Im zweiten vom Salzburger Bildungswerk Seekirchen organisierten Abend der Wallersee_Gespräche im Seecafe des Strandbades Seekirchen ging es um unsere Beziehung zu Tieren. Der Theatermacher und ehemalige Professor für Philosophie des Gymnasiums Seekirchen Wolf Junger las aus einem Text über seine Hündin Lorie. Diese hatten sie über eine Tierschutzorganisation aus einem kroatischen Tierheim aufgenommen. Die Geschichte erzählt von den frühen Verwundungen des Tieres, dem Kampf um Futter mit den anderen Hunden im Tierheim, der Angst vor Schlägen. Und sie erzählt, wie diese Ängste bzw. Traumata durch eine enge Beziehung abgebaut werden konnten, nicht jedoch der Jagdtrieb des Hundes. Anleinen wurde so zur Pflicht – außer in den weiten Wäldern Rumäniens, die der Hundebesitzer wie der Hund auf einer Autofahrt nach Griechenland genossen.
Wir hörten eine feinfühlige Geschichte über die Beziehung zu einem Tier mit vielen Pointen, die auch zum Schmunzeln anregten. Auch im anschließenden Gespräch – im diesmal etwas anderen Publikum befanden sich mehrere Hundebesitzerinnen – ging es um die Intensität und Qualität, die durch den Bezug zu Tieren hergestellt werden kann. Aber auch Probleme, die durch die Zunahme von Hunden und den teilweise fahrlässigen Umgang von Hundebesitzenden entstehen können, wurden angesprochen. Zudem regte die Geschichte zu philosophischen Fragen nach dem Zweck des Daseins an – „der Hund sucht keinen Sinn, sondern die Lücke im Zaun“ (eine pragmatisch-nüchterne Sicht auf das Leben!). Auch die Qualitäten, aber ebenso die Abgründe menschlicher Vernunft, die uns von den Tieren unterscheidet, kamen zur Sprache. So führte das im Text immer wieder angesprochene Thema der Verteidigung des eignen Reviers und die Frage, wer dazu gehört und wer nicht, auch zu den Abgründen des Nationalismus. Nicht zuletzt wurde der Widerspruch zwischen der Verhätschelung von Haustieren und der Ausblendung der Gewalt an Tieren in der Massenhaltung angesprochen.
In Summe ein sehr anregender Abend, der ebenso wie das Thema der Naturerfahrung in der Eröffnungsveranstaltung viel mit dem zu tun hat, was unser Leben lebenswert macht. In der nächsten Veranstaltung widmen wir uns einer „Ökonomie der Grundbedürfnisse„ – ein Abend, den der Berichterstatter mit Passagen aus seinem Buch „Wirtschaftswende“ gestalten darf (Donnerstag 30. Juli, 18 Uhr, Seecafé des Strandbades Seekirchen).
Aber lassen wir den Autor zumindest mit zwei Textpassagen selbst zu Wort kommen:

„Im Advent, kurz vor Weihnachten vor sechs Jahren ist sie mit einem Sammeltransport aus Kroatien gekommen. Hannah hat sich so sehr einen Hund gewünscht. Mama ist weich geworden, die Pubertät droht, da ist eine stabile Beziehung zu einem Hund gut und sie hat beschlossen, einen Tierheimhund aufzunehmen. Sie hatte auch einen Hund in der Pubertät, und der hat sie gerettet, vor vielen Wirrnissen. Jetzt sitzt Lorena (laut Hundepass) verschreckt in der Wohnung. Sie lebte mit ca. 40 Hunden im Garten eines kroatischen Hauses. Das übers Internet Hunde abgab. Ihre zwei Schwestern sind schon mit dem letzten Transport nach Österreich gekommen. Aber sie hatte Borreliose und musste noch im Tierheim bleiben. Ihr Fell ist schmutzig und sie stinkt erbärmlich, hat Flöhe. Alle sind aufgeregt. Am nächsten Morgen nach der Ankunft komme ich die drei besuchen. Ich mag keine Hunde. Hab mich aber breitschlagen lassen. Marie gibt mir den Erziehungsratgeber zum Lesen. Bin beruhigt, dass man Hunde nicht mehr schlägt, an der Leine zurück reißt, anbrüllt usw. Aber nicht einmal nein sagen, das finde ich auch übertrieben. Und ob es nicht doch einfacher ist, den Rudelführer zu spielen, statt sich auf gleicher Ebene zu treffen, so von Rudelhund zu Rudelhund. Wir sind uns eh einig. So darf ich beim Gassigehen die Leine halten. Muss immer stehen bleiben wenn sie an der Leine zieht, bis sie lockerlässt. Wir sind auf einer Wiese mitten in der Stadt, die sehr benutzt wird. Am Morgen sind viele andere Hunde unterwegs, sie hat ordentlich Stress, bellt, knurrt, klappert mit den Zähnen, rennt in die Leine auf kleinere los und vor größeren davon. Darf sie aber nicht von der Leine lassen, weil sie sonst abhaut und versucht, sich zurück nach Kroatien durchzuschlagen, was nicht so einfach ist, vor allem über die Karawanken.
Sie hat vor allem Angst.
…….
Lori landet immer öfter bei mir am See. Sie riecht die Umgebung systematisch ab. Legt eine Geruchslandkarte an, die sie jeden Tag vervollständigt und modifiziert. Es gibt markante Punkte, Bäume, große Steine am Wegrand, die auf jeden Fall kontrolliert werden. Bestimmte Wege im Gelände läuft sie auf und ab. Erst später weiß ich, das sind Wildfährten. Manchmal steht sie lange,
hält die Nüstern in den Wind und filtert die Gerüche, richtet die Ohren auf und sortiert die Geräusche. Das Spiel mit den Geräuschen kann ich mitmachen. Wenn der Mond scheint oder Schnee liegt, lass ich sie auch in der Nacht laufen. Für mich ist es unheimlich. Sie fühlt sich im dunklen Wald zu Hause. Läuft los mit großer Geschwindigkeit, wenn sie etwas entdeckt hat. Spüre
ihre Kraft. Überall sonst ist sie geduckt und ängstlich und vorsichtig. Aber nicht in Wald und Feld. Ihr Schwanz richtet sich auf. Sie jagt übers Feld. Freue mich an der eleganten Bewegung. Aber weiß nicht, ob sie wiederkommt. Ihre Schwester ist über den Zaun entwischt und erst nach Stunden wieder eingefangen worden. Sie darf nicht mehr frei laufen. Lori kommt immer nach höchstens zehn Minuten zurück, dorthin, wo sie gestartet ist. Wenn sie mich nicht mehr findet, nach Hause.
Lori geht auch nicht freiwillig ins Haus, weil sie Angst vor dem Hausflur hat. Wenn sie kommt, muss ich die 80 Meter zum Strand laufen, sie dort unten anleinen und mit ihr dann heraufgehen. Sie beginnt vor dem Hauseingang zu zittern. Ziehe sie in den Flur, schließe die Tür, leine sie ab und sie hetzt geduckt den Flur, die Treppen hoch. In der Wohnung entspannt sie sich. Wenn ich ihr das
Essen hinstelle, schaut sie mich fünfmal an, ob sie schon an den Napf darf, ist unter Strom. Ein junges mutterloses Tier, das ins Tierheim kommt, ist ganz unten. Jeder darf sie verjagen, beißen, sie lernt, Hunde sind des Hundes schlimmster Feind. Sie traut niemandem.„

Bericht & Porträtfoto: Hans Holzinger, Weitere Fotos: Luisa Grabenschweiger