Wie wird Wirtschaft im Kontext aktueller sozialer Herausforderungen und angesichts planetarer, ökologischer Grenzen in österreichischen Schulbüchern dargestellt? Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in den Schulbüchern, wie etwa die Klima- oder Biodiversitätskrise? Diesen und weiteren Fragen geht der Wirtschaftsgeograph und Transformationsforscher Hans Holzinger in einer aktuelle Studie nach. Die von ihm untersuchten Themenfelder reichen von der Darstellung von Bedürfnissen und dem Ziel von Wirtschaften über die Messung von Wohlstand und Lebensqualität bis hin zu den Herausforderungen durch ökologische Krisen und die zunehmende soziale Spaltung. Auch Themen wie das Wirtschaftswachstum und dessen Grenzen, die Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, die Beschreibung der Wirtschaftssektoren, die Rolle der Finanzmärkte sowie Fragen der Ungleichheit und Entwicklung werden behandelt. Insgesamt hat der Autor 32 Begriffe untersucht.
Untersucht wurden die Schulbücher für Geografie und Wirtschaftskunde der Oberstufe der Gymnasien „Durchblick kompetent“, „Geografisch“, „Geospots“, „global“, „Meridiane“ und „Perspektiven“. Als Analysekriterium galt die Berücksichtigung des aktuellen Stands der Forschung, u.a. referiert im Buch „Wirtschaftswende“ des Autors sowie in dem Lehrbuch „Zukunftsfähiges Wirtschaften“.
Lehrpläne fordern Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung
„Schule und Unterricht tragen dazu bei, dass junge Menschen befähigt werden, bei der Bewältigung von gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen eine aktive Rolle einzunehmen. Dazu gehört, dass Kompetenzen für eine nachhaltige Entwicklung angebahnt werden.“ So heißt es in den österreichischen Lehrplänen für die Allgemeinbildenden Höheren Schulen. „Ökologische Herausforderungen werden also durchaus als wichtige Themen benannt. Schulbücher wiederum stellen eine wichtige Grundlage für den Unterricht dar. Wie darin Themen der Zukunftsfähigkeit behandelt werden, ist daher von zentraler Bedeutung“, so Holzinger.
Das Resümee des Studienautors: „Alle Schulbücher thematisieren ökologische Herausforderungen. Sie gehen ein auf Nutzungskonflikte, die Überbeanspruchung von Ökosystemen, die Degradation von Böden oder die Verknappung von Wasservorräten. Auch Landgrabbing wird problematisiert. Die Tragfähigkeit der Erde wird durchgehend am Konzept des Ökologischen Fußabdrucks dargestellt, der menschengemachte Klimawandel in allen Schulbüchern behandelt. Die Ausführlichkeit und Qualität der Darstellung variieren jedoch stark – nicht alle Schulbücher referieren den aktuellen Stand der Ökosystem- und Klimaforschung.“
Nachhaltigkeit ist Thema, aber nicht am aktuellen Stand
Holzinger weiter: „Die Schulbücher gehen auf das Konzept der Nachhaltigkeitbzw. Tragfähigkeit des Planeten ein, das Problem des zu ressourcenintensiven Konsum- und Lebensstils in den wohlhabenden Ländern wird aber nur bedingt angesprochen. In manchen Schulbüchern wird ‚der Mensch‘ als Ursache für Nicht-Nachhaltigkeit bezeichnet, nicht ‚der Mensch in den Hochkonsumländern‘. Teilweise wird vor zu ‚radikalen Schritten‘ gewarnt.“
Die Klimakrise werde thematisiert, jedoch eher verhalten und überwiegend nicht dem aktuellen Stand der Klimaforschung entsprechend. Formulierungen wie „Viele Expertinnen und Expertinnen gehen davon aus, dass …“ oder das gleichgewichtige Nebeneinanderstellen von Risiken und Chancen durch die Klimaerwärmung würden die Herausforderung verharmlosen: „So betont ein Schulbuch etwa, dass der Sommertourismus in Österreich zu den Gewinnern des Klimawandels zähle, weil es im mediterranen Raum zu heiß für verträglichen Tourismus werde.“
Zur Frage, wie wir als Einzelne zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können, werden laut Holzinger Vorschläge wie Energiesparen, die Reduktion des Fleischkonsums oder der Umstieg auf den öffentlichen Verkehr genannt. Die Degradation der Ökosysteme durch die industrielle Landwirtschaft werde problematisiert, dabei aber Österreich als Pionierland des biologischen Landbaus betont. Holzinger: „Der Schulunterricht soll Handlungsansätze aufzeigen. Insgesamt fällt aber auf, dass die Bereitschaft zu nachhaltigen Konsumweisen zu positiv gesehen und überschätzt wird.“
Planetare Grenzen als Richtschnur für den Unterricht
Das in allen Schulbüchern thematisierte Konzept des ökologischen Fußabdrucks gebe den Zustand der Ökosysteme nur begrenzt wieder – es fehlt etwa die Biodiversität, die Bodenqualität sowie der Verbrauch abiotischer Ressourcen („ökologischer Rucksack“). Zudem beziehe sich der Öko-Fußabdruck ausschließlich auf die Veränderung des eigenen Lebensstils, politische Veränderungen werden jedoch außen vor gelassen, so Holzinger. „Für strukturelles Handeln wurde daher von NGOs der sogenannte ‚Handabdruck‘ erstellt, der Möglichkeiten zum Aktiv-Werden in der Gemeinde, der Schule oder Universität vorstellt. Dieser müsse auch Eingang in die Schulbücher finden.
Als Richtschnur für die Behandlung ökologischer Themen gelten für Holzinger die vom Stockholm Resilience Center erhobenen ‚Planetaren Grenzen‘: „Diese geben einen differenzierten Einblick in den Zustand der Ökosysteme. In sechs der neun ausgewiesenen Bereiche werden die kritischen Schwellenwerte bereits überschritten: Störung der Intaktheit der Biosphäre (Biodiversität), zu hoher Eintrag von Stickstoff und Phosphor in den Böden und Gewässern, zu starke Landnutzungsänderungen, Zunahme des Klimawandels, Kipppunkte bei den Süßwasserreserven und beim Eintrag neuartiger Substanzen, z. B. Mikroplastik, in die Ökosysteme.“ Nur zwei Schulbücher „geografisch“ und Durchblick kompetent“ beziehen sich explizit auf dieses Modell, so Holzinger. „Geografisch“ stelle auch die „Donut-Ökonomie“ der britischen Ökonomin Kate Raworth vor, die die planetaren Grenzen mit den Indikatoren für Lebensqualität der Sustainable Development Goals verbindet.
Strukturelle Ursachen sind stärker zu benennen
Holzinger weiter: „Strukturelle Ursachen für unsere Nicht-Nachhaltigkeit wie der Wachstumszwang sowie der Konsumismus werden zu wenig herausgearbeitet. Wachstumsgrenzen werden bedingt angesprochen, in einigen Schulbüchern kommen auch Vertreter:innen der Postwachstumsbewegung zu Wort. In allen Schulbüchern wird aber auf ein ‚grünes‘ bzw. ‚qualitatives‘ Wachstum gesetzt.“ Der freien bzw. der sozialen Marktwirtschaft werde als „Sonderform“ die ökosoziale Marktwirtschaft gegenübergestellt: „Das ist irreführend. Wenn wir den Übergang zu nachhaltigen Gesellschaften schaffen wollen, dann müssen alle Marktwirtschaften zu ökosozialen Marktwirtschaften werden – mit den Instrumenten der Internalisierung der ökologischen Kosten sowie der Begrenzung der Ressourcennutzung. Klimaneutralität und Wirtschaften in Kreisläufen sind hier als Zukunftsperspektiven zu vermitteln.“
Nachhaltige Investments würden in den Schulbüchern für jene vorgestellt, die ethisch investieren möchten. Auch dies sei problematisch, so Holzinger: „Wenn die Nachhaltigkeitswende gelingen soll, sind jedoch alle Kapitalströme auf ökologisch zu trimmen.“ Die Notwendigkeit einer gänzlichen Verabschiedung von den fossilen Energieträgern werde zu wenig betont, zum Teil sogar Peak Oil als Hauptproblem dargestellt, nicht der Ausstoß an Treibhausgasen. Der Umgang mit Ressourcen werde vor allem mit Recycling verbunden, eine Kreislaufwirtschaft mit langlebigen Produkten und Ökodesign kaum thematisiert, so weitere Kritikpunkte von Holzinger.
Kritik übt Holzinger auch am in den Schulbüchern mehrheitlich vermittelte Bild der „scheinbar unbegrenzten Bedürfnisse“ und dem propagierten Ziel von Wirtschaft, diese „mit knappen Mitteln“ zu befriedigen: „Diese Bild stammt aus der Knappheitsgesellschaft und trifft auf unsere hochproduktiven Konsumgesellschaften nicht mehr zu. Das Ziel von Wirtschaften ist stärker zu verknüpfen mit einem in den Schulbüchern durchaus thematisierten erweiterten Verständnis von Wohlstand bzw. Lebensqualität.“
Zukunft der Arbeit und der erweiterte Arbeitsbegriff
Im Bereich der Erwerbsarbeit werde auf viele Aspekte eingegangen – von Beschäftigungsformen über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis hin zu Arbeit 4.0. Arbeitszeitverkürzungen und neue Arbeitszeitmodelle würden jedoch nur bedingt angesprochen, kritisiert Holzinger: „Wirtschaftsbildung muss zukünftig stärker auf innovative Arbeitszeitmodelle eingehen, weil diese – wie in Geografisch dargestellt – von jüngeren Generationen gefordert werden. Die aktuelle Diskussion in Österreich über ‚Lifestyle‘-Teilzeit allein legt eine konstruktive Auseinandersetzung nahe.“ Neue Arbeitszeitmodelle und flexible Formen der Arbeitszeitverkürzung würden aber auch aus technologischen (weitere Automatisierung) sowie ökologischen Gründen (weniger Erwerbsarbeit führt zu weniger Umweltverbrauch) nötig sein. Ein erweiterter Arbeitsbegriff, der neben der Erwerbsarbeit auch die Sorgearbeit und das Freiwilligenengagement umfasst, den etwa die feministische Ökonomie betone, werde ebenfalls nur begrenzt thematisiert, geschlechterstereotypische Rollenzuschreibungen würden noch überwiegen – nach dem Motto „Frauen arbeiten in Teilzeit, weil sie für Haushalt und Kinder zuständig sind“.
Wohlfahrtsstaat als Errungenschaft und Zukunftsherausforderung
In den Ausführungen zur Sozialpolitik gibt es laut Holzinger zwei Stoßrichtungen: „Einige Schulbücher stellen die Vorzüge und Errungenschaften des Wohlfahrtstaates in den Mittelpunkt, andere dessen Nicht-Mehrfinanzierbarkeit sowie das Einfordern von mehr Eigenverantwortlichkeit, was etwa durch verschärfte Bedingungen für Arbeitslose oder mehr Anreize zur Eigenvorsorge erwartet wird.“
Ungleichheit werde in den Schulbüchern unterschiedlich behandelt, so Holzinger: „Manche betonen die Ungleichheit global oder zwischen Regionen, manche betonen eher die Ungleichheit bei den Einkommen, nur zum Teil wird jene bei den Vermögen problematisiert.“
Globalisierung und weltweiter Handel werden in den meisten Büchern mit ihren Chancen und Problemen beschrieben, so Holzinger. „Genannt werden etwa billigere Produkte durch mehr Wettbewerb als Vorteil für uns als Konsument*innen, die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer als Nachteil, wobei die Gewichtung nach Schulbüchern variiert. Das bestehende Welthandelssystem wird teilweise kritisiert, der Welthandel an sich aber nicht in Frage gestellt. Aus ökologischer Sicht muss Wirtschaftsbildung nicht nur über einen ethischen oder fairen Welthandel reflektieren, sondern auch darüber, wie viel Welthandel überhaupt sinnvoll und nötig ist.“
Resümee des Studienautors: „Nur drei Schulbücher – ‚Geographisch‘ und bedingt ‚Durchblick kompetent‘ sowie ‚Geospots‘ – zitieren aktuelle Ergebnisse der Ökosystemforschung. Strukturelle Ursachen der Nicht-Nachhaltigkeit werden zu wenig betont, ebenso die Zusammenhänge von funktionierenden Ökosystemen als Grundlage für menschliches Leben mit Wirtschafts- und Konsumweisen der materiellen und energetischen Begrenzung. Das Säulenmodell der Nachhaltigkeit mit den drei Bereichen ‚Wirtschaft – Soziales – Umwelt‘ ist daher zu ersetzen durch das Kreismodell, in dem Wirtschaft und Gesellschaft in die Ökosysteme eingebettet sind.
Hans Holzinger: Wirtschaft – Umwelt – Klima – Soziales. Die Darstellung von Wirtschaft in Österreichs Schulbüchern für Geografie und wirtschaftlicher Bildung im Kontext von nachhaltiger Entwicklung und planetarer Grenzen. Salzburg/Wien 2025. 280 Seiten. ISBN Softcover: 978-3-99192-213-1, ISBN E-Book: 978-3-99192-212-4
Mehr:www.hans-holzinger.org/wirtschaft-im-kontext-okologischer-und-sozialer-nachhaltigkeit-eine-analyse-osterreichischer-schulbuecher/
Bestellung: www.buchschmiede.at/app/book/318119-Hans-Holzinger-Wirtschaft-Umwelt-Klima-Soziales
Zum Autor: Hans Holzinger ist Wirtschafts- und Sozialgeograph, Senior Adviser der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschienen „Wirtschaftswende“ (oekom 2024).