Dass sich unser Wirtschaften ändern muss, wenn wir die ökologischen Krisen abwenden wollen, findet mittlerweile breite Zustimmung. Umstritten sind jedoch die Wege dorthin. Ist ein grüner Kapitalismus mit weiterem Wirtschaftswachstum denkbar, in dem nur ökologischer produziert wird? Oder ist eine Rücknahme des Wachstums und des Konsums unabdingbar, weil neue Technologien allein nicht reichen werden? Und wie würden dann die Wohlfahrtssysteme aussehen? Schließlich: Setzen wir bei Reformen im Kapitalismus an oder brauchen wir ganz neue ökonomische Erzählungen? Im Vortrag in der Robert-Jungk-Bibliothek skizzierte ich zentrale Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in zehn Thesen.[1]
Vorbemerkung: Ziel von Wirtschaften und die Weltziele
In Wirtschaftsdebatten geht es um Fragen wie die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, um die Höhe der Inflation und wie wir diese wieder runterbringen oder um Wachstumsprognosen. Diese Fragen sind nicht trivial. Denn wenn beispielweise Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen nach unten revidieren, müssen Unternehmen ihre Absatzpotenziale und Finanzministerien ihre Steuereinnahmen neu kalkulieren.
Doch wir können, ja wir müssen Wirtschaften auch größer denken. Wenn das Ziel von Wirtschaften die Deckung des menschlichen Bedarfs an Gütern und Dienstleistungen ist, dann liegt Wirtschaftsversagen vor, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird – in einer nationalen Volkswirtschaft, aber auch weltweit – also für derzeit gut acht Milliarden Menschen. Es geht um naturverträgliche Wirtschaftsweisen, die für alle Menschen auf der Erde verallgemeinerbar – wenn man so will – skalierbar sind. Nichts anderes meint Nachhaltigkeit.
Die beiden ersten Ziele der Sustainable Development Goals lauten „Abschaffung des Hungers“ und „Überwindung der Armut“ – und zwar bis 2030. Davon sind wir weit entfernt. Auch weitere Ziele wie die Begrenzung der Klimaerwärmung oder die Regeneration der Ökosysteme sind alles andere als erreicht.

Quelle: www.statistik.at/services/tools/services/indikatorensysteme/sdgs
Dies zeigen die vom Stockholm Resilience Center seit 2009 fortgeschriebenen „Planetaren Grenzen“. Laut dem 2022 zuletzt aktualisierten Bericht haben wir in sechs der neun Indikatoren die Belastungsgrenzen bereits überschritten: im Bereich der biologischen Vielfalt und der Dezimierung der Biosphäre, in Bezug auf den Eintrag neuer Substanzen in die Umwelt wie Plastik, Farbstoffe oder Flammschutzmittel, im Kontext des menschengemachten Klimawandels, der Phosphor- und Stickstoffbelastung der Böden und Gewässer vor allem durch die industrialisierte Landwirtschaft, in der Änderung der Landnutzungen, insbesondere durch die Abholzung der Regenwälder, sowie im Bereich der Verfügbarkeit von Süßwasser. Deutlich wird, dass sich die weltweiten Ökosysteme in einem sehr schlechten Zustand befinden und die Trends in die eindeutig falsche Richtung weisen.

Quelle: https://helmholtz-klima.de/planetare-belastungs-grenzen
These 1: Der Kapitalismus ist höchst produktiv, aber sozial und ökologisch blind. Produziert wird für Menschen mit Kaufkraft, nicht für jene mit Bedarf.
Drei neue Autos verlassen pro Sekunde die Fließbänder und sieben neue PCs – produziert für Menschen, die sich diese leisten können. Ein Auto, das selbst eine Tonne wiegt, hat einen ökologischen Rucksack von etwa 20 Tonnen. Da der Großteil der Fahrzeuge nach wie vor fossil betrieben wird, erhöht jedes zusätzliche Auto den Treibhausgasausstoß – abgesehen von der Ersatzrate. Jede Sekunde gehen 600 Jeans über die Ladentheken – weniger, weil mehr Menschen Kleidung brauchen, sondern weil Textilien zum Wegwerfgut geworden sind – fast fashion ist angesagt.
Drei Prozent der globalen Lebensmittelproduktion würden reichen, um die Hungernden auf der Welt mit ausreichend Nahrung zu versehen, rechnet die britische Ökonomin Kate Raworth vor. Doch ihnen fehlt die Kaufkraft, sich die Lebensmittel leisten zu können. Wir betreiben eine Ökonomie für die Satten, nicht für die Hungernden – so bringt es der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek auf den Punkt.
Ernst Ulrich von Weizsäcker hat früh eine Erdpolitik gefordert – nun ist aber ganz massiv die Geopolitik zurück. Laut dem Friedensforschungsinstitut SIPRI wurden 2023 weltweit 2,3 Billionen Dollar für Rüstung und Militär ausgegeben – der höchste Wert seit 15 Jahren.
Hier noch einige Zahlen – ich spreche im Buch von „Kennzahlen der Unmenschlichkeit“:
- Die acht reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung (Oxfam).
- Fast zwei Drittel des seit Pandemieausbruch neu geschaffenen Vermögens wanderten in die Taschen des reichsten Prozents der Menschheit. (Oxfam)
- Täglich gehen 690 Millionen Menschen hungrig zu Bett, 30 Millionen Kinder sind stark unterernährt (WFP)
- Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung stoßen 36 bis 45 Prozent der Treibhausgas-Emissionen aus, das reichste ein Prozent ist für die Hälfte aller Flugemissionen verantwortlich (IPCC).
- Milliardäre wie Richard Branson und Jeff Bezos verursachen mit einem Flug ins All so viele Treibhausgas-Emissionen wie ein Mensch der ärmsten Milliarde in seinem ganzen Leben. (Wirtschaftswende, S. 20)
Systemisch ergibt sich die Wachstumsdynamik aus dem Zusammenwirken neuer Technologien, neuen Wissens und verfügbarem Kapital, das nach Anlage- und damit Vermehrungsmöglichkeiten sucht. In einem Forschungsprojekt „Great Acceleration“ wurde die Verbindung sozioökonomischer und erdsystemischer Trends herausgearbeitet. Die zentrale Aussage: Seit den 1950er-Jahren gibt es eine beispiellose Zunahme menschlicher Aktivitäten, die Welt ist seither geprägt von exponentiellen Wachstumskurven: BIP, Energieverbrauch, Kunstdüngereinsatz, Transportvolumen, Investitionstätigkeit, Konsumausgaben usw. – all das wächst exponentiell. Dies führt zum Konflikt mit den planetaren Grenzen, die wir – wie ausgeführt – bereits in zentralen Feldern überschritten haben. Die AutorInnen setzen den Beginn des Anthropozäns daher nicht mit dem Beginn der Industrialisierung gleich, sondern datieren dieses in die 1950er-Jahre. Präziser ist ohnedies der von Elmar Altvater geprägte Begriff des Kapitalozän – denn es ist der Mensch im modernen Konsumkapitalismus, nicht der Mensch an sich, der die Lebensgrundlagen ruiniert.
Gesprochen wird auch von einer transnationalen Konsument:innenklasse. Sie hat drei Merkmale: Hohe, vor allem autozentrierte Mobilität, fleischzentrierte Ernährung, hoher Besitz an materiellen Gütern. Ein Drittel lebt mittlerweile in den Transformationsländern – wie China oder Indien.
These 2: Die Vorzüge des Wohlstandsversprechens der kapitalistischen Moderne sind evident. Doch wir führen eine imperiale Lebensweise, die die Lebensgrundlagen anderer Menschen und auch die unseren zerstört.
Der moderne Konsumkapitalismus ist angebotsgetrieben und schafft künstlich Bedürfnisse. Mit der Fehlallokation der Mittel – es wird nicht für jene produziert, die Bedarf haben – hängt eben ein zweites Phänomen zusammen: die Schaffung von immer neuen Bedürfnissen bei denen, die schon genug haben. 700 Mrd. Dollar werden jährlich für Wirtschaftswerbung ausgegeben – wer hungert, braucht keine Werbung, sondern etwas zu essen.
„Wir können mehr herstellen als wir verbrauchen können“. Damit brachte der Philosoph Günter Anders bereits in den 1950-Jahren das Dilemma auf den Punkt. Es sei Aufgabe der Werbung, „den Hunger der Waren nach Konsumiert-Werden und unseren Hunger nach diesen auf gleich“ zu bringen, so Anders pointiert. Der Soziologe Philipp Staab sieht das Besondere des Digitalkapitalismus in der Möglichkeit, die letzten Konsumreservoire auszureizen – durch individualisierte Werbung und Online-Handel, der uns nun auch den Weg ins Kaufhaus erspart. Das Werbeplakat „More ways to shop“ bringt es auf den Punkt.

Foto: Holzinger
Wir dürfen das nicht verallgemeinern. Es gibt auch in unseren materiell reichen Gesellschaften Menschen an und unterhalb der Armutsgrenze – das ist ein Skandal. Wer ein geringes Einkommen hat und keine eigene Immobilie besitzt, also Miete zahlt, muss schauen, wie er oder sie über die Runden kommt. Mir geht es darum zu zeigen, was strukturell im modernen Konsumkapitalismus schiefläuft. Meine dritte The wir über unsere Verhältnisse, sozial und kulturell unter unseren Möglichkeiten.
These 3: Ökologisch leben wir über unsere Verhältnisse, sozial und kulturell unter unseren Möglichkeiten
Die Potenziale einer lebendigen und solidarischen Gesellschaft werden nicht ausgeschöpft. Die Konsum- und Zufriedenheitsforschung bieten hierfür zahlreiche Belege: Erlebnisse lassen sich nicht kaufen, diese müssen wir selbst gestalten, so etwa die Konsumforscherin Gabriele Sorgo. Ab einem bestimmten materiellen Niveau steigt die Zufriedenheit nicht mehr – gesprochen wird von der Anspruchs- und Vergleichsfalle. Umfragen zeigen, dass Werte wie Gesundheit, Familie, Freunde, soziale Absicherung, eine intakte Umwelt ganz vorne in der Wichtigkeitsskala rangieren, nicht der Besitz von noch mehr Gütern.
Dennoch – und das erscheint als Widerspruch – wirkt die Konsumorientierung fort. Das macht wirksame Klimapolitik schwierig – in allen Produkten stecken Rohstoffe und Energie – bisher weitgehend auf fossiler Basis. Zudem ist die Organisation unseres Alltags, des Wirtschaftslebens wie der Freizeit – auf hohe Mobilität ausgerichtet, ebenfalls nach wie vor überwiegend auf fossiler Basis. Das führt mich zu These 4.
These 4: Dass sich unser Wirtschaften ändern muss, wenn wir die ökologischen Krisen abwenden und die Kluft zwischen und Arm und Reich überwinden wollen, wird mittlerweile diskutiert. Umstritten sind jedoch die Wege dorthin.
Ist ein grüner Kapitalismus mit weiterem Wirtschaftswachstum denkbar, in dem nur ökologischer produziert wird? Oder ist eine Rücknahme des Wachstums und des Konsums unabdingbar, weil neue Technologien allein nicht reichen werden? Und wie würden dann die Wohlfahrtssysteme aussehen? Schließlich: Setzen wir bei Reformen im Kapitalismus an oder brauchen wir ganz neue ökonomische Erzählungen? An diesen Fragen entzünden sich die aktuellen Debatten im Kontext der wirtschaftlichen Transformation. Die Antworten sind komplex. Das führt zur nächsten These.
These 5: Wir alle sind systemisch verstrickt – Umsteuerungen stoßen auf Widerstände
Die Unterscheidung „Böse Konzerne & Kapitalisten hier, wir als Opfer da“ ist zu einfach. Wir sind alle verstrickt – Klaus Firlei etwa spricht von einem „Erlebniskapitalismus“, die systemerhaltende Macht sei nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, also verführend. Herbert Marcuse sprach von „repressiver Toleranz“ bzw. einer „Gesellschaft ohne Opposition“. Letzteres stimmt heute nicht mehr – aber die wesentliche Opposition kommt von rechts.
Der Sozialstaat ist wohl ein Korrektiv zur typisch kapitalistischen Wirtschaftsstruktur, gleichzeitig aber auch von dessen Funktionieren abhängig, darauf weisen die Sozialwissenschaftler*innen Gisela Gilke-Kubon und Remi Meier-Rigaud hin: „Sozialstaat und Kapitalismus gingen sozusagen ein symbiotisches Verhältnis ein.“
Unternehmen funktionieren nach der Logik der Preise – das Ziel ist, Gewinne zu machen, zu wachsen, um nicht von noch größeren geschluckt zu werden. Staaten brauchen Steuereinnahmen, diese werden bislang mit Wachstum finanziert. Die Bürger*innen haben sich an materielle Ansprüche gewohnt. Begrenzungen sind schwer vermittelbar, wie etwa der Politikwissenschaftler Wolfgang Lepenies in seinem Buch „Verbot und Verzicht“ oder der österreichische Psychoanalytiker Christian Aigner darlegen. Zitat Aigner: „Die sich selbst genügenden Individuen wollen – ungestört von Vorschriften – nur noch ihre Präferenzen leben – und niemandem gegenüber moralisch verantwortlich sein.“
Der Soziologe Ingolfur Blühdorn spricht von einer „nachhaltigen Nichtnachhaltigkeit“, Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, von „Verkaufter Zukunft“. Man kann von einer Art Gegenwartsversessenheit und Zukunftsblindheit sprechen, wie dies eine Karikatur treffend beschreibt: „Und was tun wir, wenn und das Benzin endgültig ausgeht?“, fragt der eine. Der andere darauf: „Ach was, fahren wir einfach mal weiter.“

Foto: Holzinger
These 6: Grünes Wachstum wird nicht reichen. Der Umbau der Wirtschaften und Wohlfahrtssysteme in Richtung Wachstumsneutralität wird notwendig sein. Umverteilung wird dabei helfen.
Auch wenn es weiterhin Widerstände der alten Beharrungskräfte gibt, setzt sich im Mainstream durch, dass Veränderungen anstehen – Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft und der Natur angepasste Lösungen gelten als neue Leitprinzipien eines anders zu gestaltenden Wirtschaftens. Neben dem Abschied von den fossilen Energieträgern muss der Materialverbrauch drastisch reduziert, die Biodiversität wieder erhöht und die Regeneration der Böden, Meere und anderen Ökosysteme eingeleitet werden.
Drei Ideenströmungen – oder auch ökonomische Erzählungen – lassen sich unterscheiden: Green Growth, Degrowth und Postkapitalismus
- Die Stärken eines „grünen Kapitalismus“ liegen in den noch lange nicht ausgeschöpften technischen Potenzialen für die Energie- und Stoffwende und der Chance, Investitionen in nachhaltige Sektoren umzulenken. „Grünes Wachstum“ übersieht aber, dass technologische Wenden ebenfalls material- und energieintensiv sind. Im Buch bringe ich Beispiele.
- Postkapitalistische Ansätze verweisen zwar auf die Größe der notwendigen Transformationen und sie sehen die Wachstumsgetriebenheit des Kapitalismus. Ich halte sie aber – dies gleich vorweg – für wenig plausibel und auch nicht umsetzbar. Warum, darüber können wir gerne diskutieren.
- Realistisch ist m. E. ein geplanter Umbau der Wirtschaft und ihre Lösung von der Wachstumsabhängigkeit unter Nutzung der Kräfte des Marktes. Das erfordert neue Unternehmenskulturen ebenso wie wachstumsneutrale Wohlfahrtssysteme. Eine stärkere Heranziehung der Vermögenden zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben ist dabei unerlässlich – Mehrheiten dafür kann es in Zukunft geben. Weder Überreichtum noch Überkonsum sind zukunftsverträglich. Denkbar ist auch, dass Lebensstile der freiwilligen Beschränkung an Attraktivität gewinnen, wie der Trend junger gutausgebildeter Menschen zum Weniger-Arbeiten zeigt.
Nochmals: Green Growth-Konzepte setzen auf technologische Lösungen und die Umlenkung der Finanzströme auf nachhaltige Technologien und Produktionsstrukturen. Darin liegen in der Tat noch unausgeschöpfte Potenziale. Degrowth-Konzepte verweigern sich neuen Technologien nicht, gehen aber davon aus, dass diese nicht reichen werden. Da auch die neuen Technologien Ressourcen verbrauchen, müssten zudem verbrauchsärmere Konsumstile umgesetzt und Strategien entwickelt werden, wie Unternehmen und Staaten auch ohne Wachstum gut gedeihen können. Vertreter:innen postkapitalistischer Entwürfe gehen davon aus, dass Kapitalismus ohne Wachstum nicht möglich sei, die Zuspitzung der ökologischen Krisen daher eine Vergesellschaftung der Produktion erfordern werde.
Ich sehe die Stärke offener Gesellschaften im breiten Diskurs über plurale Zukunftsstrategien und plädiere daher dafür, die Stärken und Schwächen unterschiedlicher Ansätze auszuloten.
In den Mainstreamdebatten überwiegt der Ansatz eines grünen Kapitalismus – er ist anschlussfähig für Unternehmen und Politik; Postwachstumsansätze werden bislang in wachsenden Nischen diskutiert; Planwirtschaften mit vergesellschafteten Betrieben sind historisch desavouiert. Es ist in unser aller Interesse, einen geplanten Umbau unserer Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen anzugehen – an Postwachstum für die reichen Volkswirtschaften führt dabei aus meiner Sicht kein Weg vorbei.
Die britische Ökonomin Kate Raworth bringt es auf den Punkt: „Kein Land kann Wohlstand ohne Wachstum erreichen. Aber ebenso kann kein Land ökologische Probleme mit Wachstum lösen.“ Dem Wirtschaftsanthropologen Jason Hickel zufolge ging fast die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren an die reichsten fünf Prozent der Weltbevölkerung. Ein großer Teil an Arbeit, Ressourcen und Energie wird aufgewendet, um die Taschen der Begüterten weiter zu füllen, so Hickel, der meint: „Wenn Wachstum ein Ersatz für Verteilung war, dann ist Verteilung ein Ersatz für Wachstum.“
These 7: Ein Zusammenbruch des Kapitalismus erscheint unrealistisch, der Diskurs über Alternativen bleibt aber wichtig
„Kapitalismus am Limit“ – so der Titel des neuen Buchs von Ulrich Brand und Markus Wissen, jener Politikwissenschaftler, die den Begriff der „imperialen Lebensweise“ geprägt haben. Die beiden prognostizieren – wie andere Vertreter eines Ökosozialismus, etwa der an der Universität Salzburg lehrende Wirtschaftsgeograph Christian Zeller – einen Zusammenbruch des Kapitalismus aufgrund der weiteren Degradation der Ökosysteme im Zuge der Ausweitung der „imperialen Lebensweise“. Mittlerweile gibt es eine neue Wissenschaftsdisziplin: die Kollapsologie. Ich bezweifle die Zusammenbruchs-These.
Der Wachstumszwang – manche sprechen nur von Wachstumsdrang – des Kapitalismus wird seit langem in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert. Kapital drängt zur Akkumulation, also Vermehrung, Fremdkapital drängt Unternehmen dazu, Zinsen bzw. hohe Renditen erwirtschaften zu müssen, nicht wachsende Unternehmen laufen Gefahr, von größeren geschluckt zu werden.
Gewarnt wird auch vor Deflation: Unternehmen reduzieren ihre Investitionen, wenn kein Wachstum zu erwarten ist, Arbeitsplätze gehen verloren und damit auch Kaufkraft – dies führt in die Abwärtsspirale. Auch das ist nicht trivial: Firmenbesitzende und die Managementriege haben in der Regel Erspartes, wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut oder gar pleitegeht, die Belegschaften sind aber auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen.
Hans Christoph Binswanger, ein Mitbegründer der Ökologischen Ökonomie, geht jedoch davon aus, dass 1-2 Prozent Wachstum der Weltwirtschaft reichen, um der Deflation entgegenzuwirken. Wachsen würden demnach nur mehr Wirtschaften mit niedrigerem Ausgangsniveau, reiche Volkswirtschaften würden sich auf einem bereits hohen Niveau stabilisieren. Kate Raworth setzt der exponentiellen Wachstumskurve eine S-Kurve entgegen.


Quelle: https://blick-heben.com/good/die-donut-okonomie-ein-wirtschaftliches-zukunftsmodell/3/
Das größte Problem liegt im prozentuellen Wachstum. Denn ein Prozent Wachstum in einer bereits reichen Volkswirtschaft sind absolut bedeutend mehr als in einer noch schwachen Volkswirtschaft. Das gilt übrigens auch für Lohnerhöhungen. Prozentwachstum bedeutet damit exponentielles Wachstum – zwei Prozent Wachstum entsprechen einer Verdoppelung alle 35 Jahre – das ist auf Dauer unmöglich. Volkswirtschaften mit hohem Output brauchen kein Prozentwachstum mehr, wie Autoren des Instituts für Wachstumsstudien in Gießen betonen: Es gehe uns besser, als wir glauben, wir befänden uns in einer „Scheinkrise“, so die Autoren, die davon ausgehen, dass reiche Volkswirtschaften ohnedies auf lineares Wachstum zusteuern.
Wie kann der Wachstumsdrang gemildert werden? Vorgeschlagen wird die Abkehr von der Renditefixierung – längere Behaltefristen für Aktien, hohe Steuern auf Finanzgewinne, Unternehmen nach Stiftungs- oder Genossenschaftsrecht, strenge Monopolgesetze oder auch Begrenzungen für die Größe von Unternehmen sowie für Vermögen und Einkommen – – so etwa der Klimaforscher Anders Levermann.
Die US-Ökonomin Juliet Schorbetont die Aufwertung der öffentlichen Leistungen bei gleichzeitiger Reduktion des privaten Konsums. Die feministische Ökonomie verweist auf die Bedeutung des Care-Sektors, der derzeit in volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen nicht berücksichtigt wird, wie etwa Bettina Haidinger und Käthe Knittler in ihrem Buch „Feministische Ökonomie“ ausführen. Die Schweizer Ökonomin Mascha Madörin verweist darauf, dass unsere Volkswirtschaften neu aufgestellt werden müssen, wenn die bisher vorwiegend von Frauen verrichteten Sorgetätigkeiten bezahlt werden müssten.
Im angloamerikanischen Raum von großer Bedeutung erreichte auch das Buch „How Much Is Enough? Money and the Good Life“ von Robert und Edward Skidelsky. Die Autoren unterscheiden universell gültige „Basisgüter“ von den übrigen Gütern. Zu ersteren zählen sie Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Autonomie bzw. Persönlichkeitsentfaltung, Harmonie mit der Natur sowie Freundschaft und Muße. Es sei „die erste Pflicht des Staates, die materiellen Bedingungen eines guten Lebens für alle zu schaffen“. Die im Buch vorgestellte „Wellbeing Economy Alliance“, der u.a. Neuseeland, Schottland und Island angehören, geht in diese Richtung.
Die Vergesellschaftung der Betriebe, die Vertreter eines Ökosozialismus vorschlagen, um damit deren Konversion auf ökologische Produkte voranzutreiben, erscheint mir nicht plausibel – was nicht gegen mehr Wirtschaftsdemokratie, also Mitbestimmung der Belegschaften spricht. Christian Felber schlägt vor, dass die Mitbestimmung der Unternehmen mit deren Größe zunehmen soll – das Model des Betriebsrats weist in diese Richtung. Felber schlägt auch vor, dass Gewinne nur mehr im Unternehmen investiert werden – was defacto das Aus von Aktiengesellschaften bedeuten würde. Derzeit wohl wenig vorstellbar – realistischer wäre die Wegbesteuerung (zu) hoher Renditen. Ebenfalls diskutiert werden Mindest- und Maximaleinkommen, ein im Buch vorgestelltes Konzept schlägt maximale Lebenseinkommen vor – wer dieses erreicht hat, wird mit 100 Prozent besteuert, was es weniger attraktiv machen würde, hohe Einkommen zu generieren.
Eine moderne Rationierungswirtschaft, die etwa die Wirtschaftspublizistin Ulrike Herrmann vorschlägt – der Staat legt fest, was produziert wird, der Markt übernimmt die Produktion – erscheint aktuell ebenfalls nicht vorstellbar. Es könnte aber bei der Zuspitzung von Krisen an Bedeutung gewinnen. Hermann dekliniert ihren Ansatz an der Wasserverknappung durch. Katastrophenpläne legen hier in der Tat Rationierungen und Priorisierungen fest.

Quelle: https://futureearth.org/2015/01/16/the-great-acceleration.
These 8: Realistisch sind eine Zügelung des Kapitalismus durch Reformen und ein neues Framing des Wirtschaftens. Eine gute Versorgung mit den Grundgütern für alle kann als Zukunftsperspektive durchaus neue Mehrheiten gewinnen.
Neue Technologien allein, etwa im Bereich erneuerbarer Energien, neuer Antriebe oder neuer Werkstoffe, werden nicht reichen, um die sich in diesem Jahrhundert rapide verschärfenden ökologischen und sozialen Krisen zu meistern. Ohne Reduktion unsers Energieverbrauchs wird die Energiewende nicht gelingen. Ein Beispiel: Um den Energiebedarf einer Zementfabrik zu erzeugen, brauchtes ganzes Solarfeld. Der von mir zitierte Wirtschaftsphilosoph Wigbert Tocha bringt weitere Beispiele. Die strombasierte Herstellung von synthetischem Kerosin für den deutschen Flugverkehr würde mehr elektrische Energie benötigen, als alle Ökostromanlagen heute zusammengenommen produzieren, rechnet er mit dem Bundesumweltministerium vor. „Grüner Stahl“ und „grüne Chemie“ würden mehr elektrische Energie erfordern als ganz Deutschland derzeit Strom verbraucht.
Die Herausforderung besteht darin, ein Wirtschaftssystem zu gestalten, das neue Technologien und innovatives Unternehmertum nutzt, aber die Grundbedürfnisse aller Menschen in den Mittelpunkt rückt. Ich nenne das eine „moderne Bedarfsökonomie“. Eine gute Versorgung aller mit den Grundgütern wie Lebensmittel hoher Qualität, leistbares Wohnen, ein Grundbedarf an Energie und Mobilität, gute Schulen und eine ausreichende Gesundheitsversorgung sind damit gemeint.
Die Zügelung des Kapitalismus erfordert vielfältige Reformen. Dazu zählen Auflagen für Unternehmen etwa durch strenge Lieferkettengesetze – das EU-Parlament hat ein solches im April 2024 verabschiedet, globale Mindeststeuern für multinationale Konzerne – ein erster Schritt dazu wurde bereits getan, die Internalisierung ökologischer Kosten in die Produktion durch CO2-Steuern und wirksame Emissionszertifikate sowie ökologische Richtlinien für das Produktdesign. Dazu kommt die Umlenkung der Kapitalströme, wie sie die Divestement-Bewegung sowie die neue EU-Taxonomie für nachhaltige Investments vorschlägt. Über die Abschwächung des Shareholder Value-Denkens haben wir bereits gesprochen.
Die sich verschärfende Vermögens- und Einkommensschere kann durch ein wirksames umverteilendes Steuersystem, aber auch durch soziale Innovationen wie ein Erbe für alle, das etwa Thomas Piketty oder das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vorschlägt, überwunden werden. Manche plädieren auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Reale Chancen auf neue Paradigmensetzungen und Umsteuerungen haben meines Erachtens lediglich Reformkonzepte, die an vielen Bereichen ansetzen, um das Wirtschaften in neue Bahnen zu lenken. Die Verschiebung der Kapitalströme auf nachhaltige Technologien und Produktionsstrukturen gelingt jedoch nur, wenn die fossilen und ressourcenvergeudenden Produktions- und Konsumstrukturen teurer als die nachhaltigen sind.
Hier ist die Politik gefordert – moderne Wirtschaft funktioniert über die Sprache der Preise. Unternehmen und Bürger:innen brauchen neue Grenzsetzungen – auf Freiwilligkeit (allein) ist nicht zu vertrauen. Zudem sind die Wirtschaftsstrukturen so auszurichten, dass – wie bereits ausgeführt wurde – eine gute Grundversorgung für alle sichergestellt wird, nicht mehr der unbegrenzte Zugang zu Luxusgütern. Der Begriff des Wohlstands wird von jenem des Wohlbefindens abgelöst, Fortschritt wird es weiterhin geben, er wird aber nicht mehr als Expansion, sondern als Anpassung an neue ökologische Begebenheiten gesehen, wie der Soziologe Philipp Staab ausführt.
Ein Modell bietet die Donut-Ökonomie von Kate Raworth: Sie verbindet die planetaren Grenzen mit den Grundbedürfnissen für ein gutes Leben: Zugang zu Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung, Einkommen & Arbeit, Politische Teilhabe und einiges andere mehr. Gemeinsam mit der Universität Leeds hat sie zahlreiche Länderprofile erstellt, in denen gezeigt wird, wie Länder in Bezug auf die ökologischen und sozialen Parameter abschneiden.
Notwendig bleibt auch ein Wertewandel sowie ein neues Framing des Wirtschaftens – nicht mehr die Produktion für jene, die bereits genug haben, sondern für jene, die Bedarf haben, muss in den Fokus rücken. Ob die Abkehr vom Überkonsum jedoch allein durch die Ausbreitung postmaterieller Lebensstile erreicht werden kann, wie der Postwachstumsökonom Niko Paech hofft, ist fraglich. Denkbar wären auch gestaffelte Konsumsteuern – ein im Buch vorgestelltes Konzept dazu stammt von Peter Spiegel und Giorgio Zervas, selektive Werbeverbote sowie höhere Werbeabgaben, wie etwa Jason Hickel vorschlägt. Vorgaben für die Tabakindustrie könnten durchaus auch auf klimaschädliche Produkte ausgeweitet werden. Und: Verbindliche Reduktionspfade für Treibhausgase und Ressourcenverbrauch werden den Warenkonsum ohnedies verteuern – der Zugang aller zur Befriedigung der Grundbedürfnisse muss ins Zentrum des Wirtschaftens gerückt werden.

Quelle: www.doughnuteconomics.org/tools/65
Der Wachstumsdrang könnte durch höhere Kapitalertragssteuern, die hohe Renditen weniger attraktiv machen, oder durch langfristige Beteiligungsformen an Unternehmen, etwa die von Kate Raworth vorgeschlagenen „Evergreen Direct Investments“ gedämpft werden.
In der Energiewende können wir auf immer bessere Technologien sowie deren Wettbewerbsfähigkeit hoffen. Zugleich müssten jedoch alle Subventionen in fossile Energien umgehend abgestellt werden. Zudem muss der Reduktion des Energieverbrauchs mehr Augenmerk geschenkt werden, was insbesondere eine andere und verringerte physische Mobilität sowie ein Zurückfahren des Güterkonsums zugunsten langlebiger Produkte erfordert.
Die Pandemie hat so wie davor die Finanzkrise zu einer starken Ausweitung der Staatstätigkeit geführt – unterstützt wurden nicht nur die Bürger*innen, sondern in großem Ausmaß auch Unternehmen. Die Chance, den Staatsinterventionismus für eine sozial-ökologische Wende zu nutzen, wurde nur bedingt genutzt. Die Hoffnungen auf nachhaltige Wirtschaftsweisen in einer Post-Corona-Gesellschaft wurden enttäuscht, der Wunsch nach Rückkehr zur alten Normalität war zu groß. Die lockere Geldpolitik führte letztlich gemeinsam mit dem Ansteigen der Energiepreise im Zuge von Putins Krieg gegen die Ukraine doch in die Inflation, die nun mit einem Anziehen der Zinsen gedämpft werden soll.
These 9: Umsteuerung passiert nicht auf Knopfdruck, sondern erfordert das Drehen an vielen Schrauben. Pionier:innen des Wandels zeigen praktische Alternativen auf. Wissenschaft und NGOs stoßen strukturelle Änderungen an. Neue politische Bündnisse schaffen Mehrheiten für neue Regeln.
Umsteuerung braucht daher auch viele Menschen, die in vielen Bereichen Neues wagen, und Politik und Wirtschaft ermuntern, dies ebenfalls zu tun. Die Wege der Transformation sind vielfältig. Die Umsteuerungen müssen daher nach dem Mehr-Ebenen-Prinzip in allen Bereichen erfolgen. Die Politik hat die Rahmenbedingungen zu setzen. Diese tut und kann dies jedoch nur, wenn sie genügend zivilgesellschaftlichen Druck verspürt. Dafür sind Allianzen aus Nichtregierungsorganisationen, innovativen, nachhaltigen Unternehmen, sich ökologischen Fragen öffnende Gewerkschaften und für den Wandel offenen Vertreter*innen aus der Politik zu schmieden. Auch Vermögende können für die Transformation gewonnen werden, wie die Initiative „Tax me now“ oder aufgeschlossene, emanzipatorische Stiftungen zeigen, die Alexander Behr in „Globale Solidarität“ beschreibt.
Mit Thomas Piketty argumentiere ich, dass Reformen zur Zügelung des Kapitalismus immer durch soziale Kämpfe errungen werden mussten. Dies wir in Zukunft nicht anders sein. Ähnlich sieht das der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister: „Vielleicht sollten wir die Widersprüche zwischen Kapitalismus, sozialem Zusammenhalt, Wirtschaftswachstum und Umwelt nicht theoretisch zu lösen versuchen, sondern praktisch durch Konzipierung und Umsetzung konkreter Schritte in Richtung auf neue große Ziele: eine öko-soziale Kreislaufwirtschaft, die auf demokratischer Basis ein gutes Leben der Vielen ermöglicht.“ Der Weg zu einer solchen realen Utopie bestehe in einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Bändigung des Kapitalismus, zähmen lasse er sich nämlich nicht. Welche Form dann ein gebändigter Kapitalismus bei keinem oder nur minimalem Wachstum annimmt oder ob er in einer Kreislaufwirtschaft langsam abstirbt, könnten wir künftigen Generationen überlassen.
These 10: Die Zukunft bleibt offen. Das kann als Hoffnungsmoment gelesen werden, aber auch als Hinweis auf keine Gewissheit eines guten Ausgangs. Der Suchprozess nach neuen, besseren Lösungen auf allen Ebenen, in allen Gesellschaftsbereichen und in allen Wirtschaftssektoren muss weitergehen.
Die Aufgaben der Politik werden steigen, das erfordert weitsichtige und mutige Politiker:innen. Ebenso braucht es aber innovative und aufgeschlossene Unternehmer:innen, eine engagierte und kreative Zivilgesellschaft sowieso.
Der Weg einer „Just Transition“ macht neben neuen Technologien und sozialen Erfindungen auch eine faire Verteilung des dann geschrumpften Wirtschaftsprodukts nötig. Wir werden in Zukunft nicht schlechter leben, aber anders. Positive Zukunftsbilder bleiben wichtig, um antidemokratischen sowie restaurativen Kräften die Stirn zu bieten. Sollten sich die ökologischen Krisen – oder auch die geopolitischen – zuspitzen, werden wir froh sein auch über heute noch unvorstellbare Konzepte moderner Rationierungswirtschaften – Corona hat dafür einen Vorgeschmack gegeben. Doch noch ist auf eine evolutionäre Transformation, die auf eine Veränderung der Institutionen und Regelwerke ebenso setzt wie auf einen Bewusstseins- und Wertewandel zu hoffen. Ob die Zeit dann gereicht haben wird, bleibt offen. Aber die Klimaforschung betont, dass jedes Zehntel Grad weniger Erwärmung sinnvoll ist. Also jede Maßnahme in die richtige Richtung zählt.
Was können wir als Einzelne tun, werdet ihr fragen? Kraft läge in einem anderen Wertebewusstsein, das Wirtschaften als sozialen Prozess begreift – in der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen ebenso wie in unseren Konsumhandlungen. Wenn nicht mehr allein der Preis eines Gutes den Kaufakt bestimmt, sondern das Wissen, wer das Gut unter welchen Bedingungen hergestellt hat, entsteht eine neue Qualität von Beziehung. Dies ist in einer hochgradig arbeitsteiligen Ökonomie mit den globalisierten, anonymen Produktionsketten nicht einfach. Wirtschaften müsste daher wieder stärker in den Nahraum der Menschen verlagert werden – eine Re-Regionalisierung würde nicht nur die Resilienz erhöhen, sondern auch die Beziehung zwischen den Wirtschaftsakteur*innen.
Eine moderne Bedarfsökonomie, die (wieder) den Gebrauchswert der Güter in den Mittelpunkt stellt, würde uns nicht schlechter leben lassen, aber zukunftstauglich. Vielleicht erhält das bereits in den 1970er Jahren diskutierte System einer „dualen Wirtschaft“ mit einem stark ausgeweiteten öffentlichen bzw. gemeinwohlorientierten Sektor bei gleichzeitiger Schrumpfung der ökologisch destruktiven Sektoren angesichts der aktuellen Krisen, die den Staat rehabilitieren, neue Umsetzungschancen? Der Shareholder-Value-Kapitalismus würde zurückgedrängt, die Marktwirtschaft (wieder) Fuß fassen. Ein Selbstläufer ist auch das freilich nicht. Notwendig sind zivilgesellschaftlicher Druck, die Dekonstruktion von Mythen, etwa in Bezug auf die scheinbare Alternativlosigkeit des gegenwärtigen Systems, und damit auch mehr öffentliche Diskurse über Neuansätze. Ich hoffe mein Buch kann ein wenig dazu beitragen.
Fragen zur Diskussion:
- Gibt es realistische Alternativen zu Veränderungen im Kapitalismus?
- Wenn nein, was sind die zentralen Hebel für seine Bändigung und wie würde eine ökosoziale Marktwirtschaft aussehen?
- Ist es realistisch, dass die noch verfügbaren fossilen Energieträger unter der Erde bleiben und wie könnte es gelingen? Noch machen die “Fossilen” 80 Prozent des Weltenergieverbrauchs aus. Die Internationale Energieagentur geht von einem Zuwachs des Energieverbrauchs um weitere 30 Prozent bis 2040 aus, an die 60 Prozent sollen dann weiterhin aus fossilen Quellen stammen.
- (Wie) sind wachstumsneutrale Unternehmen und Volkswirtschaften machbar? Und was braucht es dafür? Weniger Fremdkapitalabhängigkeit, mehr persönliche Kundenbindung, egalitäre Einkommens- und Vermögensverhältnisse, neue Unternehmensformen?
- Wie könnte eine Fokussierung auf eine gute Grundversorgung für alle gelingen? An der WU Wien gibt es beispielsweise nun einen Lehrstuhl für Alltagsökonomie. Können wir mit diesem transformierten Wohlstandsversprechen – Sicherung der Lebensgrundlagen statt Statussicherung – den populistischen Rechten entgegenwirken?
- Damit zusammenhängend: Wie erreichen wir politische Mehrheiten für eine faire Verteilung des Erwirtschafteten und für eine Überwindung des obszönen Überreichtums – so ein Begriff des Reichtumsforschers Martin Schürz.
- Wie wird sich das Wirtschaften bei einer weiteren Verschärfung der Klimakrise verändern? Welche Kosten kommen da auf uns zu? Werden wir dadurch notgedrungen zu Einschränkungen gezwungen werden?
- Schließlich: Wie würde eine Ökonomie für die Hungernden aussehen?
[1] Schriftliche Fassung des Vortrags. Alle zitierten Quellen sind im Buch zu finden: Wirtschaftswende. Transformationsansätze und neue makroökonomische Konzepte im Vergleich. München: oekom, 2024. Mehr: www.hans-holzinger.org/wirtschaftswende