„Natur schenkt uns Gesundheit, Ruhe und Kraft. Sie macht uns aber auch bewusst, dass wir Verantwortung tragen. Verantwortung dafür, dass auch unsere Kinder und Enkel noch auf einer blühenden Almwiese stehen, das Summen von Wildbienen hören oder einfach auf einem Gipfel sitzen und in die Weite schauen können.“ (Sophia Burtscher)

„Ins Gespräch kommen über die Dinge, die das Leben lebenswert machen“ – so lautet das Motto der 1. Wallerssee_Gespräche des Salzburger Bildungswerks Seekirchen, die am 17. Juli eröffnet wurden. Fünf Themenabende erwarten die Besuchenden. Es geht um die Bedeutung von Naturerfahrung, unsere Beziehung zu Tieren, ein an den Grundbedürfnissen orientiertes Wirtschaften, einen achtsamen Umgang mit sich selbst und miteinander sowie einen klimaverträglichen Lebensstil. Dabei wurde bewusst auch ein neuer Ort gewählt, um neue Menschen anzusprechen – das Seecafé des Strandbades Seekirchen. Sommerliches Flair verbunden mit der ausgezeichneten Küche des Seecafés geben den Rahmen für den inhaltlichen Austausch bei den Wallersee_Gesprächen, die Raum für Begegnung und Dialog ermöglichen.

Eröffnet wurden die Wallersee_Gespräche mit Sophia Burtscher, Obfrau der Naturfreunde Salzburg. Im Gespräch mit Bildungswerkleiter Hans Holzinger berichtete Burtscher über ihr Engagement für die Natur, den Zugang aller zu Naturerfahrung sowie die Sensibilisierung für die Ökosysteme als unsere Lebensgrundlage. Wie der Alpenverein organisieren auch die Naturfreunde Wanderungen und Bergtouren, sie betreuen Wanderwege und führen Berghütten. Ein besonderes Anliegen der Naturfreunde sei es, auch einkommensschwächeren Menschen Natur- und Wandererfahrungen zu ermöglichen, so Burtscher. Dies erkläre sich aus der Geschichte der Organisation, die aus der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorgegangen sei: „Schon im Zeitalter des beginnenden Tourismus bemühten die Naturfreunde sich, einer breiteren Bevölkerungsschicht naturnahe und kostengünstige Freizeit- und Reiseaktivitäten zu ermöglichen.“ 

Naturerfahrung ermöglichen und Naturräume sinnvoll bewirtschaften

Neben der Organisation von Wander- und Bergtouren, Jugendcamps und Info-Veranstaltungen sowie der Betreuung der Berghütten ist Sophia Burtscher als Obfrau der Naturfreunde auch politisch gefordert, etwa wenn es um gute Lösungen im Zusammenhang mit der Wegefreiheit zwischen Grundbesitzenden und Bikern gehe. Kritisch sieht Burtscher den Trend, Natur nur mehr als Konsumgut zu betrachten, in dem der Naturzugang kommerzialisiert und eventisiert wird. Auch die zunehmende Individualisierung, der Trend zur Selbstoptimierung und permanenten Beschleunigung sei problematisch. Naturerfahrung brauche Zeit, Naturerlebnis habe auch mit Gemeinschaftserlebnis zu tun, wie Burtscher vor kurzem auch in einer Ö1-Sendung zum Thema „Berge und Neoliberalismus“ ausgeführt hat. Die Wertschätzung gegenüber der Natur und die Freude am in der Natur-Sein könne von Kindheit auf vermittelt werden. Mit Jugendcamps und Outdoor-Pädagogik-Angeboten tragen die Naturfreunde auch dazu bei. Zudem gibt es eigene Angebote zu Senioren-Wandern.

Abschalten von der Reizüberflutung der modernden Digitalwelt

Burtscher problematisiert die Reizüberflutung durch die modernen Digitalwelten und Social Media: „Jede Benachrichtigung, jedes neue Video, jeder neue Beitrag löst kleine Dopaminausschüttungen aus und hält unser Gehirn in einem Zustand permanenter Erwartung. Das führt dazu, dass wir immer mehr Reize brauchen und gleichzeitig immer schlechter zur Ruhe kommen.“ Der Gegenpol zu all dem sei die Natur: „Draußen gibt es kein ‚höher, schneller, weiter‘. Die Natur verlangt nichts von uns. Dort müssen wir nichts leisten, nichts darstellen und nichts beweisen. Dort dürfen wir einfach sein. Ich glaube, genau deshalb sehnen sich heute wieder so viele Menschen nach Natur.“

Die Berge würden uns daran erinnern, dass wir Teil von etwas Größerem sind. Sie helfen uns, das eigene Leben wieder einzuordnen und manches etwas leichter zu tragen: „Man sieht die anderen Gipfel. Man sieht die Landschaft in ihrer ganzen Weite. Und unten im Tal weiß man: Dort geht der Alltag weiter. Dort arbeiten Menschen, dort gibt es Termine, Sorgen und Verpflichtungen. Jeder Mensch trägt sein eigenes Päckchen mit sich. Aber in diesem Moment, dort oben, entsteht Abstand. Nicht, weil die Probleme verschwinden, sondern weil sich die Perspektive verändert.“

Bedeutung der Ökosysteme für unsere Zivilisation

Aus ihrer beruflichen Erfahrung im Katastrophenschutz beschäftigt Burtscher besonders die Frage, wie wir mit Naturgefahren umgehen: „Wir erleben immer häufiger Starkregen, Hochwasser und Murenabgänge. Trotzdem wird teilweise noch immer in hochwassergefährdeten Bereichen gebaut. Die rote Gefahrenzone heißt nicht zufällig rot. Wenn dort neue Gebäude entstehen, schaffen wir zukünftige Schäden mit Ansage.“

Der Klimawandel mache die Kräfte der Natur immer unmittelbarer sichtbar: „Er zeigt uns auch, wie begrenzt unser Einfluss letztlich ist. Wir können Naturgesetze nicht verhandeln. Wenn wir ihre Grenzen ignorieren, bekommen wir früher oder später die Rechnung präsentiert – finanziell, ökologisch und menschlich.“

Deshalb brauche es starke staatliche Institutionen mit ausreichend Fachwissen und echten Kompetenzen: „Einrichtungen wie die Landesumweltanwaltschaft erfüllen eine wichtige Kontrollfunktion. Sie bringen die Stimme der Natur in Verfahren ein, in denen es sonst oft nur um wirtschaftliche Interessen geht. Ich halte es deshalb für problematisch, wenn ihre Rechte oder personellen Ressourcen Schritt für Schritt reduziert werden. Wer Naturschutz ernst meint, muss auch jene Institutionen stärken, die ihn umsetzen.“ Daneben brauche es selbstverständlich NGOs und Vereine wie die Naturfreunde. Aber wir dürften eines nicht vergessen: „Das Ehrenamt kann und soll den Staat nicht ersetzen.“

Selbstversorger-Berghütten und Anreise mit öffentlichem Verkehr als Ziel

Ehrenamtlich geschieht auch Burtschers Engagement bei den Naturfreunden als Obfrau. Die ausgebildete Juristin Sophie Burtscher betreibt zudem am Gaisberg die den Naturfreunden gehörende Rauchenbühel-Hütte, ein ökologischer Vorzeigebetrieb, der vor kurzem mit dem österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet wurde. Dass der Gaisberg noch immer frei mit dem Auto hochgefahren werden dürfe, sei zu hinterfragen, so Burtscher. Früh habe sie als Naturfreunde-Obfrau zumindest die Einführung einer Maut verbunden mit einem guten Takt der Gaisberg-Busse gefordert, bisher aber kein Gehör gefunden. Generell plädiert Burtscher für die Ausweitung der Angebote, die mit dem öffentlichen Verkehr zu erreichen sind. Auch darüber informieren die Naturfreunde und bieten entsprechende Services an. Als Besonderheit berichtete Burtscher über die Selbstversorger-Hütten der Naturfreunde. Kostengünstig können hier Gruppen in Eigenverantwortung Hütten benützen – die Betreuung erfolgt durch Ehrenamtliche. Das vor einem Jahr von den Naturfreunden übernommene Wallerseehaus zwischen Seekirchen und Zell am Wallersee, das Gruppen und Einzelnen auch für Übernachtungen zur Verfügung steht, wird ab 2028 ebenfalls nach diesem Prinzip geführt. Interessierte Ehrenamtliche für die Betreuung werden gesucht.

Gelungener Start – nächstes Thema „Unsere Beziehung zu Tieren“

Im Austausch mit den Besuchenden wurden eigene Naturerfahrungen, der achtsame Aufenthalt in der Natur, aber auch Zielkonflikte etwa zwischen dem für die Energiewende nötigen Ausbau von Windrädern und dem Naturschutz oder dem Bedarf an naturnahem Wohnraum sowie dem Flächenverbrauch angesprochen.

Die Wallersee-Gespräche sind ein Experiment – der Start ist gut geglückt, das wunderbare Salettl des Seecafés war bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Freitag, den 24. Juli wird der Theatermacher und pensionierte Philosophielehrer Wolf Junger aus einem Text über seine Hündin „Lorie“ lesen. Wir erfahren, was er in der Beziehung mit ihr gelernt hat. Ab 18 Uhr im Seecafé des Strandbades Seekirchen.

Bericht: Hans Holzinger, Fotos: Luisa Grabenschweiger

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