„Der letztlich erfolglose ukrainische Drohnenangriff folgt einem Muster, das wir wieder und wieder erlebt haben: Kiew startet einen gewagten, aufsehenerregenden militärischen Schachzug; westliche Medien und Politiker greifen dies auf und behaupten, das Blatt wende sich; und wenn sich der Rauch verzogen hat, stellt sich heraus, dass nichts weiter erreicht wurde als eine Eskalation des Krieges. Die Ukraine geht daraus geschwächt und mit ungünstigeren Verhandlungsbedingungen hervor.“ Damit bringt der Journalist Branko Marcetic ein Grunddilemma auf den Punkt, das da heißt: Je mehr Angriffe die ukrainische Armee auf russisches Territorium führt, umso brutaler schlägt Putin zurück. Die erneute Eskalation im Sommer 2026 hat dies erneut deutlich gemacht.

Als „Verhandlungskiller“ – so ist der Beitrag von Marcetic im Journal für Internationale Politik und Gesellschaft der Friedrich Ebert-Stiftung überschrieben – bezeichnet der Autor die militärischen Gegenschläge der ukrainischen Armee. Im Mainstream der Politik der EU sowie in den führenden Medien wird mit dem neuen Drohnenkrieg der Ukraine eine Schwächung der Position Putins durch Engpässe bei bei Treibstoff, erhöhte Kriegssteuern, aber auch das Erfahren des Krieges in unmittelbarer Umgebung verbunden. ORF-Korrespondent Christian Lininger zitiert anonymisiert einen Politikwissenschaftler mit folgendem Bild: Bisher hätten die Menschen in Russland den Krieg eher wie ein Fußballspiel gesehen – weit weg von ihrer Haustüre, interessiert daran, wer gerade wie viele Geländegewinne verzeichne (wiewohl dies den Krieg ziemlich verharmlost!). Nun spüre man diesen auf der eigenen Haut. Doch Putin sitze weiterhin fest im Sattel, so auch Lininger. Die einzige Partei, die gegen den Krieg auftritt, wurde einen Monat vor den Wahlen einfach verboten. „Im Moment hängt sehr viel von unserem Zusammenhalt ab, vom Mut der russischen Soldaten und Offiziere sowie von jedem Einzelnen, der an seinem Platz gewissenhaft arbeitet, um zum Sieg beizutragen“, wird Putin im Beitrag zitiert. Er nimmt weitere tote Soldaten einfach in Kauf. Krieg ist – wie ich in einem meiner ersten Blogbeiträge formuliert habe – eben die brutalste Form der Herrschaft von Menschen über Menschen.

Zweifel an der Euphorie über ukrainische Gegenschläge

Dass die Ukraine moderne Waffen zur Verteidigung braucht, ist unbestritten. Die Euphorie mancher über die neuen Offensivschläge ist jedoch zu bezweifeln, auch wenn diese Zweifel in der medialen Öffentlichkeit nicht oder kaum Gehör finden. Marcetic – erschreibt u.a. für das Schweizer Jacobin Magazin – tut es. Dass sich durch die ukrainischen Drohnenangriffe „das Blatt wenden“ werde, sieht er nicht: detaillierte Analysen der tatsächlichen Frontverläufe würden zeigen, dass sich vor Ort kaum etwas geändert hat. Russland hätte sogar geringfügige Geländegewinne erzielt – während sich zugleich die schweren personellen, demografischen und wirtschaftlichen Krisen der Ukraine weiter verschärften. „Schlimmer noch: Die Drohnenangriffe haben die bislang schwersten russischen Vergeltungsschläge hervorgerufen. Moskau hat seine Angriffe auf die Ukraine deutlich verstärkt und einen der größten ballistischen Raketenangriffe des gesamten Krieges durchgeführt – und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem den Vereinigten Staaten und Europa die Abfangraketen zur Verteidigung ausgehen. Da Russland nun die Hafenanlagen und Handelsschiffe der Ukraine im Schwarzen Meer angreift, entgehen dem Land Einnahmen in Milliardenhöhe, und sein BIP könnte um bis zu 1,5 Prozent sinken.“

Als Ende 2022 die Ukraine Putins geschätzte Kertsch-Brücke, die das russische Festland mit der Krim verbindet, teilweise zerstörte, habe es ebenfalls euphorische Hoffnungen auf eine Wende des Krieges gegeben, so Marcetic. Doch eingetreten sei das Gegenteil: „Der Angriff verschaffte den russischen Hardlinern jedoch die Oberhand in Moskau und löste in der Folge eine massive russische Eskalation aus, die die Energieinfrastruktur der Ukraine kurz vor Einbruch des Winters schwer beschädigte.“ Der Autor zitiert weitere Fälle einer Eskalation durch sogenannte Gegenschläge.

Fehlwahrnehmungen verlängern das Töten

Marcetic kritisiert ein immer wiederkehrendes Muster: „Eine Kombination aus Wunschdenken und Fehlinformationen reicht gerade aus, um die Vorstellung eines militärischen Sieges am Leben zu erhalten, untergräbt aber zugleich die Aussicht auf schmerzhafte, aber notwendige Verhandlungen und rächt sich letztendlich auf immer schlimmere Weise an der Ukraine und ihrer Bevölkerung. Die enormen menschlichen, wirtschaftlichen und sozialen Kosten, die durch die Fortsetzung des Krieges entstehen, bleiben unterdessen für einen Großteil der westlichen Öffentlichkeit unsichtbar. Stattdessen wird sie immer wieder mit Schlagzeilen und Rhetorik konfrontiert, die ihr versichern, der Sieg sei zum Greifen nah.“

Die Unwilligkeit der Ukraine-Unterstützer, die Vorstellung eines militärischen Durchbruchs aufzugeben, sei verständlich. Schließlich ist die Ukraine das Opfer des russischen Angriffs, und es erscheint zutiefst ungerecht, dass der Aggressorstaat ungestraft davonkommen oder sogar von einem eklatant illegalen und unmoralischen Angriff profitieren könnte.

Doch dieses Wunschdenken habe der Ukraine jedes Mal, wenn es die Oberhand gewonnen hat, geschadet. Es sei unklar, ob eine der beiden Seiten derzeit zu ernsthaften Friedensgesprächen bereit sei: „Doch wenn sich diese Chance erneut bietet, dürfen wir uns nicht von einer weiteren Medienkampagne ablenken lassen, die behauptet, mit einem ’seltsamen Trick‘ könne Russland besiegt werden.“

Ein ernüchternde, aber nüchterne Einschätzung der realen Lage. Putin sei nicht wirklich zu Verhandlungen bereit, lautet das medial kolportierte Argument. Das mag stimmen oder auch nicht. Es geht aber darum, permanent Verhandlungsbereitschaft einzumahnen. Es wurden – wie der Konfliktforscher Friedrich Glasl aufzeigt – bisher zahlreiche „Windows of Opportunity“ für Verhandlungen verpasst, doch wie lange soll das Töten und die Zerstörung noch weitergehen? Einen Gewinner gibt es bereits – die Rüstungskonzerne. Diesen stehen viele Verlierer gegenüber – allen voran die Leidtragenden im Kriegsgebiet, die vielen toten und verwundeten Soldaten auf beiden Seiten, die getöteten und verwundeten Zivilist*innen, der Verlust an Infrastrukturen, steigende Weltmarktpreise für Lebensmittel, letztlich eine generelle Militarisierung des Denkens und der internationalen Beziehungen.