Der Historiker der Yale University Odd Arne Westad ist Experte für den Ersten Weltkrieg und beschreibt in „Der kommende Sturm“[1], wie die Regierenden der damaligen Großmächte in diesen Krieg, der über vier Millionen Todesopfer gefordert hatte, schlitterten. Die meisten davon junge Männer, die in den Schlachten an vielen Fronten gefallen waren. Ein Krieg, der „durch eine Reihe miteinander verknüpfter Entscheidungen ausbrach, die viel ältere Männer fern des Schlachtfeldes trafen – Entscheidungen, von denen einige zufällig oder sogar wirr waren“ (S. 10), so der Historiker.

Die Ermordung des Thronfolgers der k. und k. Monarchie Franz Ferdinand und seiner Frau sind bekannt; auch das einen Monat später erfolgte Ultimatum an Serbien, das für die Serben unerfüllbare Forderungen enthielt. Weniger bekannt ist, dass Kaiser Wilhelm II zögerte, in den Krieg einzutreten, aber von einigen seiner Militärs dazu gedrängt wurde. Eine Depesche Kaiser Wilhelms an den russischen Zar, die ein Abwenden des Krieges zum Inhalt hatte, war bewusst verzögert überbracht worden. Die französiche Regierung stand zur Bündnistreue mit Russland, sann wohl auch auf Revanche für den verlorenen deutsch-französischen Krieg. Die britische Regierung hielt sich zurück, vertraglich war sie nur an den Schutz der Neutralität Belgiens gebunden. Zentral war jedoch, so schildert Westad, der Argwohn gegenüber dem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, der gefühlte Abstieg Großbritanniens als führende Weltmacht und insbesondere das gigantische Wettrüsten.

Dies führt den Historiker zu seinen zentralen Thesen über den Ausbruch großer Kriege: wachsendes Misstrauen, Fehlwahrnehmungen, geschürte Ängste und nationalistische Ressentiments: „Um einen großen Krieg zu vermeiden, muss man die Ängste und Ressentiments, die zu einem solchen führen können, verstehen und sich um ihre Beseitigung bemühen; wenn man nicht begriffen hat, was andere als Bedrohung ansehen, kann die Bemühung um Lösungen niemals erfolgreich sein.“ (S. 80) Die Entscheidung für einen Krieg setze sich, wie schon 1914, oft aus drei Hauptelementen zusammen: Der Einschätzung der relativen Stärke, den Einstellungen und Überzeugungen und den unmittelbaren Ursachen.“ (S. 76). Eine wichtige Rolle spiele Angst: „ Nur sehr wenige führende Politiker sind wirklich überzeugt davon, dass ein großer Krieg die beste Lösung für ihr Land ist. Was sie in den Krieg treibt, ist in der Regel Angst, und zwar oft eine Angst der lähmenden Art, die sie daran hindert, etwas zu unternehmen, das einen Krieg unwahrscheinlicher macht oder ihnen wenigstens die Zeit verschafft, in der ein Frieden ausgehandelt werden könnte.“ (S.76) Dazu komme die Fehlwahrnehmung, „dass mit dem Gegner absolut keine Friedensregelung möglich sei, was meist nicht zutrifft.“ (S. 77)

Warnung vor einem großen Krieg in Asien

Westad ist ein Vertreter der realistischen Schule und plädiert für Machtgleichgewichte. Seine Überzeugung: Hätte Großbritannien klar gemacht, dass es einen Krieg Deutschlands nicht dulde, wäre der Erste Weltkrieg womöglich verhindert worden. Zugleich könne aber das Suchen nach Sicherheit in immer neuen Bündnissen, die darauf abzielten, feindliche Mächte von einem Angriff auf das eigene Land abzuhalten, die Kriegsgefahr erhöhen, da sie die Freund-Feind-Problematik verschärften. Gepaart mit der Entwicklung offensiver militärischer Pläne, die bei einem unmittelbaren Kriegsrisiko zum Einsatz kommen sollten, könne dies die Eskalation vorantreiben, weil diese Pläne im Widerspruch zu Vertrauensbildung stünden. Nicht verhindern könnten einen großen Krieg moderne Waffen der Abschreckung – so wie die chemischen Waffen, also Giftgas, den Ersten Weltkrieg nicht verhindert hätten, so gäbe es heute keine Gewähr, dass dies Nuklearwaffen täten.

Die größte Gefahr für den Ausbruch eines großen Krieges heute sieht Westad in Asien – im Konflikt um Taiwan, den Einfluss im Ostpazifik, in Grenzkonflikten zwischen Indien und Pakistan oder Indien und China, einer erneuten Konfrontation zwischen Nord- und Südkorea. Die USA als noch führende Weltmacht sehen in China einen wirtschaftlich und militärisch aufsteigenden Konkurrenten. Seine militärische Präsenz werde daher in dieser Region konzentriert. Nur eine behutsame, auf Ausgleich ausgerichtete Diplomatie könne verhindern, dass von schwelenden Konflikten Funken zu einem großen Krieg überspringen. Westad beschreibt den zunehmenden Nationalismus in China und Indien, aber auch in den anderen Staaten der Region als Problem; und er ist besorgt über das sich beschleunigende Wettrüsten aller Staaten in der Region, einschließlich Japans. China habe insbesondere im letzten Jahrzehnt massiv in das Militär investiert: „Wenn gleich die Volksrepublik immer noch nur halb so viel für militärische Belange ausgibt wie die Vereinigten Staaten, macht sie in vielen Bereichen große Fortschritte und beide Staaten zusammen bestreiten heute 50 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben.“ (S. 141)

Stellvertreterkrieg in der Ukraine und Friedensperspektiven

Die Europäische Union sieht der Historiker vor allem als wirtschaftliche Großmacht, aber deren größte Mitglieder seien in die Nato eingebunden. Und nach der Drohung von Präsident Trump, die Nato-Länder nicht mehr zu verteidigen, würden auch die militärischen Anstrengungen in den EU-Ländern zunehmen. Als große Herausforderung werde dabei Russland wahrgenommen, das die führenden EU-Politiker und Politikerinnen derzeit als Bedrohung für ihre östlichen Mitgliedstaaten betrachten und „gegen das zusammen mit den Vereinigten Staaten in der Ukraine einen Stellvertreterkrieg“ (S. 137) geführt werde.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 habe Russland mehrere Kriege geführt, um so viel wie möglich von seinem früheren Imperium unter seiner Kontrolle zu halten. Es habe in Moldau, Aserbaidschan, Tschetschenien, Georgien und nun in der Ukraine interveniert, um seine dominante Position zu erhalten. In der Ukraine habe Russland inzwischen eine halbe Million Menschen verloren, ein Mehrfaches der toten und verwundeten ukrainischen Verteidiger. Der Ukrainekrieg habe Russland außerdem bis jetzt hunderte Milliarden Dollar an direkten Militärausgaben gekostet. Die Sanktionen würden auch die wirtschaftlichen Probleme verschärfen. Dennoch geht Westad davon aus, dass Putin den Krieg fortführen könne, solange Russland nicht wirtschaftlich total zusammenbricht.

Dass Putin auch Nato-Länder angreifen oder gar einen großen Krieg in Europa provozieren könnte, siegt der Historiker nicht: „Unabhängig vom Ausgang des Krieges in der Ukraine gibt es aktuell wenig Grund zu der Annahme, dass Putin seine territoriale Expansion auch auf Länder ausdehnen will, die heute schon Mitglieder der Nato sind.“ (S. 205) Dies bedeute jedoch nicht, dass der russische Imperialismus keine Bedrohung für Europa wäre oder deshalb kein Krieg zwischen Großmächten ausbrechen könnte. Es gebe zahlreiche Gründe, warum durch Putins Bereitschaft in einer Krise mit Gewalt zu drohen oder Gewalt anzuwenden, weitere Kriege entstehen könnten. Aufgrund der vielfältigen Schwächen Russlands im Vergleich zu den anderen Großmächten sei Putins Außenpolitik weitgehend opportunistisch: „Wenn er eine Gelegenheit sieht, den russischen Machtbereich zu erweitern, nutzt er sie selbst dann, wenn beträchtliche Eskalationsrisiken bestehen.“ (S. 205)

Dennoch hält Westad einen großen Krieg in Europa, von Putin vom Zaun gebrochen, für unwahrscheinlich: „Obwohl viel geblufft und geprahlt wird, rechnen nur wenige führende Politiker in Russland oder im Westen damit, dass die Invasion in der Ukraine, so wie sie heute stattfindet, zu einem noch größeren Krieg führen könnte.“ (S 206). Möglich sei ein Regierungswechsel in Moskau oder die Einsicht Putins bzw. seines Nachfolgers, „dass bessere Beziehungen mit dem Westen wichtiger sind als weiterhin die Ukraine zu terrorisieren.“ (S. 207) Das Auseinanderbrechen der Nato bzw. den möglichen militärischen Rückzug der USA aus Europa sieht Westad jedoch als Gefahr, da dies das Machtgleichgewicht störe.

Interessanterweise spart der Historiker, der stark auf Diplomatie drängt, hier Gespräche mit Putin aus. Er skizziert aber realistische Perspektiven für ein Ende des Krieges. Ein vollständiger Waffen-stillstand werde der erste Schritt eines solchen Prozesses sein müssen, am besten überwacht durch eine Friedensmission der Vereinten Nationen. Die größte Frage sei, was nach einem Waffenstillstand geschieht: „In den Verhandlungen danach wird die Ukraine vermutlich politische Zugeständnisse gegen Land tauschen müssen, vor allem, was die teilweise von den Russen besetzten Oblaste Saporischschja und Chesson betrifft. Einem russischen Rückzug aus einigen der heute gehaltenen Positionen könnte eine Neutralitätserklärung der Ukraine folgen. Die mit klar definierten Sicherheitsgarantien der westlichen Großmächte der Türkei und Russlands verknüpft ist.“ (S. 241)

Die Nato-Osterweiterung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter Ausschluss Russlands hält auch Westad für einen historischen Fehler: „Das Problem war das seltsame Nachleben der Nato selbst. Statt eine neue gesamteuropäische Sicherheitsorganisation zu gründen, die in irgendeiner Form und zu irgendeinem Zeitpunkt Russland eingeschlossen hätte, wurde die dem Kalten Krieg entstammende Nato auf eine Art erweitert, die nicht nur Russland dauerhaft ausschloss, sondern darüber hinaus implizierte, dass alle westlichen Nachbarn Russlands dem Bündnis beitreten konnten.“ (S. 230) Die Einschätzung von Westad macht deutlich, dass die Frage einer europäischen Sicherheitsarchitektur unter Einschluss Russlands – wie von zahlreichen in diesem Buch zitierten Expert:innen gefordert – wieder auf das diplomatische Parkett muss.

Resümee: Wer entscheidet über Krieg und Frieden?

Odd Arne Westad ist Anhänger der realistischen Schule im Bereich der internationalen Beziehungen. Er hält am Prinzip militä-rischer Machtbalancen fest, geht aber darüber hinaus. Nicht weniger wichtig sei das Offenhalten von Gesprächskanälen und das Insistieren auf dem Primat der Diplomatie. Das Ernüchternde bzw. Beunruhigende dabei ist der Umstand, dass die Entscheidung über Krieg und Frieden in der Hand weniger Personen liegt und dass rationales Handeln durch Emotionen, Ängste, Fehlwahrnehmungen sowie Statusdenken übertüncht werden kann.

Als eine Lehre aus den Fehlern des Ersten Weltkriegs nennt Westad die Wichtigkeit intakter Kommunikationskanäle. Die schlechte Kommunikation auf höchster Ebene sei gefährlich, insbesondere weil es in einer akuten Krise zahlreiche konkurrierende Anforderungen des Militärs, der Geheimdienste und der engsten Berater und Beraterinnen der politischen Führung gäbe. Westad dazu: „Wegen solcher Kommunikationsdefizite ist es für die Fähigkeit, in einer ernsten Krise den Frieden zu bewahren, sehr wichtig, dass die ranghöchsten Politiker einander kennen, sich persönlich treffen und einander respektieren.“ (S. 232)

Der anderen Großmacht grundsätzlich respektvoll zu begegnen, sorge, auch wenn man über besorgnisregende Dinge rede, selbst in einer Krisenzeit oft für den nötigen Puffer. Dies ersetze, insbesondere wenn es um Rüstung und Vertrauensbildung in strategischen Angelegenheiten gehe, jedoch niemals ausführliche Verhandlungen und Übereinkünfte.

Der Historiker weist uns in ernüchternder Weise auf die Abhängigkeit von einem verantwortungsvollen politischen Führungspersonal hin, was nicht immer gegeben sei: „Männer mit großem Ego und launenhaftem Wesen glauben oft, sie können durch die Verständigung mit anderen großen Männern den Frieden sichern. Aber in bestimmten Krisen besitzen sie oft nicht das richtige Naturell, um Zeit zu gewinnen und nach Auswegen zu suchen. Stattdessen werden sie von einer Mischung aus Größenwahn und Angst überwältigt, die in der Vergangenheit oft zum Krieg geführt hat.“ (S.233) Ohne Parlamente oder internationale Organisationen, die sie im Zaum halten, versagten „Alleinherrscher oft im kritischen Moment, wenn es um Krieg oder Frieden geht. Weil sie weniger Angst vor den Folgen eines Krieges haben als davor, schwach zu erscheinen.“ (S. 233)

Der Niedergang multilateraler Institutionen in den letzten 30 Jahren habe dazu beigetragen, die Welt unsicherer zu machen. Die Vereinten Nationen seien laut dem ersten Satz ihrer Charta gegründet worden, um künftige Geschlechter vor der Geisel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat. Zusammen mit anderen multilateralen Institutionen habe die UNO während des Kalten Krieges einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Friedens zwischen den Großmächten geleistet. Dass die USA auf dem Höhepunkt ihrer Macht die Grundsätze der Vereinten Nationen missachteten, habe andere Großmächte darin bestärkt, ebenfalls die Regeln der UNO zu verletzen, wenn es ihnen passte.

Westad plädiert dafür, die gemeinsamen Anliegen in einer neuen multipolaren Welt (wieder) in den Vordergrund zu stellen. Neben einer Reform des Weltsicherheitsrates, in dem neue Großmächte wie Indien als ständige Mitglieder vertreten sein sollten, gehe es um Probleme wie den Klimawandel, die Kontrolle der künstlichen Intelligenz und um Cybersicherheit – auch dafür brauche es Organe in den Vereinten Nationen.

Es ist  zu hoffen, dass solche Argumente in einer Welt rasender Veränderungen mehr Gehör finden als dies bisher der Fall ist.


[1] Odd Arne Westad: Der große Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Klett-Kotta 2026.