Johannes Schmidl ist seit über dreißig Jahren im Bereich der Energiewende aktiv. Er war im Auftrag der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im Himalaya-Gebiet tätig, arbeitete für die Österreichische Energieagentur, aktuell ist er bei Erneuerbare Energie Österreich aktiv. Zudem beschäftigt er sich mit historischen und aktuellen Utopien, etwa in seinen Büchern „Energie und Utopie“ sowie „Bauplan für eine Insel. Als Gast der fünften und letzten Wallersee_Gespräche des Salzburger Bildungswerk Seekirchen las er aus seinem Essay „Über die Würde der Gletscher“ (im Bild oben mit Bildungswerkleiter Hans Holzinger).

Der Schwund der Gletscher ist für Schmidl ein Bild dafür, was verschwinden kann, wenn wir unsere Art zu wirtschaften und zu leben nicht ändern. Treibhausgase würden wir weder sehen noch riechen, sie seien daher nicht sinnlich wahrnehmbar. Anders der Rückgang der Gletscher, den wir konkret wahrnehmen und der einen unwiederbringlichen Verlust markiert. In seinem vielschichtigen Essay verwebt Schmidl physikalische Gesetze, die die Erderhitzung erklären, mit Ausführungen zur Entstehung unseres Planeten und dem Leben darauf, er stellt kulturelle Bezüge zur fossilen Moderne mit unserem gigantischen Energiehunger her und er benennt Hürden für den zwar als notwendig erkannten, aber noch immer nicht in gebührender Konsequenz eingeleiteten Wandel.

Verschwinden der Gletscher als sinnlich wahrnehmbares Bild der Erderhitzung

In der ersten Leseprobe nahm Schmidl uns mit auf eine Gletschertour, die er mit seinem Cousin vor gut vierzig Jahren gemacht hat – einem Gletscher, der heute zur Gänze verschwunden ist. Während Gletscher etwa im Himalaya oder den Anden überlebensnotwendige Wasserspeicher für die Landwirtschaft in den Tälern sind und durch ihre rasche Dezimierung wertvolles Schmelzwasser verloren geht, sei der Gletscherschwund bei uns vor allem ein sichtbares Zeichen für die Erderhitzung. Die heurige Dürre, das Vertrocknen von Wiesen und Feldern mit immensen Ernteausfällen, das Versiegen der Bäche und Flüsse, die zu einem großen Fischsterben führen, aber auch zum Abschalten von Kraftwerken, lässt uns die Erderhitzung freilich auch sinnlich wahrnehmen.

In einer weiteren Textstelle führte Schmidl die gigantische Dimension des Treibhausgasstoßes durch das Verbrennen fossiler Energie aus. Während wir für Bauten, Infrastrukturen, Güter und ähnliches als Menschheit bisher an die 1.100 Milliarden Tonnen Masse umgesetzt haben, sind es im Bereich der Treibhausgase mittlerweile an die 1.700 Milliarden Tonnen. Der Ausweg sei einfach und klar: „Wir müssen umsteigen auf hundert Prozent erneuerbare Energieträger aus Photovoltaik, Solarenergie, Wasserkraft, Wind, Biomasse und Geothermie.“ Das sei technisch längst möglich, erneuerbare Energie sei mittlerweile deutlich günstiger als fossile oder Atomenergie. Widerstände gäbe es aber seitens der Fossilkonzerne, die um ihre Profite fürchten (nach einer Schätzung verdienen diese 3 Milliarden Dollar pro Tag), aber auch seitens jener, die keine Windräder oder Photovoltaikanlagen vor ihrer Haustüre sehen wollen.

Solare Zivilisation ist in der Landschaft sichtbar

Mit Erneuerbaren Energien kehren wir, so Schmidl, auf das vorindustrielle Energiesystem zurück, jedoch auf einem hohen technologischen Niveau. Die Energiewende sei in der Landschaft sichtbar und werde zum Teil unserer technischen Zivilisation. Flächenintensiv sei aber auch die Energieaufbringung des Pferdezeitalters gewesen, da für die Fütterung der Pferde und Arbeitstiere beispielsweise um 1900 in den USA etwa ein Viertel der landwirtschaftlichen Flächen aufgewendet werden mussten.

Mit dem Philosophen Hans Jonas plädierte Schmidl für das Prinzip Verantwortung, dem zufolge wir die Folgen unseres Tuns sowohl wissenschaftlich antizipieren als auch emotional vorwegnehmen und entsprechend handeln müssten. Mit Martin Buber gehe es darum, miteinander und mit der Welt in verantwortungsvoller Weise in Beziehung zu treten. Neben Wissen und Fakten müssten wir uns emotional auf die „Weiterwohnlichkeit der Welt“ einlassen – und auch darauf, was wir zu verlieren haben.

In der abschließenden Diskussion beantwortet Schmidl auch Fragen zur konkreten Energiesituation in Österreich. Der Ausbau der Photovoltaik müsse mit Speichertechnologien verbunden werden, diese seien wie die Photovoltaik-Paneele mittlerweile sehr günstig. E-Mobilität sei in der EU leider verschlafen worden, auch hier sei uns nun China voraus. Wasserstoff werde man für Industrieprozesse und im Transportbereich (Flugtreibstoff) brauchen, nicht sinnvoll sei, diese etwa in Gasthermen oder als Antrieb für PKW zu verwenden. Angesprochen auf die neuen Rechenzentrum mit ihrem enormen Energieverbrauch betonte der Experte, dass die Abwärmenutzung als Bedingung für deren Errichtung festgelegt werde müsse. Auf Kernfusion zu hoffen – so eine weitere Frage – sei problematisch. Auch wenn diese irgendwann möglich werden könne, käme diese viel zu spät und sei bedeutend teurer als erneuerbare Energieträger. Also bleibt uns nur eines: der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien bei gleichzeitig sorgsamem Umgang mit Energie.

Resümee: Auch die letzte Veranstaltung der Wallersee_Gespräche wurde dem Motto der Reihe gerecht: „Sich austauschen über die Dinge, die unser Leben lebenswert machen“. Der Abend machte deutlich, dass eine solare Revolution nötig und auch möglich ist – und dass sie bereits stattfindet, wenn auch ihr Tempo beschleunigt werden muss.

Besten Dank alle Besuchenden für ihr Interesse und an alle Referierenden für ihre Beiträge!

Die Bücher von Johannes Schmidl können beim Sonderzahl-Verlag    sowie im Buchhandel bestellt werden. Berichte zu allen Veranstaltungen der Wallersee-Gespräche gibt es hier.

Bericht: Hans Holzinger, Fotos: Anton Wintersteller

Aus der Verlagsankündigung

Dieses Buch handelt von den Herausforderungen, die wir Menschen unserem Planeten und damit letztendlich uns selbst zumuten.

Der Physiker und Spezialist für erneuerbare Energie Johannes Schmidl beginnt seinen Essay als poetische Erzählung mit der nächtlichen Besteigung eines Alpengipfels vor fast vierzig Jahren: »Um etwa ein Uhr nachts auf 3200m Höhe standen wir zuerst atemlos, dann immer ruhiger, im Mondlicht, das die meisten Sterne überstrahlte und das riesige Gebirge um uns in seltsame, teilnahmslose Stille hüllte, die in Wahrheit die ganze dunkle Seite der Erde umfasste.«

In seinen letzten Büchern beschäftigte sich Schmidl mit der Bedeutung von utopischen Konzeptionen für unser politisches Denken und Handeln. Sein aktueller Essay ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine radikale Energiewende und deren technische Umsetzung: »Die erneuerbaren Energiequellen lassen sich – im Gegensatz zum fossilen System – kaum monopolisieren. Sie sind überall auf der Erde vorhanden und versprechen nicht Macht und Reichtum für wenige. Die Sonne scheint und die Winde wehen für die Gerechten und die Ungerechten. Wer sie nutzt, erntet Früchte, die allen gehören von den Energieströmen der Sonne und der Erde, die niemandem gehören.« Bei all der wohltuenden Hoffnung, von der dieser immer wieder ins Poetische ausgreifende Text getragen ist, läuft er nicht Gefahr, einem naiven Utopismus zu huldigen. Über dreißig Jahre nach der zu Beginn beschriebenen nächtlichen Bergtour besteigt der Autor diesen Berg wieder: Der Gletscher ist verschwunden, und die überjäh­rigen Schneefelder »werden den heißen August, der noch kommen wird, nicht überstehen.« Auch gibt es berechtigte Gründe anzunehmen, dass in den nächsten Jahrzehnten die meisten Gletscher in den Alpen seinem Schicksal folgen werden. 

Die Gletscher bzw. deren drohendes Verschwinden sind in seinem Essay einerseits Schauplatz. Zugleich übernehmen sie aber die Rolle eines emotional bewegenden Ankers, den wir anscheinend brauchen, um für die »Weiterwohnlichkeit der Welt« tätig zu werden. Denn Wissen und technische Fertigkeiten allein reichen offenbar nicht aus, damit wir tun, was wir – in unserem eigenen Interesse – müssen und immer noch können. 

Über die Würde der Gletscher ist kein Abgesang, kein pessimistisches Manifest, sondern von der Überzeugung getragen, dass sich die Katastrophe aufhalten lässt: »Es ist weiterhin möglich, die Erhitzung der Erde unter jenen zwei Grad zu halten, die 2015 im Abkommen von Paris von allen Ländern der Welt als Ziel beschlossen worden ist.« 

Rückmeldung eines Teilnehmers

„Das war gestern ein toller Abschluss der Wallersee_Gespräche. Johannes Schmidl, Energieexperte und Buchautor, verwendet die Gletscherschmelze als emotionalen Anker, um eine einfache klare Botschaft zu vermitteln: Dir Klimakrise kann durch den Umstieg von fossiler auf erneuerbare Energie gelöst werden.“ (Christian Reimitz)