Videobericht von der Veranstaltung

Der Wunsch der Veranstaltenden an mich war, in die Zukunft zu schauen und Anregungen zu geben, was wir selbst für eine friedlichere Welt sowie für demokratische Verständigung tun können. Ich gebe zu: das fällt nicht ganz leicht. Der Krieg von Putins Regime gegen die Ukraine, die erneute Eskalation der Gewalt im Nahen Osten, die bei uns kaum wahrgenommenen Kriege im sogenannten Globalen Süden, etwa aktuell im Südsudan – all das zeigt, dass wir in keiner friedlichen Welt leben!

Aber: Frieden ist nicht nur ein Wunschtraum, sondern Frieden ist auch möglich.
Die Mehrzahl der Länder und Regionen der Welt hat Frieden – die Menschen in diesen Ländern leben in Frieden, zumindest ohne Krieg. Das ist das wertvollste Gut, das wir haben. Und nach den Traumen zweier Weltkriege schien die Weltgemeinschaft gelernt zu haben – die Vereinten Nationen sind noch immer die klügste Erfindung; sowie die Europäische Integration.

Doch strukturell ist dieser Friede ambivalent: Das schwedische Friedensforschungs­institut SIPRI hat vor kurzem seinen neuen Bericht publiziert:  Knapp 2,3 Billionen Euro wurden 2023 für Militär und Rüstung ausgegeben. Das ist der stärkste Anstieg an Ausgaben seit fünfzehn Jahren. Die Großmächte USA, China und Russland liegen vor bei den Ausgaben, aber aufgerüstet wird weltweit. Schwindet das Vertrauen in Kooperation und friedliche Koexistenz? Dringend notwendig sind neue Abrüstungsabkomme, so SIPRI. Nur so könne man deeskalieren.[1]

Aufgerüstet wird auch in Asien – die Spannungen zwischen China und Nachbarstaaten nehmen zu. Weitere Konfliktherde gibt es auch in Europa . Serbiens Regierungschef schlägt immer wieder nationalistische Töne an, der Kosovo werde zurückerobert, verspricht er seinen Gefolgsleuten. Und er rüstet auf.[2]

All dies, obwohl wir als Weltgemeinschaft andere Probleme zu bewältigen haben: Die Umwelt- und Klimakrisen, den Hunger, das Auseinanderdriften von Arm und Reich. In meinem soeben erschienenen neuen Buch, dass dem Thema „Wirtschaftswende“ gewidmet ist, versuche ich, die Absurditäten unserer Welt mit einem Bild zu beschreiben:

Würde es Menschen auf einem anderen Planeten geben und diese würden uns besuchen, wären sie wohl ziemlich irritiert. Da leben die einen in Saus und Braus, prahlen mit ihren Luxus-Yachten, fliegen mit ihren Privatjets um die Welt, während andere ihr Leben in Slums fristen. Die einen finden übervolle Supermärkte und Shoppingcenter vor, während andere verhungern oder auf der Flucht in der Wüste verdursten oder im Meer ertrinken. Zu alledem bedrohen sich Gesellschaften, die nach fragwürdigen Grenzen voneinander getrennt sind und auch Mauern errichten, mit Unmengen an zerstörerischen Waffen. Und es gibt Gesellschaften, da werden Menschen hingerichtet, weil sie ihre Meinung geäußert haben, Menschen wird verwehrt, an Universitäten zu gehen, nur weil sie Frauen sind. Marsmenschen würden sich nur wundern.

Wahrscheinlich brauchen wir den Blick von außen, um zu erkennen, wie absurd all das ist. Ja, natürlich gibt es Menschen, die gegen diese Missstände auftreten. Sie werden toleriert oder auch nicht, dienen der Gewissensberuhigung der Gleichgültigen. Das ist ungerecht? Es will doch niemand bewusst, dass andere verhungern, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören, dass Menschen befohlen wird, Krieg zu führen, einander zu töten, dass die einen derart reich sind und die anderen arm bleiben. Ja, das stimmt wohl. Es fehlt an Wissen über die Zusammenhänge und an Vorstellungen, wie es anders gehen könnte. Es fehlt aber auch an Empathie und Solidarität in einer von Konsumversprechen und Entertainment übertönten Welt.[3]

Statt Erdpolitik, die Ernst Ulrich Weizsäcker schon vor Jahren eingefordert hat, ist die Geopolitik zurück – mit all ihren aggressiven Tönen.

Krieg ist die brutalste Form der Herrschaft von Menschen über Menschen. Soldaten wird befohlen, das zu tun, wofür sie in Friedenszeiten ins Gefängnis kämen: zu töten. Und sie töten, um nicht selbst getötet zu werden und weil sie verrohen. Jene, die überleben, werden von lebenslangen Traumata heimgesucht.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob man angegriffen wird oder ob man sich verteidigt. Aber: Es ist leicht, empört zu sein über den Aggressor, aber schwierig, Wege zu finden, die aus der Eskalation herausführen. Das gilt auch für den Krieg Putins gegen die Ukraine. Moralisch wie völkerrechtlich ist klar, wer der Schuldige ist und wer völkerrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden muss.

Wenn das Ziel ist, das Blutvergießen einzugrenzen und den Krieg zu stoppen, dann zählt aber vor allem, was die Chancen erhöht, das Morden zu beenden. Der ranghöchste Militär der USA General Mark Milley hat früh davor gewarnt, dass es in diesem völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg keinen militärischen Sieg geben kann und daher auf Diplomatie und Mediation zu setzen sei.[4] Bemühungen gab es immer wieder – bisher sind sie gescheitert.  

Die  Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bringt es auf den Punkt: „Die Aussichten auf ein baldiges Ende des Krieges stehen schlecht. Er wird nicht gewonnen werden, sondern wie so oft in der Weltgeschichte viel zu spät zu Ende gehen.“[5]

Ein Diktatfrieden von Putins Gnaden ist nicht hinzunehmen, ein „Sieg“-Frieden der Ukraine völlig unwahrscheinlich, ein „Erschöpfungs“-Frieden bedeutet weitere unermessliche Zerstörung. Wir brauchen daher die Suche nach einem Weiteres-Leiden-Verhindern-Frieden – das wird nicht ohne Kompromisse gehen, so schwer diese fallen. Genau dies meinte Papst Franziskus mit seinem Aufruf an die Ukraine zum Mut, „die weiße Fahne zu hissen.[6]

Selbstverteidigung ist legitim, dennoch soll darüber gesprochen werden dürfen, ob mehr Waffen für die Ukraine die Lösung sind. Und ob die militärische Aufrüstung Europas unsere Sicherheit erhöht, darf auch hinterfragt werden.

Aus Sicht der zivilen Konfliktbearbeitung darf der Anspruch auf Verhandlungen, auf Diplomatie, nie aufgegeben werden. Dies betont etwa auch der renommierte Konfliktforscher Friedrich Glasl.[7] Kompromisse werden dabei eine Rolle spielen. Vielleicht wäre es gut, einmal die in den Krieg geschickten Soldaten sowie die notleidenden Menschen auf beiden Fronten eines Krieges zu fragen, welchen Ausweg sie präfieren würden.

Es ist hier nicht die  Zeit, auf die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte aller Seiten einzugehen, auch nicht, die immer wieder aufflammende Gewalt im Nahen Osten zu erklären – ich bin hier auch kein Experte. Gerade wegen der historischen Verantwortung Deutschlands oder Österreichs muss man aber – so bin ich überzeugt – den Mut haben, auch auf die Fehler der israelischen Politik, aktuell auch des Vorgehens der israelischen Armee benennen zu dürfen – das tun auch israelische Intellektuelle, wie etwa der Historiker Fabian Scheidler zeigt.[8]

Von Christa Wolf, einer Schriftstellerin, die ich sehr schätze, stammt die wichtige Frage: „Wann beginnt der Vorkrieg?“[9] Dies bedeutet, wachsam zu sein, früh warnenden Stimmen Gehör zu geben, wenn sich Konflikte zusammenbrauen. Dazu braucht es gute Diplomatie, Friedens- und Konfliktforschung mit der entsprechenden Dotierung von Instituten, Medien, die besonnene und warnende Stimmen verbreiten, Frühwarnsysteme, wie wir sie bei Unwettern und Erdbeben kennen.

Aber nun zur Frage, was wir selbst tun können für eine friedlichere, eine bessere Welt? Da ist Bescheidenheit angesagt. Bei den aufgeworfenen großen Themen können wir als Einzelne wenig beitragen, so ehrlich und demütig müssen wir sein. Aber es zählt immer auch das, was wir in unserem Umfeld tun können. Hier ein paar Anregungen:

  • Einander zuhören, auch jenen, die ganz anders denken – offen bleiben, auch wenn es manches Mal schwer fällt.
  • Aber klar und bestimmt sein, wenn Menschen abgewertet, rassistische Vorurteile verbreitet, Hass und Zwietracht geschürt werden.
  • Achtsamkeit entwickeln für unsere Mitmenschen, für uns selbst, für alle Lebewesen, auch unsere Nutztiere, für die Natur in ihrer Schönheit und Fragilität.
  • Misstrauisch bleiben gegenüber der trügerischen Sicherheit durch noch mehr Waffen.
  • Sich für etwas Sinnvolles engagieren, sich einbringen in eine Gruppe, die sich für wünschbare Ziele einsetzt – wie die Fairtrade-Gemeinden von Oberdorf und Laufen. Das bereichert das eigene Leben und bringt uns näher.
  • Ich bin überzeugt: Wir leben ökologisch über unsere Verhältnisse, aber sozial unter unseren Möglichkeiten. In meinen Vorträgen spreche ich von vier Währungen, die das Leben braucht: Neben dem notwenigen Geld ist das Zeit – Zeit für einen selbst, für seine Nächsten, Zeit sich in die Gemeinschaft einzubringen, das führt zu den beiden weiteren Währungen: Sinn und Gemeinsinn – beides hält Gesellschaften zusammen.
  • Als Mitglied des Entwicklungspolitischen Beirats des Landes Salzburg darf ich über Projekte der Entwicklungszusammenarbeit mitentscheiden. Nein, diese Projekte überwinden die eklatanten Ungerechtigkeiten in der Welt nicht. Aber für jene Menschen, mit denen die Projekte umgesetzt werden, machen sie einen Unterschied. Das gilt auch für den Fairen Handel, dem sich die Fairtrade-Städte Laufen und Oberndorf verpflichtet fühlen.
  • Wir stehen hier an einer Brücke, die zwei Länder verbindet. Die Grenze hat aber nur mehr administrative Bedeutung – Gesetze, Abgaben, Steuern können auf der einen Seite etwas anders gestaltet sein als auf der anderen. Diese Brücke ist ein schönes Symbol für die Überwindung von Grenzen – soziale Sicherheit, Demokratie und Frieden stabilisieren die Brücke, sind ihre Pfeiler.
  • Nun geht es aber auch um die Grenzen an den Rändern der EU. Unsere Humanität entscheidet sich dort.  Open Borders für alle ist kein Zukunftsweg. Aber Europa braucht geordnete Fluchtwege für Menschen, die verfolgt werden. Das Sterben im Mittelmeer muss ein Ende haben.
  • Migration wird es immer geben. Sie ist Teil eines globalen, solidarischen Ausgleichs. Und wir werden mehr Menschen brauchen – auf unseren Baustellen, in unseren Krankenhäusern und Pflegezentren. Mehr Sachlichkeit in der Asyldebatte ist ein wesentlicher Beitrag, den wir zum Frieden leisten können.

In diesem Sinne danke ich den Initiatoren und Initiatorinnen der beiden Fairtrade-Städte für ihr Engagement sowie für diese Demonstration für Solidarität und Frieden.

Rückfragen: hansholzinger01@gmail.com sowie 0699.11370178


[1] https://www.moment.at/story/trauriger-rekord-fuer-die-welt-rasanter-anstieg-auf-die-hoechsten-militaerausgaben/

[2] https://de.euronews.com/2022/05/01/serbien-deckt-sich-mit-neuester-kriegstechnik-ein

[3] Hans Holzinger: Wirtschaftswende. Transformationsansätze und neue ökonomische Konzepte im Vergleich. oekom, 2024.

[4] Tagesspiegel 17.11.22, https://www.tagesspiegel.de/politik/milleys-unbequeme-wahrheit-der-oberste-us-militar-glaubt-nicht-an-einen-schnellen-sieg-der-ukraine–und-lost-arger-aus-8887591.html

[5] https://www.furche.at/politik-international/wenn-es-wirklich-um-den-sieg-geht-muesste-der-westen-in-den-krieg-eintreten-13265884

[6] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2024-03/appell-frieden-krieg-papst-franziskus-ukraine-gebet.html

[7] Friedrich Glasl: Friedenslogik kann Kriegslogik überwinden. In: Psychologie in Österreich. September 2023.

[8] https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/deutsche-israel-politik-die-falschen-lehren-aus-der-vergangenheit-li.2206324; https://scheerpost.com/2024/04/19/gaza-and-germanys-path-to-authoritarianism/

[9] https://www.kkminden.de/wann-beginnt-der-vorkrieg/