über mehr und modernere Waffen verfügt als Russland. „Die Aufrüstungspläne scheinen also eher wirtschaftliche als militärische Gründe zu haben. Man erhofft sich eine Ankurbelung der Wirtschaft“, so Martin Auer von den S4F [in einem Mail an den Verfasser]. Laut Laëtitia Sédou vom European Network Against Arms Trade (ENAAT) seien mit den Aufrüstungsplänen auch Pläne für Deregulierungen von Umwelt- und Sozialstandards zugunsten der Waffenindustrie verbunden. Die Expertin hebt hervor, dass die EU-Länder zusammengenommen in den letzten 20 Jahren vier- bis sechsmal so viel für militärische Zwecke ausgegeben haben wie Russland. Es sei nicht der Mangel an Waffen, der die Verteidigungsfähigkeit einschränkt, sondern die mangelnde Interoperabilität von 27 militärischen Akteuren, teils fragmentierte, teils redundante Strukturen und mangelndes Vertrauen zwischen den EU-Staaten. Den Beitrag zum Wirtschafswachstum schätzt sie als gering ein.

Rüstungsindustrie verfolgt eigene Interessen – perverse Hoffnung auf Konjunkturmotor

Die Waffenindustrie fordere langfristige Vorausbestellungen. Laut Sédou werde das dazu führen, dass mehr produziert wird, als die NATO-Länder aufnehmen können, und daher ein Teil der Waffen für den Export produziert werden und vornehmlich an autoritäre Regime gehen wird. Der europäische Markt sei zu klein, um diese signifikanten Anstieg an militärischen Gütern aufzunehmen, auch, weil viele europäische Staaten ihre Waffen nicht in der EU kaufen, sondern teilweise aus den USA. Dieser Überschuss werde zumindest teilweise exportiert werden, sonst könne die europäische Waffenindustrie nicht überleben, so Sédou in einem Interview mit dem profil . In diesem verweist die Expertin auch auf die ökonomischen Folgen der Aufrüstung, die der nötigen Klimawende die Ressourcen entziehe: „Rüstungsfirmen werden die Ressourcen, die für Innovation im zivilen Bereich gebraucht werden, aufsaugen. Auch Fachkräfte, Ingenieure und Rohstoffe werden dann fehlen. Es gibt nicht genug für massives Aufrüsten und für eine zivile, grüne Wende, den Kampf gegen die Klimakrise. Es ist gefährlich zu sagen, dass das Militär die Priorität sein muss, es wird den Wohlstand nicht erhalten und die Klimakrise nicht bekämpfen. Sogenannte zivil-militärische Synergien, wie das Entstehen des Internets, sind überwiegend Mythen, und nicht so geradlinig auf das Militär zurückzuführen, wie oft es behauptet wird.“

Auch Militärs stufen die Klimakrise als Risiko und Bedrohung ein

Die desaströsen ökologischen Folgen der Neo-Militarisieurng sind offensichtlich. Zugleich wird die Klimakrise auch in Militärkreisen mittlerweile als Bedrohung eingestuft, wie eine „Bundeswehr“-Studie [2]  des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gemeinsam mit der Bundeswehr-Universität München zeigt: In seinem Vorwort zur Publikation nennt der Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, den Klimawandel als eine der „fünf großen externen“ Bedrohungen für Deutschland – neben einem „aggressiv-expansiven Russland“, den weltpolitischen Ambitionen Chinas, zunehmenden Cyber-Gefahren und dem internationalen Terrorismus. Die Analyse setze als gegeben voraus, dass die Häufigkeit und Intensität wetterbedingter Katastrophen bis 2040 weltweit zunehmen werden, so der Informationsdienst Umwelt und Militär. Diese Ereignisse würden Gesundheit, Infrastruktur und Wirtschaft gefährden. Zudem erhöhe der Klimawandel das Risiko von Ernteausfällen und Preisschocks und verschärfe auf diese Weise besonders in einkommensschwachen Staaten Migrationsbewegungen und Konflikte. Dazu komme, dass ein wachsender globaler Ressourcenbedarf die Umwelt bedrohe. Zugleich befürchten die Verfasser des Berichts eine „Erosion der regelbasierten internationalen Ordnung“ durch Verteilungskämpfe zwischen den Nationen. Wegen dieser „Grenzen des Wachstums“ müsse Deutschland auch „jenseits seiner Grenzen“ Vorbereitungen gegen den Klimawandel treffen.

Auch das Risikobild 2025 für Österreich enthält ein Kapitel zur Klimakrise. Darin heißt es: „Die Sicherheitsrisiken infolge des Klimawandels treten zunehmend deutlich in Erscheinung. Als Bedrohungsmultiplikator verschärft er Konflikte in fragilen Staaten und gefährdet Lieferketten sowie wirtschaftliche Sicherheit.“Und weiter: „Neben Anpassungsmaßnahmen sind umfassende Emissionsminderungen und die Dekarbonisierung des Sicherheitssektors notwendig, um langfristige Risiken zu minimieren.“ Die Verfasserin des Beitrags für den Sicherheitsbericht Kira Finke, Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, warnt: „Die indirekte und zeitversetzte Wirkung von Klimafolgen hemmt aber oft die Wahrnehmung ihrer vielschichtigen Sicherheitsrisiken. Da viele Klimafolgen stark nichtlinear verlaufen, kann dies fatale Folgen haben, falls etwa erst dann eingeschritten wird, wenn die Auswirkungen bereits nicht mehr beherrschbar sind, zunehmend viele Menschenleben fordern und hohe wirtschaftliche Schäden verursachen.“ [3]

Was ist zu tun? Klima- und Umweltbewegung muss sich Gehör verschaffen

Derzeit scheint die Erzählung, dass die Staaten der Europäischen Union massiv aufrüsten müssten, um für die eigene Sicherheit zu sorgen, öffentlich auf Zustimmung zu stoßen. Doch Bedrohungsbilder sind nicht immer realistische Einschätzungen von Bedrohungen, sondern sie werden auch gemacht [Vergleiche meinen Beitrag „Sicherheit oder Scheinsicherheit„]. Und hinter den Aufrüstungsplänen stehen auch ökonomische Sonderinteressen – zum einen der Rüstungsindustrie, zum anderen mittlerweile auch breiter Kreise in der Politik, die sich dadurch einen Konjunkturaufschwung für die schwächelnde Industrie erhoffen [siehe ORF-Beitrag]. Mittlerweile stellen zahlreiche Zuliefer-Industriebetriebe, die bisher nur zivile Güter produziert haben, ebenfalls auf Rüstungsgüter um. Das deutsche Magazin Fokus spricht es ungeschminkt aus: „Auch wenn es nicht jeder hören will: Rüstung ist ebenfalls ein Wirtschaftsfaktor, der bei uns in den vergangenen Jahrzehnten zur militärischen Abschreckung sträflich vernachlässigt wurde. Aufgrund von Nachholeffekten wird er auch in Zulieferbranchen Wachstumskräfte freisetzen.“

Diese Bilder zeigen ihre Wirkung. Umso wichtiger ist es, die Aufrüstungspläne zu hinterfragen und den blinden Fleck der Klimafolgen von Militär und Rüstung aufzuzeigen. Die öffentlichen Diskurse bestimmen wesentlich, welche Politik Mehrheiten findet. Die Klimabewegung ist daher gefordert, sich auch mit Sicherheitsfragen zu beschäftigen. „Ich habe mir vorgenommen, das letzte Viertel meines Lebens damit zu verbringen, der Friedensbewegung von der Dramatik zu erzählen, die Aufrüstung und Krieg für die Umwelt produzieren – und der Umweltbewegung klar zu machen, dass es ohne Frieden keinen Umweltschutz gibt“, so die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter, Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften, in einem Interview mit Friedrich Hinterberger, Mitglied des Club of Rome. Der CO2-Ausstoß durch das Militär sei nur eines der Probleme. Es gehe auch um den enormen Verbrauch an Rohstoffen für Rüstungsgüter, den Verlust landwirtschaftlicher Flächen durch Landminen (wie aktuell in der Ukraine) und vor allem um die völlig ungelöste Frage der Altlasten der Atomwaffenproduktion. Plutonium habe eine Halbwertszeit  von 24.000 Jahren. 20 bis 70 Tonnen wurden (je nach Quelle) bisher produziert. Das reiche für einige Tausend Atombomben. Die Umwelthistorikerin bringt die Herausforderung auf den Punkt: „Kein Frieden ohne Nachhaltigkeit. Keine Nachhaltigkeit ohne Frieden.“ [4]


[1] Crawford, Neta C. (2019): Pentagon Fuel Use, Climate Change and the Costs of War. https://watson.brown.edu/costsofwar/files/cow/imce/papers/Pentagon%20Fuel%20Use%2C%20Climate%20Change%20and%20the%20Costs%20of%20War%20Revised%20November%202019%20Crawford.pdf

[2] National Interdisciplinary Climate Risk Assessment. 2025. https://metis.unibw.de/assets/pdf/National_Interdisciplinary_Climate_Risk_Assessment.pdf.

[3] Kira Finke: Krisen in Zeiten des Klimawandels. In: Risikobild 2025. Gewählt! Demokratie und die freie Welt. Bundesministerium für Landesverteidigung. Wien 2025, Zitate S. 95f.

[4] Keine Nachhaltigkeit ohne Frieden und kein Frieden ohne Nachhaltigkeit. Ein Interview von Fritz Hinterberger mit Verena Winiwarter. https://fritz.hinterberger.com/keine-nachhaltigkeit-ohne-frieden-und-kein-frieden-ohne-nachhaltigkeit/; vgl. auch Verena Winiwarter: Gebote des Klimakrisenzeitalters nach Günther Anders. https://www.blog-der-republik.de/gebote-des-klimakrisenzeitalters-nach-guenther-anders sowie „Militärische Altlasten als Erbe der Menschheit“, Vortrag von Prof.in Verena Winiwarter beim Cluf of Vienna am 24.4.2024 [Youtube-Video]

Mag. Hans Holzinger ist Nachhaltigkeitsexperte, Mitglied von Scientists for Future und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschienen ist „Wirtschaftswende“ beim Münchner oekom-Verlag. Auf seinem Blog finden sich zahlreiche Artikel, auch zu Sicherheitsfragen und Geopolitik. www.hans-holzinger.org

Siehe zum Thema auch den Beitrag von Martin Auer von den S4F auf https://www.derstandard.at/story/3000000282169/den-klimawandel-anheizen-um-europa-zu-verteidigen