„ Krieg ist eine Auseinandersetzung, bei der sich viele, die einander nicht kennen, töten auf Befehl von wenigen, die einander sehr wohl kennen, aber nicht töten.“ (George Bernard Shaw, zitiert nach Glasl, S. 31)
Friedrich Glasl zählt zu den weltweit bedeutendsten Friedens- und Konfliktforschern. Sein neunstufiges Modell der Eskalation gehört zum Standardrepertoire der Konfliktforschung. Glasl hat aber nicht nur theoretisch gearbeitet; vielmehr ist es umgekehrt: seine Überlegungen basieren auf umfangreichen Erfahrungen in der Organisationsentwicklung, Mediation und Vermittlung in internationalen Konflikten. Johan Galtungs Ausspruch, dass die beste Theorie reflektierte Praxis sei, trifft auf Glasls Wirken und Schaffen wohl in besonderer Weise zu. In „Die Paradoxie des Wettrüstens“ fasst der am 23. Mai 1941 in einer Arbeiterfamilie in Wien geborene Experte – er feierte also vor kurzem seinen 85. Geburtstag – nochmals sein Denken zusammen und wendet dieses auf aktuelle Konflikte, insbesondere den Ukraine-Krieg, sowie auf das erneute globale Wettrüsten an.
„Ein Teufelskreis bleibt so lange am Laufen und wird sich ausweiten, bis jemand die Wirkmechanismen erkennt und durchschaut. Wenn sich jemand dadurch auch der eigenen Anteile am Entstehen und Eskalieren des Teufelskreises bewusst wird, kann in ihm der Wille reifen, die Selbststeuerung trotz innerer Widerstände zurückzugewinnen.“ (Friedrich Glasl, S. 131)
Die neun Stufen der Eskalation von verbalen Auseinandersetzungen über Drohstrategien und erpresserische Aktionen bis hin zum offenen Schlagabtausch, der die Streitparteien gemeinsam in den Abgrund treiben kann, erweitert Glasl in seinem neuen Buch um sechszehn Ansätze der Kriegslogik, denen er sechszehn Ansätze der Friedenslogik entgegenstellt. Er bezieht sich dabei auf die neurologischen Forschungen von Joachim Bauer, denen gemäß in sich verhärtenden Konflikten die rationale Selbststeuerung aussetze und durch eine Affektlogik ersetzt werde: „Die Kriegslogik wird nicht primär von der Ratio geleitet, sondern von Emotionen getrieben.“ (S. 21) Das Denken werde undifferenziert, das Verhaltensrepertoire verarme.
Friedenslogik hingegen zeichne sich durch die Fähigkeit aus, die Folgen des eigenen Handelns zu antizipieren und auf aggressive Akte des Gegenübers deeskalierend zu wirken. Dies unterscheide Verantwortungsethik von Gesinnungsethik, so Glasl. Wichtig seien sachliche Information und Verzicht auf Täuschungsmanöver, Aussteigen aus dem Freund-Feind-Schema sowie aus Kollektivverurteilungen und – was besonders schwer falle – auch mit dem Aggressor das Gespräch zu suchen: „Wenn mit Menschen, die faktisch über den Einsatz von Waffengewalt entscheiden, nicht verhandelt wird über Waffenruhe, Waffenstillstand, Gefangenenaustausch, humane Korridore usw., kann ein Ende der Gewalthandlungen nur auf dem Schlachtfeld entschieden werden und fordert hohen Blutzoll.“ (S. 32) Glasl geht auch davon aus, dass Wirtschaftssanktionen in der Regel ihre gewünschte Wirkung verfehlen, wie man am Beispiel Russlands sehen könne. Zudem sei die Frage, wer den Krieg begonnen habe, nicht die wichtigste, sondern jene, „wodurch der Konflikt aktuell aufrechterhalten“ wird, was „der eigene Anteil daran“ sei und was der „eigene Beitrag zur Deeskalation“ (S. 160).
Zur Bedeutung von Windows of Opportunity
Glasl beschreibt zahlreiche „Windows of Opportunity“, die zur Beendigung des Ukraine-Krieges ergriffen werden hätten können – von den ersten Verhandlungen über eine Beendigung des Krieges bereits Wochen nach der Invasion russischer Truppen („Istanbul Plan“) über Vermittlungsangebote der UNO und des Papstes bis hin zu einem detaillierten Vermittlungskonzept seitens China, den der damalige US-Präsident Joe Biden ausgeschlagen habe, um nicht an China „die Rolle des Friedenstifters abtreten“ (S. 53) zu müssen. Pekings Bemühen um einen nachhaltigen Frieden, vorgelegt bei der Münchner Sicherheitskonferenz am 25. 2. 2023, sei von den westlichen Medien weitgehend verschwiegen worden. Auch die OSZE-Konferenz im März 2023 in Wien sei nicht für Dialoge genutzt worden, sondern lediglich zu heftigen verbalen Angriffen gegen die russische Delegation.
„Für die De-Eskalation ist es zieldienlich, bestehende Vertrauensbeziehungen zu einflussreichen Personen des gegnerischen Systems wertzuschätzen und für direkte Gespräche zu nutzen. Freundschaften aus früheren Zeiten des Friedens können einen Zugang zu EntscheiderInnen verschaffen und sollten erhalten bleiben, um den Mächtigen bezüglich ihres Denkens und Tuns du dessen Auswirkungen ehrliche Rückmeldungen zu geben.“ (Friedrich Glasl, S. 30f.)
Glasl analysiert den Ukrainekrieg anhand seines Modells der Eskalationsstufen bzw. der Deeskalation von Konflikten. Abkehr vom „Win-Lose-Denken“ (S. 39) gehört hier ebenso dazu wie der Verzicht, auf das gegenüber Druck auszuüben sowie Vorbedingungen für Verhandlungen zu stellen: „Druck erzeugt Gegendruck und kann höchstens zu einer Unterwerfung führen, wenn eine Seite über deutliche Machtüberlegenheit verfügt.“ (S. 42) Das Fatale: In der Vergangenheit seien deshalb oft Kriege weitergeführt worden, „obschon jede Partei durchaus erkannt hatte, dass sie für beide Seiten aussichtslos waren“ (S. 44). Vermittlungsdienste Dritter – sogenannter „Guter Dienste“ (S.54) – seien häufig die einzig verbleibende Chance, aus der Zerstörungshybris auszusteigen, eine „proaktive Neutralitätspolitik“ (S. 168) könne hier hilfreich sein. Die Ukraine habe das Recht zur Selbstverteidigung, doch müssten mit „ebenso starkem Einsatz schnell und beharrlich diplomatische Prozesse eingeleitet werden“ (S. 157). Die Aussage, man könne mit Putin nicht verhandeln, er verstehe nur die Sprache der Gewalt, führe jedoch spiegelbildlich zur Steigerung der Drohgebärden: „Die Konfliktparteien haben nicht einen Konflikt, sondern der Konflikt hat sie.“ (S. 98) Dies zeigt sich deutlich auch in der Eskalationsfalle, in die Donald Trump im Krieg gegen den Iran getappt ist.
Neues Wettrüstens
„Wettrüsten ist Ausdruck einer Haltung der Hegemonie unter Großmächten, von denen jede die stärkste sein will. Wenn sich das konkurrierende und abwertende Gegeneinander der Regierenden dieser Staaten nicht zu einem wertschätzenden Miteinander wandelt, wird das Wettrüsten bestehen bleiben.“ (Friedrich Glasl, S. 130)
„Die Welt steht schon seit zwei Dezennien vor einer Wegscheide. Das bisherige Aufrüsten und Wettrüsten hat früher oder später zu Kriegen geführt, weshalb sich die Frage stellt: Wann schlägt eine defensiv gemeinte Koalition in eine Offensivallianz um? Mit einer weiteren und verschärften Eskalation könnte der Point-of-no-return überschritten werden. Die Lage würde damit noch weiter außer Kontrolle geraten, weil alle Entscheiderinnen und Entscheider von der Affektlogik bestimmt werden. Das Gleichgewicht des Schreckens als Riegel am Tor zur Hölle hindert nicht vor dem Sturz in das Inferno. Wenn der Riegel einmal geöffnet ist, gibt es für niemanden Überlebenschancen.“ (Friedrich Glasl, S. 138)
Mit Verweis auf das Wettrüsten, das in den Ersten Weltkrieg geführt hat, und dem atomaren Wettrüsten im Kalten Krieg warnt Glasl vor der gegenwärtigen neuen Hochrüstungsspirale, die nicht nur enorme Ressourcen verschlinge, sondern die Eskalationsdynamik vorantreibe. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ (S. 138) sei trügerisch, es könne zum „Sturz in das Inferno“ (S. 139) werden: „Wenn der Riegel einmal geöffnet ist, gibt es für niemanden Überlebenschancen“ (ebd.). Die Rückkehr zu Rüstungskontrollverhandlungen sowie die generelle Ächtung von Atomwaffen seien daher zentrale Schritte hin zu einer kooperativen Weltordnung. Anders als der Militärstratege Carl von Clausewitz formuliert Glasl: „Der Krieg ist die Fortsetzung einer schlechten Politik mit noch schlechteren Mitteln.“ (S. 81)
„ In innenpolitischen Auseinandersetzungen vieler Länder und ebenso in der internationalen Politik wird aufgerüstet, sowohl in Worten als auch in Taten. Anstatt alle Kräfte zu bündeln für innovative Problemlösungen.“ (Friedrich Glasl, S. 96)
Das erneute Wettrüsten destabilisiere die Welt. Die jährlichen Rüstungsausgaben Chinas und Russlands zusammen entsprächen derzeit einem Drittel jener der USA und der EU inkl. Großbritanniens, erstere müssten daher eher einen Überfall fürchten. Russlands Medien würden diese Stimmung auch gezielt als Rechtfertigung der eigenen Aggressionen schüren, so Glasl.
Glasl beschreibt ausführlich, wie es zu Eskalationsdynamiken kommt, etwa am Beispiel der Fehler der Diplomatie im Vorfeld des Ukrainekrieges; er skizziert aber auch Wege, wie aus Gewaltspiralen ausgestiegen und Konflikte befriedet werden können. Er wendet sich an die Politik und Diplomatie ebenso wie an die Zivilgesellschaft – ein Kapitel ist den Erfolgskriterien gewaltfreier Protestbewegungen gewidmet, ein weiteres der Stabilisierung von Gesellschaften nach Umbrüchen.
Resümee: Das Buch gibt nicht nur eine theoretische Einführung in die De-Eskalation von Gewaltprozessen, sondern macht diese an konkreten Beispielen deutlich. Ihm sind viele Lesende zu wünschen, denn die aktuellen öffentlichen Debatten zu Sicherheitsthemen werden allzu einseitig geführt und das neu entfachte Wettrüsten erfordert schleunigst sachliche Gegenargumente. Hans Holzinger
Friedrich Glasl: Die Paradoxie des Wettrüstens. Zum Konfliktmanagement geopolitischer Krisen. Verlag Geistesleben, Stuttgart / Haupt Verlag, Bern 2026. 341 Seiten
„Da im Grunde alle Nationen unter den Folgen des Krieges leiden, haben alle Menschen und ihre Regierungen wie auch NGOS und die Zivilgesellschaft als Stakeholder Anspruch auf eine Beendigung der Gewalt. Sie sind wirklich essentiell gefährdet und das legitimiert sie, als Friedensstifter aktiv zu werden.“ (Friedrich Glasl, S. 56)