Die Weltlage ist unruhig, besser gesagt, beunruhigend. Der russische Präsident Wladimir Putin führt seit vier Jahren Krieg gegen die Ukraine. Die Hamas-Terroristen haben mit dem Massaker gegen israelische Zivilisten der israelischen Regierung den Vorwand geliefert, den Gaza auszulöschen. Der vereinbarte Frieden nach der totalen Zerstörung bleibt brüchig. In Asien dreht sich die Eskalationsspirale um den Einfluss im Pazifik und die Taiwanfrage weiter. Das Völkerrecht weicht dem Recht des Stärkeren – Trumps Überfall auf Venezuela ist nur das jüngste Beispiel. Weltweit wird militärisch aufgerüstet, als gäbe es keine anderen Probleme zu lösen. Die Erderwärmung und die Degradation der Ökosysteme schreiten weiter voran. Nur weil wir weniger darüber sprechen, sind die Gefahren nicht verschwunden. Fallen wir zurück in eine Zeit des Chaos und der kollektiven Rücksichtslosigkeit?

Trotz verstärkter Bemühungen ist ein Waffenstillstand in der Ukraine nicht in Sicht. Dass Putin der Ukraine vorwirft, den Friedensschluss zu torpedieren, ist an Zynismus kaum zu überbieten, dass US-Präsident Donald Trump dies ebenso sieht, macht es nicht einfacher. Und doch: Sollen  wir nun gerade auf Trump hoffen, dass er – wie er sich auszudrücken pflegt – einen Deal hinkriegt? Dass er erreicht, was die Regierungen Europas nicht geschafft haben, weil sie Verhandlungen mit Putin strikt ablehnten? Ich hätte mir seit langen einen 20-Punkteplan der EU gewünscht.

Die kolportierten Drohnenangriffe auf eine der Residenzen von Putin sind wahrscheinlich ein Fake. Doch klug war es nicht, als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski in seiner Weihnachtsansprache Putin den Tod gewünscht hat. Ein gefundenes Fressen für die Gegenseite. Es geht hier nicht um die wehleidigen Reaktionen im Umfeld von Putin auf den angeblichen Angriff. Wer Krieg führen lässt, muss damit rechnen, dass er umgebracht wird – vom Lager der Angegriffenen oder aus den eigenen Reihen; so wie jeder Tyrann mit Tyrannenmord zu rechnen hat, was wohl die Repression in autokratischen Regimen miterklärt. Die Drohnen-Story war eine gute Gelegenheit, Friedensverhandlungen zu torpedieren.

Frieden zu welchem Preis?

Vielleicht kommt aber doch Bewegung in die Sache. Die Ukraine steht mit dem Rücken zur Wand, die Rückendeckung der USA ist vom Tisch, der Staat nur mehr mit massiver Verschuldung aufrechtzuerhalten. Aber auch die russische Wirtschaft leidet – und damit die Zustimmung in der Bevölkerung zum Krieg. Ob ein Kompromiss mit eingefrorenen Fronten und einer demilitarisierten Wirtschaftszone möglich sein wird nach vier Jahren der Zerstörung, ist ungewiss. Ungeklärte Territorialfragen, etwa die  Aufgabe des gesamten Donbass durch die Ukraine, Sicherheitsgarantien für das überfallene Land sowie die Zusammensetzung einer allfälligen Friedenstruppe gelten weiterhin als Stolpersteine. Sollte ein Deal aber gelingen, so ist das dennoch fatal. Die russische Armee hält 20 Prozent des ukrainischen Territoriums besetzt – jede Einfrierung des Status Quo kommt einer Belohnung des Aggressors gleich. Das Tragische: die Friedensverhandlungen zwischen der russischen und der ukrainischen Seite im April 2022, also kurz nach dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine, bekannt als „Istanbuler Verhandlungen“, hätten wohl mehr für die Ukraine erreicht – ohne das Blutvergießen der letzten Jahre. Wenn die Einmischung des Westens eine damalige Vereinbarung verhindert hat, wie etwa  der Historiker und Publizist Fabian Scheidler beschreibt, dann würde das auch auf den Westen zurückfallen.[i]

Trügerische Heroenerzählung

Es ist schwer, mit einem Aggressor zu verhandeln und dieser muss auch bereit dazu sein. Doch Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung zeigen, dass jede Gelegenheit dazu genutzt werden soll. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl spricht von „Windows of Opportunity“.[ii] Wenn der ukrainische Autor und Journalist Sergey Maidukov schreibt, dass es für die Ukraine keinen Deal gebe, denn es gehe um Leben und Tod, mag das verständlich sein. Eine besetzte und unterworfene Ukraine würde von der politischen Landkarte verschwinden, so seine Aussage: „Durch Widerstand bewahrt sie sich zumindest die Chance, zu überleben. Diese Chancen mögen gering sein, doch es gibt keine Alternative.“[iii] Diese Heroenerzählung wird von den führenden Vertretern und Vertreterinnen in der EU bis hin zu den ehemals pazifistischen Grünen seit Beginn des Krieges vertreten. „In der Ukraine wird auch die Freiheit Europas vertreten“ – lautet(e) die gebetsmühlenartig wiederholte Parole europäischer Politiker und Politikerinnen. Ja, die ukrainischen Streitkräfte haben Widerstand geleistet, aber der Preis ist hoch. Hat die Heroenerzählung dazu beigetragen, dass über diplomatische Wege gar nicht mehr gesprochen wurde? Zumindest ist diese Frage offen zu stellen.

Eine Verhandlungslösung mit Putin fällt schwer, weil sie ein Nachgeben gegenüber einem Aggressor bedeutet. Doch was wäre die Alternative? Eine Ausweitung des Krieges? Die russische Armee besiegen? Ein Hineintaumeln in einen großen Krieg, wie vor dem Ersten Weltkrieg, wie der Philosoph Julian Nida- Rümelin befürchtet?[iv] Realpolitisch ist nur ein für die Ukraine sicher schmerzhafter Kompromiss möglich. Gebietsabtretungen zumindest de facto, wenn nicht de jure, scheinen unausweichlich, Reparationszahlungen durch den Aggressor unwahrscheinlich. Was der Ukraine bleiben kann, sind Wiederaufbauhilfen sowie Sicherheitsgarantien durch den Westen.

Abschied von einer regelbasierten Welt

Es war über Jahrtausende üblich, dass Herrschende Kriege führen ließen, um fremde Territorien zu erobern und die Menschen dieser zu unterjochen. Die Unterlegenen wurden verpflichtet, den Siegenden Tribut zu leisten. Krieg als Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln, wie dies der preußische General und Militärhistoriker Carl von Clausewitz im 19. Jahrhundert treffend auf den Punkt gebracht hat. Ziel seiner Ausführungen war die Einhegung des Krieges. Nach den Gräueln zweier Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert versuchte man, sich völkerrechtlich international zu verpflichten, „Krieg als Mittel der Politik“ generell zu ächten – der Völkerbund und dann die Vereinten Nationen sollten dies gewährleisten. Damit verbunden war das Prinzip der Nichteinmischung in andere Staaten. Jedes Militär sollte auf Verteidigung ausgerichtet werden.

Es wäre verkehrt, zu glauben, dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein durchgehend friedliches gewesen sei. Macht- und Geopolitik spielten immer eine Rolle – aber nach dem Trauma zweier Weltkriege besann man sich wohl auf eine regelbasierte Kooperation, sicherlich geschuldet auch dem atomaren Patt zwischen dem Westen und der Sowjetunion. Wie wir wissen, wurde dieses Prinzip der Nichteinmischung auch nach 1945 nie zur Gänze verwirklicht. Es gab direkte militärische Interventionen und noch mehr sogenannte Stellvertreterkriege. Aber das Völkerrecht hatte einige Jahrzehnte Bedeutung. Heute stehen wir vor dem Abschied von einer regelbasierten Welt und einer Erosion des Völkerrechts – die „Kriege gegen den Terror“ durch mehrere US-Präsidenten trugen dazu ebenso bei wie Putins neuer Imperialismus nach dem Motto „Make Russia great again“. Die Arroganz des Westens mag zu Putins neuem aggressivem Auftreten beigetragen haben – Stichwort NATO-Osterweiterung –, ist selbstredend aber niemals eine Legitimation für einen Krieg.

Postimperiale Weltordnung als Ziel

Das weltpolitische Klima ist rauer geworden, auch die Sprache – von Vernichten oder Ausrotten des Feindes ist wieder die Rede. Wir erleben nicht nur eine erneute gigantische militärische Aufrüstung – die Weltmilitärausgaben sind im letzten Jahr auf über zwei Billionen Dollar gestiegen, sondern auch neue Frontenbildungen. Ein Ziel von Trump könnte sein, Russland wieder von China wegzubringen, um in Asien seinen Einfluss zu wahren. Das Wettrüsten und Säbelrasseln in der Pazifikregion lässt Schlimmeres befürchten. Die Taiwan-Frage ist alles andere als geklärt – die Militärhilfe für Taiwan durch die USA gießt Öl ins Feuer in eine bereits nationalistisch aufgeheizte Stimmung.

Die Historiker Peter Heather und John Rapley fordern eine neue „postimperiale Weltordnung“. Sie warnen in ihrer Studie „Stürzende Imperien“ vor eine Konfrontation mit China  und davor, dass es dem Westen ergehen könnte wie dem untergegangenen Römischen Imperium, wenn es nicht gelinge, kooperative Strukturen aufzubauen und die steigende Überschuldung der Staatshaushalte, also das Leben auf Pump, zu überwinden.[v] Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe argumentiert ähnlich: Rivalitäten seien der Normalzustand; entscheidend sei, „wann sie gefährlich werden und das Potenzial besitzen, die Regeln der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit – letztlich zum Nachteil aller – zu zerstören“.[vi]

Deeskalation der Bedrohungsbilder

Zurück nach Europa. Ein Friedensvertrag zwischen Russland und der Ukraine wird schwierig und ist doch alternativlos, ein „Siegfrieden“ der Ukraine ausgeschlossen – dies bestätigen Militärs ebenso wie Geheimdienste. Mit Putins Russland wird ein Modus vivendi zu finden sein. Sich gegen neue Formen der Bedrohung wie Cyber- oder Drohnenkriege zu rüsten macht Sinn, die verbale Bedrohungseskalation durch so manchen Politiker jedoch nicht. Notwendig sind realistische Bedrohungsanalysen und ein nüchtern-sachlicher Blick, wie dies etwa der Russlandexperte Gerhard Mangott tut.[vii]

Das Recht des Stärkeren – so scheint es – wird vermehrt auch wieder militärisch durchgesetzt. Scheinbar legitime Gründe lassen sich  dafür immer finden – siehe Trumps „Drogenkrieg“ gegen Venezuela. Dass es dabei auch um die reichen Ölvorräte geht, auf deren Ausbeute sich US-Konzerne mit günstigen Konzessionen einer neuen, US-freundlichen Regierung in Caracas freuen, wird dabei nicht erwähnt (jenseits aller völkerrechtlichen Probleme der Militärintervention).

Militärische Sicherheitsversprechen sind trügerisch und sie heizen die Konfrontation an. Wir brauchen eine Rückkehr zur Diplomatie und zu globalen Verständigungen. Das 21. Jahrhundert wird multipolar sein müssen unter gemeinsamer Bearbeitung von Problemen. Denn es gibt Bedrohungen wie die Klimakrise, die alle betreffen, und die sich zuspitzen werden. Kooperation statt Konfrontation ist angesagt. Dies erfordert weitsichtige politische Führungen und Bevölkerungen, die diese einfordern.

Mag. Hans Holzinger ist Nachhaltigkeits- und Transformationsforscher, Publizist, Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschienen „Wirtschaftswende“.


[i] Der Historiker Fabian Scheidler über das Scheitern von Diplomatie im Krieg gegen die Ukraine. https://hans-holzinger.org/2025/10/20/der-historiker-fabian-scheidler-uber-das-scheitern-von-diplomatie-im-krieg-gegen-die-ukraine/

[ii] Friedrich Glasl: Wie kann Kriegslogik durch Friedenslogik überwunden werden? Erschienen in der Zeitschrift Familiendynamik, Klett-Kotta. Vgl. auch den Vortrag von Friedrich Glasl im Friedensbüro Salzburg zu proaktiver Neutralitätspolitik: https://www.friedensbuero.at/veranstaltungen/proaktive-neutralitaetspolitik-in-geopolitisch-unsicheren-zeiten/

[iii] „90 Prozent Frieden sind aber 100 Prozent Krieg“, Gastbeitrag in den Salzburger Nachrichten vom 30. Dezember 2025. https://www.sn.at/politik/weltpolitik/90-prozent-frieden-sind-100-prozent-krieg-trumps-fantastisches-treffen-mit-selenskyj-bleibt-eine-illusion-art-627534

[iv] Der Westen und der Krieg. https://www.freitag.de/autoren/julian-nida-ruemelin/julian-nida-ruemelin-zum-ukraine-krieg-warum-wir-einen-waffenstillstand-brauchen.

[v] Peter Heather, John Rapley: Stürzende Imperien. Rom, Amerika und die Zukunft des Westens. 2025. https://www.klett-cotta.de/produkt/stuerzende-imperien-9783608123173-t-8881 Vgl. auch Geopolitik reloaded? https://hans-holzinger.org/2025/03/19/geopolitik-reloaded-statt-neuen-konfrontationsfronten-brauchen-wir-neue-kooperationsstrukturen/

[vi] Werner Plumpe: Gefährliche Rivalitäten. Wirtschaftskriege – von den Anfängen der Globalisierung bis zu Trumps Deal-Politik. 2025. Zitat S. 9

[vii] „Die Wahrscheinlichkeit eines russischen Angriffes auf ein NATO-Land ist meines Erachtens gering.“ Interview in der ZIB 2 des ORF, 29.12.2025, Download.