Wir erlebten das zweite Jahr der Pandemie. Das Bedürfnis nach Rückkehr zur Normalität ist groß und verständlich. Doch sollten wir die Krise als Fingerzeig und Chance nutzen, unser auf Wachstum und permanente Expansion ausgerichtetes Wirtschafts- und Wohlstandsmodell zu überdenken. Im Folgenden Lehren für eine Post-Corona-Gesellschaft in fünfzehn Punkten.

  1. Der Begriff „Post“ deutet an, dass wir etwas Altes hinter uns lassen und etwas Neues aufbauen. Der prognostizierten, wenn auch nicht eingetretenen post-industriellen bzw. post-materiellen Gesellschaft soll nun die Post-Corona-Gesellschaft oder die post-fossile Gesellschaft folgen. Ob dies gelingt, ist noch keineswegs ausgemacht.
  2. Pro Sekunde verlassen drei neue Autos und sieben neue PCs die Fließbänder. Die Produktivität des Industriesystems ist Segen und Fluch zugleich. Der materielle Wohlstand vieler Menschen wurde gehoben. Der Zugriff auf die Naturressourcen ist jedoch enorm. Das Modell der Massenproduktion und des Massenkonsums wird sich im 21. Jahrhundert weiter ausbreiten. Gefordert sind Pfadwechsel: Dekarbonisierung des Energiesystems, Umstellung auf Kreislaufwirtschaften sowie Begrenzung des Überreichtums, aber auch des Überkonsums in den reichen Ländern.
  3. Mein Buch Post-Corona-Gesellschaft ist von der Hoffnung getragen, dass wir die Pandemie als Lernerfahrung nutzen und daraus die nötige Transformationsenergie für die Abwendung der ökologischen Krisen, allem voran der Klimakrise, ableiten. So verständlich der Wunsch nach dem Zurück zur Normalität war und ist – es wäre die Rückkehr in die alte Sackgasse des wachstumsgetriebenen Konsumkapitalismus. Zwischenbilanz: Viel von der Wende ist noch nicht gelungen!
  4. Als Erfahrungen aus der Pandemie bleiben die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften sowie das Taumeln unseres Wirtschafts- und Sozialsystems, wenn wir auf die Grundbedürfnisse zurückgeworfen werden. Das ist die zentrale Lockdown-Erfahrung. Nur durch massive staatliche Intervention konnten Unternehmen vor der Insolvenz und Belegschaften von Massenkündigungen verschont bleiben.
  5. Der Staat, durch die neoliberale Wende lange Zeit abgewertet und geschwächt, wurde zum zentralen Akteur. Die Frage bleibt, wer für die aufgenommenen Schulden in Zukunft aufkommen wird – 50 Milliarden Euro kostete allein das Soforthilfeprogramm der österreichischen Regierung im Jahr 2020, nun kommen neue Schulden dazu. Ob grüne Konjunkturprogramme reichen werden, um neues Wachstum und damit auch mehr Steuern zu schaffen; ob der Sparstift bei den öffentlichen Leistungen und den Sozialprogrammen angesetzt wird; oder ob – wie manche fordern – die Reichen stärker zur Finanzierung der öffentlichen Haushalte herangezogen werden. Darüber entscheidet der öffentliche Diskurs. Aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken ist Geld derzeit billig, Schuldenmachen leicht. Die steigende Inflation lässt jedoch das Ansteigen der Zinsen befürchten.
  6. In der Zukunfts- und Nachhaltigkeitsforschung gewinnt der Aspekt der Risikovorhersage an Bedeutung. Die Pandemie ist längst nicht überstanden und sie wird – so Warnungen – nicht die letzte gewesen sein. Medizinische Forschung ist wichtig, Impfstoffe werden helfen – wichtig ist aber auch das Einhalten der einfachen vorbeugenden Maßnahmen, wie der WHO Regionaldirektor von Europa Hans Kluge vor kurzem meinte: das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, Händewaschen, Abstandhalten und Lüften von Innenräumen muss in die normalen Routinen integriert werden.
  7. Die Pandemie hat wie ein soziales Brennglas gewirkt und die sozialen Benachteiligungen bestimmter Gruppe noch stärker hervortreten lassen: beengte Wohnungen, das Fehlen von Grünraum, keine Möglichkeit, Kinder zu Hause oder durch Verwandte versorgen zu lassen. Daraus sind Lehren für eine vorsorgende Sozialpolitik zu ziehen. Vielleicht wäre die Pandemie die Chance (gewesen), mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu experimentieren?
  8. Zum anderen: Die Umwelt hat sich durch die Lockdowns kurzfristig erholt. In Venedig waren die Delfine zurück, weil Kreuzfahrtschiffe nicht mehr das Wasser verschmutzten. Die Treibhausgase sind 2020 weltweit um sieben Prozent zurückgegangen, 2021 sind sie bereits wieder annähernd auf das Vor-Pandemie-Niveau gestiegen. Laut Klimaforschung müssten wir bis 2030 jedoch jährlich weitere sieben Prozent Reduktion schaffen, um das 1,5 Grad-Ziel noch zu erreichen. Da jedoch keine jährlichen Klimalockdowns möglich sind, müssen wir einen geplanten Transformationspfad der Dekarbonisierung und einer Kreislaufwirtschaft finden. Bisher sieht es nicht danach aus.
  9. Krisenfestigkeit oder – was nun stark strapaziert wird – Resilienz wird in den Zukunftsplanungen wohl an Bedeutung gewinnen. Dabei ist Resilienz ein ambivalentes Unterfangen: Es wird wichtiger werden, besser auf Krisen reagieren zu können – der Start ins 21. Jahrhundert war ja ein äußerst krisenhafter: Finanzkrise, Coronakrise, sich verschärfende Klimakrise. Dazu kommen nun eine verstärkte Regulationskrise, eine steigende Vertrauenskrise in die Politik sowie die weitere Verschärfung von Polarisierungen. Nicht die besten Voraussetzungen für ein gutes Krisenmanagement.
  10. Wenn Resilienz aber nur als Anpassung an schwieriger werdende Zeiten verstanden und noch dazu den Individuen zugeschlagen wird – macht euch krisenfester! – dann geraten die Ursachen der Krisen aus dem Blickfeld. Diese sind zunehmende Ungleichheit, der Verlust eines seriösen öffentlichen Diskurses durch Entertainment und Beflegelung im Netz sowie – trotz aller Nachhaltigkeitsbeteuerungen – die fortschreitende Zerstörung der Ökosysteme, also unserer Lebensgrundlagen.
  11. Mein Ausblick: Wir brauchen mehr Mut, Dinge beim Namen zu nennen.
    Die Vermögenskonzentration und die zunehmenden Einkommensunterschiede sind obszön. Wie viel Reichtum für eine Gesellschaft verträglich ist, wie groß Einkommensspreizungen sein sollen, was tatsächliche Leistungsgerechtigkeit bedeutet – darüber müssen wir viel offensiver sprechen. Auch weil die ökologische Wende zugleich eine soziale Wende braucht. Der Entsolidarisierung, dem Verzetteln in Partikularinteressen, dem egoistischen Anspruchsdenken sowie der Vereinzelung ist entgegenzuwirken: Statt „Konsument:innen aller Länder zerstreut und vereinzelt euch!“ muss es (wieder) heißen, „Lohnabhängige bzw. Bürger:innen aller Länder, findet euch wieder in den gemeinsamen Interessen!“.
  12. Nicht die ökologische Steuerreform ist das Problem, sondern das sich jene mit niedrigen Haushaltseinkommen die Mieten immer weniger leisten können. Darüber müssen wir reden. Die sozialökologische Transformation wird Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum bringen. Sie wird aber auch Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum vernichten. Wir brauchen also eine Umsteuerung, die nicht mehr das Konsumwachstum generell, sondern das gute Leben für alle ins Zentrum rückt. Leistbares und qualitätsvolles Wohnen, leistbare und gute Lebensmittel für alle, Um- und Neuqualifizierungen für die Berufe, die wir nun brauchen werden, zugleich aber auch intelligente Arbeitszeitmodelle bis hin zu einer 4- oder 3-Tagewoche.
  13. Das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen, wird eine zentrale Herausforderung dieses Jahrhunderts sein – und das liegt in intakten Lebensgrundlagen für alle Erdenbewohner und -bewohnerinnen. Die Pandemie hat die Abhängigkeit aller von allen vor Augen geführt – daher wäre es im wohlverstandenen Eigeninteresse, den Menschen in ärmeren Ländern genügend Impfstoffe zur Verfügung zu stellen, wie die Weltgesundheitsorganisation nicht müde wird einzufordern. Der menschengemachte Klimawandel ist ebenfalls nur kollektiv als Weltgemeinschaft einzubremsen. Wir sind davon abhängig, dass China seine Reduktionspläne für Treibhausgase tatsächlich umsetzt oder dass die Afrikaner nicht auch den fossilen Weg einschlagen.
  14. Die Zukunft ist gestaltbar und eine offene Gesellschaft bietet die Chance, dass wir klüger werden und aus Fehlern lernen. Neue Technologien werden uns helfen, die Krisen zu meistern. Sie allein werden es aber nicht richten. Das lineare, auf permanentem Wachstum ausgerichtete Fortschrittmodell unter Nichtbeachtung der Nebenfolgen ist durch ein Kreislaufmodell zu ersetzen.
  15. Die Errungenschaften der Moderne wie Demokratie, Bildung, Wissenschaft, soziale Sicherungssysteme sind zu erhalten. Notwendig wird jedoch eine neue Verbundenheit mit allen Mitgeschöpfen, das erfordert eine neue Weltsolidarität, schließt aber auch einen anderen Umgang mit den Tieren und der Natur mit ein. Wir leben kulturell und sozial unter unseren Möglichkeiten, in ökologischer Perspektive aber weit über unsere Verhältnisse – wie der Begriff der imperialen Lebensweise treffend zum Ausdruck bringt. Ankommen hat etwas Befreiendes – es bedeutet nicht Stillstand, sondern sich sagen zu können: es ist genug. Wenn uns das gelingt, dann ist auch genug für alle da.

Mag. Hans Holzinger ist Nachhaltigkeitsforscher und pädagogischer Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. 2020 erschien sein Buch „Post-Corona-Gesellschaft“, 2016 „Von nichts zu viel – für alle genug“. http://www.hans-holzinger.org sowie hans.holzinger@jungk-bibliothek.org