
Foto: Helmut Wegenkittl
Ins Gespräch zu kommen über die Dinge, die das Leben lebenswert machen, lautet das Motto der Wallersee_Gespäche. Nach der Kraft durch Naturerfahrung, unserer Beziehung zu Tieren sowie einer Ökonomie der Grundbedürfnisse ging es am vierten Abend um die Ressource Achtsamkeit mit der Psychotherapeutin und Yogalehrerin Luisa Grabenschweiger. Das Interesse war wieder groß. Die Teilnehmenden, diesmal in einem Sesselkreis versammelt, bekamen nicht nur theoretische Ausführungen zum Thema Achtsamkeit, sondern erfuhren auch ganz praktische Übungen.
Achtsamkeit im Alltag verbinden wir mit Umsicht im Straßenverkehr, um Unfälle zu vermeiden, mit Vorsicht beim Gehen, Wandern oder Bergsteigen, um nicht zu stürzen, mit bewusstem Verhalten, um nicht Dinge zu verlegen, mit Konzentration auf eine Sache, insbesondere mit einem achtsamen Umgang mit den Mitmenschen, um diesen wertschätzend zu begegnen. Für Grabenschweiger ist Achtsamkeit noch mehr: eine Haltung „der bewussten Selbstwahrnehmung, der Selbstannahme und der Annahme dessen, was im gegenwärtigen Moment ist, ohne zu urteilen“. Achtsamkeit in diesem Sinne komme aus dem Buddhismus und sei in die westliche Kultur übertragen worden, etwa durch den Mediziner Jon Kabat-Zinn, Leiter der „Stress Reduction Clinic“ an der University of Massachusetts.
Grundhaltungen von Achtsamkeit und Skepsis dagegen
Als Aspekte von Achtsamkeit nannte Grabenschweiger die Haltung des Nicht-Wissens – ohne vorgefasste Meinungen, Vertrauen in sich selbst im Sinne von Intuition, Loslassen-Können, nicht Beurteilen und Akzeptanz dessen, was ist. Dies bedeute nicht Gleichgültigkeit oder passives Resignieren, sondern bewusstes Sein im Hier und Jetzt, wobei die Wahrnehmung des eigenen Körpers von großer Bedeutung sei: „Zu den Sinnen kommen bedeutet zur Besinnung kommen.“ Achtsamkeit sei die Fähigkeit, innerlich zurückzutreten und zu beobachten, was im Geist vorgeht; sich nicht mehr mit den eigenen Gedanken zu identifizieren; sich nicht mehr von ihnen forttragen, kontrollieren zu lassen.
Achtsamkeit werde häufig mit Meditation gleichgesetzt, doch diese sei das Ziel bzw. die Haltung, Meditation der Weg dorthin, so Grabenschweiger. Häufig sei die Achtsamkeitsbewegung mit Vorurteilen behaftet, werde mit Esoterik oder Weltabgewandtheit verbunden. Missbrauch sei durchaus möglich, etwa wenn Mitarbeitende eines Unternehmens mit Achtsamkeitstrainings angehalten werden, noch mehr zu leisten. Ähnlich wie bei Resilienztrainings, wenn diese lediglich der Leistungssteigerung dienen sollen. Hier gehe es oft darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, nicht die Belegschaften zu noch mehr Optimierung zu treiben, so Grabenschweiger.
Einsatz im pädagogischen, medizinischen und therapeutischen Bereich
Das Einüben von Achtsamkeit sei mittlerweile auch im pädagogischen Alltag sowie im medizinischen und therapeutischen Bereich als Unterstützung in der Heilung von körperlichen oder psychischen Leiden anerkannt. Der dänische Erziehungswissenschaftler Jesper Juul initiierte in seinem Land „Schulen der Achtsamkeit“ und er hat einfache Übungen entwickelt, wie man mit Kindern Achtsamkeit einüben kann, berichtete Grabenschweiger.
Als wissenschaftlich untermauerter Ansatz gelte „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn. MBSR ist eine Kombination aus traditionell-buddhistischen und verhaltenstherapeutischen Elementen, das Kabat-Zinn ursprünglich für Patient*innen seines Krankenhauses konzipiert hat. Das Programm umfasst acht wöchentliche Sitzungen von jeweils zwei bis drei Stunden Dauer sowie einem „Tag der Achtsamkeit“. Meditationspraktiken bilden den Kern des Übungsprogramms, denn Meditation verändert unseren Umgang mit Stress, so Grabenschweiger.
Von der Theorie zur Praxis – Übungen mit den Teilnehmenden
Als Achtsamkeitsübungen gelten u.a. die Gehmeditation sowie der Bodyscan, die zu einer bewussten Wahrnehmung des eigenen Körpers anregen. Beide Übungen erfuhren die Teilnehmenden unter Anleitung von Grabenschweiger, die – wie sie mitteilte – Körperübungen bewusst auch in ihrer therapeutischen Praxis einsetzt. Auf großes Interesse stießen auch die sogenannten „Ess-Meditationen“, in denen wir eingeladen wurden, den Geschmack von Rosinen sowie von Schokolade bewusst wahrzunehmen.
Diese Übungen leiteten über in den abschließenden gemeinsamen Austausch. Die Themen reichten hier von bewussterem Essen – angeregt durch die Essmeditationen – über einen achtsamen Umgang mit den eigenen Kindern und Partnern bis hin zu einer gelasseneren Haltung gegenüber dem Älter-Werden. Die Überwindung der Versäumnisangst des modernen Menschen der Multioptionsgesellschaft wurde ebenso angesprochen wie das auch aus ökologischen Gründen ratsame Loslassen, das auch als „Kunst des Unterlassens“ bzw. einer „Kultur des Weniger“ gesehen werden kann. Dass sich ein bewusster Umgang mit sich selbst und das Einbauen von Rückzug und Stille in das eigene Leben nicht mit gesellschaftlichem Engagement ausschließen, sondern einander befruchten können, machte der Abend ebenso deutlich.



Bericht & Fotos: Hans Holzinger/SBW
Literaturhinweise und ausgewählte Zitate
„Letztlich läuft alles darauf hinaus: Wo immer wir hingehen, da sind wir, was immer wir tun, ist, was wir tun. Was immer wir jetzt denken, das haben wir im Sinn. Was auch immer uns widerfahren sein mag, ist bereits geschehen. Die entscheidende Frage ist, wie wir damit umgehen, mit anderen Worten: ‚was jetzt?‘ Der Augenblick ist das einzige, womit wir arbeiten können. Nur zu häufig jedoch vergessen wir, dass wir da sind, wo wir bereits sind. Augenblick für Augenblick befinden wir uns an der Wegkreuzung des Hier und Jetzt.“ (Jon Kabat-Zinn, in: Im Alltag Ruhe finden, Herder-Verlag)
„Achtsamkeit hat viele Facetten. Sie lässt sich als das Bemühen beschreiben, die Aufmerksamkeit ganz auf den gegenwärtigen Augenblick auszurichten und das Wesen der Dinge ohne irgendeine Wertung und mitfühlend wahrzunehmen. Wir sind einfach da im direkten Kontakt mit unserem Inneren und äußeren Erleben und kommen zu Sinnen, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Zugleich ist Achtsamkeit nichts weiter als eine Rückbesinnung auf unsere angeborene Fähigkeit, ganz wach und ganz bei uns zu sein, ohne dass sich Vorstellungen, frühere Erfahrungen, Vorlieben. Oder Abneigungen als Filter dazwischen schieben. Diese Art der Wahrnehmung steht uns allen jederzeit offen.“ (Ken A. Verni, in: Anleitung zur Achtsamkeit, Verlag DK)
„Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit selten dort, wo wir just an diesem Moment tatsächlich sein sollten: im gegenwärtigen Augenblick. Und so stellen wir plötzlich fest, dass die Jahre viel zu schnell ins Land gegangen sind und wir zu wenig vom Leben mitbekommen haben. Kein Wunder! Viele sind nur noch damit beschäftigt, zu planen. Doch kaum haben sie einen Plan umgesetzt, steht schon der nächste an. Mitunter bleibt auch die Gesundheit dabei auf der Strecke. Mit Achtsamkeit kommen wir wieder in unserem Leben an.“ (Maren Schneider, in: Der kleine Alltagsbuddhist, Verlag Gräfe und Unzer)
„Die Vorstellung einer Tragfähigkeit, die sich nur an äußeren, ökonomischen und ökologischen Aspekten orientiert, ist unserer Ansicht nach nicht realistisch. Tragfähigkeit bedeutet, dass etwas mit bestimmten Fähigkeiten getragen wird, und es sind wir Menschen, die es tragen. Eine solche Haltung erfordert, dass man sich selbst kennt und andere versteht und respektiert. Dass man in der Lage ist, einfühlsam zu leben, zu denken und zu handeln, also empathisch sein kann. Aber all das erfordert Training, obwohl wir alle die Anlage zum Einfühlungsvermögen haben, zeigt uns die Erfahrung, dass das Einfühlungsvermögen nicht wie Haare, Bart und Nägel von alleine wächst. So könnte es sein, wenn die globale Gesellschaft harmonisch wäre und nicht so zersplittert und disharmonisch, wie es leider der Fall ist. Wir müssen endlich erkennen, wie notwendig es ist, unsere Aufmerksamkeit auf das innere Wachstum zu lenken, auf den Zuwachs an Empathie. So wie die Dinge heute stehen, bekommt nach wie vor das äußere Wachstum die gesamte Aufmerksamkeit, obwohl alles darauf hindeutet, dass es auf vielen Gebieten seinen Höhepunkt bereits erreicht hat.“ (Jesper Juul & Peter Hoeg, in: Miteinander. Wie Empathie Kinder stark macht. Beltz-Verlag)