Die Militarisierung greift schnell um sich. Kriege werden wieder als wahrscheinlich angesehen, der Wehrwille müsse wieder gestärkt werden. Militärstrategen entwerfen Kriegspläne – in Manövern werden diese durchgespielt. Politiker:innen und Militärexperten warnen vor neuen Bedrohungen , Medien geben diese unkommentiert weiter. Offiziere werben wieder in Schulen für den Wehrdienst – der Begriff Kriegsdienst wird tunlichst vermieden. Sind wir wirklich bedroht oder liegt die Gefahr nicht in der neuen Kriegshysterie?
Die Münchner Sicherheitskonferenz habe eines deutlich gemacht: die Spitzen der EU scheinen beseelt vom Gedanken, dass Putin ganz Europa vernichten möchte, so Marcus Klöckner in einem kritischen Kommentar.[1] Die Rede sei nur mehr von Aufrüstung, Wehrhaftigkeit und Kriegsbereitschaft. „Die Verteidigungsausgaben in Europa“, so wird EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zitiert, „lagen 2025 um fast 80 Prozent über dem Wert vor dem Krieg in der Ukraine“. Und: Die EU mobilisiere „800 Milliarden Euro“. „Wir gehen sogar davon aus, dass die Verteidigungsinvestitionen in Europa bis 2028 die von den USA im letzten Jahr getätigten Investitionen übertreffen werden.“ Die Kommissionspräsidentin weiter: „Und das ist erst der Anfang.“ Eine „neue Sicherheitsstrategie“ sei notwendig, die „Handel, Finanzen, Normen, Daten, kritische Infrastrukturen, Technologieplattformen, Informationen“ umfassen soll. Es gehe um eine „neue Doktrin“, die sicherstellen müsste, dass Europa jederzeit sein „Territorium, seine Wirtschaft, seine Demokratie und seine Lebensweise“ verteidigen könne.
Marcus Klöckner warnt in seinem Kommentar zur Rede der EU-Kommissionspräsidentin: „In einer Mischung aus maßloser Selbstüberschätzung, Boshaftigkeit und politischem Wahnsinn versteigt sich die EU in eine Konfrontation, die nicht nur ihren eigenen Untergang besiegelt, sondern sehr viel Leid über die Völker Europas bringen wird.“ Er zitiert nochmals von der Leyen, die ihre Rede mit den Worten beschlossen hat, dass „viel auf dem Spiel für Europa“ stehe. Der Kommentator dazu: „Es geht hier nicht um ein ‚Spiel‘ – es geht um eine Politik, die am langen Ende auf einen großen Krieg mit Russland zusteuert.“[2]
Wie realistisch sind die neuen Bedrohungsszenarien?
Wem ist nun zu vertrauen – den Warnenden vor einem Krieg Putins gegen Europa oder jenen, die davor warnen, dass wir gerade in diesen Krieg taumeln könnten, wenn wir die Kriegstrommel rühren und massiv aufrüsten?
Militärexperten sind wieder en vogue und gerne gesehene Gäste in Talkshows. Einer davon ist Gustav Gressel, Hauptlehroffizier und Forscher an der Landesverteidigungsakademie des Bundesheeres in Wien. In einem Medienbericht wird er „als einer der profiliertesten Kenner der russischen Militärstrategie“ angekündigt. In der Einleitung zum Bericht heißt es: „Militärexperte Gustav Gressel warnt vor einem russischen Angriff auf die Nato. Europa sei völlig unvorbereitet. Deutschland würde zum Kriegsschauplatz. Seine düstere Prognose: Putin wird zuschlagen, wenn Europa sich nicht beeilt.“[3]
Ein österreichisches Boulevard-Magazin zitiert einen deutschen Generalleutnant. In der Schlagzeile heißt es: „General warnt: Putin könnte NATO ‚bereits morgen‘ angreifen.“ Die deutsche Bundeswehr halte einen begrenzten Angriff Russlands auf die NATO bereits jetzt für möglich. „Man muss betrachten, was hat Russland aktuell und was kann es damit tun“, wird Generalleutnant Alexander Sollfrank, Chef des operativen Führungskommandos der Bundeswehr, zitiert. Weiter heißt es im Bericht: „Der General begründet seine Einschätzung mit der Stärke der russischen Streitkräfte. Die Luftstreitkräfte seien trotz Verlusten im Großen und Ganzen intakt. Die Landstreitkräfte verzeichneten zwar Verluste, doch sei die Zahl der Kampfpanzer so stark, dass ein begrenzter Angriff bereits jetzt denkbar sei. Zudem wolle Russland seine Truppenstärke auf 1,5 Millionen Soldaten aufstocken.“[4]
Militärs übernehmen erneut den Sicherheitsdiskurs
Ein Zeitungsbericht informiert über den Besuch eines Informationsoffiziers des Österreichischen Bundessheeres in einer Wiener Schule.[5] 89 Kriege gebe es derzeit in 31 Staaten der Welt, wird der Offizier zitiert: „Gut, dass wir uns heute damit beschäftigen. Geht mit offenen Augen durch die Welt.“ Groß seien hybride Bedrohungen, die strategische Tiefe habe sich verändert, denn die ukrainische Stadt Lwiw sei von Wien weniger weit entfernt als Bregenz. Der Offizier erklärt die geplanten Aufrüstungsschritte sowie den Aufbauplan für die Vergrößerung des stehenden Heeres. „Aktuell passt das gesamte Bundesheer ins Praterstadion“, wird der Oberst zitiert: „Aber wir wollen von derzeit 55.000 auf 75.000 Mann aufwachsen. Da benötigen wir dann die Allianz-Arena in München.“ Dazu blendet er eine Folie mit beiden Stadien ein, ergänzt um den Text „Nationalteam Österreichisches Bundesheer – Mission Vorwärts – Einsatzbereit für Österreich!“ Krieg wird verglichen mit Fußball – die aktuelle Euphorie über das österreichische Fußballnationalteam soll helfen, dem Bundesheer neuen Zulauf zu geben.
Hier ein weiteres Beispiel, wie martialisch der Wehrwille wieder propagiert wird. Generalleutnant Christian Freuding bei seiner Berufung zum Kommandeur über die deutsche Bundeswehr: „Soldatinnen und Soldaten, zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Heeres! Der Generalinspekteur der Bundeswehr hat mir heute das Kommando über das Deutsche Heer übertragen. Ich trete in diese Verantwortung mit großem Respekt und Demut vor der Aufgabe und zugleich im festen Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit, die Professionalität und die Leidenschaft unserer Soldatinnen und Soldaten im Heer.“[6] Mit Leidenschaft kämpfen, fordert der neue Heereschef.
Im Bericht der Deutschen Bundeswehr zur Bestellung des neuen Kommandeurs heißt es: „Der neue Inspekteur freut sich auf seine Aufgabe. In seinem ersten Tagesbefehl betonte er, dass es darum gehe, mit der aktiven Truppe und der Reserve einen raschen Aufwuchs zu schaffen – für ein Heer, in dem Innovation Führungsaufgabe auf allen Ebenen ist und neue Technologien kontinuierlich integriert, Taktik und Verfahren ständig getestet und weiterentwickelt werden und dass ‚dabei auch Risiken in Kauf nimmt, Misserfolge erträgt und trotzdem weiter stets den Fortschritt sucht‘.“[7] Verteidigungskrieg als High-Tech-Unterfangen.
„Bereit zum Kampf“ – neue Kriegshysterie als Problemverschärfer?
In einer Medienschlagzeile zum neuen Kommandeur wird verkündet: „Er will das Deutsche Heer ‚bereit zum Kampf‘ machen.“ Im Beitrag heißt es: Generalleutnant Christian Freuding stimme die Bundeswehr in seinem Tagesbefehl vom 1. Oktober 2025, dem Tag seiner Ernennung, in teils drastischen Worten auf einen möglichen militärischen Konflikt ein: „Unsere Ambition für das Morgen muss einhergehen mit dem Willen, den Kampf heute aufzunehmen und zu gewinnen.“ Er wolle für ein Heer arbeiten, so Freuding, das „bereit zum Kampf“ sei, das sich durchsetze. Und schnell einsatzbereit müsse es sein, denn „der Feind wartet nicht“. „Kameradschaft“, „militärische Exzellenz“, der „Wille zum Kampf“ und auch zum Sieg – es sei ein drastischer Weckruf des ranghöchsten Soldaten des Heeres und, angesichts der wachsenden russischen Bedrohung in Europa, wohl auch ein angemessener, schließt der Beitrag.[8]
Verteidigungsminister Pistorius selbst hat früh vor einem russischen Angriff auf NATO-Territorium gewarnt. 2028 seien die russischen Streitkräfte für einen Angriff bereit, berief er sich dabei auf Geheimdienstinformationen. Doch diese beteuerten, dass eine derartige Prognose unseriös sei und distanzierten sich. Der Verteidigungsminister und inzwischen mehrere Bundeswehrvertreter beziehen sich auf einem Joint Threat Assessment der NATO, einer gemeinsamen Bedrohungsanalyse, die 2023 von einer Arbeitsgruppe innerhalb des Verteidigungsbündnisses erarbeitet worden war. Fragen dabei waren: Wie viele Waffen und Munition produzieren die russischen Fabriken tatsächlich? Wie viel Altmaterial befinden sich noch in den Depots? Wie wirken sich die Sanktionen auf die Kriegswirtschaft aus? Wie hoch sind die Verluste in der Ukraine, und wie läuft die Rekrutierung von neuen Soldaten?
Das Fazit: Russland sei wohl in den kommenden Jahren nicht nur in der Lage, die personellen und materiellen Verluste in der Ukraine auszugleichen, sondern sogar aufzurüsten. Große Mengen an Munition, aber auch an Raketen, würden zudem in Lagern landen und gar nicht erst an die Front gebracht. Moskau gelinge dies vor allem auch durch Unterstützung durch China, Iran und Nordkorea. Die Deutsche Tagesschau, die darüber berichtet, gibt aber auch zu bedenken: „Bei den Nachrichtendiensten ist man von der Prognose eines möglichen Angriffs Russlands auf NATO-Gebiet, wie sie mittlerweile in der Öffentlichkeit ist, nicht gerade begeistert. Zum einen, weil es heißt, konkrete Prognosen, insbesondere mit Verweis auf Jahreszahlen, seien in solchen Zusammenhängen grundsätzlich kaum seriös zu treffen. Es gebe zu viele Variablen und Dynamiken, beispielsweise den Verlauf des Krieges gegen die Ukraine oder die Haltung der Trump-Regierung zur NATO.“[9]
Großmanöver auf beiden Seiten als Eskalationsschritt?
Estland drohe mit Gegenschlägen tief ins Landesinnere, sollte Russland die baltischen Staaten angreifen, heißt es in einem Bericht des deutschen Nachrichtenmagazin „Fokus“. In einem Interview mit dem britischen „Telegraph“ habe Außenminister Margus Tsahkna deutlich gemacht, dass im Falle eines russischen Angriffs nicht nur Verteidigung, sondern auch ein massiver Gegenangriff auf russischem Boden zu erwarten wäre.[10]
Russlands Führung schürt selbst die Eskalationsdynamik, wie etwa ein Großmanöver im September 2025 in Belarus, zeigte. In den baltischen Staaten geht die Angst um, dass sie die nächsten Opfer nach der Ukraine sein könnten. Doch nötig sind differenzierte Bedrohungseinschätzungen. „Steht Europa tatsächlich der ‚letzte Sommer im Frieden‘ bevor, wie der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel unlängst warnte? Ist Sapad 2025 nur das Vorspiel zu einem neuen Krieg – einem Angriff auf Nato-Gebiet, etwa im Baltikum? Oder ist die Angst vor Russland maßlos übertrieben?“ wird in einem Beitrag von „Der Standard“ gefragt. Zu Wort kommen darin Stimmen mit unterschiedlicher Einschätzung der Bedrohungslage.
„Die Russen trainieren natürlich das, was sie danach vorhaben“, wird auch hier einleitend Gustav Gressel, Militäranalyst an der Landesverteidigungsakademie in Wien, zitiert. Der deutsche Militäranalyst Carlo Masala warnend im Bericht davo, die Gefahr auf die leichte Schulter zu nehmen: „Wenn der Ukrainekrieg vorbei ist, könnte Russland innerhalb von sechs Monaten eine kleine Aktion durchführen. Etwa die Eroberung einer baltischen Grenzregion. Und es würde zwei weitere Jahre dauern, bis sie für einen großen konventionellen Konflikt bereit sind.“ Der dänische Geheimdienst gehe davon aus, dass Russland innerhalb der nächsten fünf Jahre einen Großangriff auf Europa wagen könnte, sollte es die Nato als verwundbar betrachten. Ein Waffenstillstand in der Ukraine könnte dieses Szenario sogar noch beschleunigen.
Der Analyst John Lough vom Londoner Thinktank Chatham House hält diese Warnungen im selben Artikel für zu alarmistisch: „Die Russen gehen davon aus, dass die US-Streitkräfte Europa allmählich verlassen. Deshalb dürfte Sapad vor allem der Einschüchterung dienen.“ Zu einem Angriff auf breiter Front fehle der russischen Armee derzeit die Manövrierfähigkeit: „Schließlich hat sie in der Ukraine bis heute nicht den großen Durchbruch geschafft.“ Doch auch dieser Beitrag räumt den warnenden Stimmen den größeren Raum ein. Die russische Armee sei nun kampferprobt und anders als die Soldaten der NATO-Länder auf Krieg gepolt, heißt es.[11]
Neue Kriegstauglichkeit als selbsterfüllende Prophezeiung?
Die Warnungen werden mit dem Ziel begründet, dass wir gerüstet sein sollen für den Ernstfall. Doch kann mit dem Kriegsalarmisums auch Öl ins Feuer einer ohnedies bereits aufgeheizten Stimmung gegossen werden – im schlimmsten Fall könnte es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung kommen. Verbale Abrüstung und das Öffnen von Gesprächskanälen wären wohl höchst an der Zeit. Es ist nicht leicht, mit einem Aggressor zur reden. Doch die Kunst der Diplomatie besteht genau darin.
Der Friedensforscher Werner Wintersteiner bringt es auf den Punkt: „ In der sogenannten ‚Zeitenwende‘ dominiert immer stärker eine Kriegslogik, der zufolge massiv aufgerüstet wird. Aber diese Aufrüstung darf nicht hinterfragt werden. In den Debatten wird ‚Kriegstauglichkeit‘ zur Normalität und der Diskurs um Friedensbemühungen zum Tabu.“[12] Wir bräuchten daher eine Diskursumkehr: „ Es geht nicht länger an, dass Aufrüstung als Normalfall gilt und Abrüstung sich legitimieren muss. Es sollte vielmehr umgekehrt sein.“[13]
Kriegsursachenforschung ist ein komplexes Feld. Die Frage, wann und warum es zu Kriegen kommt, kann nie eindimensional beantwortet werden. Nur weil eine Armee über mehr Soldaten oder mehr bzw. bessere Waffen verfügt, greift es ein Nachbarland nicht an. In der Regel gehen dem Konflikte über unklare Grenzen voraus, die Rolle von Minderheiten im Nachbarland können auch eine Rolle spielen, ebenso werden historische Bezüge bemüht. Und natürlich geht es um ökonomische Interessen – etwa im Ringen um Bodenschätze. Von großer Bedeutung ist eine gefühlte Bedrohung, die durch gegenseitiges Hochrüsten entstehen kann, aber auch durch Kriegshysterie. Viele dieser Aspekte spielten und spielen im Krieg gegen die Ukraine eine Rolle.
Putin hätte den Krieg gegen die Ukraine nie befehlen dürfen und es läge an ihm, diesen umgehend zu stoppen. Doch die Analogie, dass er nun auch andere Länder Europas oder – wie die zitierten Militärs warnen -, auch Deutschland oder Österreich bedrohe, ist mehr als fragwürdig. Jeder Konflikt hat eine Vorgeschichte. Unsere Aufgabe wäre es daher, darüber aufzuklären, wie Konflikte eskalieren bzw. wie diese frühzeitig deeskaliert werden können. Daher brauchen wir mehr Konflikt- und Friedensforschung (auch in allen Schulen), mehr Diplomatie, mehr besonnene Stimmen in den öffentlichen Diskursen.[14]
Wer sieht die Toten auf beiden Seiten der Front?
Wir tun gut daran, uns bei all dem Kriegsgetöse daran zu erinnern, was Krieg in der Realität bedeutet: Töten und Getötet-Werden, Zerstören, was mit menschlicher Arbeit und großem Ressourceneinsatz aufgebaut wurde, menschliches Leid, Angst vor jedem Angriff, Ungewissheit über die Zukunft. Über 80 bewaffnete Konflikte toben aktuell in der Welt, zählt eine Studie aus 2025 auf.[15] Die meisten davon nehmen wir gar nicht wahr.
Am nächsten ist uns der schon vier Jahre dauernde Krieg der russischen Armee gegen die Ukraine. Doch auch an diesen haben wir uns gewöhnt – wir sehen zwar die Bilder von Gebäuden, die von Drohnen oder Raketen zerstört werden und die aufsteigenden Rauschschwaden, aber Berichte über das gegenseitige Töten an der Front erhalten wir nicht. Zahlen über die getöteten Soldaten werden von beiden Seiten unterdrückt – es gibt nur Schätzungen.
Im Sommer 2025 hat die Politikwissenschaftlerin Neta Crawford eine Analyse zu den Verlusten im Ukraine-Krieg veröffentlicht. Sie gab die Zahl der Kriegstoten bis zum Juli 2025 mit 323.000 an. Das entsprach zu diesem Zeitpunkt des Krieges einem durchschnittlichen Wert von 7690 Toten pro Monat. Zivilpersonen machten Crawford zufolge dabei etwa vier Prozent der Getöteten aus, ist einem Bericht der Frankfurter Rundschau zu entnehmen.[16]
Ganz aktuelle Daten gehen von noch höheren Zahlen aus: 325.000 russische und 100.000 ukrainische Soldaten sollen in den vier Kriegsjahren bereits zu Tode gekommen sein – dazu kämen an die 15.000 getötete und 53.000 schwerverletzte Zivilist:innen, so eine Schätzung.[17] Was als kurzer Eroberungskrieg gedacht war, hat sich als langer Zermürbungskrieg herausgestellt, der der Länge des Zweiten Kriegs nicht mehr viel nachsteht. Dagegen nehmen sich die Einnahme der Krim durch russische Militärkräfte sowie die Kämpfe in der Ostukraine vor dem Einmarsch russischer Truppen als klein aus – auch wenn jeder Getötete einer zu viel ist. Während der russischen Annexion der Krim vom 23. Februar bis 19. März 2014 wurden ganze sechs Menschen getötet. Die Gesamtzahl der bestätigten Todesopfer im Krieg im Donbass, der am 14. April 2014, begann, wurde bis zum 31. Januar 2021 mit 13.100–13.300 angegeben.[18]
Verbale Abrüstung und Rückkehr zur Diplomatie
Krieg ist eine perfide Form der Herrschaft über Menschen. Soldaten werden gezwungen, einander zu töten und zu zerstören. Sie werden aber selbst zu „Kriegsmaterial“. Der am 14. Januar 2026 ernannte ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov kündigte kurz nach seinem Amtsantritt Pläne an, die Verluste der russischen Armee radikal zu erhöhen. Fedorov sprach von der „Notwendigkeit“, monatlich etwa 50.000 russische Soldaten zu töten. Das Ziel bestehe darin, Russland so schwere Verluste zuzufügen, dass weitere Offensivbemühungen entscheidend geschwächt und langfristig die Kriegsanstrengungen Russlands unhaltbar werden, wird er auf ZDF zitiert.[19] Keine Frage: Die Ukraine ist das angegriffene Land und hat ein Recht, sich zu verteidigen. Die Aussage des neuen ukrainischen Verteidigungsminister, zeigt, wie Krieg verroht auch in der Sprache.
Russische Generäle und ihre Einpeitscher stehen dem in nichts nach. Unter den russischen Toten stammen überproportional viele Soldaten aus verarmten russischen Teilrepubliken, wissen wir aus Analysen aus dem ersten Kriegsjahr. Laut einer Analyse des US-Politikwissenschaftlers Adam Charles Lenton von der George Washington University wurde nach einem Jahr Krieg die Liste der toten Soldaten angeführt von der iranischsprachigen Bevölkerung Nordossetiens (5,5 Gefallene pro 100.000 Einwohner), gefolgt von buddhistisch geprägten Soldaten aus Burjatien (5,44). Auch in Tuwa, Dagestan und Inguschetien werden viele tote Soldaten beklagt. Moskau mit seinen rund 12 Millionen Einwohnern konnten Rechercheure nach einem Jahr hingegen nur 92 Gefallene zuordnen. [20]
Putin scheut keine Soldatenleben, um neue Gebiete einzunehmen, auch wenn der Vormarsch bescheiden bleibt. Abgehörte Telefonate von Soldaten mit Angehörigen bestätigen, wie brutal russische Kommandeure ihre Soldaten in den Mord treiben.[21] Vor einer Generalmobilmachung scheut Putin nach wie vor zurück – rekrutiert werden seit einiger Zeit auch Strafgefangene, denen die Freilassung sowie hohe Geldsummen versprochen werden. Sie werden missbraucht als Vorhut für die gefährlichsten Operationen – die Zahl der Toten unter ihnen ist enorm hoch. Russland schickt die Militäreinheiten aus Strafgefangenen oft zu den gefährlichsten Frontabschnitten, zitiert der Beitrag auf Watson einen Bericht der Nachrichtenagentur „Reuters“. Inoffiziell seien diese Einheiten auch als „Storm Z“ bekannt. Die Einheiten haben laut dem britischen Verteidigungsministerium die „niedrigste Priorität“ in Bezug auf Logistik und medizinischer Versorgung.[22]
Wir haben uns an die Bilder von Einschusslöchern in Gebäuden und die Rauchschwaden, die sich nach sich ziehen, gewöhnt. Auch an die Meldungen darüber, dass dabei wieder einige Zivilistinnen und Zivilisten gestorben sind oder verwundet wurden. Die Brutalität des Krieges lassen wir nicht an uns heran; sie wird uns auch nicht gezeigt, nicht zugemutet. Wie geht es den Soldaten auf beiden Seiten der Front? Wie oft am Tag erleben sie Todesangst? Wie verdrängen sie die permanente Bedrohung – das Töten, um nicht selbst getötet zu werden? Wie geht es den Frauen, Müttern, Angehörigen zu Hause, die ihre Männer, Söhne in ständiger Gefahr sehen? Auf beiden Seiten der Front werden täglich Hunderte Soldaten getötet oder verwundet.[23]
Aus der Ferne lässt sich den Ukrainer:innen leicht zurufen, sie mögen ihre Heimat weiter verteidigen – und unsere europäischen Werte dazu. Doch was wäre, wenn wir einmal die betroffenen Soldaten und ihre Angehörigen fragen würden?
In den Sozialen Netzwerken gibt es ab und zu Stimmen, die diese Heuchelei anprangern – sie werden aber rasch als naive Gehilfen Putins abgetan. Hier ein Beispiel. Dirk Vielmeyer aus Wiesbaden schreibt: „Wir fordern die Menschen und die Regierung in der Ukraine weiter auf, bis ‚zum letzten Ukrainer‘ zu kämpfen, um jeden Preis. Obwohl jedem einigermaßen denkenden Menschen klar ist, dass dieser Krieg gegen die Atommacht Russland nicht gewinnbar ist.“ Er schämt sich für die eigene Bundesregierung und empfindet „eine ungeheure Wut auf die Akteure, die diese ukrainischen Menschen missbrauchen!“[24]
Wir brauchen mehr solche Stimmen, die uns daran erinnern, was Krieg bedeutet. Dann werden wir vorsichtiger mit Lobeshymnen für die ukrainischen Soldaten und deren tapfere Verteidigungsbereitschaft. Ich denke: Am liebsten würden die meisten von ihnen wohl die Waffen lieber heute als morgen wegwerfen. In einem meiner ersten Blogbeiträge zum Krieg gegen die Ukraine habe ich provokant gefragt, wie viele Menschenleben die Verteidigung eines Territoriums wert ist. Die Frage stellt sich heute brennender denn je.
[1] Alle folgenden Zitate nach: https://www.nachdenkseiten.de/?p=146376&fbclid=IwY
[2] Zitiert nach ebd.
[3] Zitiert nach: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/russischer-angriff-auf-nato-100-prozent-wahrscheinlichkeit-duestere-prognose-von-gustav-gressel
[4] Zitiert nach: https://www.oe24.at/welt/weltpolitik/putin-koennte-nato-bereits-morgen-angreifen/655347475
[5] Alle Zitate nach: Salzburger Nachrichten, 17.2.2026, „Das Bundesheer kommt in die Schule“
[6] Zitiert nach: Dirk Vielmeyer auf Facebook 6.2.2026
[7] Zitiert nach: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/aktuelles/generalleutnant-freuding-inspekteurwechsel-heer-6001446
[8] Zitiert nach: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/militaer-verteidigung/id_100939482/bundeswehr-er-will-das-deutsche-heer-bereit-zum-kampf-machen.html
[9] Zitiert nach: https://www.tagesschau.de/investigativ/wdr/russland-nato-militaer-100.html
[10] Zitiert nach: https://www.focus.de/politik/ausland/nato-land-droht-greift-russland-uns-an-schlagen-wir-sofort-massiv-zurueck_99664105-10d4-4083-8c7c-786c9bd347b4.html
[11] Zitiert nach: https://www.derstandard.de/story/3000000267754/wie-gross-ist-die-gefahr-eines-russischen-angriffs-auf-europa
[12] Werner Wintersteiner: Mehr Sicherheit ohne Waffen. Zur Aktualität von Hans Thirrings Friedensplan. Promedia, 2025, S. 7
[13] Ebd. S. 8
[14] Vgl. dazu meine Ausführungen zum Buch „Der Epochenbruch“ von Julian Nida-Rümelin: https://hans-holzinger.org/2026/01/28/epochenbruch-julian-nida-rumelin-uber-die-neuen-kriegsnarrative-menschenrechtsbellizismus-und-das-prinzip-der-nichteinmischung/
[15] Die Zahl politischer Konflikte auf der Welt war laut einer Studie 2025 so hoch wie nie. Von Jänner bis September seien 1.450 andauernde politische Konflikte unterschiedlicher Intensität erfasst worden, heißt es in „Sicherheitsbilanz 2025“ des Geodatenanbieters Michael Bauer International. 70 neue Konflikte seien in diesem Jahr hinzugekommen, 18 seien beendet worden. Insgesamt 89 Konflikte werden mit Kriegs- oder kriegsähnlicher Intensität gezählt, darunter 35 Kriege und 54 begrenzte Kriege. Aber auch die nicht mit Gewalt ausgetragenen Konflikten seien ernst zu nehmen, da Eskalationen immer möglich seien Das Risiko steige, Eskalationen falsch einzuschätzen, erklärt der Autor und Wissenschaftler Nicolas Schwank der Studie, der früher das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung geleitet und dort die Herausgabe eines „Konfliktbarometers“ verantwortet hat. Zitiert nach: https://orf.at/stories/3414823/
[16] Zitiert nach: https://www.fr.de/politik/verluste-der-ukraine-im-krieg-zahlen-und-daten-im-ueberblick-zr-94041730.html
[17] Zitiert nach: Vier Jahre Ukraine-Krieg: Europas größte Krise seit 1945. Der Pragmaticus. Download: https://www.servustv.com/aktuelles/v/aa9ri6dreiwpyt23s912/. Der Beitrag schildert die Vorgeschichte zum Ukrainekrieg, plädiert aber ebenfalls für eine militärische Aufrüstung Europas.
[18] Zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Opfer_des_Russisch-Ukrainischen_Krieges
[19] Zitiert nach: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/soldaten-verluste-ukraine-krieg-russland-100.html
[20] Zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Opfer_des_Russisch-Ukrainischen_Krieges
[21] Zitiert nach: .
[22] Ebd.
[23] Zwei Dokumentationen des ORF haben diese Fragen zumindest mit Reportagen auf der ukrainischen Seite in Erinnerung gerufen. Weltjournal und Weltjournal+ am 13.2.2026. https://on.orf.at/video/14310858/weltjournal-die-jugend-der-ukraine-4-jahre-krieg sowie https://on.orf.at/video/14310859/16033945/weltjournal-ukraine-die-vermissten-des-krieges?
[24] Dirk Vielmeyer auf Facebook.