
Inmitten der Pride Week lud die HOSI Salzburg zu einem ungewöhnlichen Podiumsgespräch. Unter dem Motto „Die großen Fragen unserer Zeit“ diskutierten im voll besetzten Toihaus in der Stadt Salzburg Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Landjugend, NGOs und der queeren Community. Dabei ging es nicht um LGBTIQ+-Themen, sondern vor allem um Klimawandel, Demokratie, mehr Kooperation und die dringende Notwendigkeit zu handeln.
Auf dem Podium diskutierten mit Dzana Schütter (Multikultur als Kompetenz), Unternehmer Patrick Sellier (Tauglerei), Landjugend-Leiterin Angelika Trickl, dem Zukunftsforscher Hans Holzinger (Salzburger Plattform Zivilgesellschaft) und HOSI-Geschäftsführerin Felice Engagierte aus unterschiedlichen Sphären, moderiert von Tobias Posawetz vom TOIHAUS.
Einige der Erkenntnisse: Wir stehen nicht am Anfang. Es gibt genügend Neuansätze, die zur Nachahmung anregen. Es macht Sinn, wenn sich Gruppen in ihren Themen engagieren – „One Issue“-Bewegungen sind durchaus erfolgreich. Bei großen Fragen wie der Klimakrise, der Demokratie, Menschenrechte oder Frieden sollen aber auch Bündnisse geschlossen werden. Es geht dabei nicht nur um Kooperationen in der Zivilgesellschaft, sondern auch mit aufgeschlossenen Personen und Gruppierungen in der Politik und Wirtschaft. Auch die Medien müssen in die Pflicht genommen werden, um über positve Neuansätze stärker zu informieren. Insbesondere Kooperationen mit Initiativen, die neue Zielgruppen erreichen, etwa die Landjugend, können neue Impulse setzen.
Die Salzburger Plattform Zivilgesellschaft mit ihren derzeit über 60 Gruppen versteht sich in diesem Sinne als loses Vernetzungsinstrument, über welches Veranstaltungen und Aktionen der Mitgliedergruppen vor den Vorhang geholt werden. Die Plattform dient somit der gegenseitigen Information und lädt Interessierte ein, sich einer der Gruppen anzuschließen. Das Netzwerktreffen der Salzburger Klima- und Nachhaltigkeitsinitiativen am 24. September bietet eine erste Gelegenheit dazu.
Ein Mitschnitt der Veranstaltung kann demnächst auf FS1 nachgesehen werden. Foto: HOSI/BernieRothauer
Hier eine schriftlchen Notizen aus der Vorbereitung:
A | Vorstellungsrunde: Wer sind wir – jenseits der Schubladen
- Wie wir von anderen wahrgenommen werden – und wer wir wirklich sind
Ich war dreißig Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Robert-Jungk-Bibliothek tätig. Bei Anfragen durch Medien oder für Vorträge zog die Berufszeichnung des Zukunftsforschers am meisten, mehr als Nachhaltigkeits- oder Transformationsforscher – wohl, weil mit Zukunftsforscher Hoffnungen verbunden werden, das hier einer sei, der uns sagt, wie die Zukunft wird oder was für eine gute Zukunft zu tun sei. Als Plattform Zivilgesellschaft Salzburg, die derzeit an 60 Initiativen und NGOs in Salzburg vernetzt, tragen wir dazu bei, dass sich die unterschiedlichen Initiativen kennenlernen, voneinander wissen, was sie tun. In einem monatlichen Newsletter werden News sowie Veranstaltungen – so auch diese heute – angekündigt. Die Außenwahrnehmung von NGOs erfolgt m. E. vor allem über mediale Präsenz, vermehrt auch über Social Media. Die Pressearbeit machen aber die Plattformmitglieder eigenständig – als Plattform sind wir ein Vernetzungstool. Mein persönliches Engagement etwa bei den Scientists for Future wird von vielen geschätzt. Manche befürchten aber auch, dass ich ihnen das Schnitzle oder die Fernreise wegnehmen möchte. Das hängt immer davon ab, in welchem Milieu man unterwegs ist.
- Gedanken zur Einladung und zum Setting der Diskussion
Ich finde das Setting spannend und das Thema des Erzielens von Breitenwirkung wichtig. Mit der Landjugend sowie dem MAK Multikultur als Kompetenz z. B. haben wir bisher keinen Kontakt – das erfolgt hier am Podium, mit anderen wie der HOSI bereits sporadisch
In der Einladung heißt es: „Das Pride Festival Salzburg will daran erinnern, dass Demokratie nicht nur von Sichtbarkeit lebt, sondern davon, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Doch was passiert, wenn wir vor allem innerhalb unserer eigenen Themen, Anliegen und Bubbles denken? Wo verlieren wir Energie in Abgrenzung – und wo übersehen wir Möglichkeiten, gemeinsam mehr zu bewirken?“
Diese Frage ist berechtigt, aber es ist auch wichtig, dass sich Initiativen auf ihr eigenes Thema konzentrieren, weil sie so in ihrem Bereich mehr Wirkung haben. Wir wissen, wofür etwa Amnesty International oder der Verein gegen Tierfabriken oder die HOSI stehen – man spricht hier von „One Issue“-Bewegungen. In der Transformationsforschung nennen wir das den Mehrebenen-Ansatz. Aber es stimmt: Die Klimakrise, die Rückkehr des Krieges, die Erosion des Völkerrechts sowie die gigantische militärische Aufrüstung, ich würde auch die eklatante Vermögens- und Einkommensungleichheit – global und in unseren Gesellschaften – dazu nehmen, erfordern konzentriertere Aktionen.
Zugleich gibt es Wechselwirkungen: Wenn sich Initiativen wie „Platz für Salzburg“ (Demo am 12. September) für eine attraktive Stadt mit bedeutend weniger Autoverkehr stark machen, dann erhöht das die Lebensqualität und es ist ein kleiner Beitrag gegen die Erderhitzung. Wenn die Scientists for Future, bei denen ich aktiv bin, mit profunden wissenschaftlichen Ergebnissen an die Öffentlichkeit treten und eine wirksamere Klimapolitik einfordern, dann hilft das auch.
– Eine Schwierigkeit bei ökosystemischen Krisen ist, dass sie schleichend von statten gehen, auch wenn die Wetterextreme stark zunehmen, und mögliche Kipppunkte werden ebenso nicht wahrgenommen. Es handelt sich um einen „Meteoriteneinschlag in Zeitlupe“. Eine zweite Schwierigkeit lieg im Gefangenendilemma – alle Verursacher müssen mittun, und zwar global. Das führt zu Selbstwirksamkeitszweifeln und in der Politik zu Ausflüchten („Österreich ist nur für 0,2 Prozent de weltweiten Treibhausgase verantwortlich“ Bundeskanzler Stocker). Das ist ernst zu nehmen, aber es ist besser Teil der Lösung und nicht mehr Teil des Problems zu sein. Zudem geht es um den Mehrfachnutzen – sogenannte „Co-Benefits“: Energieunabhängigkeit, lebenswerte Städte, gesunde Ernährung u.a.m.
B | Wer löst die großen Fragen?
- Themen, die euch in eurer Rolle, Initiative oder Organisation derzeit beschäftigen
Ein Teil der Plattform Zivilgesellschaft ist die Salzburger Umwelt- und Nachhaltigkeitsvernetzung. Diese hat heuer zum zweiten Mal zu Salzburger Aktionstagen „Aufbruch für ein gutes Leben für alle“ – über zwanzig Veranstaltungen im ganzen Bundesland mit unterschiedlichen Formate: von Vorträgen über Exkursionen bis hin zu Aktionen. Der Versuch dabei ist, die eigenen Blasen zu überschreiten. Am 24. September findet das erste Vorbereitungstreffen für 2027 statt.
- Mögliche Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Perspektiven
In einer Kooperation mit der Landjugend könnten wir z.B. mehr junge Menschen erreichen – und andre als jene, die bei den Fridays for Future eh bereits engagiert sind.
- Gesellschaftliche Herausforderungen, die wir nur gemeinsam lösen können
Die ökosystemischen Krisen können wir nur gemeinsam angehen. Der Soziologe Heinz Bude spricht von einer dritten Dimension der Solidarität: neben jener in den Familien und sozialen Netzwerken sowie jener durch die Wohlfahrtssysteme der Staaten gäbe es nun eine dritte Dimension der Solidarität, die sich aus der Abhängigkeit aller von allen ergibt, denn die Erderhitzung macht an Staatsgrenzen nicht halt – auch wenn es unterschiedliche Betroffenheiten und unterschiedliche Möglichkeiten, sich etwa gegen Hitze zu wappnen, gibt (Vulnerabilitäten).
Der Erhalt und die Stärkung der Demokratie miss auch ein Anliegen aller sein. Meinem Politikverständnis nach haben die gewählten Mandatare und Mandatarinnen die Aufgabe, voranzugehen, in die Zukunft zu blicken, sich auf Basis wissenschaftlicher Befunde zu politischen Maßnahmen durchzuringen. Politik in diesem Verständnis wäre nicht nur reaktiv, sondern vorausschauend. Politiker*innen werden a.m.S. dafür bezahlt und bekommen Fachexpertise, um zu gestalten. Der neue (oder auch nicht mehr ganz neue) Rechtspopulismus schürt Ängste, löst aber keine Probleme. Herausforderungen, die mit Migration verbunden sind, müssen benannt werden, aber sie sind lösbar.
C | Vom Großen ins Konkrete
- Wie Zusammenarbeit gelingen kann
Wir müssen als Initiativen eine Balance herstellen zwischen dem Engagement zum eigenen Thema und der Vernetzung mit anderen, denn Zeit und Energie sind begrenzt. Das Schmieden von themenorientierten Bündnissen braucht Zeit. Diese sind aber sinnvoll und können sich auf punktuelle Aktionen beschränken.
In der Transformationsforschung gibt es den Begriff der Hebelwirkung. Ein verantwortlicher persönlicher Lebensstil ist wichtig, aber ebenso wichtig ist das Verändern der Strukturen – am Beispiel des Verkehrs in Salzburg: sukzessive Ausweitung der Räume für Fußgänger und Radfahrende sowie des Öffentlichen Verkehrs, dabei auch die Vorteile etwa für die Gesundheit und Lebensqualität herausstreichen. Dabei sollen wir unsere Energie nicht verschwenden für jene, die am lautesten gegen Veränderungen schreien, sondern jene zu gewinnen versuchen, die offen sind: betroffene Eltern mit Kindern, Ältere, Schüler*innen. Wichtig sind z.B. auch Menschen aus der Wirtschaft, aus Unternehmen.
- Wo wir einander unterstützen und voneinander lernen können
- Wir hatten letztes Jahr einen wichtigen Workshop mit einer Expertin für Transformationsprozesse. Sie betonte, dass jede Zielgruppe eine eigene Sprache hat und daher eine eigene Kommunikation erfordert. Sinnvoller sei es, jene anzusprechen, die offen für die eigene Sache sind. Diese könnten wiederum jene ansprechen, die man selbst nicht so gut erreicht – im Sinne eines Schneeballsystems. Ich denke eine gemeinsame Reflexion über unser Engagement ist wichtig – dazu trägt auch der heutige Abend bei.
- Konkrete Möglichkeiten, gemeinsam ins Handeln zu kommen
Themenorientierte Bündnisse schmieden, sich informieren, wo man sich in Salzburg engagieren kann. Die Plattform Zivilgesellschaft mit den über 60 Gruppen ist dazu eine gute Anlaufstelle.
D | Abschlussrunde
- Ein Ausblick oder Impuls, den ihr dem Publikum mitgeben möchtet
Sich in einer Initiative engagieren, das macht auch Spaß und Freude, man macht gemeinsam mit anderen etwas Sinnvolles, erfährt Selbstwirksamkeit. Ich halte auch viel von lokalen innovativen Projekten, Leserbriefe schreiben, Menschen in der Politik persönlich kontaktieren, selbst in die Politik gehen. Strategisch reflektieren, was welche Hebelwirkung hat, aber ohne die Ansätze anderer abzuwerten. Das Sowohl-als-auch bringt meist weiter als das Entweder-Oder.