Die GIESSEREI, das Haus der Nachhaltigkeit, in Ried im Innkreis ist ein besonderes Juwel. Menschen haben sich zusammengetan, um ein Haus zu schaffen, in dem ein Bio-Cafe-Restaurant, nachhaltige Produkte, ähnlich gestrickte Handelsunternehmen, Co-Working-Spaces sowie Veranstaltungen und Seminare Platz finden. Entstanden aus dem Verein TRAFOS – die Abkürzung steht für „Transparent, Regional, Authentisch, Fair, Oekologisch, Solidarisch“ – wurde 2021 mit einer eigenen Genossenschaft der Betrieb des Hauses sichergestellt. Verein und Genossenschaft zählen an die 250 Mitglieder, 50 bis 60 davon sind ehrenamtlich in einer der verschiedenen Arbeitsgruppen engagiert. Den attraktiven Veranstaltungsraum kann man inklusive einem Bio-Catering für Workshops und Seminare mieten.

Am 13. September 2024 hatte ich die Freude, in der GIESSEREI auf Einladung von Max Gramberger von der Genossenschaft mein neues Buch „Wirtschaftswende“ vorzustellen. In einem Workshop bereits am Nachmittag mit 15 Teilnehmenden des Projektes Nachhaltigkeitslabor ging es um „Neue Bilder von Wohlstand“ auf der Basis meines Buchs „Von nichts zu viel – für alle genug“. Gemeinsam dachten wir nach über einen „Charme des Genug“, wie dieser an Attraktivität gewinnen könnte und was dem in unserer Konsum- und Wachstumsgesellschaft entgegensteht.

Charme des Genug in der Konsum- und Wachstumsgesellschaft

Hier zunächst ein paar Gedanken aus meiner Einführung ins Thema. Suffizienz, also das Auskommen mit dem Ausreichenden, hat eine lange Tradition. Bereits Aristoteles sprach von Mäßigung. Der kanadische Philosoph Henry David Thoreau meinte Ende des 19. Jahrhunderts: „Reich ist der Mensch in Proportion zu den Dingen, die sein zu lassen er sich leisten kann.“ Mahatma Ghandi sah dies ebenso: „Reich wird man erst durch die Dinge, die man nicht begehrt.“ Der Ökonom und Suffizienztheoretiker Niko Paech formuliert es in seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ etwas moderner: „Reich ist nicht, wer möglichst viel hat, sondern möglichst wenig braucht.“ Das klingt alles etwas nach Verzicht, doch wer die Erfahrung der Einfachheit bzw. der Entrümpelung gemacht hat, wird es anders sehen.

Für viele attraktiver erscheinen andere Zugangsweisen, etwa der Ansatz der Co-Benefits.  Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hildago setzte die massive Reduktion des Autoverkehrs in der französischen Metropole mit Gesundheitsargumenten, also einer besseren Luft, durch, nicht (nur) mit der Klimakrise. Hinweise auf die eigene Gesundheit können in vielen Bereichen einem nachhaltigen Lebensstil nachhelfen: Die Zunahme von Hitzetagen aufgrund der Klimaerwärmung gefährdet insbesondere vulnerable Menschen, die Zahl der Hitzetoten steigt. Zu viel Fleisch ist laut Ernährungswissenschaften ungesund, zu wenig Bewegung ebenso. Wenn man Alltagswege mit dem Rad oder Zu Fuß zurücklegen kann, erhöht das die Gesundheit. Stichwort „Fitnesscenter Arbeitsweg“.

Die Zufriedenheitsforschung zeigt, dass materieller Wohlstand bis zu einer gewissen Einkommensschwelle die Zufriedenheit steigert, aber mit abnehmenden Grenznutzen. Noch mehr materielle Güter machen nicht mehr zufriedener, wie ein Beitrag in Spektrum der Wissenschaft zeigt. Der Ökonom Mathias Binswanger benennt in „Die Tretmühlen des Glücks“ Wohlstandsfallen, etwa die Anspruchsfalle oder die Vergleichsfalle. Viviane Dittmar, Gründerin der Change Stiftung, hebt in ihrem Buch „Echter Wohlstand“ die Bedeutung des Schönen hervor – wirtliche Städte, ein schöner Umgang miteinander, die Möglichkeit zu Naturerfahrung. Zudem plädiert sie für Beziehungen statt Statusdenken. Auch die Resilienzforschung zeigt, dass soziale Kontakte, eine Arbeit, die weder über- noch unterfordert, sowie ehrenamtliches Engagement die eigene Krisenfestigkeit erhöhen.

Vom Wohlstand zum Wohlbefinden

Wohlstand bedeutet laut Duden das Maß an Wohlhabenheit, die jemandem wirtschaftliche Sicherheit gibt bzw. einen hohen Lebensstandard“, Wohlbefinden hingegen wird mit „gutes körperliches, seelisches Befinden“ angegeben. Die Wellbeing Economy, der sich Neuseeland, Island und Schottland angeschlossen haben, berücksichtigt in diesem Sinne neben dem Bruttoinlandsprodukt weitere Faktoren in der Politikplanung: bürgerschaftliches Engagement, gute Regierungsführung, Achtung auf Umwelt, Gesundheit, leistbarem Wohnen, ausgeglichene Verteilung von Einkommen, Wissen und Fähigkeiten, Sicherheit, soziale Verbindungen, subjektives Wohlbefinden und eine befriedigende Zeitnutzung. Zukünftiges Wohlergehen wird mit natürlichem, menschlichem, sozialem, finanziellem und physischem Kapital gemessen.

Der World Happiness Report, der jährlich im Auftrag der Vereinten Nationen erstellt wird, basiert auf den Kriterien soziale Kontakte, Vertrauen in sich selbst, Vertrauen untereinander und in den Staat, wirtschaftliche Sicherheit, lokale Verortung, Fehlen von Korruption sowie positives Demokratiebild. Gemessen werden unterschiedliche Parameter, darunter die subjektive Bewertung der Lebenszufriedenheit, das Vorhandensein sozialer Unterstützungssysteme, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf oder die Lebenserwartung. Im Ranking sind regelmäßig die skandinavischen Länder vorne. 2023 lag Finnland an erster Stelle, gefolgt von Dänemark, Island und Schweden. Österreich lag an 14. Stelle, Deutschland an 24. Stelle. Im Bruttonationalglück in Bhutan werden regelmäßig die persönliche Zufriedenheit, die subjektive und objektive Gesundheit, die persönliche und familiäre Bildung, der Lebensstandard sowie die Qualität der Regierungsführung erhoben. 

Daneben gibt es zahlreiche Beschreibungen von einem guten Leben. Die Philosophin Martha Nussbaum spricht von Grundfähigkeiten: sich guter Gesundheit erfreuen, sich angemessen ernähren, eine angemessene Unterkunft haben, Möglichkeiten zu sexueller Befriedigung haben; sich von einem Ort zu einem anderen bewegen können, unnötigen Schmerz vermeiden und friedvolle Erlebnisse haben (Gerechtigkeit oder Das Gute Leben, 1998 S. 200-203). Die Wirtschaftspublizistin Katharina Mau nennt folgende Dinge für ein gutes Leben: „Freund*innen haben, Beziehungen, die Geborgenheit geben, nicht einsam sein, das nötige Wissen und die Informationen haben, um wichtige Entscheidungen zu treffen, Raum zum Spielen und Feiern haben und Zeit, um sich zu erholen.“ (Das Ende der Erschöpfung, 2023 , S. 50)

Was gehört zu einem guten Leben und was steht diesem entgegen?

In den Gruppenarbeiten des Workshops kamen wir auf Ergebnisse, die in dieselbe Richtung weisen. Auf die Frage, was ein gutes Leben ausmacht, wurden an vorderster Stelle Gesundheit und soziale Sicherheit genannt, gefolgt von Aspekten wie gute Beziehungen, Gemeinschaft, Familie und Freunde, Menschen mit denen man sich positiv verbunden erlebt, wohltuende Kommunikation, Liebe, Anerkennung, Gesehen werden und Verbundenheit. Aber auch Dinge wie Selbstverwirklichung, regelmäßige Reflexion, Entfaltungskraft, Bildungsmöglichkeit, Selbstliebe, sinnvolle Arbeit, sinnstiftende Arbeit, „seine Ziele erreichen können“ sowie „zufrieden sein mit dem was man hat“ und „in einer intakten Natur leben“ wurden genannt.

Auf die Frage, was wir politisch für ein gutes Leben brauchen, kamen häufig Aspekte wie eine funktionierende Demokratie, mehr Ausgleich zwischen Arm und Reich, Umsetzung der Menschenrechte, Bildungsmöglichkeiten für alle, das Wiederfinden eines Bezugs zur Natur, echte Friedensbemühungen,
Wertschätzung aller Menschen in ihren Bedürfnissen. Auch brauche es mutige Ideen und Menschen mit Rückgrat, Weitblick und Rücksichtnahme.

Was macht es schwierig, den Charme des Genug anderen zu vermitteln?

Statusdenken, gesellschaftlicher Druck, die Wahrnehmung von Konsumrücknahme als Verzicht, der Fluch des Sich-Vergleichens oder der Mangel an Wissen – soweit einige in den Gesprächen genannte Dinge, die es schwer machen können, einen geügsameren Lebenstil als attraktiv zu vermitteln. Zudem gäbe es Konsumfallen: Unzufriedenheit, gefühlte Ohnmacht und fehlende Selbstwirksamkeit würden mit Konsum kompensiert. Viele glauben, dass man sich Glück kaufen könne, was jedoch nicht möglich sei. Ein anderes Argument: Nachhaltiges Verhalten bedeutet mehr Aufwand, man muss raus aus der Komfortzone, Gewohntes aufgeben, was manches mal schwer falle. Aber auch zu niedrige Preise, etwa im Textilbereich, sowie die auf uns einprasselnde Werbung wurden betont. Man dürfe sich jedoch auch über Dinge freuen, die man sich kauft. Zudem gäbe es Menschen, die zu wenig Einkommen haben. Angesprochen wurde ebenfalls das Problem, das sich bei Kindergeschenkanlässen ergeben kann, da hier ein sensibler und guter Weg gefunden werden müsse.

Von Güterwohlstand neu, Zeitwohlstand, Beziehungswohlstand und mehr

Im zweiten Teil des Workshops widmeten wir uns den in meinem Buch „Von nichts zu viel – für alle genug“ skizzierten Dimensionen von Wohlstand, die über den Besitz von Gütern hinausweisen. Ein nachhaltiger Güterwohlstand bedeutet, sich mit jenen Dingen zu umgeben, die man sinnvoll verwenden kann, die man lange nützt, mit denen man sich sozusagen anfreundet. Hilfreich sind dabei einige „R“-Regeln: Rethink – brauche ch das wirklich? Refuse – Muss ich alles selbst besitzen oder können wir Dinge auch teilen? Reduce – Welchen Nutzen muß das Produkt erfüllen? Reicht z. B. auch ein kleineres Auto? Reuse – Lässt sich etwas am Second Hand-Markt erstehen, etwa ein gebrauchter PC? Repair – Lässt sich das Pordukt reparieren? Schließlich und erst als letzter Schritt: Recycle – Wie können die Wertstoffe eines nicht mehr funktionstüchtigen Geräts sinnvoll wieder verwendet werden? Als in der Region bereits bestehende Initiativen wurden ein Repaircafé sowie ein Second-Hand-Laden genannt, angeregt wurde der Aufbau eine Gruppe mittels der App „Frag nebenan“, über die gegenseitige Nachbarschaftshilfe ermöglicht wird.

Mit Ernährungswohlstand werden Lebensmittel hoher Qualität für alle bezeichnet, die einem selbst und der Umwelt gut tun. Als Ideen für die Förderung von Ernährungswohlstand wurden mehr Ernährungswissen, Kochen lernen/können, die Vernetzung mit Gleichgesinnten, sowie die Kostenwahrheit bei Lebensmitteln genannt. Zu zucker- und salzhaltige Lebensmitteln sollten verteuert werden, ebenso exotische Produkte. Es gab Einigkeit darüber, dass auch in Zukunft die Mehrheit der Menschen sich über Supermärkte versorgen werden, aber neue Initiativen das Ernährungsbewusstsein beleben. So gibt es in der Region einen Produktekatalog für regionale ProduzentInnen sowie eine FoodCoop. Angeregt wurden Projekte des Lebensmittel-Teilens bzw. Verschenkens von Überschüssen sowie Ansätze von Solidarischer Landwirtschaft.

Zeitwohlstand bedeutet genügend Zeit zu haben für alle Dinge, die einem wichtig sind. Dazu gehören eine gute Verbindung von Erwerbsarbeit mit Sorgetätigkeiten sowie Zeit für sich selbst. Als Dinge, wie man seinen eigenen Zeitwohlstand verbessern kann, wurden genannt: Prioritäten setzen, keinen Perfektionismus anstreben nach dem Prinzip „Nicht perfekt, sondern gut genug“, Nein-Sagen können/lernen, bewusst Pausen setzen, bewusst aufhören, wenn es nicht mehr passt, reflektieren, was wesentlich ist. Berichtet wurde von Betrieben, die flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, angeregt wurde die Umsetzung von Zeittauschsystemen.

Das führt zum Tätigkeitswohlstand. Dieser umfasst eine als sinnvoll erfahrene Erwerbsarbeit ebenso wie die Wertschätzung von Eigen-, Sorge und Hausarbeit und die Möglichkeit zu ehrenamtlichem Engagement. Von der Gruppe genannt wurden: soziale Kontakte am Arbeitsplatz, abwechselnde Tätigkeiten, genügend Zeit um alles gewissenhaft erledigen zu können, Sinn in der Tätigkeit finden, Wertschätzung erhalten, Balance zwischen Arbeit und Erholung sicherstellen. Angeregt wurden Sammeltaxis für Betriebe mit vielen Mitarbeiter/innen sowie Betriebskindergärten in großen Betrieben.

Beziehungswohlstand umfasst gelingende Beziehungen im privaten Bereich ebenso wie im Bereich der Arbeitswelt und des ehrenamtlichen Engagements. Genannt wurden ein respektvoller Umgang, Offenheit, Ehrlichkeit, Toleranz, Empathie, bewusste Zeitfenster für Gespräche sowie die Praxis gegenseitiger Einladungen. Vereine und Glaubensgemeinschaften wurden als Beziehungsförderer genannt, die Förderung von Integration über die Vereine, das Anbieten von Gesprächsrunden sowie die Erstellung einer Liste mit Ehrenamtstätigkeiten als Zukunftsideen.

Ortswohlstand misst sich an der Qualität des Wohnens, der Nachbarschaft sowie der öffentlichen Räume. Eine funktionierende Nahversorgung zählt ebenso dazu wie der Zugang zu Natur und zu Räumen, in denen man sich wohlfühlen kann. Im Workshop angeregt wurden Orte für die Jugend ohne Konsumzwang, sowie leistbare Angebote für sportliche Betätigung.

Bleiben die zwei letzten Wohlstandsdimensionen. Mit Wissenswohlstand lässt sich der Zugang zu jenen Informationen beschreiben, die wir für die eigene persönliche und berufliche Entfaltung sowie das Sich-Einbringen als bewusste BürgerInnen brauchen. Attraktive Fortbildungsangebote vor Ort gehören ebenso dazu wie qualitätsvolle Medien – auf persönlicher Ebene auch ein guter Umgang mit der Informations- und Entertainmentflut, die auf uns einprasselt. Als Kriterien wurden genannt: ein durchlässiges, offenes und leistbares Bildungssystem mit vielen Möglichkeiten zur Fortbildung, freie Medien und freier Zugang zu Information und Wissen, Existenzsicherung als Voraussetzung für Wissenswohlstand, Förderung von kritischem Denken, Förderung der Freude am Lernen, eine freie und finanziell abgesicherte Wissenschaft. Als Idee für die Zukunft wurden Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit über gelungene Projekte in der Region eingebracht.

Das führt zum Demokratiewohlstand. Dieser umfasst das Vertrauen in die und die Zufriedenheit mit der Politik ebenso wie die Möglichkeit, sich selbst einbringen zu können. Als Kriterien wurden genannt: Bildung, Meinungsfreiheit, politisches Engagement, niveauvolle Kommunikation, Toleranz, Wertschätzung gegenüber Politiker/innen, seriöse Berichterstattung. Und Zukunftsideen gab es auch, etwa die Durchführung von Bürgerräten zu bestimmten Themen, mehr Transparenz in der Lokalpolitik sowie die Umsetzung eines „Schülerparlaments“.

Der Workshop war Teil eines öffentlich geförderten „Nachhaltigkeits-Labos“ der GIESSEREI, in dem sich Bürger und Bürgerinnen aus der Region in fünf Nachmittagen über Nachhaltigkeitsthemen austauschen. Wer seinen Wohlstand nach den acht Wohlstandsdimensionen einschätzen möchte, kann dies online in einem von mir erstellten Wohlstandsbarometer tun – selbstverständlich anonymisiert. Auf meiner Homerpage findet ihr zudem weitere Materialien zur Einübung von Nachhaltigkeit.

Fotos: Max Gramberger, GIESSEREI