Nach einem ausführlichen Peer Review-Verfahren ist nun meine Studie „Wirtschaft und Nachhaltigkeit in österreichischen Schulbüchern“ im Fachmagazin GW-Unterricht (2026/3) erschienen. Download mit Open Access-Zugang

Der Beitrag untersucht die Darstellung von Wirtschaft im Kontext von Nachhaltigkeit in österreichischen Schulbüchern für Geographie und wirtschaftliche Bildung (GWB) der AHS-Oberstufe. Anhand von zwölf systemisch vernetzten Themenfeldern und Leitfragen wird dargestellt, wie weit die Schulbücher den aktuellen Stand der Ökosystem-, Klima- und Transformationsforschung wiedergeben und wieweit der im bestehenden Lehrplan geforderten Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie dem ab dem Schuljahr 2027/2028 Lehrplan geforderten Anspruch auf Zukunftsorientierung angesichts planetarer Grenzen Rechnung getragen wird. Der Beitrag endet mit zusammenfassenden Empfehlungen. Der Beitrag endet mit zusammenfassenden Empfehlungen. Ein umfangreicher Anhang bietet weitere Zitate aus den untersuchten Schulbüchern.

Hier einige der Ergebnisse:

Alle Schulbücher thematisieren ökologische Herausforderungen, wie im aktuellen sowie im neuen Lehrplan gefordert. Die Ausführlichkeit und Qualität der Darstellung variieren jedoch stark – nicht alle Schulbücher referieren den aktuellen Stand der Ökosystem und Klimaforschung. Die Schulbücher gehen auf das Konzept der Nachhaltigkeit bzw. Tragfähigkeit des
Planeten ein, das Problem des zu ressourcenintensiven Konsum- und Lebensstils in den wohlhabenden Ländern wird aber nur bedingt angesprochen. Teilweise wird vor zu ‚radikalen Schritten‘ gewarnt.

Die Klimakrise wird thematisiert, jedoch eher verhalten und überwiegend nicht dem aktuellen Stand der Klimaforschung entsprechend. Formulierungen wie ‚Viele Expertinnen und Expertinnen gehen davon aus, dass …‘ oder das gleichgewichtige Nebeneinanderstellen von Risiken und Chancen durch die Klimaerwärmung verharmlosen die Herausforderung. Alle
Schulbücher sind auf den aktuellen Stand der Klimaforschung (vgl. APCC 2023; CCCA 2025) zu bringen.

Strukturelle Ursachen für unsere Nicht-Nachhaltigkeit wie der Wachstumszwang sowie der Konsumismus werden zu wenig herausgearbeitet (vgl. Paech 2025; Holzinger 2024). Wachstumsgrenzen werden bedingt angesprochen, in einigen Schulbüchern kommen auch Vertreter*innen der Postwachstumsbewegung zu Wort. In allen Schulbüchern wird aber auf ein ‚grünes‘ bzw. ‚qualitatives‘ Wachstum gesetzt. Der freien bzw. der sozialen Marktwirtschaft wird als ‚Sonderform‘ die ökosoziale Marktwirtschaft gegenübergestellt: Das ist irreführend. Wenn wir den Übergang zu nachhaltigen Gesellschaften schaffen wollen, dann müssen alle Marktwirtschaften zu ökosozialen Marktwirtschaften werden – mit den Instrumenten der Internalisierung
der ökologischen Kosten sowie der Begrenzung der Ressourcennutzung. Klimaneutralität und Wirtschaften in Kreisläufen sind hier als Zukunftsperspektiven zu vermitteln (vgl. Holzinger 2024).

Nachhaltige Investments werden in den Schulbüchern für jene vorgestellt, die ethisch investieren möchten. Auch dies ist problematisch (auch der kommende neue AHS-Lehrplan erwähnt leider ethisches Investment nur nebenbei). Wenn die Nachhaltigkeitswende gelingen soll, sind alle Kapitalströme ökologisch zu trimmen. Die Notwendigkeit einer gänzlichen Verabschiedung von den fossilen Energieträgern wird zu wenig betont, zum Teil sogar Peak Oil als Hauptproblem dargestellt, nicht der Ausstoß an Treibhausgasen. Der Umgang mit Ressourcen wird vor allem mit Recycling verbunden, eine Kreislaufwirtschaft mit langlebigen Produkten und Ökodesign kaum thematisiert (vgl. Holzinger 2020b, 2024).

Kritik zu üben ist auch an dem in den Schulbüchern mehrheitlich vermittelten Bild der ‚scheinbar unbegrenzten Bedürfnisse‘ und dem propagierten Ziel von Wirtschaft, diese ‚mit knappen Mitteln‘ zu befriedigen. Dieses Bild stammt aus der Knappheitsgesellschaft und trifft auf unsere hochproduktiven Konsumgesellschaften nicht mehr zu. Das Ziel von Wirtschaften ist,
stärker zu verknüpfen mit einem in den Schulbüchern durchaus thematisierten erweiterten Verständnis von Wohlstand bzw. Lebensqualität (vgl. Holzinger 2016, 2024).

Zusammenfassend: Nur drei Schulbücher – Geografisch und bedingt Durchblick sowie Geospots – zitieren aktuelle Ergebnisse der Ökosystemforschung. Strukturelle Ursachen der Nicht-Nachhaltigkeit werden zu wenig betont, ebenso die Zusammenhänge von funktionierenden Ökosystemen als Grundlage für menschliches Leben mit Wirtschafts- und Konsumweisen der materiellen und energetischen Begrenzung. Das Säulenmodell der Nachhaltigkeit mit den drei Bereichen ‚Wirtschaft – Soziales – Umwelt‘ ist daher zu ersetzen durch das Zwiebel- bzw. Pyramidenmodell, in dem Wirtschaft und Gesellschaft in die Ökosysteme eingebettet sind.

  • APCC (2023): APCC Special Report: Strukturen für ein klimafreundliches Leben. Springer Spektrum, Heidelberg.
  • CCCA (2025): Zweiter Sachstandbericht zum Klimawandel. https://aar2.ccca.ac.at/bericht
  • Holzinger, H. (2016): Von nichts zu viel – für alle genug. Perspektiven eines neuen Wohlstands. oekom, München.
  • Holzinger, H. (2020a): Wann lernen Gesellschaften? Gelingensfaktoren und Barrieren für gesellschaftlichen Wandel
    im Kontext von Bildung für nachhaltige Entwicklung. JBZ-Arbeitspapier 49. Download
  • Paech, N. (2025): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom, München.

Teile der Studie basieren auf meiner umfangreichen Untersuchung „Wirtschaft im Kontext ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit“ – eine Analyse österreichischer Schulbücher“.